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Sonntag, 14. August 2016, 15:31 Uhr

Zukunftslust

Ein SPD-Ortsverein diskutierte, wie die Partei aus der Krise kommen könne. Am Ende schrieben alle Teilnehmer auf einen Zettel, wofür die SPD von morgen stehen solle. Die meisten schreiben das übliche, “Fortschritt” oder “Soziale Gerechtigkeit”. Nur ein Zettel an der Pinnwand fiel auf. “Zukunftslust” stand darauf”.

Zukunftslust – was für ein wunderbares Wort. Es schmeckt nach Abenteuer und Lebenslust, nach Spaß und Freude, nach Risikobereitschaft und Mut. Ein Wort, das die Phantasie beflügelt.

Aber was soll “Zukunftslust” in einer Gesellschaft, die nur noch von Ängsten besetzt ist? Angst vor Terror, vor dem Islam, vor Ausländern, vor Altersarmut, vor Jobverlust, vor dem Klimawandel. Vor Krankheit und Tod? Eine Gesellschaft, in der Pessimisten den Ton angeben.

Fast alle Parteien interessiert nur noch das Bewahren. Einige wollen sogar etwas wiederherstellen, was nach den Nazis glücklicherweise verloren ging. Oder sie definieren sich, wie die SPD, über ihre ehrenwerte Vergangenheit als Kämpferin für soziale Gerechtigkeit.

Im Grunde sind alle Parteien konservativ – die CDU, die CSU, die SPD, die Grünen, die AfD ohnehin, Sie verwalten und bedienen die Ängste der Bürger. Oder beuten sie aus – wie die AfD. Von Zukunftslust keine Spur.

Nur die FDP hat ein paar gute Ansätze, wenn sie “German Mut” plakatiert oder auf die Vorteile der Digitalisierung setzt. Am Ende aber fällt auch sie häufig auf das Weltbild pietistischer schwäbischer Familienunternehmer zurück. Und reiche Erben, die nur marginal besteuert werden, sind auch nicht der klassische Typ Zukunftslust.

Eine Partei der Zukunftslust hätten auch die Piraten sein können. Ein junger Aufbruch, unverbraucht und unkonventionell. Am Ende aber verloren sie im Kleinklein und Hickhack der Nerds und anderer Sonderlinge.

Das heißt, die Stelle für die Partei der Zukunftslust ist noch offen. Sie zu besetzen, ist überfällig.

Und Zukunftslust ist kein Privileg junger Start-Up-Unternehmer. Zukunftslust ist altersunabhängig. Noch was wissen zu wollen, noch etwas zu unternehmen, das Abenteuer, die Herausforderung zu suchen – das kann jeder. Bewusst leben und sich nicht zum Sklaven seiner Ängste zu machen.

Wenn es eine Partei gäbe, die diese Zukunftslust verkörpern würde – das wäre eine Marktlücke im deutschen Parteiensystem. Wer füllt sie? Ich befürchte, liebe SPD, ihr werdet es nicht sein. Aber immerhin einer von euch denkt in die richtige Richtung.

 

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Donnerstag, 28. Juli 2016, 13:47 Uhr

Merkel hält Kurs

Man mag es bewundern, man mag es kritisieren, aber keiner kommt daran vorbei: die Bundeskanzlerin hält unbeirrt ihren Kurs – auch angesichts der jüngsten Terroranschläge. Zumindest bis zum Herbst 2017 ist dies eine Tatsache, an der sich die Politik und die öffentliche Diskussion orientieren muss.

Angela Merkel bleibt das Zentrum der Besonnenheit, der vorsichtigen Abwägung. Sie unternimmt keine politischen Schnellschüsse, nur um  – durchaus verständliche – emotionale Aufwallungen zu befriedigen. Emotion, das zeigte auch die Pressekonferenz, ist ohnehin nicht ihre Sache.

Bei aller Erschütterung über die Anschläge demonstriert sie Gelassenheit und Festigkeit. Sie glaubt auch nicht, dass sie im und seit dem September 2015 politische Fehlentscheidungen getroffen hat.

Und jetzt, so ihre Pressekonferenz, stellt Merkel ihren Obersatz “Wir schaffen das” auch über die jüngste Bewährungsprobe, die terroristische. Für ihre Gegner ist das wahrscheinlich die maximale Provokation, aber sie kann nicht anders, wenn sie nicht ihre bisherige Politik und ihre bisherigen Entscheidungen verraten will. Sie will den Terroristen nicht die Genugtuung verschaffen, Deutschlands Art zu leben, zu zersetzen.

Merkel wird, so bekräftigte sie, den freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat, den Schutz der Menschenwürde und das Asylrecht auch jetzt nicht zur Disposition stellen. Insofern kann man ihr bei aller Kritik, die immer wieder aufflammt, Haltung und Konsequenz nicht absprechen. Sie ist, wie sie ist.

Und wenn die Deutschen diese Kanzlerin nicht mehr haben wollen, dann müssen sie darüber bei der Bundestagswahl abstimmen. Vorher wird sich ihre Linie nicht ändern.

Was wäre auch die Alternative? Der Weg Frankreichs etwa, wo der freiheitliche Rechtsstaat Stück für Stück demontiert wird und noch weiter demontiert werden soll, ohne dass dies auch nur das Geringste gegen Terroranschläge bewirkt?

Deshalb kann Deutschland glücklich sein, in all diesen Krisen eine so besonnene Bundeskanzlerin zu haben. Andere Länder beneiden uns darum.


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