Das Krawattenwunder

Beim ersten TV-Duell Schröder gegen Stoiber 2002 trugen beide sehr ähnliche rot-gemusterte Krawatten, fast zum verwechseln. In einigen Medien machten sich deshalb die Kommentatoren darüber Gedanken, was das zu bedeuten habe. Gab es etwa Absprachen? Wer hat daran gedreht?

Die Erklärung war ganz einfach. Stoiber hatte zum Duell in Berlin Adlershof drei Krawatten dabei: eine flimmerte, eine hatte einen Fleck und eine ging gar nicht. Daraufhin rasten die Leibwächter 45 Minuten vor Beginn des Duells in halsbrecherischem Tempo in Stoibers Berliner Hotel, um weitere Krawatten aus seinem Schrank zu holen. Unter ihnen war auch diejenige, die Schröders Krawatte verblüffend ähnelte, was aber keiner wissen konnte, weil die Kameratests getrennt gemacht wurden.

So hatten letztlich Stoibers Leibwächter die Duell-Krawatte ausgesucht, die hinterher zu allerlei Mutmaßungen Anlass gab.

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Sonntag, 19. Juli 2009, 16:57 Uhr

Merkel kann Seehofer nicht weglächeln

Es gibt in der Politik Entscheidungssituationen, denen kann ein Politiker nicht ausweichen – selbst dann nicht, wenn Wahlkampf ist. Vor einer solchen Entscheidung steht noch vor der Bundestagswahl Angela Merkel, wenn am 8. September im Parlament über die Begleitgesetze zum Lissaboner Vertrag abgestimmt wird. Durchmogeln, weglächeln, so wie beim CSU-Parteitag, das geht dann nicht mehr. Denn bei dem europafeindlichen Kurs (in den Medien euphemistisch “europaskeptisch” genannt), den die CSU unter ihrem Vorsitzenden Horst Seehofer eingeschlagen hat, ist kein Kompromiss mehr möglich.

Das Wort Europa kam in  Merkels Rede vor den CSU-Parteitag kein einziges Mal vor. Von einer Kanzlerin aber, die in der europapolitischen Tradition Konrad Adenauers und Helmut Kohls steht, kann auch vor einer Wahl eine klare Meinung, ein klares Bekenntnis zu Europa erwartet werden. Und ein klares Bekenntnis, dass eine Fortsetzung des CSU-Kurses zur Lähmung Europas, zur Zerstörung von Europas Zukunft führt.

Bei der CSU fing es mit den Erklärungen des leider wiedergewählten Europa-Abgeordneten Bernd Posselt an, der Gabriele Pauli nur deshalb, weil sie den Europa-Beitritt der Türkei offen halten will, als “Türken-Gabi” beschimpfte und Barack Obama, der für einen EU-Beitritt der Türkei warb, empfahl, die Türkei als 51. Bundesstaat der USA aufzunehmen. Keiner aus der CSU-Spitze stellte sich ihm in den Weg. Im Gegenteil, der Europa-Wahlkampf der CSU trug eindeutig türkeifeindliche, und damit unterschwellig fremdenfeindliche Züge.

Es ging weiter mit der Forderung nach Volksabstimmungen über die Aufnahme weiterer Mitgliedsstaaten zur EU, was Verhetzungskampagnen Tor und Tür öffnen würde. Dann folgte die exzessive Interpretation des Karlsruher Urteils zum Lissaboner Vertrag, wonach am Ende die bayrische Staatsregierung entscheidet, beziehungsweise miteinscheidet, wie es mit Europa im Detail weitergeht. Und es gipfelt jetzt in der Ablehnung eines EU-Beitritts Islands. Kroatien soll aber nach Meinung der CSU  aufgenommen werden. In Island ist ja auch die Hans-Seidel-Stiftung der CSU nicht aktiv.

Angela Merkel reagiert bisher wie immer: kommt Zeit, kommt Rat, schweigen, aussitzen. Aber Europa kann man nicht aussitzen. Hic Rhodos, hic salta – so hätte es Franz-Josef Strauß formuliert. Es ist beschämend für die CDU, dass sich bis Sonntag nur ein einziger Politiker aus der Parteispitze mit einem Plädoyer für das Europa Adenauers und Kohls öffentlich gemeldet hat: Jürgen Rüttgers in der “Süddeutschen”. Alle anderen tauchten ab wie Merkel – in der Hoffnung der bayerische Löwe werde irgendwann Ruhe geben. Das wird Horst Seehofer aber nicht tun. Er treibt die CDU und die Kanzlerin vor sich her, nutzt Wahlkampf und die Merkelsche Klarheitssschwäche hemmungslos aus, um auch noch die letzte europafeindliche Stimme am 27. September einzusammeln.

Der 8. September wird zeigen, ob es bei Merkel doch ein paar Grundprinzipen gibt, oder ob auch die historische europapolitische Verpflichtung der CDU auf dem Altar des Machterhalts geopfert wird. Merkel sollte sich nicht täuschen: die kabarettreif übertriebenen Liebesbekundungen Seehofers haben Ähnlichkeiten mit dem Todeskuss der Mafia.

P.S. Das wäre doch mal ein Thema für Steinmeier.

Dazu empfehle ich auch meine Beiträge “Die CSU und die Türken-Gabi” vom  07.04.2009 und “Seehofer – der Bonsai-Strauß” vom 15.03.2009

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Donnerstag, 16. Juli 2009, 11:14 Uhr

100.000 Besucher – danke!

Heute, genau fünf Monate nach dem Start, hat sprengsatz.de die Zahl von 100.000 Besuchern überschritten. Die Zahl der Visits steigt von Monat zu Monat – allein im Juni waren es 35.000. Darüber freue ich mich. Und ich bedanke mich, denn wer schreibt schon gerne ins Leere. Bedanken möchte ich mich auch bei allen, die mich weiterempfohlen und verlinkt haben.

Drei Blogger haben dem sprengsatz besonders geholfen: stefan.niggemeier wuchtete mit seiner Empfehlung unter “Schöne Blogs” den sprengsatz erstmals auf mehr als 1.000 Besucher täglich, Udo Vetter mit seinem lawblog mehrmals über 2.000 und Chris von fixmbr schickt mir mit seinen Empfehlungen immer wieder hunderte von Lesern. So haben sich allein für den meistgelesenen Beitrag mehr als 8.000 Besucher interessiert.

Und ich danke den 324 Kommentierern, die mit ihren 660 Kommentaren dafür gesorgt haben, dass es nicht zu harmonisch wird. Ganz besonders würde ich mich allerdings freuen, wenn sich noch mehr Kommentierer dazu entschließen könnten, mit offenem Visier unter ihrem eigenen Namen zu schreiben.

Ich hoffe, ich werde Sie auch künftig nicht langweilen.

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Mittwoch, 15. Juli 2009, 10:03 Uhr

Du rettest den Freund nicht mehr

Thomas Steg, der sich heute als stellvertretender Regierunssprecher verabschiedet, ist um seinen neuen Job nicht zu beneiden: Kommunikationschef des SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier. Das ist etwa so attraktiv wie Pressesprecher bei Vattenfall. Auch die SPD hat so viele Störfälle hinter sich, dass ihr am 27. September die Abschaltung droht. Das kann selbst ein so hervorragender Mann wie Steg kaum noch verhindern. 

Kommunikationsexperten können nicht erfolgreicher sein als das Produkt, das sie verkaufen. Und Stegs Produkt heißt Steinmeier, das laut Umfragen seit Monaten wie Blei in den Regalen liegt. Und die Firma, die dahinter steht, die SPD, hat im Wahlkampf bisher fast alles falsch gemacht, was man falsch machen kann: zu früh gestartet, die falschen Botschaften, öffentlich zerstritten, strahlt sie eine tiefsitzende Unsicherheit aus, die sich auf die Wähler überträgt. Sie hat den Europa-Wahlkampf nur mit Negativ-Campaigning gegen Finanz-Haie, Dumpinglöhne und heiße Luft bestritten und erfolglos versucht, Angela Merkel schlecht zu reden. Was bleibt jetzt noch? Steinmeier (“Prickel”) noch einmal neu erfinden? Dafür ist es zu spät. Es sind nur noch 74 Tage bis zur Wahl. Die SPD kann nur noch auf Fehler der CDU/CSU und FDP hoffen.

Für Thomas Steg gilt, was Friedrich Schiller schon in der “Bürgschaft” schrieb.”Du rettest den Freund nicht mehr”. Ich wünsche Steg das, was mir einer der genialsten SPD-Wahlstrategen, Bodo Hombach, 2002 wünschte, als ich für Edmund Stoiber arbeitete: Persönlich viel Erfolg, aber nicht für die Aufgabe. Und er muss aufpassen, dass ihn seine Genossen nicht hinterher zum Sündenbock machen.

Bei der SPD gibt es übrigens auch immer noch Franz Müntefering, dessen Realtitätsverlust schon Bunkermentalität angenommen hat. Er sagte in einem grotesken “Spiegel”-Interview, Frau Merkel könne schon mal die Koffer packen. Dabei wäre es schon ein Riesenerfolg für die SPD, wenn sie der Kanzlerin auch in der nächsten Legislaturperiode die Koffer tragen dürfte.

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Marxist – gut durchgebraten

1976 oder 1977 suchte ich für ein Abendessen mit dem damaligen Forschungsminister Hans Matthöfer (SPD) Bonns einziges Feinschmeckerlokal, das “Chez Loup”, aus. Das sollte sich als Fehler herausstellen, denn der erdnahe Ex-Gewerkschafter hatte mit Nouvelle Cuisine wenig am Hut. Nachdem der deutsche Patron weitgehend auf französisch seine Karte heruntergebetet hatte (viele Gerichte ”an”), meinte Matthöfer trocken: “Ich kaum etwas verstanden von dem, was Sie mir erzählt haben. Ich nehme ein Steak, gut durchgebraten”. Der Besitzer brach fast zusammen, aber Matthöfer amüsierte sich königlich. Matthöfer, der auch in Paris gearbeitet hatte, war einfach das vornehme Getue auf die Nerven gegangen.

Bei dem Essen dann ein verblüffendes Geständnis. “Ich bin Marxist”, sagte der spätere Minister und wiederholte auf Nachfrage sein zu Zeiten des Radikalen-Erlasses gewagtes Bekenntnis. Wenn er seine marxistische Grundhaltung bei seiner Berufung zum Minister öffentlich erklärt hätte, wäre es in der damaligen aufgeheizten Atmosphäre sicher eng geworden. Das mit dem Marxisten dürfte sich aber spätestens gelegt haben, als Matthöfer Finanzminister wurde und nach seinem Abschied aus der Politik Vorstandsvorsitzender der umstrittenen Gewerkschafts-Holding “Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft”.


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