Sonntag, 10. Mai 2009, 23:56 Uhr
Angela Merkel hat ein Problem – und das heißt Ronald Pofalla. Je näher der Termin der Bundestagswahl rückt, um so deutlicher wird in der Partei die Kritik an dem Generalsekretär, um so schwieriger wird seine Position. Seine Autorität in der Partei tendiert gegen Null. Anrufe von Merkels Büroleiterin Beate Baumann haben inzwischen in der Partei eine größere Durchschlagskraft als die von Pofalla.
Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Pofallas Regionalkonferenzen mit Parteifunktionären waren ein Desaster. Teilnehmer berichten, der Inhalt seiner Ausführungen zum Wahlkampf sei noch schwächer gewesen als die Art seines Vortrages. Die Teilnehmer der Konferenzen, zu denen in kluger Voraussicht keine Presse zugelassen worden war, kehrten demobilisert an die Basis zurück, statt mobilisiert. Pofalla hatte nur eine Terminvorschau gegeben, substanziell, inhaltlich zum Wahlkampf nichts gesagt. Die Folge: die Verunsicherung in der CDU über die Leitlinien und Themen des Wahlkampfes nimmt zu.
Der zweite Grund ist die Kampagne der CDU zur Europa-Wahl: die Plakate gelten bei Funktionären der CDU als misslungen, sie seien im Stil der 80er Jahre, der Slogan “Wir in Europa” inhaltslos und die Zweitbotschaften zum Teil lächerlich – so der Satz: “CDU: für eine soziale Marktwirtschaft, die menschlich ist”. Wieso müsse die CDU als Erfinderin der sozialen Marktwirtschaft extra betonen, dass diese menschlich ist? So werde das eigene Markenzeichen dem Spott preisgegeben.
Auch mit seinen öffentlichen Auftritten hat Pofalla keine Durchschlagskraft. Es sind meist stereotype Durchschnittsbotschaften, die von den Hauptstadtjournalisten immer weniger zur Kenntnis genommen oder in kleinen Meldungen versteckt werden. Und Pofallas Fernsehauftritte sind so aufregend wie Bahn-TV. Mit Pofalla hat der “Scholzomat”, wie Arbeitsminister Olaf Scholz zu seiner Zeit als SPD-Generalsekretär genannt wurde, einen würdigen Nachfolger gefunden. Unvergessen, wie Pofalla Roland Kochs zweites Wahldesaster völlig realitätsentrückt als großen Sieg feierte.
Angela Merkel hat mit Pofalla also wirklich ein Problem, das Dumme ist nur: das Problem hat sie selbst geschaffen. Denn die CDU-Vorsitzende hat Pofalla genauso wie den autoritätsschwachen Fraktionschef Volker Kauder bewusst ausgewählt. Sie wollte in den beiden wichtigsten Parteipositionen keine Männer haben, die für sie zu Rivalen werden können. Niedriges Profil, schwache Performance, Loyalität statt Sachkunde – das sind offenbar die wichtigsten Voraussetzungen, um bei Merkel Karriere zu machen. Deshalb darf sich Merkel jetzt auch nicht wundern, dass Pofalla und Kauder im Wahlkampf nicht nur keine Hilfe sind, sondern dass sie – wie Pofalla – ihr inzwischen mehr schaden als nützen.
Und Merkel lässt Pofalla inhaltlich im Regen stehen. Ihre Wahlstrategie, sich so spät wie möglich festzulegen und nur in den letzten vier Wochen Wahlkampf zu machen, führt dazu, dass die CDU-Mitglieder bis heute nicht wissen, wofür und mit welchen Themen sie im Wahlkampf kämpfen sollen. Auch die Idee, mal wieder Steuersenkungen zu versprechen, ist in der CDU heftig umstritten, weil viele Funktionäre und auch Spitzenpolitiker davon ausgehen, dass ihnen die Wähler dieses Versprechen ohnehin nicht abnehmen. Ein zweites großes und mobilisierendes Thema ist nicht in Sicht. So steht die CDU einstweilen mit leeren Händen da. Außer dem inoffiziellen Motto “Auf die Kanzlerin kommt es an” gibt es bisher keine zugkräftige Wahlkampfbotschaft. Ob die ausreicht?
Am 27. September entscheiden am Ende ein oder zwei Prozent der Wähler darüber, ob die CDU/CSU mit der FDP regieren kann oder wieder in die große Koalition gezwungen wird. Und wenn diese fehlen, ist der Pofalla-Faktor schuld daran, der aber in Wirklichkeit ein Merkel-Faktor ist. Angela Merkel hat aus Misstrauen, aus kleinkarierter Absicherung ihrer Macht von Anfang an versäumt, die CDU breit aufzustellen und profilierte Mitspieler zuzulassen. Das rächt sich jetzt. Die CDU stellt zwar die Kanzlerin, hat aber bundespolitisch kein wahrnehmbares Sprachrohr mehr. Merkel allein zu Haus.