Die Qual mit den Kohl-Interviews

In meinem Leben habe ich etwa 30 bis 40 Interviews mit Helmut Kohl geführt. Sie waren meist eine Qual: langschweifige Ausführungen ohne News-Wert. Es dauerte machmal eine halbe Stunde, bis er den ersten interessanten Satz sagte, der zitierfähig war. Um die Interviews einigermaßen spannend zu machen, mussten sie stundenlang nachbearbeitet werden, bis sie zur Absegnung (Autorisierung) geeignet waren.

Später, als Bundeskanzler, redete Kohl nur noch am Stück, man kam kaum dazu, eine Frage zu stellen. Wenn ich ihn unterbrach, reagierte er ungnädig:”Jetzt lassen Sie mich doch mal ausreden, Sie können ja die Fragen hinterher dazwischenschneiden”. Offenbar gab es Journalisten, mit denen er das so machen konnte.

Das beste Kohl-Interview habe ich übrigens in der Vorweihnachtszeit 1975 in Mainz geführt (Kohl war damals noch Ministerpräsident), Als ich nach Bonn zurückkam, stellte ich fest, dass das  Tonband nicht funktioniert hatte. Ich musste es aus dem Gedächtnis schreiben.

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Mittwoch, 18. März 2009, 10:44 Uhr

Politiker in der Medienfalle

Der Umgang mit den Medien ist für Politiker eine Gratwanderung. Einerseits brauchen Sie die Medien zur Vermittlung ihrer Politik und zur persönlichen Profilierung, andererseits können die Medien das von ihnen geschaffene Image auch schnell wieder zerstören. Allerdings muss der Politiker dazu die Hand reichen.

Zwei führende Politiker sind in dieser Woche in die Medienfalle geraten. Der eine ist Wirtschaftsminister zu Guttenberg, der derzeitige Medien-Liebling. Dass er von den Journalisten hoffiert und bewundert wird, ist verständlich, denn der Politik mangelt es an charismatischen Figuren mit Star-Appeal. Die Medien aber wollen, wenn man ihnen den kleinen Finger reicht, gleich die ganze Hand.  So auch bei zu Guttenberg, der dem Drängen der Fotografen nachgab und sich in New York auf dem Times Square mit ausgebreiteten Armen in Hollywood-Pose ablichten ließ. Ein fatales Foto, das so gar nicht zur Wirtschafts- und Finanzkrise passt, das von Opfern dieser Krise als Verhöhnung empfunden werden kann. Prompt kommt auch schon die erste Medien-Häme, so in der “Süddeutschen” unter der Überschrift: “Der kleine Baron in der großen Stadt”.

Wenn Guttenberg Pech hat, dann könnte dieses Foto der Anfang einer Trendwende in den Medien sein. Denn die Medien schreiben einen Politiker genauso schnell wieder herunter wie sie ihn hochgeschrieben haben. Schröder und Merkel können ein Lied davon singen. Sie sind schon mehrmals im Medien-Paternoster hoch und wieder herunter gefahren. Es müssen nur zwei, drei Großjournalisten die Trendwende verkünden und die Meute folgt ihnen. Die meisten Journalisten, auch die Berliner, sind Herdentiere, die Leitwölfen folgen. Guttenberg kann vorerst noch Glück haben, weil die Medien seinen Star-Appeal noch nicht völlig ausgebeutet haben, aber das Foto vom Times Square wird in den kommenden Monaten häufiger zu sehen sein, als dem Minister lieb sein kann.

Der zweite, der in die Medienfalle ging, war Thüringens Ministerpträsident Althaus. Sein “Bild”-Interview, als Demonstration von Kraft geplant, legt in Wirklichkeit seinen Schwächen offen. Einerseits ist er zu krank, um am CDU-Parteitag teilzunehmen, er konnte nicht einmal eine Video-Botschaft schicken, anderseits spielt er in “Bild” den starken Mann. Eine schlechte Inszenierung und eine kontraprodutive dazu, weil sie sich selbst entlarvt. Und Althaus machte einen zweiten schweren Fehler: er nutzte das Interview zu Angriffen auf den politischen Gegner, den die CDU noch kurz zuvor um Fairness mit dem angeschlagenen Ministerpräsidenten gebeten hatte. Damit beendete Althaus die Schonfrist und eröffnete den Wahlkampf, ohne an ihm teilnehmen zu können, weil er natürlich nach wie vor zu krank dafür ist.

Rudolf Scharping hat sich einst für einen Fotografen der “Bild am Sonntag” den Bart abrasiert. Es dauerte nicht lange, dann war auch politisch der Bart ab.

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Genscher, BILD und die Pressefreiheit

Die Meinungs- und Pressefreiheit gehörte für Hans-Dietrich Genscher immer zu den nachrangigen Rechtsgütern – zumindest dann, wenn es um ihn oder die FDP ging. Er hatte zu den Medien ein rein instrumentelles Verhältnis. Interventionen bei Chefredaktionen hinter dem Rücken der Bonner Korrespondenten, um eine Geschichte zu verhindern oder den Trend zu beieinflussen, waren für ihn an der Tagesordnung. Das ging nicht ohne willige Helfer, so auch in diesem Fall.

Während der Zeit der sozial-liberalen Koalition war die FDP in einen entscheidenden Steuerfrage, in der sie sich öffentlich zuvor unverbrüchlich festgelegt hatte, mal wieder umgefallen und BILD plante deshalb folgerichtig die Schlagzeile “Genscher fiel um”. Allerdings informierte ein V-Mann Genschers in der BILD-Chefredaktion den Minister über die geplante Schlagzeile, worauf dieser massiv bei der Chefredaktion intervenierte. Sie knickte ein und änderte die Zeile in “Genscher gab nach”. Aber auch dies wurde dem FDP-Chef hinterbracht, der erneut intervenierte. Darauf wurde die Schlagzeile zum zweiten Mal geändert in “Drama in Bonn”. Die Metamorphose einer BILD-Schlagzeile.

Genscher hatte gesiegt, aber das Beispiel beweist, dass zur Einschränkung der Pressefreiheit immer zwei gehören.

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Sonntag, 15. März 2009, 23:56 Uhr

Seehofer, der Bonsai-Strauß

Horst Seehofer ist ein netter Kerl. Treffen mit ihm sind angenehm und amüsant, weil er zu den wenigen Politikern gehört, die zur Selbstironie fähig sind. 2002, als ihn eine schwere Herzerkrankung monatelang in die Klinik und in die Rehabilitation zwang,  hatte er mit dem Politikerleben (und beinahe mit dem Leben) fast schon abgeschlossen. Damals hatte er sich vorgenommen, in der Politik kürzer zu treten, nur noch das zu tun, was er für richtig hält und was ihm Spaß macht.

Heute, 2009, ist er zu seiner eigenen Überraschung bayerischer Ministerpräsident und CSU-Chef. Und er überträgt seine persönliche egoistische Lehre aus der Krankheit auf seine heutige Politik. Auf niemanden mehr Rücksicht nehmen. Das ist heute die Devise seines politischen Handelns. Das bekommen Parteifreunde zu spüren, das erleidet täglich die Kanzlerin. Sie hat Seehofer einmal ein “unguided missile” genannt. Heute weiss Seehofer genau, was er tut. Er hält sich an das CSU-Motto, das seit Franz-Josef Strauß gilt: erst kommt die CSU, dann Bayern, dann lange nichts, und dann erst die Union und Deutschland.

Seehofer kämpft, obwohl ohne Alternative in seinen Ämtern als Ministerpräsident und CSU-Chef, wieder einen Überlebenskampf. Denn Parteien lieben ihre Spitzenleute nur so lange, so lange sie erfolgreich sind. Und Seehofer hat bis heute nicht bewiesen (oder beweisen können), dass er das ist. Und das treibt ihn um. Auf dem Höhepunkt seiner Macht zu scheitern – das wäre sein Alptraum. Denn erst das CSU-Ergebnis bei der Europa-Wahl und bei der Bundestagswahl werden zeigen, ob er erfolgreich, ob er in den Augen seiner Partei der Richtige ist und ob das desaströse Wahlergebnis der CSU ein Ausrutscher war oder der neue Standard  in Bayern ist.

Diesem Überlebenskampf ordnet Seehofer alles unter. Täglich feuert er Breitseiten gegen Berlin oder lässt sie feuern. Kein Tag vergeht ohne Angriff auf Angela Merkel, die CDU und die große Koalition. Seien es niedrigere Mehrwertsteuersätze für bayerische Gastwirte, die Ärzte-Proteste, die Europa-Skepsis, das Umweltgesetzbuch, Vertriebene, Managergehälter, der Papst, Guantanamo – jeden Thema wird nur daraufhin untersucht, ob es zum Angriff gegen Merkel, gegen Berlin, gegen “die da oben” taugt. Jedes Thema, das nicht bis 3 auf den Bäumen ist, wird von der CSU mißbraucht. Das Gesamtergebnis der Union bei der Bundestagswahl ist dabei nebensächlich.

Seehofer war immer stolz darauf, dass er dem Volk aufs Maul schaut. Das muss ein Politiker auch tun. Aber heute macht er dies ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Rücksicht auf objektive Zwänge, ohne Rücksicht auf übergeordnete staatliche Interessen. So unterminiert er das Vertrauen der Bürger in die staatlichen Institutionen. Es haidert in Bayern.

Und Seehofer verzettelt sich, seine Motz-Strategie nutzt sich ab. Irgendwann werden auch die Medien müde. Wer täglich stichelt, kann nicht mehr verdeutlichen, was ihm wirklich wichtig ist. Im Gegensatz zu Franz-Josef Strauß, der sich große Themen aussuchte, der seine Angriffe wuchtig und mit der ganzen Kraft seiner Person vortrug, feuert Seehofer ununterbrochen oder lässt feuern – ohne Zielkoordinaten, in der Hoffnung, irgendein Schuß werde bei den bayerischen Wählern treffen. Strauß schlug zwei Mal im Jahr auf den Tisch, Seehofer klopft täglich von unten dagegen.  Dahinter steckt keine Linie, kein Konzept für eine bessere oder andere Politik, kein großer Wurf, sondern nur kleines Karo. Am Ende würde man sich nicht wundern, wenn die CSU die große Koalition verlassen würde, weil es beim Treffen des Koalitionsausschusses Gulasch- statt Leberknödelsuppe gibt.

Seehofer ist kein Strauß, nur ein Bonsai-Strauß. Aber die CSU ist ja auch geschrumpft.

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Mittwoch, 11. März 2009, 12:11 Uhr

Erst die Partei, dann das Land?

“Erst das Land, dann die Partei”. Auf diese Floskel verzichtet kaum ein Politiker, besonders in Krisenzeiten. Um ihren aufopferungsvollen Dienst für das Gemeinwohl zu beschreiben, ergänzen Politiker die Floskel noch um den Zusatz  ”…dann die Person”. Wie jeder täglich beobachten kann, ist es in der Politik häufig umgekehrt: machtbesessene und wichtigkeitshungrige Menschen drängen an die Spitze, benutzen ihre Partei als Vehikel dafür, das Land kommt an letzter Stelle.

Wer jetzt von der Kanzlerin “CDU pur” verlangt und fordert, sie solle die “Uniform der Wahlkämpferin” anziehen, verlangt von ihr genau diese Umwertung der Verantwortung. Er fordert Merkel auf, ihren Amtseid zu brechen. Denn sie hat geschworen, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden – und nicht von der CDU. Sogenannte Parteifreunde, die jetzt Angela Merkel zu “CDU pur” auffordern, verlangen von ihr, die Partei vor das Land zu stellen. Und das fällt ihnen nicht einmal auf, weil es immer so war.

Leute wie Günther Oettinger, der gegen Merkel ein billiges Revanche-Foul wegen seines Filbinger-Desasters tritt, werden einfach nicht erwachsen. Die CDU kann nicht länger auf dem Abenteuer-Spielplatz des Anden-Paktes herumtollen. Wir leben in einer neuen Zeitrechnung: die Welt wird von der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Kriegsende erschüttert, schon in wenigen Wochen droht in Deutschland der Kurzarbeiterdamm zu brechen und eine Springflut neuer Arbeitsloser die Arbeitsagenturen zu überschwemmen. Hunderte von respektablen mittelständischen Firmen stehen kurz vor der Pleite. Opel ist kaum noch zu retten, Schaeffler schon gar nicht. Der Deutschlandsfonds in Höhe von 100 Milliarden, der Kredite und Bürgschaften an Unternehmen vergeben soll, wird nicht ausreichen, um sich dagegen zu stemmen. Die Commerzbank, schon zu 25 Prozent in Staatsbesitz, braucht – das ist inzwischen in Berlin ein offenes Geheimnis – in den kommenden Monaten noch einmal so viel Geld vom Staat, wie sie schon erhalten hat.  

In den nächsten Monaten werden hunderttausende Menschen in Deutschland ums nackte wirtschaftliche Überleben kämpfen. In solchen Zeiten ist ziemlich egal, wie sich Erika Steinbach fühlt und ob Frau Merkel dem Papst auf die roten Prada-Pantoffeln getreten hat.

Auch ich habe Frau Merkel oft kritisiert. Ihr Führungsstil, genauer gesagt ihr Nicht-Führungsstil, kann Menschen, die wissen wollen, wo es lang geht, wirklich in den Wahnsinn treiben. Ihre Sprache (“Ich werde Sorge dafür tragen”), ihr Unbestimmheit, ihre Unfähigkeit, in der Krise die richtigen Worte zu finden, machen es wirklich schwer, sie zu loben. Und sie hat den Fehler gemacht, bei der Modernisierung der CDU die Stammwähler nicht mitzunehmen.

Aber kann es nicht sein, dass sie sich jetzt richtig verhält? Ist es nicht besonnen und verantwortungsvoll, angesichts der Katastrophe, die auch auf Deutschland zukommt, die große Koalition so lange wie möglich handlungsfähig zu halten, auch um den Preis, in der eigenen Partei in die Kritik zu geraten? Kann es nicht sein, dass Angela Merkel tatsächlich das Land vor die Partei stellt? Selbst dann, wenn sie dies nur aus taktischen Motiven tun würde, weil sie glaubt, es zahle sich am Ende beim Wähler aus, wäre es für Deutschland immer noch besser als die Ratschläge von Oettinger, Ramsauer und Co.


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