Zu Guttenberg – Merkels neues Rückgrat
Neue Nieren kann man sich transplantieren lassen, Herzverpflanzungen sind inzwischen auch Routine, aber eines hat es bisher noch nicht gegeben: Rückgratverpflanzungen. Angela Merkel könnte die erste sein, bei der die medizinisch-politische Sensation gelingt: die Implantation eines neuen Rückgrats. Ihr neuer Halt heisst Karl-Theodor zu Guttenberg. Der Wirtschaftsminister könnte Merkels stabiles Rückgrat werden – wenn sie es nicht abstößt.
Seit Jahren verzweifeln Kritiker, aber auch viele in der eigenen Partei an der Kanzlerin: wofür steht sie eigentlich, was ist ihr Kompass, hat sie überhaupt Prinzipien? Ihr Rückgrat schien verbogen unter der Last der großen Koalition. Unvergessen ihr Auftritt bei Anne Will, wo sie fröhlich verkündete, mal liberal, mal konservativ, mal christlich-sozial zu sein. Und so ging sie auch durch die Krise: ihre Standpunkte wurden häufig nur von der taktischen Überlegung bestimmt, der SPD keinen Raum zur Profilierung zu geben, lieber gleich alles Sozialdemokratische mitzumachen, auch wenn in der CDU nicht nur der Wirtschaftsflügel daran verzweifelte. Wie verwirrt die CDU-Führung in Fragen der sozialen Marktwirtschaft war, zeigte auch das Plakat zur Europa-Wahl: “Für eine soziale Marktwirtschaft, die menschlich ist”.
Das hat sich geändert, seitdem ein – zumindest für die Politik – junger Mann Wirtschaftsminister wurde, der, ganz erstaunlich für die heutige Jungpolitiker-Generation, Prinzipien hat und diese auch deutlich formuliert. Dass zu Guttenbergs Karriere nur durch mehrere Betriebsunfälle möglich war (CSU-Wahldesaster in Bayern, das Scheitern der alten CSU-Garde, das Versagen von Michael Glos als Wirtschaftsminister) spricht nicht gegen ihn, sondern nur gegen die nicht funktionierende Elitenbildung der Parteien.
Angela Merkel hat sich zu Guttenberg nicht selbst ausgesucht, ihr neues Rückgrat wurde ihr von CSU-Chefarzt Seehofer implantiert. Und es tut seinen Dienst erstaunlich gut. Mit zu Guttenberg hat die Wirtschaftskompetenz der CDU/CSU wieder ein Gesicht. 61 Prozent der Wähler finden ihn und seine Politik prima, er ist inzwischen auf Platz 2 der Beliebtheitsskala, in Bayern war er am 7. Juni, obwohl er gar nicht zur Wahl stand, einer der Väter des Sieges.
Bei Opel musste zu Guttenberg zwar noch zurückstecken, weil Angela Merkel vor dem Ergebnis der Euiropa-Wahl noch nicht wusste, ob sie ihr neues Rückgrat behalten oder abstoßen soll. Jetzt scheint sie sich zum neuen marktwirtschaftlichen Rückgrat zu bekennen: sie folgte zu Guttenberg und ließ Arcandor in die selbstverschuldete Insolvenz gehen und machte keine taktischen Konzessionen mehr an die SPD. Die immer schärferen Angriffe von Frank-Walter Steinmeier auf den Wirtschaftsminister beweisen nur die Hilf- und Ratlosigkeit der SPD gegenüber dem Phänomen Guttenberg.
Wenn Angela Merkel klug ist, dann überlässt sie zu Guttenberg nicht nur der CSU, sondern macht ihn im Wahlkampf offiziell zu ihrer Nr. 2 – zum neuen Hoffnungsträger auch derjenigen CDU-Wähler, die schon zu Hause bleiben wollten. Dann wäre die Operation gelungen.
Angela und der schwarze Baron – das könnte das Dreamteam der CDU/CSU werden.








