Freitag, 19. Mai 2017, 13:01 Uhr

Die Niederlage des Politikjournalismus

Das Ende des Schulz-Hypes ist nicht nur für die SPD, sondern auch für den deutschen Politikjournalismus eine schwere Niederlage..

Mit wenigen Ausnahmen witterten alle politischen Berichterstatter und Analysten eine „Kanzlerinnendämmerung“, titelten „Und dann kam Martin“, diagnostizierten „Merkel-Müdigkeit“ und erörterten spaltenlang, ob und wie ein Kanzler Schulz mit Rot-Rot-Grün regieren könnte.

Nach der dritten Niederlage der SPD ist nicht nur bei Martin Schulz, sondern auch beim deutschen Politikjournalismus die heiße Luft aus dem selbst aufgeblasenen Ballon entwichen. Mit dem Absturz des SPD-Kanzlerkandidaten ist auch der Journalismus wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Und wieder verloren Journalisten Vertrauen bei ihren Lesern, Zuschauern und Hörern. Zeit für eine Selbstprüfung.

Wie konnte es dazu kommen? Wieso gebärden sich Politik-Redakteure- und Kommentatoren inzwischen wie Sportjournalisten, bei denen sich das „Hosianna“ und das „Kreuzigt ihn“ schon immer in schneller Folge abwechselten? Wieso hat dieses Manisch-Depressive auch in die Politikberichterstattung Einzug gehalten?

Es hat viel mit Angela Merkel zu tun, was ich ohne Schuldzuweisung meine. Ihr unaufgeregter, bedächtiger, ereignisarmer Regierungsstil hat nicht nur die Politik , sondern auch den Journalismus verödet. Worüber soll man innenpolitisch berichten, wenn es ohnehin keine ernsthaften Alternativen gibt?

Journalisten leben von großen Kontroversen, von dramatischen Entwicklungen, von Skandalen. Über Langeweile zu berichten, ist langweilig. Deshalb waren die Politikredakteure auch Horst Seehofer so dankbar, dass er die Rolle der Opposition übernahm. Korrespondenten, die in Berlin für die SPD zuständig waren, galten als die ärmsten Schweine im Politikbetrieb.

„Und dann kam Martin“, aber anders als es „Die Zeit“ mit dieser Schlagzeile meinte. Schulz wurde von den Journalisten als Erlöser auch aus ihrer Misere gefeiert. Die Befreiung aus dem innenpolitischen Jammertal. Endlich wieder Bewegung, endlich eine Alternative. Es war wieder ein Lust, über die deutschen Innenpolitik zu schreiben.

Es war ein journalistischer Reflex, gefüttert von der Selbstberauschung der SPD und den emporschnellenden Umfragewerten für die SPD. Aber nicht durch harte Fakten und ohne Berücksichtigung der langen Linien in der Politik. Und so kam es zu einem kollektiven Rausch auch des Politikjournalismus, der in Titeln wie „St. Martin“ (Der Spiegel) gipfelte.

Ähnliches war schon einmal bei Karl Theodor zu Guttenberg zu beobachten. Der wurde aber nicht durch Wahlen, sondern durch seine Doktorarbeit hinweggefegt. Ein im Vergleich zum Ende des Schulz-Hypes wirklich unvorhersehbares Ereignis.

Hinzu kommt die Existenzkrise des gedruckten Journalismus und die Hyperaktivität der Online-Medien, die alle Stunde neue News brauchen, ihre Laufbänder füttern müssen und der Klicks wegen dramatisieren und skandalisieren. Da will man einfach Wechselstimmung und nicht länger Alternativlosigkeit.

So wurde der Rausch der SPD zum Rausch der Journalisten. Dabei hätte man schon bei den 100 Prozent für Schulz innenhalten und wachsam werden müssen. Aber wer will sich schon seinen Lauf, seine eigenen Prognosen kaputt machen lassen? Es war eine wunderbare Zeit, die möglichst lange anhalten sollte.

Hinzu kam das durchaus ehrenwerte Motiv, aus staatspolitischen Gründen an einer starken zweiten Volkspartei interessiert zu sein. Aber eine Entschuldigung ist auch dies nicht.

Die Lehre daraus? Journalisten müssen nüchtern bleiben, sich von politischen Drogen fernhalten, sorgfältiger abwägen und analysieren, die langen Linien der Politik nicht vergessen, weder auf Hypes hereinfallen noch sie selbst befördern.

Das ist schön gesagt, aber keine Garantie, dass es nicht beim nächsten Mal wieder passiert (siehe oben).

P.S. Dieser Beitrag ist auch als Selbstanklage zu verstehen.

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Sonntag, 14. Mai 2017, 17:53 Uhr

Der Merkel-Effekt

An Armin Laschet kann es kaum, auf jeden Fall nur begrenzt gelegen haben. Den schwachcharismatischen Politiker muss eine höhere Macht ins Ziel getragen haben. Sie hat einen Namen: Angela Merkel.

Bei der dritten Landtagswahl in diesem Jahr ist zum dritten Mal ein Effekt durchgeschlagen, den Anfang des Jahres keiner mehr für möglich hielt – der Merkel-Effekt. Er ist die direkte Antwort auf den Schulz-Hype.

Je euphorischer die SPD und je aufgeregter die Medien wurden, desto mehr Wähler dachten darüber nach, ob wirklich Martin Schulz die bewährte Kanzlerin ersetzen soll. Und sie kamen zu dem Schluss: Merkel ist gar nicht so schlecht.

Der Hauch von Abwahlstimmung, den die CSU mit ihrer unmäßigen Kritik befördert hatte, war ganz schnell verflogen. Die CDU ist wieder motiviert und mobilisiert.

Je trumpiger die internationale Politik wird, desto mehr sehnen sich die Menschen nach Sicherheit in gefährlichen Zeiten. Warum also Risiken wie Rot-Rot-Grün eingehen, wenn man mit Merkel Stabilität wählen kann? Bei Merkel weiß man, was man hat, bei Schulz handelt es sich um ein Soufflé, das beim ersten Lufthauch einstürzt.

Die SPD hatte NRW zur Vorwahl der Bundestagswahl gemacht. Auch deshalb Merkel ist die Siegerin der NRW-Wahl.

Natürlich haben die SPD und die abgewirtschaftete Hannelore Kraft ein großen Teil dazu beigetragen. Immer mehr Wähler hatten in den vergangenen Wochen erkannt, dass mit der NRWIR-SPD kein Staat mehr zu machen ist. Stichworte: Innere Sicherheit, Schul- und Verkehrspolitik. Dies führte schließlich zur Abwahl.

Davon hat auch die FDP profitiert, die sich mit einem noch besseren Ergebnis als in Schleswig-Holstein eindrucksvoll auf der politischen Bühne zurückgemeldet hat. Sie gehört wieder dazu zum parlamentarischen System – auch im September, wenn es um den Bundestag geht. Es ist Christian Linders ganz persönlicher Sieg.

Die SPD steht vier Monate vor der Bundestagswahl fast schon wieder da, wo Sigmar Gabriel aufgehört und Martin Schulz angefangen hat. Die SPD wird in den nächsten Monaten mit massiven Motivationsproblemen zu kämpfen haben. Wenn nicht noch ein Wunder passiert, wird es wieder nichts mit dem Machtwechsel.

Richtig spannend ist eigentlich nicht mehr die Frage, wer im September gewinnt, sondern die Frage. wer nach der Wahl mit wem regiert. Wieder eine Große Koalition oder doch Jamaika aus CDU/CSU, FDP und Grünen?

Die Grünen sind neben der SPD der zweite große Verlierer der NRW-Wahl. Die Mischung aus unpopulärer Politik und einer unpopulären Spitzenkandidatin konnte nichts werden. In NRW gab es eben keinen Robert Habeck und auch keine erfolgreiche Politik wie in Schleswig-Holstein. Für den Bundestag heißt das wahrscheinlich wieder nur Platz 4 oder  sogar Platz 5 oder 6.

Einen positiven Effekt hat die Kandidatur von Schulz auf jeden Fall gehabt: die Wähler wurden und werden mobilisiert. Im Saarland stieg die Wahlbeteiligung um acht Prozent, in Schleswig-Holstein um vier und in NRW um etwa sechs Prozent. Die Demokratie wurde revitalisiert.