Schröder wollte nie Rot-Grün

Für Gerhard Schröder gab es 1998 kein „rot-grünes Projekt“, im Gegenteil: der SPD-Kanzlerkandidat strebte eine große Koalition an, weil er befürchtete, der linke SPD-Flügel werde zusammen mit den Grünen seine geplante Modernisierungspolitik verhindern. Außerdem wollte er nicht von Oskar Lafontaine und einer Handvoll unberechenbarer Abgeordneter abhängig sein. Schröder hätte lieber mit Volker Rühe von der CDU, mit dem er sich gut verstand, ein Bündnis geschlossen.

So freute er sich am Wahlabend im Bonner Niedersachsen-Keller zwar über den Wahlsieg, sein Laune aber wurde deutlich schlechter, je höher der Sieg ausfiel. Bei nur wenigen Bundestagssitzen über der absoluten Mehrheit für Rot-Grün hätte er den Versuch mit der großen Koalition gemacht – mit der Begründung, man brauche eine stabile Regierungsmehrheit. Seine Messlatte dafür: weniger als 15 Stimmen Mehrheit für Rot-Grün.  Je besser aber die Hochrechnungen wurden, um so mehr entschwand Schröders Machtperspektive. Als es dann 21 Bundestagssitze über der absoluten Mehrheit für Rot-Grün waren, sagte er verärgert: „Scheiße, jetzt muss ich das machen“.

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Stoiber und der Joint

Die gefährlichste Situation im Wahlkampf 2002 war keine politische, sondern ein Disco-Besuch. Ein Mitarbeiter im Stoiber-Team hatte die Idee, den Kontakt des Kanzlerkandidaten zur jüngeren Generation medienwirksam zu verbessern: ein Besuch Stoibers und anderer CDU/CSU-Spitzenpolitiker in der Berliner In-Disco „90 Grad“. Um unliebsame Überraschungen zu vermeiden, bestand die Hälfte der Besucher aus jungen Mitarbeitern der CDU/CSU, die andere Hälfte waren handverlesene Gäste des Disco-Betreibers.

Eingeschleust vom Starlet Ariane Sommer war aber auch Dr. Udo Brömme dabei, fiktiver Landestagsabgeordnter der Harald-Schmidt-Show. Sein Auftrag: Er sollte Stoiber vor laufenden Kameras einen Joint in die Hand drücken, den der Kanzlerkandidat in Unkenntnis, wie ein Joint aussieht, wahrscheinlich auch dankend angenommen hätte. Diese Bilder wären ein echter Wahlkampf-GAU gewesen. Zum Glück entdeckte ein Mitarbeiter Brömme vor Stoibers Eintreffen und ließ ihn aus der Disco werfen. Brömme wartete dann vor dem „90 Grad“, wo ich ihn unter Einsatz meiner 1,98 Meter abschirmte und ihm als Trost unsere „Drittstimmen“ versprach. So konnte Stoibers Disco-Auftriit, ohnehin keine besonders gelungene Aktion, unfallfrei über die Bühne gehen und die gefährlichste Wahlkampfsituation entschärft werden.

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Erika Steinbachs Karriereträume

Erika Steinbach, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, über die jetzt wieder heftig gestritten wird, hatte 2002 ganz große Karriereträume. Im Bundestagswahlkampf rief sie mich in meiner damaligen Funktion als Stoibers Wahlkampfmanager an, um sich für das zweithöchste Staatsamt zu bewerben. Die CDU-Bundestagsabgeordnete  wollte Bundestagspräsidentin werden. Stoiber müsse die Personalie aber noch vor der Wahl verkünden. Dann würde dies sicher zusätzliche Stimmen bringen. Als sie weder von Stoiber noch von mir etwas hörte, bedrängte sie mich noch zwei Mal. Heute kann ich es ja zugeben: ich habe Stoiber dieses, mir völlig absurd erscheinende Ansinnen gar nicht übermittelt und erst nach der Wahl mit ihm darüber gesprochen. Er fand das in Ordnung.

Frau Steinbach war übrigens nicht die einzige, die sich bei mir vor der Wahl für einen Posten bewarb. Ich hatte allein drei Interessenten für das Wirtschaftsministerium im Angebot.

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„Heißer Draht“ ins Kanzleramt

April 1974, ich war gerade mal 25 Jahre alt und jüngster Korrespondent der „Welt“ in Bonn, ging ich mit Willy Brandt auf Wahlkampfreise in Niedersachen. Im Kanzler-Zug traf ich Günter Guillaume, den ich aus meiner Frankfurter Zeit kannte. Er war 1968 Geschäftsführer der SPD-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung und jetzt Referent von Brandt. Im Sonderzug begossen wir abends unser Wiedersehen mit Kirschwasser. Guillaume, ganz der rechte Sozialdemokrat, beschäftigten zwei Themen besonders: die von ihm gehassten Jusos und die vernachlässigten Alten in der SPD. Den Jusos müsse man endlich „den Kopf abschlagen“. Gemeint war die Juso-Vorsitzende Heidemarie Wieczorek-Zeul, die „rote Heidi“. Und er sagte, die SPD bräuchte undedingt für die von der Partei vernachlässigten älteren Mitglieder eine eigene Arbeitsgemeinschaft, eine SPD-Seniorenvereinigung.

Nachdem ich von der Reise nach Bonn zurückgekommen war, brüstete ich mich ganz stolz damit, ich hätte jetzt einen „heißen Draht“ ins Kanzleramt.

Eine Woche später wurde der Kanzler-Spion verhaftet, noch zwei Wochen später trat Willy Brandt zurück.

Bei dieser Reise war übrigens auch die ominöse dänische Journalistin dabei, die später als angebliche Brandt-Geliebte Schlagzeilen machte. Ich erinnere mich an sie: sie war blond, recht attraktiv, rauchte Zigarren und kaute Fingernägel. Nachdem Guillaume spät abends den ziemlich betrunkenen Willy Brandt fürsorglich in sein Abteil gelotst hatte, sagte er wenig später zu der Journalistin: „Der Kanzler hat jetzt Zeit“. Die Dänin verschwand daraufhin für eine halbe Stunde in Brandts Abteil und sagte nach ihrer Rückkehr, das Interview habe geklappt. Was dort wirklich geschah, weiß niemand – außer dem Kanzler-Spion vielleicht. Und der ist seit 1995 tot.

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Lambsdorff und die Contenance

Morgens um 10 Uhr klingelte bei mir das Telefon, ich war zu dieser Zeit Chefredakteur des „Express“ in Köln. Am Apparat ein ungewöhnlich erregter Otto Graf Lambsdorff. Auslöser seines Zorn: ein kritischer Kommentar über ihn. Er schrie sofort wenig gräflich los: „Welcher Saukerl hat das in Ihrem Schweineblatt geschrieben?“. Wie reagiert man auf einen solchen Ausbruch? Ich versuchte es in der Sprache, die ich in Adelskreisen bis dahin vermutete: „Bitte Graf Lambdorff, verlieren Sie doch nicht die Contenance“. Darauf der Graf: „Herr Spreng, was ich verliere, entscheide ich immer noch selbst“.

Typisch Lambsdorff, aber danach war ein normales Gespräch möglich.

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Das Ende von Jost Stollmann

Es wird oft beklagt, dass der Austausch der Eliten in Deutschland nicht funktioniere, insbesondere der Wechsel zwischen Wirtschaft und Politik. Warum das so ist, erläutert das Beispiel Jost Stollmann. Der Computer-Unternehmer war Gerhard Schröders Überraschungscoup im Bundestagswahlkampf 1998. Der parteilose Selfmade-Millionär sollte Wirtschaftsminister in Schröders Kabinett werden. Am Wahlabend kam er zur großen Siegesfeier in die Bonner Niedersachsen-Vertretung. Weil er kaum jemanden kannte, suchte er das Gespräch mit mir. Ich hatte ihn zuvor ein paar Mal zum Abendessen getroffen. Als ich im Gedränge Alfred Tacke, Schröders engen Vertrauten und Wirtschafts-Staatssekretär in Hannover, entdeckte, sagte ich zu Stollmann: „Kommen Sie mit, ich stelle Ihnen Ihren künftigen Staatsekretär vor“. Denn Schröder hatte längst entschieden, Tacke dem Neuling als Aufpasser an die Seite zu stellen. Stollmann, der davon keine Ahnung hatte, reagierte völlig konsterniert:“ Wer Staatsekretär wird, entscheide ich als Minister“.

Ein Irrtum: Kurze Zeit später kapitulierte Stollmann und verzichtete auf das Ministeramt. Tacke wurde dann Staatsekretär unter Werner Müller. Nach dieser Erfahrung mit der Politik (und der Bedeutung von Unternehmern vor und nach einer Wahl) segelte der unpolitische, aber sympathische Stollmann erst einmal zwei Jahre in die Freiheit der Meere. Heute lebt Schröders Wahlkampf-Geheimwaffe in Australien.