Boris Becker für den Papierkorb

Heute aus aktuellem Anlaß ausnahmsweise eine Anekdote über einen Größenwahnsinnigen, der nicht aus der Politik kommt: Boris Becker, der nach eigener Aussage eine “Weltmarke” ist und jetzt mit Boris-Becker.TV bei BILD.de endlich den “wahren Boris” zeigen will. Vor etwa 15 Jahren bekam “Bild am Sonntag” eines der raren Becker-Exklusivinterviews. Es lief auch ganz gut, bis die autorisierte Interview-Fassung zurückkam. Und sie war von besonderer Güte. Becker hatte sich zu Beginn des autorisierten Interviews selbst noch fünf Fragen gestellt und beantwortet, die ihm kein BamS-Reporter gestellt hatte und auch nicht stellen wollte. Er fragte sich selbst, warum er so erfolgreich und beliebt ist und erläuterte ausgiebig seine neuesten Werbeverträge.

Auf meinen Wunsch, dieses Selbstgespräch zu streichen und das ursprüngliche Interview wieder herzustellen, ließ Becker ausrichten, entweder erscheine das Interview so oder gar nicht. Ich entschied mich für gar nicht und das Interview verschwand für immer im Papierkorb der Redaktion. Das sollte auch heute mit Becker-Stories häufiger gemacht werden. Warum wirken eigentlich die Medien daran mit, die Nicht-Mehr-Weltmarke für neue Werbeverträge wieder aufzuladen?

P.S. Bei Politikern haben wir uns in vergleichbaren Situationen genauso verhalten.

Kommentare
15
Donnerstag, 07. Mai 2009, 13:27 Uhr

Offene Wunde der Linkspartei

Auf ihren Plakaten zur Europa-Wahl pflegt die “Linke” eine klare Sprache. Da heißt es “Konsequent sozial” und “Raus aus Afghanistan”. Aber von einer klaren Haltung, von “Konsequenz” und “Raus” ist in den eigenen Reihen nichts zu spüren. Eine Woche nach den blutigen Krawallen zum 1. Mai in Berlin ist der Bezirksverordnete der Linkspartei, Kirill Jermak”, der zu “sozialen Unruhen” aufgerufen und die Demonstration angemeldet hatte, immer noch Mitglied der “Linken” und ein Parteiausschluss auch nicht beantragt. Seiner Meinung nach wird die Polizei von “faschistischem Korpsgeist” beherrscht und habe die “bürgerkriegsähnlichen Zustände heraufbeschworen”.

Die Partei hat sich zwar offiziell distanziert, glaubwürdig aber ist das nicht. Der Berliner Chef der Partei “Die Linke”, Klaus Lederer, erklärte, eine Demonstration, von der Gewalt ausgehe, lasse sich “mit unserer Politik nicht vereinbaren”. Hohle Worte, solange die Konsequenz fehlt. Sie werden erst glaubwürdig, wenn sich die Linkspartei auch faktisch distanziert, das heißt, sich von Jermak trennt. Solange der Aufrührer Parteimitglied ist, bleiben die Krawalle vom 1. Mai für die Linkspartei eine offene Wunde und bestärken den Verdacht, dass die Grenzen zwischen “Linke” und Linksradikalismus nach wie vor fließend sind.

Kommentare
4

Warum Strauß meine Entlassung forderte

Im Mai 1980, Franz-Josef Strauß war schon CDU/CSU-Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl im selben Jahr, verlor die CDU die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen mit Pauken und Trompeten. In der CDU und in den Medien wurde diese Wahl als Testwahl für Strauß gewertet und der CSU-Chef für die Niederlage verantwortlich gemacht.

Über die Reaktionen schrieb ich in BILD auf Seite 1: “Während Franz-Josef Strauß die Wunden seiner Niederlage leckte, ging Helmut Kohl vor der Bundespressekonferenz in die Offensive…”. Das war für den bayrischen Löwen eine Majestätsbeleidgung. Denn natürlich waren seiner Meinung nach der von ihm verachtete Helmut Kohl und die CDU die Schuldigen. Strauß hatte schon früher in einem Gespräch mit mir bei Kohl einen “Wackelkontakt” festgestellt.

Strauß regte sich über den Satz in BILD so sehr auf, dass er vormittags zu Hause blieb, seine Sekretärin kommen ließ und ihr einen vierseitigen Protestbrief an Axel Springer diktierte, der in der Forderung gipfelte, mich wegen völliger Unkenntnis der politischen Zusammenhänge zu entlassen. Axel Springer verhielt sich korrekt und schickte den Brief zur Beantwortung an BILD-Chefredakteur Günter Prinz, der ihn wiederum an mich weiterleitete, damit ich den Antwortentwurf schreibe. So geschah es auch und ich lehnte es ab, mich zu feuern.

Kommentare
10
Sonntag, 03. Mai 2009, 23:02 Uhr

Europa-Wahl: Haie und weiße Schimmel

Wenn ich nachts in Berlin mit dem Hund Gassi gehe, lauert mir ein finsterer, bärtiger Mann auf. Joachim Zeller heißt diese dunkle Gestalt, die mir von einem Plakat droht, “Berlins Stimme in Europa” zu sein, wenn ich CDU wähle. Vielleicht muss man denen in Brüssel tatsächlich ein bißchen Angst einjagen, aber gleich so viel und was habe ich damit zu tun? Und braucht Berlin überhaupt eine Stimme in Europa? Bräuchte nicht eher Europa eine Stimme in Berlin? Meine etwa?

Morgens lächelt mich eine Straßenecke weiter eine nicht unattraktive blonde Dame an und verspricht mir, “Für Deutschland in Europa” zu sein. Für Deutschland in Europa, das klingt immerhin nicht ganz so provinziell wie “Berlins Stimme in Europa”. Aber warum soll ich deswegen FDP wählen? Sind nicht alle deutschen Europa-Abgeordneten für Deutschland in Europa – und nicht für den Iran oder Nordkorea?

Noch eine Ecke weiter ruft mir ein Plakat zu, “Finanzhaie würden FDP wählen”. Das wundert mich jetzt nicht besonders und irgendwie finde ich es auch beruhigend, dass die armen Finanzhaie nicht mehr ruhelos um die Welt ziehen müssen, sondern eine Heimat gefunden haben. Das Plakat ist übrigens von der SPD, die auch noch glaubt, dass heiße Luft die Linkspartei und Dumpinglöhne die CDU wählen würden. Aber warum soll ich SPD wählen, wenn die Finanzhaie endlich ein Zuhause haben?

Und dann, als “Krümel” an einem Baum eine längere Pause macht, entdecke ich ein kleines, bescheidenenes Plakat, ganz in grün gehalten, mit dem offenbar ein gewisser Herr WUMS ins Europa-Parlament gewählt werden will. Ich kannte bisher nur WamS und BamS und Bums, also trete ganz nah heran, weil die Schrift so klein ist.  Diesen Herrn WUMS gibt es offenbar gar nicht, sondern das ist eine Abkürzung für “Wirtschaft&Umwelt, Menschlich&Sozial”. Das ist wirklich ein Hammer, denke ich, während “Krümel” endlich sein großes Geschäft erledigt, da haben die Top-Werber der Grünen den “goldenen Nagel” wieder voll auf den Kopf getroffen.

Und schließlich sehe ich ein noch farbenfrohes Plakat, auf dem freundliche Menschen auf einen Laptop schauen, auf dem vor schwarz-rot-goldenem Hintergrund (offenbar der Bildschirmschoner) “Wir” steht und daneben “In Euopa”. Aha, wir sind in Europa, das stimmt, ist allerdings keine taufrische Information. Und dann steht da noch “CDU: für eine soziale Marktwirtschaft, die menschlich ist”. Ach, lehnt die CDU die “unmenschliche” soziale Marktwirtschaft endlich ab? Oder ist es nicht gerade ein Kennzeichen der sozialen Marktwirtschaft, dass sie menschlich ist? Galoppiert da etwa ein  “weißer Schimmel” durchs Bild? Oder weiß die Merkel-CDU 32 Jahre nach Ludwig Erhards Tod selbst nicht mehr so genau, was die soziale Marktwirtschaft ist?

Und jetzt wird`s doch noch ein bißchen ernst: Nach dieser ersten Blütenlese der Plakate zur Europa-Wahl liegt die gefühlte Wahlbeteiligung am 7. Juni bei etwa 35 Prozent.

P.S. “Krümel” ist am 4. Oktober gestorben – überfahren von einem Auto auf der Straße des 17. Juni in Berlin. Der kleine Findling aus Mallorca wurde nur 10 Monate alt. Sein (zu) großer Freiheitsdrang und seine Autophobie waren sein Verhängnis. “Krümel” hatte ein kurzes, aber glückliches Leben. Wir haben in sehr geliebt.


apparent media - iPhone Apps aus Berlin