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Mittwoch, 29. Oktober 2014, 14:42 Uhr

Die Selbstmörder von G+J

Selbstmord aus Angst vor dem Tod – das ist das einzige, was deutschen Verlagen und Verlegern als Rezept gegen die Existenzkrise der Printmedien noch einfällt. Jüngstes Beispiel ist die Zeitschrift “Brigitte”, die alle Textredakteure entlassen will. Texte kommen dann nur noch von freien Journalisten und werden technisch gemanagt.

Damit verliert die einst so stolze “Brigitte” ein weiteres Stück ihrer DNA. Und für die freien Journalisten ist das auch kein Zuckerschlecken, denn mit Sicherheit werden deren Honorare gedrückt. Sie können froh sein, dass die “Brigitte” nicht dem Modell der “Huffington Post” folgt und gar keine Honorare bezahlt, weil die Ehre, dort zu schreiben, Lohn  genug sei. Bei “View” habe ich das auch schon erlebt.

Die “Brigitte” ist ein weiteres Beispiel, wie die Verlage den Niedergang der Printmedien beschleunigen. Statt die Kernkompetenz, nämlich guten Journalismus auszubauen, wird nur noch verschlankt oder ganz eingespart. Irrwitzigstes Beispiel ist die “Westfälische Rundschau”, die gar keine Redakteure mehr hat.

Erst kannibalisierten die Verleger ihre Blätter, indem sie die Leser an eine Kostenloskultur im Internet gewöhnten und jetzt fressen sie ihre eigenen Redakteure. Da sind diejenigen, die “nur” in Billig-GmbHs ausgelagert wurden, fast noch gut dran.

Es ist ein verhängnisvoller Kreislauf, der da in Gang gesetzt wurde. Am Ende steht die Abschaffung oder Fast-Abschaffung des einzigen Mehrwerts, den Zeitungen und Zeitschriften noch bieten können – guten Journalismus, geschrieben von Redakteuren und Reportern, die noch Zeit zur Recherche und Formulierung haben. Gruner+ Jahr, das werden künftige Entwicklungen auch beim “Stern” zeigen, gehört zu den Vorreitern dieser Entwicklung.

Was die schlauen Controller und Sparfüchse nicht bedenken: Warum soll man am Ende die Blätter noch kaufen?

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Sonntag, 19. Oktober 2014, 17:54 Uhr

Ende eines politischen Geschäftsmodells ?

Das politische Geschäftsmodell der “Alternative für Deutschland (AfD)” beruht unter anderem darauf, dass sie mit bewusst unklaren oder codierten Äußerungen zur Einwanderung, zu Homosexuellen, zum Islam oder zum Unrechtsstaat DDR Wähler abgreift, die mit rechts- oder linkspopulistischen Aussagen zu fangen sind.

Und häufig geht die AfD noch weiter, indem sie ähnliche Slogans wie die NPD (“Deutschland ist nicht das Weltsozialamt”) als Lockmittel zur Wählermaximierung einsetzt. Oder ausgerechnet der alten DDR mehr innere Sicherheit bescheinigt als dem heutigen Deutschland.

Dieses – wie die Landtagswahlen zeigen – durchaus erfolgreiche politische Geschäftsmodell ist jetzt an seine Grenzen gestoßen. Denn es war so erfolgreich, dass die AfD nicht nur Massen rechter Wähler anzog, sondern sich die Rechtsradikalen auch in die eigenen Reihen holte.

Deshalb ist die AfD jetzt immer häufiger gezwungen, gegen Mitglieder, Landtagsabgeordnete oder Parteifunktionäre vorzugehen. Sei es, dass ein Mitglied den Holocaust leugnet oder ein ehemaliger Landesvorsitzender erklärt, den zweiten Weltkrieg hätten die “zwei größten Massenmörder” gewonnen. Oder ein Landtagsabgeordneter antisemitische Karikaturen veröffentlicht. Oder die AfD-Jugend  meint, Selbstjustiz sei die “neue Polizei”.

Diese Beispiele ließen sich endlos fortsetzen. Was auch kein Wunder ist, wenn man ehemaligen Angehörigen rechter oder rechtsradikaler Organisationen Ämter oder Mandate gibt und mit deren Parolen lockt. Parteichef Bernd Lucke musste schon öffentlich zugeben, dass es “relativ viele rechtsextreme Einzelfälle” gebe, was sich wie eine Bestätigung dafür liest, was Wolfgang Schäuble über die AfD gesagt hat (“Schande für Deutschland”).

“Viele Einzelfälle” werden aber irgendwann zur kritischen Masse. Diesen Zustand scheint die AfD jetzt erreicht zu haben. Lucke musste sich erneut von mehreren Mitgliedern und Funktionären distanzieren und Ausschlussverfahren ankündigen.

Klüger wäre, das politische Geschäftsmodell zu überdenken und von rechts wieder zur Mitte zu schwenken, wo die AfD ja ursprünglich angefangen hat. Man kann eben nicht alles haben – hemmungslose Wählermaximiereung bis zum äußersten Rand der Gesellschaft und einen guten Ruf. Beides gleichzeitig geht nicht.

Wenn sie aber zu einem klaren Trennungsstrich bereit wäre, würde sie wieder diejenigen Wähler verlieren, die für rechtspopulistische Parolen ansprechbar sind. Es könnte sein, dass die AfD ihren Zenit schon überschritten hat.


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