Sonntag, 12. April 2009, 22:57 Uhr
Auch mit 5:1 kann man ein Spiel verlieren. Zumindest die Grünen können das. Im Gegensatz zur FDP, die mit einem Guido Westerwelle auskommt, haben die Grünen gleich fünf Chefs: zwei Parteivorsitzende, zwei Fraktionsvorsitzende, und noch einen zweiten Spitzenkandidaten. Ein bißchen viel für die kleinste der kleinen Parteien. Für jeden etwas, aber nur für wenige den oder die Richtige: Claudia Roth, die schrille Sirene, die keinen Seemann mehr auf die Klippen lockt, Cem Özdemir, der kastrierte Kater, den seine Partei nicht in den Bundestag schicken will, die stille Wirtschaftsgröße Fritz Kuhn, die täglich beweist, wie sehr Oswald Metzger doch fehlt, Jürgen Trittin, gefühlt inzwischen älter als der Ex-Grüne Otto Schily, und Renate Künast, die immerhin als Verbraucherministerin erfolgreicher war als ihr Nachfolger Horst Seehofer.
Wer sich so breit aufstellt, der weiss nicht mehr, wer für was und wo er steht. Und die Wähler wissen es schon gar nicht mehr. Irgendwie haben die Grünen das Wort Zielgruppenwahlkampf missverstanden. Die arme Anne Will weiss gar nicht mehr, wen sie einladen soll.
Aber das ist nicht das einzige Problem. Das Hauptproblem der Grünen ist, dass sie keine Avantgarde mehr sind, kein Stachel mehr im Fleisch der anderen Parteien. Sie sind jetzt selbst eine andere Partei. Ihre einstigen Spitzenpolitiker kommen langsam ins Rentenalter, ihr Programm ist – und das zweifellos ein Verdienst – Allgemeingut aller Parteien. Für Bürgerrechte steht auch die FDP, für Umweltschutz auch die Kanzlerin, für Atomausstieg auch die SPD. Die Grünen haben kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Dazu passen fünf Chefs.
Und die Grünen verhalten sich auch so wie die etablierten Parteien: ihre beiden Spitzenkandidaten Künast und Trittin wurden genauso im Hinterzimmer ausgekungelt wie bei SPD und CDU. Und wie bei den anderen Parteien durfte der Parteitag sie nur noch absegnen. Da war von Basisdemokratie nichts zu spüren. Dabei müssten die Grünen, wenn sie wieder Avantgarde sein wollten, die Avantgarde der Bürgerbeteiligung, der Partizipation sein: Internet-Mitgliedschaften mit allen Rechten, Urwahl der Spitzenkandidaten und Vorsitzenden per Internet zum Beispiel. Aber auch da hat die FDP die Nase vorn: bei ihr kann man Mitglied in einem Internet-Kreisverband werden – allerdings nicht mit vollen Mitgliedsrechten.
Während sich die FDP zu neuen Höhenflügen aufschwingt, welken die Grünen still vor sich hin. Sie profitieren nicht vom Niedergang der SPD – so wie die FDP vom Niedergang der CDU. Der Regierungsentzug macht den Grünen offenbar mehr zu schaffen als der FDP. Und sie haben auch keine Machtperspektive nach dem 27. September. Rot-Rot-Grün will die SPD nicht, die Ampel will und kann die FDP nicht – und die Hälfte der Grünen selbst nicht, Jamaica ist zumindest 2009 noch Utopie. Die Grünen können nur die Parole ausgeben: Wählt uns wieder in die Opposition. Das ist kein attraktives Wahlziel.
Die Zeit der Grünen kommt aber wieder: wenn die SPD in der Nach-Steinmeier-Ära koalitionsbereit für die Linkspartei wird, wenn mehr schwarz-grüne Koalitionen in den Bundesländern möglich sind. Die Frage ist nur: Halten die grünen Wähler so lange durch?