Politiker und die Pressefreiheit

Politiker, die – wie Christian Wulff – ein gestörtes Verhältnis zur Pressefreiheit haben, gab und gibt es in der Geschichte der Bundesrepublik viele. Einige davon habe ich selbst erlebt.

Helmut Kohl gehört dazu, der massiv meine Ablösung als Chef von “Bild am Sonntag” betrieb. Hans-Dietrich Genscher, der zweimal gegen eine geplante BILD-Schlagzeile  intervenierte, die ihm ein illoyaler BILD-Redakteur durchgestochen hatte, bis sie ihm passte. Franz-Josef Strauß, der in einem vierseitigen Brief an Axel Springer meine Entlassung forderte. Insofern hat Wulff berühmte und berüchtigte Vorgänger.

In meiner Zeit als Chefredakteur von BamS habe ich es immer so gehalten, dass mich Anrufe von Politikern oder Springer-Vorstandsmitgliedern, mit denen Geschichten verhindert werden sollten, erst recht motivierten, die Story zu veröffentlichen. Das erwarte ich von jedem Chefredakteur mit Rückgrat. Bei Genscher allerdings war ich auch einmal feige: ich ließ mich einen halben Tag verleugnen, weil ich genau wusste, was er wollte. Vielleicht war auch deshalb bei Kai Diekmann nur die Mailbox an.

Aber nicht nur Politiker versuchen ihre Kontakte zu Verlegern und Vorständen spielen zu lassen. Den Vogel schoss einmal ein  bekannter Showmaster ab, der mich anrief mit den Worten: “Ich sitze gerade bei ihrem Vorstandsvorsitzenden”. Auch dieser Hinweis war kontraproduktiv.

Kommentare
11

Ein Besuch bei Wulff

Ende August 2010 klingelte mein Telefon. Am Apparat Olaf Glaesecker, inzwischen entlassener Sprecher des Bundespräsidenten. Der Präsident würde sich gerne mit mir treffen. Ich war überrascht – und auch nicht. Denn ich hatte gerade über das System der Erbfreundschaft in Niedersachsen geschrieben und zuvor andere kritische Beiträge über Wulff verfasst, darunter “Der Zuckerwatte-Präsident”.

Aber eine solche Einladung schlägt man nicht aus. Ich ging also ins Schloss Bellevue. Am Eingang bat mich ein Bediensteter, mich ins Gästebuch einzutragen. Letzter Gast vor mir war Sigmar Gabriel. Wulff empfing mich in seinem Amtszimmer, wir redeten etwa eine Stunde lang. Im Verlauf des Gespräches kam Glaesecker hinzu. Weil solche Gespräche vertraulich sind, kann ich über den Inhalt nicht berichten, aber ich verschweige keine Sensationen.

Das Gespräch war trotz meiner scharfen Kritiken freundlich und gespickt mit Komplimenten mir gegenüber – wie es Wulffs Art ist. Und es war positiv, was seine – bisher nicht realisierten –  Ideen für Bürgernähe betraf.

Ein solches Gespräch hinterlässt auch bei hartgesottenen Journalisten eine gewisse Wirkung. Möglicherweise auch unter diesem Eindruck schrieb ich am 19.Oktober 2010: “Wulff ist angekommen”. Diesem Beitrag war allerdings die Rede Wulffs zum 1. Oktober vorangegangen, in der er gesagt hatte, der Islam gehöre auch zu Deutschland, und ein guter Auftritt in der Türkei.

Dennoch mag das Gespräch einen gewissen Nachhall gefunden haben. Allerdings kommentierte ich Wulffs Weihnachtsansprache 2010 schon wieder kritisch unter der Überschrift: “Was sich Wulff nicht traut”. Bei anderen journalistischen Kritikern, die Wulff im Herbst 2010 in Serie empfing, dauerte der Nachhall bis zum Beginn seiner Kreditaffäre. So ist manche erste Kommentierung möglicherweise zu erklären.

Kommentare
22

Wehrlos

In meiner Zeit als “Express”-Chefredakteur lernte ich auch den Showmaster Alfred Biolek kennen – und zwar auf die unangenehmste Art, die man sich vorstellen kann. Und das kam so:

Biolek hatte in einem holländischen Magazin ein Interview gegeben, in dem er die deutschen Fernsehzuschauer heftig kritisierte. Sie seien humorlos und hätten keinen Sinn für anspruchsvolle Unterhaltung. Ein starkes, kontroverses Thema für ein Boulevardblatt. Deshalb berichteten wir darüber unter der Schlagzeile: “Biolek beschimpft die Deutschen”.

Einen Tag später wurde ich zum Verleger Alfred Neven DuMont zitiert. Als ich sein Büro betrat, saß dort schon ein empörter Alfred Biolek. Und er griff mich mit einer Perfidie an, die ich selten erlebt habe. Sein Metzger habe ihn heute morgen unter Bezug auf die Schlagzeile gefragt, was der “Express” gegen Juden habe. Ein Satz, der jeden Angegriffenen sprachlos und wehrlos macht.

Bis heute ärgere ich mich darüber, dass ich die Perfidie nicht sofort entlarvt habe.

P.S. Natürlich wäre die Schlagzeile “Biolek beschimpft deutsche TV-Zuschauer” korrekter gewesen. Aber das rechtfertigt nicht Bioleks Perfidie.

Kommentare
4

Viel Ball, wenig Presse

Pressebälle sind eigentlich ein Anachronismus. Früher dienten sie dem Gespräch in einem anderen, festlichen Rahmen, was ja auch der Sinn des Zusammentreffens von Presse und Politik ist.

Heute sind es reine Jahrmärkte der Wichtigkeit, wobei 90 Prozent der Gäste aus den Kreisen der Lobbyisten kommen. Viele Politiker, darunter Angela Merkel gehen deshalb gar nicht hin, weil sie keine Lust haben, sich den ganzen Abend bei jeder Regung von hunderten von Kameras beobachten und von Dutzenden von Lobbyisten bedrängen zu lassen.

Früher, im alten, beschaulichen Bonn, waren es nur halb so viele Gäste und alle Fotografen mussten um 22 Uhr den Saal verlassen. Dann wurde es auf der Tanzfläche und an den Bars gemütlich. Und dann wurde nicht nur zusammen getrunken, sondern auch geredet. Dann stand man mit Georg Leber, Horst Ehmke, Hans-Jürgen Wischnewski, oder Mildred Scheel an der Bar. Das war lustig, vermittelte manch neue Einsicht – und gelegentlich fiel auch eine Information ab.

Ich war auf etwa 30 Pressebällen. Das reicht für ein Leben. Mein schwierigster Moment auf einem solchen Ball war beim Kölner Presseball, als meine Frau den Hauptpreis, einen Ford Fiesta, gewann.

Daraufhin kam mein Chef, der “Express”-Verleger Alfred Neven DuMont, zu unserem Tisch und forderte mich auf, den Preis zurückzugeben, denn der Verlag sei schließlich Mitveranstalter. Was tun? Ich sagte ihm, dass meine Frau ein selbstständiges Wesen sei und ich könne doch nicht “einer mittellosen Hausfrau” den Preis wegnehmen. Daraufhin war Ruhe.

Kommentare
0

Der Sturz des BKA-Chefs

Horst Herold, legendärer Chef des Bundeskriminalamtes (BKA), ist kürzlich mit 88 noch einmal öffentlich aufgetreten – als Zeuge im Stuttgarter Buback-Prozess. Ich kannte ihn durch mehrere Treffen und hatte hohen Respekt vor seiner Lebensleistung. 

Für seine berufliche Tätigkeit hat einen hohen Preis bezahlt: jahrelang war eine der meistgefährdeten Personen in Deutschland und musste nach seiner Pensionierung noch jahrelang auf dem Gelände einer Polizeikaserne leben.

Aber es hatte nie einen Anschlag auf ihn gegeben. Die einzige Verletzung im Dienst zog er sich auf dem Wiener Flughafen zu – auf der Rückreise von einem Treffen mit österreichischen Kollegen. Er trug in der einen Hand seinen Koffer und in der anderen eine Flasche Champagner, die ihm die Kollegen geschenkt hatten.

Plötzlich musste er stolpern, schützte reflexhaft die Flasche und fiel so unglücklich auf seinen Arm, dass er sich eine Verletzung und lebenslange leichte Behinderung zuzog.

Kommentare
20

Eine Frage an Helmut Schmidt

Es gilt als gefährlich, Helmut Schmidt kritische Fragen zu stellen. Seine Arroganz war und ist gefürchtet. Häufig qualifizierte er Fragen als dumm oder die Frager als uninformiert ab. Wohl auch deshalb hat Günther Jauch darauf verzichtet.

Als ich noch ganz frisch in Bonn war (mit 25 als “Welt”-Korrespondent)) nahm ich allen meinen Mut zusammen und stellte dem gerade gewählten Bundeskanzler in der Bundespressekonferenz eine kritische Frage, die kein anderer Korrespondent stellte. Leider weiß ich das Thema nicht mehr. Mir ist aber in Erinnerung, dass Schmidt erstaunlich sachlich antwortete. Die Frage schien in seinen Augen gar nicht so dumm gewesen sein. 

Und auch TV-Altmeister Friedrich Nowottny fand den Wortwechsel so interessant, dass er ihn in seinen “Bericht aus Bonn” einbaute – mein erster bundesweiter TV-Auftritt. Vielleicht hätte Jauch doch den Mut haben sollen, Helmut Schmidts Selbst- und Frembeweihräucherung mit kritischen Fragen zu unterbrechen.

Kommentare
10

Würg!

Dieter Thomas Heck, der unverwüstliche Showmaster, hat, um seine Biografie zu promoten, zum wiederholten Mal enthüllt, wie er beinahe seine erste, alkoholkranke Frau umgebracht hätte. Deshalb heute ausnahmsweise einmal eine völlig unpolitische Anekdote:

Ich war in meiner Zeit als Chefredakteur von “Bild am Sonntag” mit Heck im “Fischereihafen-Restaurant”  in Hamburg zum Abendessen verabredet, wir hatten unsere Frauen dabei. Zwischen dem ersten und zweiten Gang erzählte Heck die Geschichte, wie er seine erste Frau in einem Berliner Hotel würgte und erst in allerletzter Sekunde seine Hände von ihrem Hals nahm.

Er erzählte dies so laut (seine Stimme hat schon auf Flüsterlautstärke geschätzte 100 Dezibel) und so breit dargestellt, dass jeder in dem Lokal seine Schilderung mitbekam. Im vollbesetzten Restaurant erstarben alle Gespräche. Totenstille, man hörte kein Klappern der Bestecke mehr, die Kellner blieben stehen. So viel Live-Show gibt es in dem hanseatisch-feinen Lokal selten. Manch einen aber wird das Essen danach auch ein bisschen gewürgt haben.

Heck beruhigte sich dann wieder mit dem obligatorischen Klaren, den er zwischen jedem Gang zu sich nahm.

Kommentare
11

Der ungewöhnliche Wolfgang Bosbach

Wolfgang Bosbach ist ein ungewöhnlicher Abgeordneter. Nicht nur deshalb, weil er gegen die Erweiterung des Euro-Rettungsschirmes gestimmt hat. Bosbach hat auch eine andere ungewöhnliche Eigenschaft: er entschuldigt sich – im Gegensatz zu Ronald Pofalla – selbst dann, wenn er nicht dazu gezwungen ist.

Vor drei Monaten klingelte bei mir das Telefon. Am Apparat: Wolfgang Bosbach. Er wolle sich bei mir entschuldigen. Ich fragte überrascht: Wofür denn? Bosbach: er habe mir in einer Sendung von “hart aber fair” unrecht getan und dafür wolle er sich bei mir entschuldigen.

Der Hintergrund: Bosbach und ich waren Anfang März in einer Sendung zum Fall Guttenberg, in der er die unerfreuliche Aufgabe hatte, die Kanzlerin zu verteidigen. In die Enge betrieben warf er mir vor,  ich hätte schon zu jedem Thema  jede Meinung geäußert. Und verwies darauf, dass ich für Edmund Stoiber gearbeitet hatte.

Hinterher sagte ich ihm, dass dies unter seinem Niveau gewesen sei. Und dass meine Tätigkeit von 2002 nicht bis heute zur nacheilenden Loyalität gegenüber der CDU/CSU verpflichte. Wir gingen grußlos auseinander.

Vier  Monate später dann die überraschende Entschuldigung. Der Vorwurf sei unberechtigt gewesen und es täte ihm leid. Ich antwortete, die Entschuldigung sei nicht nötig, denn ich sei nicht so sensibel und wer austeile, müsse auch einstecken können. Bosbach aber beharrte auf seiner Entschuldigung und ich bekundete ihm meinen Respekt.

Warum er aber vier Monate nach dem Vorfall anrief, konnte ich nicht ergründen.

Kommentare
17

Talkshow-Berater

Wenn Politiker und Wirtschaftsführer in Talkshows gehen, dann kommen sie nicht allein. Sie werden begleitet von Pressesprechern und Beratern, die sie auf den Auftritt vorbereitet haben – inhaltlich wie formal.

Die Regeln: Aufrecht sitzen, das Jacket hinten herunterziehen, damit es nicht am Hals knautscht, freundlich, nicht aggressiv sein, möglichst nicht unterbrechen, ein interressiertes Zuhörergesicht aufsetzen. Inhaltlich werden kurze, verständliche Schlüsselsätze vorbesprochen, Argumentationen eingeübt. Und die anderen Gäste wurden gecheckt, um die Chefs auf deren Position vorzubereiten.

So gerüstet nehmen sie dann Platz. Und ihre Berater sitzen im Publikum zum Anklatschen und für die anschließende Manöverkritik. Und manche Politiker haben noch mehr Claqueure dabei, wenn die Junge Union oder andere Parteileute genügend Tickets ergattern konnte. Am auffälligsten war dies bei Günther Jauch, als er die Kanzlerin zu Gast hatte: da waren offenbar fast alle Tickets an die CDU gegangen.

Was die Anzahler der Berater betrifft, da hat Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer einmal den Vogel abgeschossen: er kam gleich mit vier Begleitern zur “Münchner Runde”. Noch mehr sind es nur bei Duellen der Kanzlerkandidaten: dann sind es mehr als zehn Mitarbeiter, die nach der Sendung ausschwärmen, um den Journalisten ihren Chef als Sieger des Duells anzutragen.

Kommentare
3

Karrierewege

Politiker machen häufig Karriere auch deshalb, weil andere Nein sagen. Wäre der CSU-Politiker Günther Beckstein auch dann (vorübergehender) bayrischerMinisterpräsidenten geworden, wenn die Strauß-Tochter Monika Hohlmeier 2002 Ja gesagt hätte, als Edmund Stoiber sie in sein Kompetenzteam (Schattenkabinett) aufnehmen wollte?

Monika  Hohlmeier war die erste Wahl des CSU-Kanzlerkandidaten für das Kompetenzteam. Er wollte, dass sie nach einem Wahlsieg Familienministerin wird. Sie aber sagte Nein, weil sie aus familiären Gründen nicht nach Berlin wollte. So kam Günther Beckstein zum Zug (als Schatten-Innenminister) und errang bundesweite Prominenz, die wiederum auch seine Popularität in Bayern steigerte.

Und die Absage Hohlmeiers beförderte die junge ostdeutsche CDU-Politikerin (und damals unverheiratete Mutter) Katherina Reiche ins Rampenlicht, die Stoibers Schattenministerin für Familie, Frauen und Jugend wurde. Weil das aber Stoibers und nicht Angela Merkels Idee war, stockte anschließend ihre Karriere. Erst 2005 wurde sie stellvertretende Fraktionsvorsitzende und ist heute parlamentarische Staatssekretärin im Umweltministerium. Ministerin aber ist sie nicht geworden.