Montag, 02. Februar 2009, 09:00 Uhr
Während die soziale Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland immer weiter auseinanderklafft und Millionen Deutsche sich wegen der Finanzkrise um ihren Arbeitsplatz sorgen, haben wieder einmal zwei Politiker ihre persönliche soziale Frage gelöst: die SPD-Abgeordneten Rainer Wend und Ditmar Staffelt wechseln rechtzeitig vor der Bundestagswahl in die Wirtschaft. Jetzt müssen sie weder Angst um ihre Wiederaufstellung für die Bundestagswahl haben, noch um Einkommen und soziale Sicherheit.
Wend, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, wird zum 1. April neuer Cheflobbyist der Deutschen Post. Staffelt, ehemaliger Staatsekretär und Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt, ist seit dem 1. Januar neuer Vorstandsbeauftragter für Politik und Regierungsangelegenheiten des Luft-und Raumfahrtkonzerns EADS. Man kann davon ausgehen, dass sich ihr Gehalt mindestens verdreifacht.
Jetzt wäre im Prinzip wenig dagegen zu sagen, dass Politiker in die Wirtschaft wechseln. Im Gegenteil: der Austausch der Eliten wird zu recht immer wieder gefordert. Die Frage ist allerdings, ob Politiker tatsächlich wegen ihres Könnens oder aber wegen ihrer bisherigen und früheren politischen Funktionen und ihren politischen Verbindungen für eine Karriere in der Wirtschaft ausgewählt werden.
Ein bisschen Hautgout (manchmal auch mehr), auf Schwäbisch Geschmäckle, ist fast immer dabei, wenn Politiker, Spitzenbeamte oder auch hohe Gewerkschaftsfunktionäre plötzlich ihren persönlichen Wirtschaftsaufschwung erleben:
- wenn Gerhard Schröder, der sich als Kanzler vehement für die Gas-Pipeline durch die Ostsee eingesetzt hat, als Ex-Kanzler für viel Geld Aufsichtsratsvorsitzender des Pipeline-Betreibers wird;
- wenn Hans Martin Bury, Ex-Staatsminister unter Schröder, der für die Deregulierung der Kapitalmärkte gestimmt hat, in den Vorstand von Lehman Brothers Europa wechselt;
-wenn Cajo Koch-Weser, als Finanz-Staatssekretär zu Schröders Zeiten zuständig für die Bankenkontrolle, der mit Hans Eichel durchgesetzt hat, Gewinne aus dem Verkauf von Unternehmensbeteiligungen steuerfrei zu stellen, als Chefberater zur Deutschen Bank wechselt, die in Milliardenhöhe von dieser Steuerbefreiung profitiert hat;
-wenn der Chef der Bahngewerkschaft Transnet, Norbert Hansen, der sich zur Freude von Hartmut Mehdorn immer energisch für die Privatisierung der Bahn eingesetzt hat, plötzlich für ein Gehalt von mehreren hunderttausend Euro kurz vor dem geplanten Börsengang in den Vorstand der Deutschen Bahn wechselt;
-wenn der ehemalige Schröder-Vertraute Alfred Tacke, der als Staatsekretär gegen das Votum des Kartellamtes den Verkauf von Ruhrgas (Mitbesitzer die Ruhrkohle AG) an EON genehmigt hat, anschließend Vorstandschef einer RAG-Tochter wird;
-wenn Margareta Wolf, grüne Ex-Staatsekretärin im Umweltministerium, zu einer PR-Firma geht, die Lobbyarbeit für die Atomindustrie in Berlin betreibt.
-wenn der grüne Ex-Staatsekretär Rezzo Schlauch in den Beirat des Kernkraftkonzerns EnBW geht.
Diese Liste lässt sich unendlich fortsetzen. Jeder einzelne Genannte wird sich natürlich energisch die Unterstellung verbitten, für frühere politische Handlungen belohnt worden zu sein, oder für Geld seine Prinzipien verraten zu haben. So sicher auch Bernd Rürup, der Chef des Sachverständigen-Rates der Bundesregierung.
Jahrelang kämpfte Rürup für die Rente mit 67, in wenigen Wochen wechselt er als „Chefökonom“ zum Finanzvertrieb AWD, der mit tausenden Vertretern Riester- und Rürup-Renten verkauft, mit denen Altersarmut verhindert werden soll, die unter anderem aus der späteren Rentenzahlung entsteht. Ein Unternehmen, bei dem auch gern Walter Riester selbst gegen gutes Honorar als Vortragsredner auftritt. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
Rürup hat seine persönliche soziale Frage jetzt gelöst. Millionen von Riester-Rentnern zahlen übrigens bis zu 2500 Euro (verlorene) Abschlussgebühren, wenn sie ihre Verträge gegen Altersarmut abschließen.