Karriere einer Idee

Im Herbst saß ich mit dem Arzt meines Vertrauens zusammen und – wie immer – diskutierten wir auch über die aktuelle Politik, natürlich über die Flüchtlingskrise. Er sagte, man müsse den Menschen in Deutschland die größte Angst nehmen, die Angst vor dem sozialen Abstieg. Der Staat müsse eine Art Besitzstandsgarantie abgeben.

Mir leuchtete das ein und im Dezember bei Günther Jauch testete ich die Idee. Ich forderte eine “Sozialgarantie”, die Angela Merkel und Sigmar Gabriel – so wie Merkel und Steinbrück in der Finanzkrise für die Spareinlagen – öffentlich abgeben sollten. Dass Renten, Hartz IV, Wohngeld, Kindergeld usw. trotz der Kosten für die Flüchtlinge nicht angetastet würden.

Es gab Beifall, so richtig aber zündete die Idee nicht.

Im Januar saß ich bei Maybrit Illner neben der Vorsitzenden der “Linken”, Katja Kipping, und forderte noch einmal eine Sozialgarantie – allerdings ohne Details.

Nach der Sendung sprach ich mit ihr und sagte, vieles von dem, was sie fordere, sei gar nicht so unvernünftig. Was mich aber wirklich störe, sei, dass bei ihr in jeder Diskussion die Nadel immer wieder in dieselbe Rille der Schallplatte falle – Millionärssteuer, Waffenexporte. Sie antwortete sinngemäß, das müsse sie für ihre Leute tun.

Sie solle doch besser einmal die Idee mit der Sozialgarantie aufgreifen. Katja Kipping fand sie gut. Wie gut, erlebte ich bei der jüngsten Sendung von “hart aber fair”. Katja Kipping verlangte eine Sozialgarantie, öffentlich versprochen von Merkel und Gabriel.

So bin ich 14 Jahre nach Stoiber auch noch zum Berater der Linkspartei geworden.

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Bonner Geheimnisse – und Räuberpistolen

Dirk Koch und Klaus Wirtgen waren gefürchtete Reporter der Bonner Republik, denen “Der Spiegel” über 25 Jahre unzählige Enthüllungsgeschichten zu verdanken hatte. Meist traten sie zu zweit auf, perfekt als “Good Cop/Bad Cop”.

Dirk Koch (72), der inzwischen in Irland und Bonn lebt, hat über diese Zeit ein lesenswertes, zuweilen amüsantes Buch geschrieben, das manches Bonner Geheimnis, aber auch manche Räuberpistole enthält.

Wirtgen, der Nahbarere der beiden, ist leider viel zu früh gestorben. Ihm widmete Koch das Buch (“Der ambulante Schlachthof oder Wie man Politiker wieder das Fürchten lehrt”/Westend-Verlag).

Das Buch ist ein Heldenepos über die große Zeit des “Spiegel”, das schmerzhaft dem heutigen Magazin den Spiegel vor hält. Es ist nicht frei von Selbstgefälligkeiten des Autors.

Es lohnt sich aber trotzdem – für Zeitzeugen und politisch Hochinteressierte, die noch einmal wissen wollen, wie die “Todeschwadrone” (Graf Lambsdorff) Politiker wie Strauß, Möllemann oder auch Lambsdorff in Bedrängnis brachten oder auch ihren Sturz einleiteten. Als ehemaliger Bonner Kollege habe ich das Buch in einem Rutsch gelesen.

Und, das ist fast das Wichtigste, Koch geht mit der Recherche- und Enthüllungsfaulheit der heutigen Journalistengeneration ins Gericht. “Es wird zu wenig und zu wenig gut recherchiert”. Journalisten, die vor den Computer sitzen, statt aus dem Haus zu den Informanten zu gehen, lieber Googeln, statt in die vertraulichen Zirkel der Politik einzudringen.

Koch: “Die Norm sollte sein: Mindestens ein neuer persönlicher Kontakt pro Tag, sieben Tage die Woche, samstags und sonntags auch. Wer einen dicken Fisch fangen will, muss das Netz ausbringen, muss sich zum Angeln schon zum Fluss bequemen”.

Weil er weiß, dass viele gute Rechercheure weggespart worden sind, empfiehlt er mehr Rechercheverbünde, wie den aus “Süddeutsche”, NDR und WDR.

Einer Empfehlung Kochs aber sollte man nicht folgen: sich gemein zu machen mit den Zielen der Akteure, wenn sie den eigenen politischen Ansichten entsprechen.

Und wenn Koch klagt “Wo sind die spannenden Wiedergaben der Wortgefechte am Angela Merkels Kabinettstisch”, dann hätte er auch hinzufügen sollen, dass früher Helmut Schmidts Regierungssprecher Klaus Bölling mittwochs nach jeder Kabinettsitzung direkt ins Bonner “Spiegel”-Büro gefahren ist, um brühwarm zu berichten – natürlich nur im Sinne seines Herrn.

Das würde Angela Merkel nicht dulden und ihr Regierungssprecher nicht wagen. Heute müsste man recherchieren.

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Mehr als Fußnoten

Am Rande eines Interviews am Brahmsee hat sich Helmut Schmidt einmal die Frage gestellt, was von ihm in den Geschichtsbüchern übrig bleiben werde. “Wahrscheinlich nur Fußnoten”, meinte er selbstkritisch.

Grund für diese pessimistische Einschätzung war, dass er weder – wie Adenauer – für die Westbindung stand, noch – wie Willy Brandt – für die Ostpolitik. Zwei große historische Weichenstellungen. Bei ihm hießen die Herausforderungen Ölkrise, RAF-Terror und Nachrüstung.

Wer heute die Nachrufe liest, weiß, dass sich Schmidt umsonst Sorgen gemacht. Denn seine geschichtliche Leistung hat eine andere Dimension, die des pragmatischen Machers, der Deutschland sicher durch schwierige Zeiten geführt hat, die eines Mannes, dessen Plichterfüllung und Standhaftigkeit Vorbildcharakter behalten werden.

Das sind keine Fußnoten, sondern wichtige Kapitel im Buch der deutschen Nachkriegsgeschichte.

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Der beste Regierungssprecher

Als ich die Nachricht vom Tod Klaus Böllings hörte, erinnerte ich mich betroffen an ein Telefonat, dass wir vor wenigen Monaten noch führten. Der ehemalige Regierungssprecher Helmut Schmidts rief mich an, weil er gehört habe, dass ich ihn öffentlich gelobt hatte. Er wollte genau wissen, was ich wo gesagt hatte.

Es war bei “Markus Lanz” und es ging um die Bedeutung von Regierungssprechern. Ich sagte in der TV-Talkshow, dass Bölling meiner Meinung nach der beste und politischste Regierungssprecher der Bundesrepublik war. Und zwar auch deshalb, weil ihm Helmut Schmidt voll vertraute und ihm politische Prokura erteilt hatte. Was man von Angela Merkels Sprechern nicht sagen kann. Bölling freute und bedankte sich.

Klaus Bölling lernte ich in meiner Zeit als Bonner Korrespondent von “Welt” und Büroleiter von BILD kennen. Damals war die Journalisten-Welt noch nach links und rechts eingeteilt, was es einem wie mir, der sich nicht zuordnen lassen wollte, die Arbeit nicht leicht machte.

Damals regte sich keiner darüber auf, dass Bölling nach jeder Kabinettssitzung in die “Spiegel”-Redaktion ging, um brühwarm zu berichten. Zu dieser Zeit galt noch ein Präsidiumsbeschluss der SPD, nicht mit BILD zu sprechen. Helmut  Schmidt und Bölling als Regierungsvertreter taten es dennoch.

Im Laufe der Zeit gelang es mir, zu beiden ein Vetrauenverhältnis aufzubauen und ich wurde fair behandelt. Denn Bölling war zwar SPD-Mann, aber keiner mit ideologischen Scheuklappen. Und später kam gegenseitige Wertschätzung dazu, wozu die konstruktive Rolle, die BILD im “deutschen Herbst” spielte, beitrug.

Als Bölling mich vor einiger Zeit anrief, regte er an, dass wir uns mal wieder treffen. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen.

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Der kulturelle Mehrwert

Frank Schirrmacher und ich – wir kannten uns nicht, standen uns nicht nah, aber auch nicht ganz fern. Denn er las häufig meinen “sprengsatz”, ich meistens seine Artikel. Nie verstanden habe ich allerdings seine Lobrede auf den Scientologen Tom Cruise, als dieser ausgerechnet ein “Bambi” für “Zivilcourage” erhielt.

Anfang März 2013 bekam ich plötzlich eine Mail von ihm. “Was ist bürgerlich?”  Ob ich mich mit dieser Frage in einem Artikel für das FAZ-Feuilleton beschäftigen wolle. Ich schrieb zurück, dass dies nicht das richtige Thema für mich sei. Ich sei kein Intellektueller, sondern ein journalistischer und politischer Handwerker.

Schirrmacher antwortete, das sei ihm völlig bewusst, aber ich solle mein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Ob ich denn Lust habe, stattdessen etwas zur Anti-Europa-Partei zu schreiben. Was ich daraufhin tat, aber nicht die Gnade seines Feuilleton-Chefs fand.

Schirrmacher antwortete mit einem Lob für einen “sprengsatz” und teilte mir mit, das FAZ-Feuilleton müsse immer einen “kulturellen Mehrwert” bringen, den mein Beitrag offenbar nicht brachte. Danach schlief der Mail-Wechsel ein, bis mich plötzlich im April 2013 ein überschwängliches Lob erreichte (“Großartig! Großartig!”).

Es ging um meinen Blog-Artikel “Die zweite Wiedervereingung“. Schirrmacher: “Wir brauchen solche Artikel von Ihnen. Hätten Sie ihn mir doch vorher geschickt!”. Er wollte mir weitere Themenvorschläge mailen. Dann hörte ich nichts mehr von ihm – und meine Karriere als Mitarbeiter des FAZ-Feuilletons war zu Ende, bevor sie begonnen hatte.

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Native Advertising – ein Missbrauch

Die Erlöskrise der Print- und Onlinemedien führt zu Verzweiflungstaten, die an die Selbstabschaffung grenzen. Immer häufiger taucht sogenanntes “Native Advertising” auf, also Artikel, die wie redaktionelle Texte aussehen und nur ganz klein als “Werbung” oder “Sponsored Post” gekennzeichnet sind.

Früher nannte man das Schleichwerbung oder Irreführung, wenn redaktionelle Kompetenz und Glaubwürdigkeit für Werbezwecke missbraucht wurden. Heute wird diese Verwischung von Redaktion und Werbung als Wundermittel gepriesen, um Werbeerlöse zu generieren. Burda hat dafür sogar eine Tochtergesellschaft, die Werbekunden bei diesem Missbrauch berät.

Redaktionell gestaltete Anzeigen hat es auch schon früher gegeben. Ich habe mich immer konsequent dagegen gestellt. In “Bild am Sonntag” inserierte ein Hersteller von Knoblauchpillen im Umfeld des Medizinteils – mit Anzeigen, die wie redaktioneller Text aussahen. Als sich dies trotz mehrfacher Aufforderungen nicht änderte, griff ich zum letzten Mittel: ich warf kurz vor dem Druck der Zeitung die Anzeige aus dem Blatt.

Weil ich damit meine Kompetenzen überschritten hatte, gab es heftige Auseinndersetzungen mit dem Verlag. Es kam zu einem Spitzengespräch mit Verlag und Knoblauchhersteller – mit dem Ergebnis, das die Anzeige umgestaltet wurde. Ich befürchte, heute würde nicht die Anzeige, sondern der Chefredakteur rausgeworfen.

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Die zwei Seiten eines Top-Managers

Top-Manager haben wie Spitzenpolitiker häufig zwei Gesichter: Ein hartes – meist nach innen – und ein freundliches nach außen.

So ist es wohl auch bei Josef Ackermann, der jetzt mit seinem Rücktritt als Verwaltungsratspräsident des Versicherungskonzerns Zurich endgültig die erste Reihe verlässt. Dort, beim Selbstmord seines Finanzvorstandes, geht es offenbar um die harte Seite des Ex-Bankers – zumindest nach den Vowürfen der Familie des toten Finanzchefs.

Ich dagegen habe seine freundliche, verbindliche Seite kennengelernt. Ich sollte ihn vor einigen Jahren beraten, als der Chef der Deutschen-Bank mit massiven Image-Problemen kämpfte. Es war kurz nach dem Mannesmann-Victory-Desaster, als ich ihn in seinem Büro in den Banktürmen in Frankfurt besuchte.

Ackermann nahm sich viel Zeit (knapp eineinhalb Stunden), um zuzuhören, was ich ihm rate. Er war sehr freundlich, zurückhaltend, ohne jede Chef-Allüren. Während des Gesprächs holte er sich einen Block und Bleistift und schrieb mit. Danach waren wir uns einig, dass ich ihn künftig beraten solle.

Aus der Beratung ist über das einmalige Gespräch hinaus allerdings nichts geworden. Sein damaliger Pressesprecher und ein Vorstandsmitglied hintertrieben mein Engagement. Einige Ratschläge aber habe ich dennoch später wiederentdeckt.

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Springers Geschenke

Weil gerade so viel über Axel Springer geschrieben wird, hier noch eine Anekdote:

Axel Springer zahlte früher seine Redakteuren nicht nur gute Gehälter, sondern beschenkte sie auch zu Weihnachten: jeder Redakteur erhielt zusätzlich zum Weihnachtsgeld noch ein Geschenk (einen Fernseher oder ähnliches) und eine große Kiste voller Delikatessen des Hamburger Feinkostgeschäftes Michelsen. Und zum Jubiläum des jetzt verkauften Abendblattes gab es für alle Angestellten eine Goldmünze.

Ich kam als junger Redakteur noch in den Genuss der Goldmünze,  einer Rollei C 35 und der Delikatessen, bis der Betriebsrat verlangte: Geschenk für alle Verlagsangestellten oder keinen. Ergebnis: das Weihnachtsgeschenk für die Redakteure wurde abgeschafft, genauso wie Feinkostkiste ein paar Jahre später.

Ein altgedienter Chefredakteur berichtete mir von einem Treffen mit Springer auf Gut Schierensee: Schon von weitem wedelte Springer mit einem Autoschlüssel – ein Sportwagen als Geschenk für Auflagenerfolg.

Das kann man jetzt als patriarchalisch bezeichnen, aber gefreut hat´s die Redakteure dennoch.

Chefredakteure wurden übrigens früher vom Aufsichtsrat, nicht vom Vorstand bestellt, was ihre Stellung natürlich stärkte.

So, das war genug Nostalgie, heute geht´s für viele Printjournalisten ums reine Überleben.

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“Das will ich gar nicht wissen”

Kann es wirklich sein, dass die Kanzlerin und die zuständigen Minister nichts vom US-Spähprogramm Prism gewusst haben?

Es könnte sein, wenn sie sich so verhalten haben wie ich es mehrfach bei einem Ministerpräsidenten beobachtet habe. Immer dann, wenn ihn seine Mitarbeiter über Vorgänge aus der Grauzone der Politik informieren wollten, sagte er: “Das will ich gar nicht wissen”.

Der Politiker glaubte, sich so schützen zu können und sich für dann Fall, dass zweifelhafte Handlungen öffentlich bekannt werden, hinter Nichtwissen verschanzen zu können. Am Ende hat ihm das aber auch nichts genützt.

Vielleicht lässt sich so aber das Nichtwissen einiger deutschen Spitzenpolitiker über Prism erklären.

P.S. Es gibt auch noch eine zweite Verhaltensweise, diesmal der Untergebenen, häufig auch in Unternehmen zu beobachten: “Damit wollen wir den Chef gar nicht belasten”.

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Ritterschlag von “Sibylle”

Anneliese Friedmann, die Münchner Verlegerin und legendäre “Sibylle” des “Stern” bekommt den Henri Nannen-Preis für ihr Lebenswerk.. Als ich das las, musste ich daran denken, dass sie auch in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt hat. Obwohl ich sie nur einmal getroffen habe.

Aber dieses gemeinsame Frühstück in einem Berliner Hotel hatte es in sich. Denn der Verleger  Alfred Neven DuMont war unsicher, ob er mich (erst 35 und von BILD)  wirklich als Chefredakteur des Kölner “Express” einstellen sollte. Er bat deshalb seine Freundin Anneliese Friedmann, sich mit mir zu treffen und ihr Urteil abzugegeben.

Das tat sie dann auch. Am Ende des Frühstücks, bei dem sie mich kritisch examinierte, sagte sie zu mir: “Sie sind ein Vollblutjournalist”. Ein Ritterschlag, der auch Neven DuMont überzeugte. Ich wurde Chefredakteur des “Express”.


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