Wie Blüm grüßt

Wenn Norbert Blüm mich trifft, hebt er rechte Hand auf Schulterhöhe, legt den Daumen über den kleinen Finger, die anderen drei Finger sind ausgestreckt. Er gibt mir die linke Hand, wobei sich die Hände zwischen dem kleinen und dem Ringfinger verschränken. Es ist kein Geheimgruß einer politischen Bruderschaft oder einer Sekte, sondern der Pfadfindergruß.

Der Ex-Minister und ich waren Pfadfinder, Mitglieder der katholischen Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG). Wir machen uns seit Jahren einen Spaß daraus, uns so zu begrüßen –  zur Verblüffung der Umstehenden. Früher haben wir bei fröhlichen Treffen auch noch Pfadfinderlieder gesungen und den Pfadfinderpfiff probiert. Der gelingt uns aber nur noch selten.

Der Daumen über dem kleinen Finger soll symbolisieren: der Starke schützt den Schwachen. Und die Hand die Pfadfinderlilie darstellen. Ich war bis zu meinem 17 Lebensjahr bei den Pfadfindern und hoffe, dass ich dort soziales Verhalten gelernt habe.

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Mordsmäßige Anfrage

Deutsche Politik- und Wahlkampfberater erhalten gelegentlich auch Anfragen aus dem Ausland. So ist es auch mir ergangen. In beiden Fällen ist der Kelch glücklicherweise an mir vorübergegangen.

Die eine Anfrage kam vor einigen Jahren aus Ungarn, aus dem Umfeld von Viktor Orban, der sich inzwischen als Pseudo-Demokrat entpuppt hat. Die andere aus dem Büro des damaligen – wohl recht anständigen – Präsidenten des Kosovo, der um seine Wiederwahl fürchtete. Die Flüge waren schon gebucht, als die Anfrage zurückgezogen wurde.

Ich war ganz froh darüber, denn sein politischer Gegenspieler, der einen eigenen Mann im Präsidentenamt platzieren wollte, hatte in  seiner Vergangenheit die unangenehme Angewohnheit, unliebsame Menschen per Mordauftrag aus dem Weg räumen zun lassen.

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Wenn Politik privat wird

Als junger unabhängiger Journalist in Bonn geriet ich schnell in die Mühlen der ideologisch agierenden Kollegen, die sich in Partei-Freundeskreises links und rechts sortierten. Mir war das mit meinen 25 Jahren völlig fremd.

Und so dachte ich mir auch nichts dabei, mich mit einer hübschen, sympathischen jungen Dame aus dem Juso-Bundesvorstand im Anschluss an einen Juso-Bundeskongress zu verabreden. Sie wollte unbedingt in die „Schumann-Klause“, die trinkerische Heimat der linken Bonner Journalisten. Sie habe schon so viel von dem Lokal gehört.

Wir gingen also in die „Schumann-Klause“ – zum Entsetzen der dort sitzenden linken Kollegen. Eine Juso-Frau und ein WELT-Redakteur – das verstieß gegen die Umgangsregeln der journalistischen Jakobiner. Als ich auf die Toilette ging, bestürmten sie inquisitorisch die junge Frau: Ob sie denn wisse, mit wem sie hier sei. Ich sei doch von der WELT. Das ginge doch gar nicht.

Als ich zurückkam, war der Abend gelaufen.

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Die Anklatscher

Nicht-Politiker, Experten oder Journalisten, sind in Talkshows in einem Punkt immer im Nachteil: sie haben keine Anklatscher dabei. Sie müssen sich ihren Beifall mit einem guten Argument oder einer guten Pointe selbst erkämpfen.

Nicht so Politiker: sie haben ihre Pressesprecher und Referenten im Publikum sitzen, die regelmäßig die Worte oder Sprechblasen ihres Chefs beklatschen. Meist noch unterstützt von Parteiaktivisten, die sich zuvor Zuschauerkarten gesichert haben.

Am penetrantesten ist die Entourage von FDP-Minister Dirk Niebel. Er bringt meist vier oder fünf Leute mit, darunter seine Ehefrau, die jeden Satz des FDP-Lautsprechers beklatschen als sei politisches Manna vom Himmel gefallen.

Niebel selbst ist übrigens auch deshalb eine unangenehme Talkshow-Spezies, weil er Talkshows mit Hausbesetzungen verwechselt. Er glaubt offenbar, wer  am längsten, lautesten und häufigsten redet, wäre der Sieger der Show. Ein Irrtum: bei den Zuschauern bleibt ein guter Satz besser hängen als die längste Suada.

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Teure Wahl

1998 wählte ich zum ersten und bisher einzigen Mal bei einer Bundestagswahl mit der Zweitstimme SPD. Gerhard Schröder mit seiner dynamischen, pragmatischen Art hatte mich überzeugt. Und Helmut Kohls bräsigen Regierungsstil konnte ich wie Millionen anderer Wähler nicht mehr ertragen.

Es sollte die teuerste Wahlentscheidung meines Lebens werden. Denn die rot-grüne Regierungskoalition schaffte den halben Steuersatz für Abfindungen ab, was mich 2001, als ich bei Springer unfreiwillig ausschied, ein hübsches Sümmchen kostete. Die Pläne von Rot-Grün waren mir zwar bekannt gewesen, nicht aber, dass ich ein Abfindungsfall würde.

Dennoch halte ich meine Wahlentscheidung von 1998 nach wie vor für richtig. So viel Abstand zum eigenen Portemonnaie muss sein.

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Die Uhr von Axel

Am 2. Mai jährt sich zum hundersten Mal der Geburtstag von Axel Springer. Obwohl ich 24 Jahre dem Springer-Verlag angehörte, habe ich Axel Springer nur einmal getroffen. Er kam überraschend in die Frühkonferenz der BILD-Chefredaktion, um seine Idee zu präsentieren, BILD durch Ableger wie „Bild der Frau“ und Auto-BILD zu ergänzen.

Während des Gespräches zeigte Axel Springer plötzlich auf seine Uhr, die Uhr eines Jugendlichen mit mehrfarbig gestreiftem Plastikarmband, wie es früher modern war. „Ich trage heute die Uhr von Axel“, sagte er – die Uhr seines  Sohnes Axel junior (Sven Simon), der sich zwei Jahre zuvor mit 38 auf einer Parkbank an der Hamburger Alster erschossen hatte.

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Merkels erster Anruf

Meinen ersten Anruf von Angela Merkel erhielt ich im Frühjahr 1990. Merkel war damals stellvertretende Regierungssprecherin des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière, ich war Chefredakteur von „Bild am Sonntag“.

Sie lud mich zu einer Pressekonferenz ihres Chefs ein. Als ich sagte, ich würde einen Redakteur schicken, war sie erstaunt. Die Einladung sei an mich persönlich gerichtet. Meine Erklärung, ein Chefredakteur habe andere Aufgaben, überzeugte sie nicht. Sie war aber schließlich bereit, auch einen normalen Redakteur zuzulassen. Am Ende begnügten wir uns mit der Agenturmeldung.

Heute ist Angela Merkel im Umgang mit der Presse schon lange nicht mehr so naiv. Im Gegenteil: inzwischen scheut sie Pressekonferenzen (außer in Brüssel) und greift immer häufiger zu dem bei Journalisten unbeliebten Mittel des Statements. Auftritt, Abgang, keine Fragen. So wird heute in Berlin immer häufiger kommuniziert, wenn man sich kritische Fragen ersparen will. Und Chefredakteure lädt sie nicht mehr zu Pressekonferenzen, sondern höchstens noch zum vertraulichen Abendessen ein.

P.S. Meine Ankedoten können im vierten Jahr meines Blogs zwangsläufig nur noch unregelmäßig erscheinen.

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Bei Schmidt

Manfred Schmidt, der Partys zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell gemacht hat, kenne ich schon seit mehr als 25 Jahren. Damals war er noch Zuträger des Kölner „Express“, bei dem ich Chefredakteur war, und organisierte die Musikacts für den legendären WWF-Club von WDR 3.

Persönlich lernte ich ihn kennen, als er eine Band im Alten Wartesaal in Köln präsentierte. Fortan war ich häufiger zu Gast bei seinen Veranstaltungen, auch beim ersten inoffiziellen Medientreff, der Geburtstagsfeier für die SPD-Politikerin Annemarie Renger in seiner Wohnung.

In den folgenden Jahren besuchte ich wie viele Chefredakteure, Vorstände, Verleger, Politiker, Schauspieler und Sportler seine Medientreffs, die sich meist wegen der interessanten Gesprächspartner lohnten. Politische Dauergäste waren Rita Süssmuth, Guido Westerwelle, Horst Ehmke und Hans-Jürgen Wischnewski. Und ab Mitte der 90er Jahre auch Christian Wulff, der meist schüchtern und unbeachtet am Rand stand und froh war, wenn er sich auf ein Foto mogeln konnte.

Bei den Reemtsma-Treffs in der „Schönen Aussicht“ in Hamburg traf man immer fast alle Vorstände der Hamburger Medienkonzerne und alle Hamburger Chefredakteure. Für die Präsenz sorgte Schmidt mit freundlicher Penetranz – mit bis zu fünf Anrufen. Und wenn einer – wie der Vorstandsvorsitzende eines Medienkonzerns – partout nicht kommen wollte, dann er lud er dessen Frau ein, die ihren Mann dann zum Mitkommen bewegte.

Schmidt ist ein sympathischer Mann mit einnehmendem Wesen. Als Freund würde ich ihn nicht bezeichnen, aber als guten Bekannten, mit dem ich per Du bin.

So kam es auch, dass ich vor etwa 16 Jahren am Ende eines Mallorca-Urlaubs einmal drei Tage in seinem 60-Quadratmeter- Appartement in Cala Llamp übernachtete – ein unvergessliches Erlebnis. Denn die Dusche war kaputt, so dass ich bei sehr kühler Witterung auf der zugigen und einsehbaren Dachterrasse duschen musste. Und er hat mich einmal in Rom zum Abendessen eingeladen.

Seit etwa 10 Jahren gehe ich nicht mehr zu seinen Veranstaltungen. Nicht deshalb, weil ich etwas gegen ihn habe, sondern weil mich der politisch-mediale Partybetrieb nicht mehr interessiert.

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Die Mär von den siamesischen Zwillingen

Als „siamesische Zwillinge“ hat Christian Wulff sich und seinen Sprecher Olaf Glaeseker in den guten Zeiten bezeichnet, als sich beide noch in einer Win-Win- und nicht (wie heute)  in einer Lose-Lose-Situation befanden. Aber schon damals war das Bild falsch.

Das Verhältnis zwischen Spitzenpolitikern und ihre engsten Vertrauen funktioniert nur, wenn sie sich gerade nicht ähnlich sind, sondern ergänzen: der eine weiß, wie man Politik macht, der andere, wie man sie verkauft. Der eine kann reden, der andere schreiben. Der eine denkt, der andere verkündet. Der eine sucht das Rampenlicht, der andere arbeitet lieber hinter den Kulissen und manchmal auch in den dunkleren Ecken.  

Ich habe viele solcher Win-Win-Beziehungen beobachtet und erlebt. Machmal fragte ich mich, wer wen steuert: der Politiker den Vertrauten oder der Vertraute den Politiker. Zu beobachten bei Interviews, wenn der Sprecher dem Politiker den Mund verbietet oder bei Reden, für die der Vertraute nicht nur die Worte, sondern auch die Gedanken liefert.

Der Mann im Hintergrund wird dafür ordentlich bezahlt (in der Regel 6.000 bis 8.000 Euro monatlich je nach Dienstrang), aber noch wichtiger für ihn ist die Teilhabe an der Macht. Er dreht mit am Rad, verhandelt mit geliehener Autorität mit Wirtschaftsführern und Parteigrößen, mit Chefredakteuren und dem Apparat. Er kann Minister rügen oder ihnen sogar Anweisungen geben, weil diese immer davon ausgehen, dass der Chef dahintersteht.

Und viele Betroffene sagen sich: lieber nicht nachfragen, ob der Chef das auch wirklich meint. Das trauen sich nur starke Persönlichkeiten.

Ich habe politische Verhandlungen und Interviews erlebt, bei denen der Politiker so oft Zettel von seinem Sprecher über den Tisch geschoben bekam, bis er  – in den Augen des Vertrauten – wieder in der richtigen Spur war. Ohne diese Zettel wäre der Politiker hilflos gewesen.

Und die Vetrauten kümmern sich auch um Dinge, mit denen sich der Politiker nicht belasten will. Wörtliches Zitat eines Politikers: „Davon will ich gar nichts wissen“. Nichtwissen kann, wenn eine Sache schief geht, nützlich sein. So ist das auch mit Christian Wulff. Deshalb ist es glaubhaft, weil konstitutioneller Teil solcher Beziehungen, dass Wulff tatsächlich von vielem nichts wusste, weil er es gar nicht wissen wollte.

Eines haben die Vertrauten alle gemeinsam: kommt es zu einem Skandal, dann müssen sie als erste von Bord gehen.

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Politiker und die Pressefreiheit

Politiker, die – wie Christian Wulff – ein gestörtes Verhältnis zur Pressefreiheit haben, gab und gibt es in der Geschichte der Bundesrepublik viele. Einige davon habe ich selbst erlebt.

Helmut Kohl gehört dazu, der massiv meine Ablösung als Chef von „Bild am Sonntag“ betrieb. Hans-Dietrich Genscher, der zweimal gegen eine geplante BILD-Schlagzeile  intervenierte, die ihm ein illoyaler BILD-Redakteur durchgestochen hatte, bis sie ihm passte. Franz-Josef Strauß, der in einem vierseitigen Brief an Axel Springer meine Entlassung forderte. Insofern hat Wulff berühmte und berüchtigte Vorgänger.

In meiner Zeit als Chefredakteur von BamS habe ich es immer so gehalten, dass mich Anrufe von Politikern oder Springer-Vorstandsmitgliedern, mit denen Geschichten verhindert werden sollten, erst recht motivierten, die Story zu veröffentlichen. Das erwarte ich von jedem Chefredakteur mit Rückgrat. Bei Genscher allerdings war ich auch einmal feige: ich ließ mich einen halben Tag verleugnen, weil ich genau wusste, was er wollte. Vielleicht war auch deshalb bei Kai Diekmann nur die Mailbox an.

Aber nicht nur Politiker versuchen ihre Kontakte zu Verlegern und Vorständen spielen zu lassen. Den Vogel schoss einmal ein  bekannter Showmaster ab, der mich anrief mit den Worten: „Ich sitze gerade bei ihrem Vorstandsvorsitzenden“. Auch dieser Hinweis war kontraproduktiv.