Der beste Regierungssprecher

Als ich die Nachricht vom Tod Klaus Böllings hörte, erinnerte ich mich betroffen an ein Telefonat, dass wir vor wenigen Monaten noch führten. Der ehemalige Regierungssprecher Helmut Schmidts rief mich an, weil er gehört habe, dass ich ihn öffentlich gelobt hatte. Er wollte genau wissen, was ich wo gesagt hatte.

Es war bei “Markus Lanz” und es ging um die Bedeutung von Regierungssprechern. Ich sagte in der TV-Talkshow, dass Bölling meiner Meinung nach der beste und politischste Regierungssprecher der Bundesrepublik war. Und zwar auch deshalb, weil ihm Helmut Schmidt voll vertraute und ihm politische Prokura erteilt hatte. Was man von Angela Merkels Sprechern nicht sagen kann. Bölling freute und bedankte sich.

Klaus Bölling lernte ich in meiner Zeit als Bonner Korrespondent von “Welt” und Büroleiter von BILD kennen. Damals war die Journalisten-Welt noch nach links und rechts eingeteilt, was es einem wie mir, der sich nicht zuordnen lassen wollte, die Arbeit nicht leicht machte.

Damals regte sich keiner darüber auf, dass Bölling nach jeder Kabinettssitzung in die “Spiegel”-Redaktion ging, um brühwarm zu berichten. Zu dieser Zeit galt noch ein Präsidiumsbeschluss der SPD, nicht mit BILD zu sprechen. Helmut  Schmidt und Bölling als Regierungsvertreter taten es dennoch.

Im Laufe der Zeit gelang es mir, zu beiden ein Vetrauenverhältnis aufzubauen und ich wurde fair behandelt. Denn Bölling war zwar SPD-Mann, aber keiner mit ideologischen Scheuklappen. Und später kam gegenseitige Wertschätzung dazu, wozu die konstruktive Rolle, die BILD im “deutschen Herbst” spielte, beitrug.

Als Bölling mich vor einiger Zeit anrief, regte er an, dass wir uns mal wieder treffen. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen.

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Der kulturelle Mehrwert

Frank Schirrmacher und ich – wir kannten uns nicht, standen uns nicht nah, aber auch nicht ganz fern. Denn er las häufig meinen “sprengsatz”, ich meistens seine Artikel. Nie verstanden habe ich allerdings seine Lobrede auf den Scientologen Tom Cruise, als dieser ausgerechnet ein “Bambi” für “Zivilcourage” erhielt.

Anfang März 2013 bekam ich plötzlich eine Mail von ihm. “Was ist bürgerlich?”  Ob ich mich mit dieser Frage in einem Artikel für das FAZ-Feuilleton beschäftigen wolle. Ich schrieb zurück, dass dies nicht das richtige Thema für mich sei. Ich sei kein Intellektueller, sondern ein journalistischer und politischer Handwerker.

Schirrmacher antwortete, das sei ihm völlig bewusst, aber ich solle mein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Ob ich denn Lust habe, stattdessen etwas zur Anti-Europa-Partei zu schreiben. Was ich daraufhin tat, aber nicht die Gnade seines Feuilleton-Chefs fand.

Schirrmacher antwortete mit einem Lob für einen “sprengsatz” und teilte mir mit, das FAZ-Feuilleton müsse immer einen “kulturellen Mehrwert” bringen, den mein Beitrag offenbar nicht brachte. Danach schlief der Mail-Wechsel ein, bis mich plötzlich im April 2013 ein überschwängliches Lob erreichte (“Großartig! Großartig!”).

Es ging um meinen Blog-Artikel “Die zweite Wiedervereingung“. Schirrmacher: “Wir brauchen solche Artikel von Ihnen. Hätten Sie ihn mir doch vorher geschickt!”. Er wollte mir weitere Themenvorschläge mailen. Dann hörte ich nichts mehr von ihm – und meine Karriere als Mitarbeiter des FAZ-Feuilletons war zu Ende, bevor sie begonnen hatte.

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Native Advertising – ein Missbrauch

Die Erlöskrise der Print- und Onlinemedien führt zu Verzweiflungstaten, die an die Selbstabschaffung grenzen. Immer häufiger taucht sogenanntes “Native Advertising” auf, also Artikel, die wie redaktionelle Texte aussehen und nur ganz klein als “Werbung” oder “Sponsored Post” gekennzeichnet sind.

Früher nannte man das Schleichwerbung oder Irreführung, wenn redaktionelle Kompetenz und Glaubwürdigkeit für Werbezwecke missbraucht wurden. Heute wird diese Verwischung von Redaktion und Werbung als Wundermittel gepriesen, um Werbeerlöse zu generieren. Burda hat dafür sogar eine Tochtergesellschaft, die Werbekunden bei diesem Missbrauch berät.

Redaktionell gestaltete Anzeigen hat es auch schon früher gegeben. Ich habe mich immer konsequent dagegen gestellt. In “Bild am Sonntag” inserierte ein Hersteller von Knoblauchpillen im Umfeld des Medizinteils – mit Anzeigen, die wie redaktioneller Text aussahen. Als sich dies trotz mehrfacher Aufforderungen nicht änderte, griff ich zum letzten Mittel: ich warf kurz vor dem Druck der Zeitung die Anzeige aus dem Blatt.

Weil ich damit meine Kompetenzen überschritten hatte, gab es heftige Auseinndersetzungen mit dem Verlag. Es kam zu einem Spitzengespräch mit Verlag und Knoblauchhersteller – mit dem Ergebnis, das die Anzeige umgestaltet wurde. Ich befürchte, heute würde nicht die Anzeige, sondern der Chefredakteur rausgeworfen.

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Die zwei Seiten eines Top-Managers

Top-Manager haben wie Spitzenpolitiker häufig zwei Gesichter: Ein hartes – meist nach innen – und ein freundliches nach außen.

So ist es wohl auch bei Josef Ackermann, der jetzt mit seinem Rücktritt als Verwaltungsratspräsident des Versicherungskonzerns Zurich endgültig die erste Reihe verlässt. Dort, beim Selbstmord seines Finanzvorstandes, geht es offenbar um die harte Seite des Ex-Bankers – zumindest nach den Vowürfen der Familie des toten Finanzchefs.

Ich dagegen habe seine freundliche, verbindliche Seite kennengelernt. Ich sollte ihn vor einigen Jahren beraten, als der Chef der Deutschen-Bank mit massiven Image-Problemen kämpfte. Es war kurz nach dem Mannesmann-Victory-Desaster, als ich ihn in seinem Büro in den Banktürmen in Frankfurt besuchte.

Ackermann nahm sich viel Zeit (knapp eineinhalb Stunden), um zuzuhören, was ich ihm rate. Er war sehr freundlich, zurückhaltend, ohne jede Chef-Allüren. Während des Gesprächs holte er sich einen Block und Bleistift und schrieb mit. Danach waren wir uns einig, dass ich ihn künftig beraten solle.

Aus der Beratung ist über das einmalige Gespräch hinaus allerdings nichts geworden. Sein damaliger Pressesprecher und ein Vorstandsmitglied hintertrieben mein Engagement. Einige Ratschläge aber habe ich dennoch später wiederentdeckt.

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Springers Geschenke

Weil gerade so viel über Axel Springer geschrieben wird, hier noch eine Anekdote:

Axel Springer zahlte früher seine Redakteuren nicht nur gute Gehälter, sondern beschenkte sie auch zu Weihnachten: jeder Redakteur erhielt zusätzlich zum Weihnachtsgeld noch ein Geschenk (einen Fernseher oder ähnliches) und eine große Kiste voller Delikatessen des Hamburger Feinkostgeschäftes Michelsen. Und zum Jubiläum des jetzt verkauften Abendblattes gab es für alle Angestellten eine Goldmünze.

Ich kam als junger Redakteur noch in den Genuss der Goldmünze,  einer Rollei C 35 und der Delikatessen, bis der Betriebsrat verlangte: Geschenk für alle Verlagsangestellten oder keinen. Ergebnis: das Weihnachtsgeschenk für die Redakteure wurde abgeschafft, genauso wie Feinkostkiste ein paar Jahre später.

Ein altgedienter Chefredakteur berichtete mir von einem Treffen mit Springer auf Gut Schierensee: Schon von weitem wedelte Springer mit einem Autoschlüssel – ein Sportwagen als Geschenk für Auflagenerfolg.

Das kann man jetzt als patriarchalisch bezeichnen, aber gefreut hat´s die Redakteure dennoch.

Chefredakteure wurden übrigens früher vom Aufsichtsrat, nicht vom Vorstand bestellt, was ihre Stellung natürlich stärkte.

So, das war genug Nostalgie, heute geht´s für viele Printjournalisten ums reine Überleben.

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“Das will ich gar nicht wissen”

Kann es wirklich sein, dass die Kanzlerin und die zuständigen Minister nichts vom US-Spähprogramm Prism gewusst haben?

Es könnte sein, wenn sie sich so verhalten haben wie ich es mehrfach bei einem Ministerpräsidenten beobachtet habe. Immer dann, wenn ihn seine Mitarbeiter über Vorgänge aus der Grauzone der Politik informieren wollten, sagte er: “Das will ich gar nicht wissen”.

Der Politiker glaubte, sich so schützen zu können und sich für dann Fall, dass zweifelhafte Handlungen öffentlich bekannt werden, hinter Nichtwissen verschanzen zu können. Am Ende hat ihm das aber auch nichts genützt.

Vielleicht lässt sich so aber das Nichtwissen einiger deutschen Spitzenpolitiker über Prism erklären.

P.S. Es gibt auch noch eine zweite Verhaltensweise, diesmal der Untergebenen, häufig auch in Unternehmen zu beobachten: “Damit wollen wir den Chef gar nicht belasten”.

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Ritterschlag von “Sibylle”

Anneliese Friedmann, die Münchner Verlegerin und legendäre “Sibylle” des “Stern” bekommt den Henri Nannen-Preis für ihr Lebenswerk.. Als ich das las, musste ich daran denken, dass sie auch in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt hat. Obwohl ich sie nur einmal getroffen habe.

Aber dieses gemeinsame Frühstück in einem Berliner Hotel hatte es in sich. Denn der Verleger  Alfred Neven DuMont war unsicher, ob er mich (erst 35 und von BILD)  wirklich als Chefredakteur des Kölner “Express” einstellen sollte. Er bat deshalb seine Freundin Anneliese Friedmann, sich mit mir zu treffen und ihr Urteil abzugegeben.

Das tat sie dann auch. Am Ende des Frühstücks, bei dem sie mich kritisch examinierte, sagte sie zu mir: “Sie sind ein Vollblutjournalist”. Ein Ritterschlag, der auch Neven DuMont überzeugte. Ich wurde Chefredakteur des “Express”.

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Sexismus in der Politik

Der Fall Brüderle (“Herrenwitz” im “Stern”) ist sicher kein Skandal, wenn die Angaben der Journalistin aber stimmen, ist er ein wichtiger Erfahrungsbericht aus der Welt des alltäglichen Sexismus. Wie er sich bei Parteitagsabenden, an Hotelbars, im Büro und bei Betriebsfeiern täglich manifestiert.

Meist sind die Männer nur verbal übergriffig, aber da ist auch der Chef, der seine Sekretärin von hinten an den Kopierer presst, der angeblich freundschaftliche Klaps auf den Po, die unerbetene Nackenmassage, wie sie einst auch George W. Bush Angela Merkel verpassen wollte.

Als politischer Berichterstatter habe ich eine Reihe dieser Fälle erlebt. Viele Politiker, die Macht und Wichtigkeit genießen, halten sich – besonders unter Alkoholeinfluss – offenbar für unwiderstehlich. Ein paar Beispiele:

Da war der Minister, der seine Hüfte beim Tanz auf dem Presseball so heftig gegen die Partnerin (die Frau eines Journalisten) presste, dass diese sofort die Tanzfläche verließ.

Oder der Landesvorsitzende, der ebenfalls einen Engtanz versuchte und seine schweißnasse Hand im Rückendekolltee der Tanzpartnerin vergraben wollte.

Oder der mächtige Parteivorsitzende, der eine Journalistin öffentlich als “Hure” beschimpfte, weil er glaubte, sie habe etwas mit dem Chef einer anderen Partei.

Oder der bekannte Politiker, der in der “Paris-Bar” ungeniert seine Hand in das Höschen einer Fraktionsmitarbeiterin steckte.

Oder der Generalsekretär, dessen Sex-Attacken im Karneval gefürchtet waren.

Diese Fälle sind alle einige Zeit her, im Prinzip aber hat sich nicht viel geändert. Eines allerdings: die Reaktion der meisten Frauen und der Öffentlichkeit. Das muss jetzt Rainer Brüderle – zu Recht oder zu Unrecht – erfahren. Mögen auch Übergriffe oder Anzüglichkeiten immer noch nicht tabu sein, die Berichterstattung darüber ist es auch nicht mehr.

Aber es gab auch lustige Fälle: ein mächtiger Politiker nannte beim Parteitagsabend immer wieder aufdringlich und  lautstark seine Zimmernummer – in der Hoffnung, die junge, blonde Journalistin am Tisch verstehe schon, was er meine. Als es dann nach Mitternacht an seiner Zimmertür klopfte, öffnete er erwartungsvoll – und sah zu seiner Enttäuschung einen ihm bekannten männlichen Journalisten. Der hatte geglaubt, der Politiker habe so auffällig seine Zimmernummer genannt, weil er ihm noch ein paar politische Geheimnisse anvertrauen wollte.

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Ein Buch für Wowereit

Klaus Wowereit hätte die 29,80 Euro nicht scheuen sollen, um ein für ihn wichtiges Buch zu kaufen. Dann hätte er seinen Nebenjob als Aufsichtsratsvorsitzender der Berliner Flughafen-GmbH wahrscheinlich schon vor längerer Zeit niedergelegt.

Ich war auch einmal in einem Aufsichtsrat, in einem kleinen Unternehmen. Gleich bei der ersten Sitzung stellte sich heraus, dass es in der Firma drunter und drüber geht, dass sie völlig überschuldet ist und die Bilanz nicht rechtzeitig vorgelegt werden konnte.

Nach diesem Schock kaufte ich mir für besagte 29,80 Euro ein Buch über Rechte und Pflichten von Aufsichtsräten. Und stellte zu meinem naiven Erschrecken fest, dass Aufsichtsräte auch haftbar und schadenersatzplichtig gemacht werden können. Daraufhin legte ich mein Mandat nieder, denn ich hatte keine Lust, meine Existenz zu gefährden.

Wowereit hätte sich dieses Buch auch kaufen sollen.

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Wie Kohl Russland teilte

Kandidaten für hohe Ämter haben es nicht leicht, wenn sie – zur Unterstreichung eigener Wichtigkeit und Kompetenz – vor Wahlen ins Ausland reisen. Ausländische Staatsmänner lassen sich ungern in nationale Wahlkämpfe hineinziehen. Das musste selbst Barack Obama erleben, als er vor dem Brandenburger Tor sprechen wollte und Angela Merkel dies verhinderte.

Auch Peer Steinbrück wird es erleben, wenn er sich beim heutigen Präsidenten Obama um einen Termin bemühen sollte. Wahrscheinlich verzichtet er deshalb darauf, um ein Gespräch nachzusuchen. Bei Edmund Stoiber hatte es zwar 2002 mit einem Kurztermin bei George Bush geklappt, genutzt hat es ihm allerdings wenig. Bush war für deutsche Wähler keine gute Adresse.

1975 nahm ich an einer solchen Reise mit dem damaligen CDU-Chef und absehbaren Kanzlerkandidaten Helmut Kohl in die Sowjetunion teil. Kreml-Chef Breschnew  wollte ihn nicht sehen, aber immerhin Ministerpräsident Kossygin. Und die Machthaber provozierten ihn erst einmal mit einem heftigen “Prawda”-Artikel gegen Franz-Josef Strauß, worauf der ganze Besuch vor Ort in Moskau ins Stocken geriet.

Kohl ließ sich aber seinen unbekümmerten Schneid nicht nehmen und erklärte dem Präsidenten der russischen Teilrepublik im breiten Pfälzisch das geteilte Deutschland. Er stellte sich vor eine Karte der Sowjetunion , teilte mit einer Handbewegung das Land und sagte: “Was würden Sie denn sagen, wenn ihr Land in der Mitte geteilt wäre?”.

Der Russe sagte verärgert nichts und die meisten mitreisenden Journalisten werteten Kohl Geste als Naivität eines außenpolitisch unerfahrenen Mannes.

Am Ende aber gehörte Kohl zu den Siegern der Geschichte.


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