Dienstag, 08. August 2017, 12:30 Uhr

Merkels Nicht-Wahlkampf

Fünf Wochen dauerte die Sprengsatz-Sommerpause, aber die innenpolitische Großwetterlage hat sich in dieser Zeit nicht geändert. Angela Merkel wandert, Martin Schulz rackert, in den Umfragen bewegt sich nichts.

Weder Diesel-Skandal, noch der Anschlag von Hamburg führten zu irgendeinem Ausschlag bei den Demoskopen. Merkel schwebt für Schulz weiter in unerreichbaren Höhen.

Das einzige, was sich geändert hat: für Martin Schulz ist die Stimmung noch schlechter geworden – was eigentlich kaum noch ging.  Der Verlust der Mehrheit in Niedersachsen und die Aufregung um die von VW redigierte Rede des Ministerpräsidenten Stephan Weil führen zur weiteren Demobilisierung der SPD-Anhänger.

Für Schulz gilt der alte Fußballer-Spruch: Erst hatte er kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu.

Wenn Schulz jetzt erklärt, er bleibe nach der Wahl auf jeden Fall SPD-Vorsitzender, wirkt dies – sicher unabsichtlich – wie ein Zeichen der Resignation. Da will einer nicht als Schuldiger für die Wahlniederlage gelten und macht sich Sorgen um seinen Posten.

Und so schleppt sich fader Wahlkampf (Kampf ist schon ein Witz) weiter dahin. Die Plakate von CDU und SPD sind schöne Bilder mit schönen, aber unkonkreten Sprüchen und Versprechen. Verschwendetes Geld.

Schulz ist es bis heute nicht gelungen, die Kanzlerin zu stellen. Sie wischt einfach alles beiseite: „Schwamm drüber“, sagte sie, als Schulz ihr einen Anschlag auf die Demokratie vorwarf. Sie schweigt zum Diesel-Skandal und lässt den Versuch, sie in eine Flüchtlingsdiskussion zu verwickeln, einfach abtropfen.

Der Wahlkampf von Schulz ist der hilflose Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln. Für politische Feinschmecker und Demokratie Theoretiker ist das Ganze natürlich furchtbar, aber die Wähler goutieren Merkels Nicht-Wahlkampf. Und nur darauf kommt es am Ende an.

Die Wähler wollen offensichtlich weiter mit Merkel in Deutschland „gut und gerne leben“.

Mir graust schon vor dem TV-Duell: ein trostloser Wahlkampf auf 90 Minuten kondensiert.

Kommentare
0
Freitag, 30. Juni 2017, 10:31 Uhr

Die heimliche Freude der Kanzlerin

Das hätte Angela Merkel selbst weder gedacht noch gehofft: dass ihr der schwierigste Modernisierungsschritt der CDU, die Ehe für alle, in nur fünf Tagen gelingen könnte. Und das mit Hilfe der SPD.

Unter normalen Umständen wäre die völlige Gleichstellung der Ehe für Homosexuelle eine schwere Belastungsprobe für ihre Partei gewesen. Denn bei der Ehe für alle geht es nicht um ein Sachthema wie Atomkraft, Wehrpflicht oder Mindestlohn, sondern um eine für die Unionsparteien hochemotionale Entscheidung, die traditionelle Werte der CDU und Glaubensfragen berührt.

Ein Thema, das geeignet gewesen wäre, die CDU/CSU in grundsätzliche Auseinandersetzungen zu stürzen, die sich Monate hingezogen, den Wahlkampf und künftige Koalitionsverhandlungen belastet hätten. Es wäre eine Zerreißprobe geworden.

So aber, weil die SPD sofort Nägel mit Köpfen machen wollte, wurde das Thema heute endgültig abgehakt. Der Weg für die nächste Koalition ist frei. Die Machtpolitikerin Merkel, die selbst gegen die Ehe für alle stimmte und damit formal im Einklang mit der Mehrheit ihrer Partei blieb, hat sich durchgesetzt.

Bei allem vordergründig geäußerten Ärger über das Verhalten der SPD, die mit Grünen und Linken, die Ehe für alle auf die Tagesordnung des Bundestages setzte, dürfte sich Merkel insgeheim freuen.

Und die SPD bekommt nicht einmal von den Wählern etwas dafür. Dadurch, dass Merkel mit dem Hinweis auf die Gewissenentscheidung die Gesetzesänderung überhaupt erst möglich machte, wird sie auch die Früchte der Entscheidung ernten.

Und den Ärger in den eigen Reihen kann sie verschmerzen. Im Wahlkampf wird es keinen Aufstand gegen die Kanzlerin geben. Für konservative CDU-Wähler gibt es kaum eine politische Alternative, weil die AfD mit einer lesbischen Spitzenkandidatin antritt, die mit ihrer Partnerin und Kindern eheähnlich zusammenlebt.

Die Kanzlerin kann mit dieser Woche zufrieden sein. Sie ist mit der Mehrheit des Volkes im Einklang.