Freitag, 21. September 2018, 16:03 Uhr

Bankrotterklärung von Nahles

Es kommt selten vor, dass eine Parteivorsitzende eine Misstrauenserklärung gegen sich selbst veröffentlicht. Genau das hat Andrea Nahles getan. Sie will mit der Kanzlerin und Horst Seehofer über die Verwendung des Verfassungsschutzpräsidenten Maaßen neu verhandeln.

Nahles schreibt: „Wir  haben uns geirrt und Vertrauen verloren“, womit sie in erster Linie sich selbst meint, als mit ihrem Einverständnis der ablösungsreife und unhaltbare  Hans-Georg Maaßen zum  Staatsekretär befördert und dafür ein SPD-Staatsekretär gefeuert wurde.

Das aber war mehr als ein Irrtum. Das Eingeständnis, dass sie weder ihre Partei noch die Bevölkerung richtig einschätzen konnte, ist eine Bankrotterklärung als Parteivorsitzende.

Wenn eine starke Volkspartei SPD in Zeiten des Rechtspopulismus und des erstarkenden Rechtsradikalismus nicht so dringend gebraucht würde, wäre es zum Lachen. So ist es zum Weinen, wenn man miterlebt, wie sich die einst so stolze Partei selbst zerlegt und in den Umfragen inzwischen hinter der AfD liegt. Und wie die Demokratie immer mehr in die Defensive gerät.

Jetzt hat Nahles ihr Schicksal von Horst Seehofer abhängig gemacht. Er allein entscheidet, ob es Nahles erlaubt wird, wenigstens in Nachverhandlungen einen kleinen Erfolg zu verbuchen, um ihre Partei zu beruhigen. Wenn nicht, dann wird, das kann man heute prognostizieren, die SPD die Regierung verlassen. Das Schicksal dieser Regierungskoalition liegt wieder einmal in den Händen Seehofers. Und da ist es am schlechtesten aufgehoben.

Aber es geht längst nicht mehr nur um das Schicksal der Koalition. Es geht inzwischen um mehr – um den Fortbestand des liberalen Rechtsstaates.

Kommentare
0
Dienstag, 18. September 2018, 17:30 Uhr

Absurde Lösung

Der US-Autor Laurence J. Peter hätte seine helle Freude an den Vorgängen in Berlin. Wieder einmal wurde sein Peter-Prinzip bestätigt, wonach diejenigen in einer Hierarchie, die die Stufe der Inkompetenz erreicht haben, entweder seitlich versetzt oder nach oben wegbefördert werden.

Hans-Georg Maaßen mag für sein Amt als Verfassungsschutzpräsident fachlich kompetent gewesen sein, nicht aber politisch. Er hat rechten Verschwörungstheorien Vorschub geleistet, als er ohne Beweise und ungeprüft wilde Behauptungen über die Vorfälle in Chemnitz aufgestellt hat. Er hat sich öffentlich gegen die Kanzlerin gestellt und unziemlich mit der AfD gekungelt. Dies wurde jetzt mit der Beförderung zum Staatssekretär belohnt – ein Gehaltssprung um 2.400 Euro.

Eine solch absurde Lösung ist nur in einer völlig zerrütteten Regierungskoalition möglich, in der jeder jeden blockiert, in der es deshalb keine klaren Lösungen mehr geben kann. Eine geschwächte Kanzlerin kann und will Maaßen und, im Falle der Weigerung des Innenministers, auch Horst Seehofer nicht entlassen, weil sonst die Koalition platzen würde. Und sie kann die Forderung der SPD, Maaßen abzulösen, auch nicht abschlagen, weil sonst ebenfalls die Regierung am Ende wäre.

Und so kommt es, dass ein Mann, der sich für sein Amt disqualifiziert hat, nach oben wegbefördert wird.  Für die SPD ein Sieg mit einem bitteren Beigeschmack, für Angela Merkel ein neuer Beweis ihres Autoritätsverfalls. Nur Seehofer und Maaßen können sich ins Fäustchen lachen. Die Große Koalition hat das Verfallsdatum überschritten.