Montag, 09. März 2009, 07:09 Uhr
Selten wird in der Politik so viel gelogen wie bei Krankheiten. Mehr noch als bei den Renten. Politiker müssen Übermenschen sein, Stehaufmännchen, die nichts aus der Bahn wirft. Deshalb dürfen sie auch nicht krank sein, zumindest nicht lange und nicht nachhaltig. Ein Politiker muss unverwundbar erscheinen. Der Wähler könnte sonst glauben, der Politiker sei seinen Aufgaben nicht mehr gewachsen, sei in seiner Amtsführung beeinträchtigt.
Deshalb wird über Krankheiten geschwiegen. Wenn es gar nicht anders geht, weil die Krankheit oder ein Unfall öffentlich wurden, wird ein Nebelvorhang aus Falsch- und Halbinformationen um ihn gelegt und er möglichst schon Stunden danach wieder gesundgeredet. So war es, als Helmut Schmidt an einer Herzmuskelentzündung lebensgefährlich erkrankte, so war es beim Herzinfarkt Willy Brandts, so war es bei Genscher. Was nicht sein darf, das nicht sein kann.
So ist es auch bei Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus. Keiner, außer seinen Ärzten und seiner Frau, weiss verlässlich, wie es um ihn steht, seit er bei seinem tragischen Skiunfall ein Frau tötete und selbst ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt. Wochenlang wurde er von völlig ahnungslosen Parteifreunden gesundgeredet, bis bekannt wurde, dass er sich nicht richtig an den Unfall erinnern kann, dass er Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen hat, dass er keine Zeitung lesen und TV-Nachrichten nur teilnahmslos verfolgen kann, dass er, wie sein Bruder sagte, nicht mehr der Alte ist.
Und jetzt ist er also wundersam genesen, fast schon wieder voll da, will schnell in die Politik zurückkehren und schon bald seine Amtsgeschäfte wieder aufnehmen. Er kann zwar nicht zu dem Parteitag kommen, auf dem er wieder zum thüringischen CDU-Spitzenkandidaten gewählt werden soll, aber in der Einladung zu einer Konferenz Ende April wird er schon wieder als Redner aufgeführt. Und das sollen wir jetzt glauben? Das kann so sein, es ist Althaus sicher zu wünschen, aber kann man Parteifreunden in dieser Sache wirklich vertrauen? Denn die sind in diesem Fall in doppelten Sinn Partei – auch als Gesundbeter in eigener Sache.
Denn ohne Dieter Althaus kann die CDU in Thüringen einpacken, schon mit ihm droht ihr der Verlust der absoluten Mehrheit. Und ein CDU-Desaster am 30. August, vier Wochen vor der Bundestagswahl, wäre auch ein Desaster für Angela Merkel. Die CDU in Thüringen hat in ihrer zweiten Reihe niemanden, der ihn ersetzen kann, der auch nur annähernd so bekannt und populär ist. Also hat er schnell gesund zu werden. Die Partei befiehlt. Dabei weiss niemand, nicht einmal die Ärzte, welche physischen oder psychischen Folgen zurückbleiben. Althaus ist so oder so ein Gezeichneter: er hat Schuld auf sich geladen, er hat fahrlässig eine Frau getötet. Damit muss ein Mensch erst einmal umgehen. Wie wird Althaus mit seiner Schuld leben? Kann und will er auch künftig tatkräftig handeln, polarisieren, auf den politischen Gegner eindreschen, die Lage schönreden?
Es ist ein zynisches Spiel, das um und mit Dieter Althaus getrieben wird. Die Parteifreunde jubeln. Seine Genesung mache der CDU Mut, sagt CDU-Generalsekretär Pofalla. Schweigen wäre besser gewesen. Denn so lange Dieter Althaus nicht öffentlich auftritt, solange kann keiner beurteilen, wie es um ihn wirklich steht. Ob er nicht nur als Mensch das Unglück überlebt hat, sondern auch als Politiker, das wissen wir erst, wenn er sich öffentlich erklärt hat – über den Unfall, seine Schuld, seine Pläne, seine Perspektiven. Und was er daraus gelernt hat.