Bei Schmidt

Manfred Schmidt, der Partys zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell gemacht hat, kenne ich schon seit mehr als 25 Jahren. Damals war er noch Zuträger des Kölner “Express”, bei dem ich Chefredakteur war, und organisierte die Musikacts für den legendären WWF-Club von WDR 3.

Persönlich lernte ich ihn kennen, als er eine Band im Alten Wartesaal in Köln präsentierte. Fortan war ich häufiger zu Gast bei seinen Veranstaltungen, auch beim ersten inoffiziellen Medientreff, der Geburtstagsfeier für die SPD-Politikerin Annemarie Renger in seiner Wohnung.

In den folgenden Jahren besuchte ich wie viele Chefredakteure, Vorstände, Verleger, Politiker, Schauspieler und Sportler seine Medientreffs, die sich meist wegen der interessanten Gesprächspartner lohnten. Politische Dauergäste waren Rita Süssmuth, Guido Westerwelle, Horst Ehmke und Hans-Jürgen Wischnewski. Und ab Mitte der 90er Jahre auch Christian Wulff, der meist schüchtern und unbeachtet am Rand stand und froh war, wenn er sich auf ein Foto mogeln konnte.

Bei den Reemtsma-Treffs in der “Schönen Aussicht” in Hamburg traf man immer fast alle Vorstände der Hamburger Medienkonzerne und alle Hamburger Chefredakteure. Für die Präsenz sorgte Schmidt mit freundlicher Penetranz – mit bis zu fünf Anrufen. Und wenn einer – wie der Vorstandsvorsitzende eines Medienkonzerns – partout nicht kommen wollte, dann er lud er dessen Frau ein, die ihren Mann dann zum Mitkommen bewegte.

Schmidt ist ein sympathischer Mann mit einnehmendem Wesen. Als Freund würde ich ihn nicht bezeichnen, aber als guten Bekannten, mit dem ich per Du bin.

So kam es auch, dass ich vor etwa 16 Jahren am Ende eines Mallorca-Urlaubs einmal drei Tage in seinem 60-Quadratmeter- Appartement in Cala Llamp übernachtete – ein unvergessliches Erlebnis. Denn die Dusche war kaputt, so dass ich bei sehr kühler Witterung auf der zugigen und einsehbaren Dachterrasse duschen musste. Und er hat mich einmal in Rom zum Abendessen eingeladen.

Seit etwa 10 Jahren gehe ich nicht mehr zu seinen Veranstaltungen. Nicht deshalb, weil ich etwas gegen ihn habe, sondern weil mich der politisch-mediale Partybetrieb nicht mehr interessiert.

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Die Mär von den siamesischen Zwillingen

Als “siamesische Zwillinge” hat Christian Wulff sich und seinen Sprecher Olaf Glaeseker in den guten Zeiten bezeichnet, als sich beide noch in einer Win-Win- und nicht (wie heute)  in einer Lose-Lose-Situation befanden. Aber schon damals war das Bild falsch.

Das Verhältnis zwischen Spitzenpolitikern und ihre engsten Vertrauen funktioniert nur, wenn sie sich gerade nicht ähnlich sind, sondern ergänzen: der eine weiß, wie man Politik macht, der andere, wie man sie verkauft. Der eine kann reden, der andere schreiben. Der eine denkt, der andere verkündet. Der eine sucht das Rampenlicht, der andere arbeitet lieber hinter den Kulissen und manchmal auch in den dunkleren Ecken.  

Ich habe viele solcher Win-Win-Beziehungen beobachtet und erlebt. Machmal fragte ich mich, wer wen steuert: der Politiker den Vertrauten oder der Vertraute den Politiker. Zu beobachten bei Interviews, wenn der Sprecher dem Politiker den Mund verbietet oder bei Reden, für die der Vertraute nicht nur die Worte, sondern auch die Gedanken liefert.

Der Mann im Hintergrund wird dafür ordentlich bezahlt (in der Regel 6.000 bis 8.000 Euro monatlich je nach Dienstrang), aber noch wichtiger für ihn ist die Teilhabe an der Macht. Er dreht mit am Rad, verhandelt mit geliehener Autorität mit Wirtschaftsführern und Parteigrößen, mit Chefredakteuren und dem Apparat. Er kann Minister rügen oder ihnen sogar Anweisungen geben, weil diese immer davon ausgehen, dass der Chef dahintersteht.

Und viele Betroffene sagen sich: lieber nicht nachfragen, ob der Chef das auch wirklich meint. Das trauen sich nur starke Persönlichkeiten.

Ich habe politische Verhandlungen und Interviews erlebt, bei denen der Politiker so oft Zettel von seinem Sprecher über den Tisch geschoben bekam, bis er  – in den Augen des Vertrauten – wieder in der richtigen Spur war. Ohne diese Zettel wäre der Politiker hilflos gewesen.

Und die Vetrauten kümmern sich auch um Dinge, mit denen sich der Politiker nicht belasten will. Wörtliches Zitat eines Politikers: “Davon will ich gar nichts wissen”. Nichtwissen kann, wenn eine Sache schief geht, nützlich sein. So ist das auch mit Christian Wulff. Deshalb ist es glaubhaft, weil konstitutioneller Teil solcher Beziehungen, dass Wulff tatsächlich von vielem nichts wusste, weil er es gar nicht wissen wollte.

Eines haben die Vertrauten alle gemeinsam: kommt es zu einem Skandal, dann müssen sie als erste von Bord gehen.

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Politiker und die Pressefreiheit

Politiker, die – wie Christian Wulff – ein gestörtes Verhältnis zur Pressefreiheit haben, gab und gibt es in der Geschichte der Bundesrepublik viele. Einige davon habe ich selbst erlebt.

Helmut Kohl gehört dazu, der massiv meine Ablösung als Chef von “Bild am Sonntag” betrieb. Hans-Dietrich Genscher, der zweimal gegen eine geplante BILD-Schlagzeile  intervenierte, die ihm ein illoyaler BILD-Redakteur durchgestochen hatte, bis sie ihm passte. Franz-Josef Strauß, der in einem vierseitigen Brief an Axel Springer meine Entlassung forderte. Insofern hat Wulff berühmte und berüchtigte Vorgänger.

In meiner Zeit als Chefredakteur von BamS habe ich es immer so gehalten, dass mich Anrufe von Politikern oder Springer-Vorstandsmitgliedern, mit denen Geschichten verhindert werden sollten, erst recht motivierten, die Story zu veröffentlichen. Das erwarte ich von jedem Chefredakteur mit Rückgrat. Bei Genscher allerdings war ich auch einmal feige: ich ließ mich einen halben Tag verleugnen, weil ich genau wusste, was er wollte. Vielleicht war auch deshalb bei Kai Diekmann nur die Mailbox an.

Aber nicht nur Politiker versuchen ihre Kontakte zu Verlegern und Vorständen spielen zu lassen. Den Vogel schoss einmal ein  bekannter Showmaster ab, der mich anrief mit den Worten: “Ich sitze gerade bei ihrem Vorstandsvorsitzenden”. Auch dieser Hinweis war kontraproduktiv.

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Ein Besuch bei Wulff

Ende August 2010 klingelte mein Telefon. Am Apparat Olaf Glaesecker, inzwischen entlassener Sprecher des Bundespräsidenten. Der Präsident würde sich gerne mit mir treffen. Ich war überrascht – und auch nicht. Denn ich hatte gerade über das System der Erbfreundschaft in Niedersachsen geschrieben und zuvor andere kritische Beiträge über Wulff verfasst, darunter “Der Zuckerwatte-Präsident”.

Aber eine solche Einladung schlägt man nicht aus. Ich ging also ins Schloss Bellevue. Am Eingang bat mich ein Bediensteter, mich ins Gästebuch einzutragen. Letzter Gast vor mir war Sigmar Gabriel. Wulff empfing mich in seinem Amtszimmer, wir redeten etwa eine Stunde lang. Im Verlauf des Gespräches kam Glaesecker hinzu. Weil solche Gespräche vertraulich sind, kann ich über den Inhalt nicht berichten, aber ich verschweige keine Sensationen.

Das Gespräch war trotz meiner scharfen Kritiken freundlich und gespickt mit Komplimenten mir gegenüber - wie es Wulffs Art ist. Und es war positiv, was seine – bisher nicht realisierten –  Ideen für Bürgernähe betraf.

Ein solches Gespräch hinterlässt auch bei hartgesottenen Journalisten eine gewisse Wirkung. Möglicherweise auch unter diesem Eindruck schrieb ich am 19.Oktober 2010: “Wulff ist angekommen”. Diesem Beitrag war allerdings die Rede Wulffs zum 1. Oktober vorangegangen, in der er gesagt hatte, der Islam gehöre auch zu Deutschland, und ein guter Auftritt in der Türkei.

Dennoch mag das Gespräch einen gewissen Nachhall gefunden haben. Allerdings kommentierte ich Wulffs Weihnachtsansprache 2010 schon wieder kritisch unter der Überschrift: “Was sich Wulff nicht traut”. Bei anderen journalistischen Kritikern, die Wulff im Herbst 2010 in Serie empfing, dauerte der Nachhall bis zum Beginn seiner Kreditaffäre. So ist manche erste Kommentierung möglicherweise zu erklären.

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Wehrlos

In meiner Zeit als “Express”-Chefredakteur lernte ich auch den Showmaster Alfred Biolek kennen – und zwar auf die unangenehmste Art, die man sich vorstellen kann. Und das kam so:

Biolek hatte in einem holländischen Magazin ein Interview gegeben, in dem er die deutschen Fernsehzuschauer heftig kritisierte. Sie seien humorlos und hätten keinen Sinn für anspruchsvolle Unterhaltung. Ein starkes, kontroverses Thema für ein Boulevardblatt. Deshalb berichteten wir darüber unter der Schlagzeile: “Biolek beschimpft die Deutschen”.

Einen Tag später wurde ich zum Verleger Alfred Neven DuMont zitiert. Als ich sein Büro betrat, saß dort schon ein empörter Alfred Biolek. Und er griff mich mit einer Perfidie an, die ich selten erlebt habe. Sein Metzger habe ihn heute morgen unter Bezug auf die Schlagzeile gefragt, was der “Express” gegen Juden habe. Ein Satz, der jeden Angegriffenen sprachlos und wehrlos macht.

Bis heute ärgere ich mich darüber, dass ich die Perfidie nicht sofort entlarvt habe.

P.S. Natürlich wäre die Schlagzeile “Biolek beschimpft deutsche TV-Zuschauer” korrekter gewesen. Aber das rechtfertigt nicht Bioleks Perfidie.

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Viel Ball, wenig Presse

Pressebälle sind eigentlich ein Anachronismus. Früher dienten sie dem Gespräch in einem anderen, festlichen Rahmen, was ja auch der Sinn des Zusammentreffens von Presse und Politik ist.

Heute sind es reine Jahrmärkte der Wichtigkeit, wobei 90 Prozent der Gäste aus den Kreisen der Lobbyisten kommen. Viele Politiker, darunter Angela Merkel gehen deshalb gar nicht hin, weil sie keine Lust haben, sich den ganzen Abend bei jeder Regung von hunderten von Kameras beobachten und von Dutzenden von Lobbyisten bedrängen zu lassen.

Früher, im alten, beschaulichen Bonn, waren es nur halb so viele Gäste und alle Fotografen mussten um 22 Uhr den Saal verlassen. Dann wurde es auf der Tanzfläche und an den Bars gemütlich. Und dann wurde nicht nur zusammen getrunken, sondern auch geredet. Dann stand man mit Georg Leber, Horst Ehmke, Hans-Jürgen Wischnewski, oder Mildred Scheel an der Bar. Das war lustig, vermittelte manch neue Einsicht – und gelegentlich fiel auch eine Information ab.

Ich war auf etwa 30 Pressebällen. Das reicht für ein Leben. Mein schwierigster Moment auf einem solchen Ball war beim Kölner Presseball, als meine Frau den Hauptpreis, einen Ford Fiesta, gewann.

Daraufhin kam mein Chef, der “Express”-Verleger Alfred Neven DuMont, zu unserem Tisch und forderte mich auf, den Preis zurückzugeben, denn der Verlag sei schließlich Mitveranstalter. Was tun? Ich sagte ihm, dass meine Frau ein selbstständiges Wesen sei und ich könne doch nicht “einer mittellosen Hausfrau” den Preis wegnehmen. Daraufhin war Ruhe.

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Der Sturz des BKA-Chefs

Horst Herold, legendärer Chef des Bundeskriminalamtes (BKA), ist kürzlich mit 88 noch einmal öffentlich aufgetreten – als Zeuge im Stuttgarter Buback-Prozess. Ich kannte ihn durch mehrere Treffen und hatte hohen Respekt vor seiner Lebensleistung. 

Für seine berufliche Tätigkeit hat einen hohen Preis bezahlt: jahrelang war eine der meistgefährdeten Personen in Deutschland und musste nach seiner Pensionierung noch jahrelang auf dem Gelände einer Polizeikaserne leben.

Aber es hatte nie einen Anschlag auf ihn gegeben. Die einzige Verletzung im Dienst zog er sich auf dem Wiener Flughafen zu – auf der Rückreise von einem Treffen mit österreichischen Kollegen. Er trug in der einen Hand seinen Koffer und in der anderen eine Flasche Champagner, die ihm die Kollegen geschenkt hatten.

Plötzlich musste er stolpern, schützte reflexhaft die Flasche und fiel so unglücklich auf seinen Arm, dass er sich eine Verletzung und lebenslange leichte Behinderung zuzog.

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Eine Frage an Helmut Schmidt

Es gilt als gefährlich, Helmut Schmidt kritische Fragen zu stellen. Seine Arroganz war und ist gefürchtet. Häufig qualifizierte er Fragen als dumm oder die Frager als uninformiert ab. Wohl auch deshalb hat Günther Jauch darauf verzichtet.

Als ich noch ganz frisch in Bonn war (mit 25 als “Welt”-Korrespondent)) nahm ich allen meinen Mut zusammen und stellte dem gerade gewählten Bundeskanzler in der Bundespressekonferenz eine kritische Frage, die kein anderer Korrespondent stellte. Leider weiß ich das Thema nicht mehr. Mir ist aber in Erinnerung, dass Schmidt erstaunlich sachlich antwortete. Die Frage schien in seinen Augen gar nicht so dumm gewesen sein. 

Und auch TV-Altmeister Friedrich Nowottny fand den Wortwechsel so interessant, dass er ihn in seinen ”Bericht aus Bonn” einbaute – mein erster bundesweiter TV-Auftritt. Vielleicht hätte Jauch doch den Mut haben sollen, Helmut Schmidts Selbst- und Frembeweihräucherung mit kritischen Fragen zu unterbrechen.

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Würg!

Dieter Thomas Heck, der unverwüstliche Showmaster, hat, um seine Biografie zu promoten, zum wiederholten Mal enthüllt, wie er beinahe seine erste, alkoholkranke Frau umgebracht hätte. Deshalb heute ausnahmsweise einmal eine völlig unpolitische Anekdote:

Ich war in meiner Zeit als Chefredakteur von “Bild am Sonntag” mit Heck im “Fischereihafen-Restaurant”  in Hamburg zum Abendessen verabredet, wir hatten unsere Frauen dabei. Zwischen dem ersten und zweiten Gang erzählte Heck die Geschichte, wie er seine erste Frau in einem Berliner Hotel würgte und erst in allerletzter Sekunde seine Hände von ihrem Hals nahm.

Er erzählte dies so laut (seine Stimme hat schon auf Flüsterlautstärke geschätzte 100 Dezibel) und so breit dargestellt, dass jeder in dem Lokal seine Schilderung mitbekam. Im vollbesetzten Restaurant erstarben alle Gespräche. Totenstille, man hörte kein Klappern der Bestecke mehr, die Kellner blieben stehen. So viel Live-Show gibt es in dem hanseatisch-feinen Lokal selten. Manch einen aber wird das Essen danach auch ein bisschen gewürgt haben.

Heck beruhigte sich dann wieder mit dem obligatorischen Klaren, den er zwischen jedem Gang zu sich nahm.

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Der ungewöhnliche Wolfgang Bosbach

Wolfgang Bosbach ist ein ungewöhnlicher Abgeordneter. Nicht nur deshalb, weil er gegen die Erweiterung des Euro-Rettungsschirmes gestimmt hat. Bosbach hat auch eine andere ungewöhnliche Eigenschaft: er entschuldigt sich – im Gegensatz zu Ronald Pofalla – selbst dann, wenn er nicht dazu gezwungen ist.

Vor drei Monaten klingelte bei mir das Telefon. Am Apparat: Wolfgang Bosbach. Er wolle sich bei mir entschuldigen. Ich fragte überrascht: Wofür denn? Bosbach: er habe mir in einer Sendung von “hart aber fair” unrecht getan und dafür wolle er sich bei mir entschuldigen.

Der Hintergrund: Bosbach und ich waren Anfang März in einer Sendung zum Fall Guttenberg, in der er die unerfreuliche Aufgabe hatte, die Kanzlerin zu verteidigen. In die Enge betrieben warf er mir vor,  ich hätte schon zu jedem Thema  jede Meinung geäußert. Und verwies darauf, dass ich für Edmund Stoiber gearbeitet hatte.

Hinterher sagte ich ihm, dass dies unter seinem Niveau gewesen sei. Und dass meine Tätigkeit von 2002 nicht bis heute zur nacheilenden Loyalität gegenüber der CDU/CSU verpflichte. Wir gingen grußlos auseinander.

Vier  Monate später dann die überraschende Entschuldigung. Der Vorwurf sei unberechtigt gewesen und es täte ihm leid. Ich antwortete, die Entschuldigung sei nicht nötig, denn ich sei nicht so sensibel und wer austeile, müsse auch einstecken können. Bosbach aber beharrte auf seiner Entschuldigung und ich bekundete ihm meinen Respekt.

Warum er aber vier Monate nach dem Vorfall anrief, konnte ich nicht ergründen.


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