Montag, 14. September 2009, 14:39 Uhr

20 verschenkte Minuten

Beim TV-Duell Merkel gegen Steinmeier redete jeder der beiden 35 Minuten. So weit, so uninteressant. Interessanter ist, was mit dem Rest der Sendezeit passierte: 20 Minuten verbrauchten die vier Moderatoren. Allein damit ist schon ein vernichtendes Urteil über dieses Sendeformat gesprochen.

20 Minuten, die fehlten, um über Bildung, Umwelt, Bürgerrechte zu streiten. 20 für Mätzchen und Eigenprofilierung vergeudete Minuten. Der einzige der vier, der sich wohltuend abhob, war Peter Limbourg. Kurz, ruhig und sachlich stellte er seine Fragen und erfüllte damit seinen Auftrag, dem Duell Raum zu geben. Abgesehen von der mangelnden Bereitschaft Merkels und Steinmeiers, in die Konfrontation über die wirklichen Zukunftsprobleme Deutschlands zu gehen, ist die Besetzung mit vier Journalisten  ein grundsätzlicher Konstruktionsfehler des Duells. Die Zuschauer müssen es geahnt haben: gegenüber 2002 und 2005 blieb jeder dritte weg.

Warum setzt man die beiden Kontrahenten nicht mit nur einem Top-Journalisten an einen Tisch und lässt sie miteinander streiten, wobei der Journalist als wirklicher Moderator nur stichwortartige Fragen vorgibt und nur dann eingreift, wenn geschwafelt wird? Oder macht es wie Österreich: Jeder Spitzenkandidat gegen jeden? Das heisst Merkel gegen Künast, Steinmeier gegen Lafontaine, oder Westerwelle gegen Seehofer. Das wäre allemal spannender als das Duell.

Heute Abend bei der Dreierrunde können Westerwelle, Lafontaine und Trittin beweisen, dass es auch anders geht. Bitte!

P.S. Nach dem Dreikampf: Danke!

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Schleyer und die Wahrheit

Darf ein Journalist bewusst die Unwahrheit schreiben, wenn es einem höheren Zweck dient? Vor dieser Gewissensentscheidung stand ich zum Glück nur einmal in meinem Journalistenleben. Es war 1977 während der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.

Während der Entführung gab es eine Phase, in der ein Mittelsmann der Bundesregierung über einen Genfer Anwalt Scheinverhandlungen mit der RAF über den Austausch Schleyers gegen 11 inhaftierte RAF-Terroristen führte, während gleichzeitig die Familie Schleyer in Industriekreisen ein Milllionen-Lösegeld sammelte. In dieser Phase kam es auf jeden Tag Zeitgewinn an, denn die Sicherheitsbehörden hofften, währenddessen eine Spur vom Entführten zu finden. Außerdem sollten die Terroristen von unüberlegten Handlungen abgehalten werden.

Deshalb bat die Bundesregierung über Regierungssprecher Klaus Bölling die “Bild-Zeitung”, eine Falschmeldung zu verbreiten. So erschien am 17.9.1977 in BILD ein Bericht von mir mit der Schlagzeile: “Schleyer: Bonn bereitet Austausch vor”. Daran stimmte kaum ein Wort, denn ein Austausch wurde nie ernsthaft erwogen, aber es war ein Versuch, mitzuhelfen, das Leben von Schleyer zu retten. Leider erfolglos.

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Sonntag, 13. September 2009, 23:14 Uhr

Plasberg killte das Duell

Es war etwa zur Halbzeit des TV-Duells, als Maybrit Illner die entscheidende Frage stellte: Wer zahlt für die Schulden? Wen trifft es? Bis zu diesem Zeitpunkt war das Duell so dahin geplätschert, mit einem konzentrierten Steinmeier und einer fahrigen Merkel. Und dann Illners Stromstoß. Plötzlich schien es doch noch spannend zu werden. Beide Duellanten gerieten ins Schwimmen, wichen einer konkreten Antwort aus. Steinmeier schwafelte davon, man müsse die Haushalte vorsichtig steuern. Merkel versprach sprudelnde Staatseinnahmen durch Steuersenkungen – die Erfindung des Perpetuum Mobile für die Politik.

An dieser Stelle hätten sich alle vier Moderatoren auf das Thema “Wen trifft es?” werfen müssen. Dann wäre es nicht nur spannend, sondern auch wichtig für die Zuschauer geworden. Dann hätte das Duell endlich die Fragen angesprochen, die die Wähler umtreibt, denen aber beide große Parteien im Wahlkampf ausweichen. Aber ausgerechnet der sonst so pfiffige Frank Plasberg befreite Merkel und Steinmeier aus der Bredouille und warf zur Unzeit das Stichwort Gesundheit in die Debatte. Und damit war die Chance vertan, beide zu konkreten Aussagen zu zwingen, wer für die Krise bezahlen soll. Plasbergs Eingangshinweis (“Wenn nicht jetzt, wann dann?”) wurde von ihm selbst ad absurdum geführt.

Steinmeier gab es aber immerhin noch die Chance, seinen stärksten Punkt zu machen, als er vorrechnete, dass Deutschland neun Prozent Wachstum bräuchte, um die Steuerversprechen von CDU und FDP zu erfüllen – ein völlig irreale Vorstellung. Sekunden später aber machte Steinmeier seinen schwersten Fehler des Abends, als er von sich aus das Wort Dienstwagen in den Mund nahm – ein klassisches Eigentor.

Einen zweiten Punkt machte der SPD-Herausforderer mit seinem Hinweis auf die Spenden aus Banken und Wirtschaft: Drei Millionen Euro für CDU und FDP, 200.000 für die SPD. Merkel wiederum punktete, als sie die Zerissenheit der SPD am Beispiel der Koalitionsdiskussion verdeutlichte: einerseits male die SPD Schwarz-Gelb als Schreckgespenst an die Wand, andererseits wolle sie mit der FDP koalieren.

Das war aber auch schon der ganze Erkenntnisgewinn aus dem Duell. Die übrige Zeit lobten die Kanzlerin und der Vizekanzler ihre schöne gemeinsame Zeit und verwendeten beide diesselbe Formel: Man könne Gutes auch noch besser machen. Und beide konnten den Verdacht nicht widerlegen, dass sie heimlich wünschen, es gemeinsam in den nächsten vier Jahren besser machen zu wollen – sei es bei den Managergehältern oder beim Thema Afghanistan, wo sie sich nur graduell unterschieden. Das war nicht “Ehen vor Gericht” (Illner), sondern eher ein Versöhnungstermin beim Familienrichter. Und spätestens beim Thema Kredit-Mediator (was immer das auch sein mag) war endgültig die Pause zum Bierholen.

Die kleinen Parteien werden die eigentlichen Gewinner des Duells sein.

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Freitag, 11. September 2009, 12:37 Uhr

Das Duell – die Kleinen sitzen mit am Tisch

Wenn 64 Prozent der Wähler vor dem TV-Duell glauben, Angela Merkel werde gewinnen, und nur 12 Prozent Frank Walter Steinmeier das zutrauen, dann steht der Sieger des Duells schon fest – zumindest auch in den Meinungsumfragen danach. Denn Angela Merkel müsste schon einen minutenlangen Blackout haben, um diesen Vorsprung noch zu verspielen.

Das heißt allerdings nicht, dass Merkel auch tatsächlich die Siegerin des Duells sein wird. Denn bei dem Duell geht es nicht mehr um die Stimmenverteilung zwischen CDU und SPD. Dieser Kuchen ist schon längst verteilt. Es geht um die Wähler der vom Duell ausgeschlossenen – heute noch so genannten – kleinen Parteien. Sie sitzen unsichtbar mit am Tisch ( bzw. stehen mit am Pult). Um ihre Stimmen ringen Merkel und Steinmeier in Wirklichkeit.

Merkel muss versuchen, den Aderlass zur FDP zu stoppen und Steinmeier muss darum kämpfen, wenigstens einige der zur Linkspartei und zu den Grünen abgewanderten Wähler zurückzuholen. Deshalb sind Steinmeiers wichtigste Themen beim Duell, mit denen er punkten muss, soziale Gerechtigkeit, Atomausstieg und Klimaschutz, Merkel dagegen muss die zur FDP geflüchteten Wähler davon überzeugen, dass die CDU immer noch die Partei der (sozialen) Marktwirtschaft ist.

Eine verschobene, aber interessante Schlachtordnung. Für Steinmeier ist es die allerletzte Chance: für ihn geht es bei dem Duell darum, ob die SPD doch noch 25 Prozent erreichen kann oder sogar unter die jetzigen Umfragen fällt. Er muss Merkel in eine harte, allerdings sachliche Konfrontation über die Themen zwingen, die für die Linkspartei- und Grünen-Wähler relevant sind. Merkel dagegen muss den zu Guttenberg geben. Allerdings nur dann, wenn ihr die Blutspendeaktion für die FDP nicht völlig gleichgültig ist – nach dem Motto: Hauptsache, ich bleibe Kanzlerin.

Steinmeier muss sein Beamten-Korsett sprengen, muss die Teflon-Schicht der Kanzlerin durchbrechen. Wie er diese Herausforderung bewältigt, entscheidet über die Wählerrelevanz des Duells. Und dafür braucht Steinmeier kurze, einprägsame Formulierungen, die durch ihre ständige Wiederholung bei den Zuschauern hängenbleiben.

Der bisherige Wahlkampf deutet leider eher auf einen anderen Verlauf hin: Merkel setzt ihren mütterlich umsorgenden Wahlkampfvermeidungswahlkampf fort, lässt Steinmeiers Attacken freundlich, vielleicht sogar witzig an sich abperlen. Und Steinmeier bleibt der sachlich-bemühte Beamte, der seine Politik nicht fernsehwirksam und damit auch nicht wählerwirksam formulieren kann. Ein torloses Spiel ist leider am wahrscheinlichsten – ein farbloses 0:0, ohne spannende Spielzüge. Dann hätte Merkel gewonnen.

Lesen Sie dazu auch meinen Beitrag “Wer rettet die SPD vor sich selbst?

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Mittwoch, 09. September 2009, 08:03 Uhr

Das erste TV-Duell – Korsett und Zwangsjacke

Am 25. August 2002 gab es das erste TV-Duell in der Geschichte der Bundesrepublik – das Duell der beiden Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder und Edmund Stoiber. Bis dahin trafen sich die Spitzenkandidaten aller Parteien in der sogenannten “Elefanten-Runde”. Da beide Parteien Neuland betraten, bereiteten sie das Duell akribisch in mehreren langen Sitzungen mit den Verantwortlichen der TV-Sender vor. Auf der Schröder-Seite  verhandelten Bela Anda, der stellvertretende Regierungssprecher, und Matthias Machnig, der SPD-Wahlkampfleiter, auf unserer Seite Stoibers Sprecher Ulrich Wilhelm (oder sein Stellvertreter Martin Neumeyer) und ich. Schnell erzielten wir eine Einigung darüber, dass das erste Duell bei den privaten TV-Sendern am 25. August, vier Wochen vor der Wahl, stattfinden soll.

Das zweite Duell sollte nach dem Willen der SPD am Wochenende vor der Wahl stattfinden, weil sie sich davon einen Vorteil für Gerhard Schröder versprach. Ich lehnte ab, weil wir noch genügend Zeit für mögliche Reparaturarbeiten bei einem negativem Ausgang für Stoiber haben wollten. Außerdem wollte der potentielle Koalitionspartner der CDU/CSU, die FDP, mit der ich während der Verhandlungen Kontakt hielt, kein Duell in den letzten zwei Wahlkampfwochen, um selbst noch genügend Aufmerksamkeit zu erhalten. 

Nach langem Ringen einigten wir uns mit der SPD auf zwei Wochen Abstand zur Wahl, wobei wir den Samstag (7.9.) favorisierten, die SPD-Seite den Sonntag (8.9.).  Am Samstag fand aber ein Länderspiel der deutschen Nationalelf statt. Hartmut von der Tann von der ARD verhandelte mit dem DFB, ob das Länderspiel verlegt werden könne -allerdings erfolglos. So kam es zum 8. September für das öffentlich-rechtliche Duell..

Mein Interesse war, die Duelle so formalisiert und regelementiert wie möglich durchzuführen, um dem situativ stärkeren Politiker, Gerhard Schröder, wenig Freiraum zu geben. Wir hatten uns dazu ausführlich mit den amerikanischen TV-Duellen beschäftigt und eine Mitarbeiterin von mir hatte in den USA mit den dort Verantwortlichen gesprochen. Das Ziel war, salopp gesagt, Stoiber ein stützendes Korsett zu verpassen, Schröder dagegen eine ihn einengende Zwangsjacke. Dies gelang in den Verhandlungen mit der SPD und den TV-Sendern auch – mit dem Ergebnis, dass Stoiber im ersten Duell als Sieger wahrgenommen wurde, weil er besser war, als von den Medien erwartet. Das zweite Duell verlor Stoiber, unter anderem auch deshalb, weil Schröder aus dem ersten Duell gelernt hatte und die Zwangsjacke sprengte.

Zur Geschichte dieser ersten TV-Duelle gehören eine Fülle von verbindlichen Protokollnotizen und ein notariell beglaubigter Vertrag zwischen den beiden Parteien sowie SAT1 und RTL. In diesem Vertrag wurde sogar geregelt, ob sich Schröder und Stoiber die Hand geben müssen.

Dieser Vertrag hatte folgenden Wortlaut:

1. Die Moderatoren richten ihre erste Frage an Herrn Schröder und ihre letzte Frage an Herrn Stoiber. Bei dem zweiten TV-Duell von Herrn Schröder und Herrn Stoiber, das am 08. September 2002 veranstaltet werden soll, geht die erste Frage an Herrn Stoiber und die letzte Frage an Herrn Schröder.

2. Herr Schröder steht bei dem Interview am 25. August 2002 an dem Rednerpult, das sich aus seiner Sicht auf der linken Seite befindet. Herr Stoiber an dem aus seiner Sicht rechten Rednerpult. Aus der Sicht der Moderatoren steht also Herr Schröder rechts und Herr Stoiber links. Bei der Veranstaltung am 08. September 2002 stehen die Interviewten an dem jeweils anderen Rednerpult. Die Winkel beider Rednerpulte sollen in bezug zueinander und in bezug zum Pult der Moderatoren genau gleich sein. Aus der Sicht der Interviewten sitzt der Moderator Peter Kloeppel rechts und der Moderator Peter Limbourg links.

3. Herrn Schröder und Herrn Stoiber stehen für ihre Antworten und auf die jeweilige Ausgangsfrage je 90 Sekunden zur Verfügung und für ihre Antworten auf Nachfragen je 60 Sekunden. 15 Sekunden vor Ende der Redezeit beginnt in den Rednerpulten und neben einer für den Redner sichtbaren Kamera jeweils ein gelbes Licht zu blinken. Mit Ablauf der Redezeit wird das Blinklicht auf Dauerlicht umgestellt.

4. Für Herrn Schröder und Herrn Stoiber wird jeweils eine Person die Zeit messen, welche die für die Antwort vorgesehene Redezeit (90 bzw. 60 Sekunden) überschreitet (Überziehungszeit). Wenn Herr Schröder und Herr Stoiber die für eine Frage vorgesehene Redezeit unterschreiten, wird dafür kein Zeitguthaben gebildet.

5. Unterbricht einer der Interviewten den anderen während der Beantwortung einer Frage, so wird nur diejenige Redezeit des Unterbrechenden als Überziehungszeit gemessen, die 5 Sekunden überschreitet. Sobald für den Unterbrechenden Überziehungszeit gemesssen wird, wird die Redezeit des unterbrochenen Redners angehalten.

In den Punkten 6 bis 10 wurde geregelt, wie die Überziehungszeit angezeigt wird, dass die beiden Duellanten bis zum nächsten Morgen keine Medienstatements zur Sendung abgeben, dass sie beim Verlassen des Studios keine Jornalistenfragen beantworten und das sie nur 30 Sekunden einem “Pool”-Fotografen für  Fotos an ihren Pulten zur Verfügung stehen. Außerdem wurde vereinbart, dass in dem “persönlichen Bereich” der Kontrahenten vor und nach der Sendung nicht gefilmt oder fotografiert werden darf.

Unter Punkt 11 hieß es: “Am Ende der Sendung verabschieden sich die Moderatoren von Herrn Schröder und Herrn Stoiber. Herrn Schröder und Herrn Stoiber ist es freigestellt, ob sie sich im Anschluss an die Sendung die Hand geben.”

In einer Protokoll-Notiz wurde geregelt, dass die Pulte “keinesfalls transparent sein dürfen. Sie werden höhenverstellbar sein und eine Schreibfläche haben. Darauf werden ausreichend weißes, unbeschriebenes Papier und ein Stift liegen”. Beide durften keine Unterlagen oder Notizen mitbringen. Und: “Das Konzept sieht keine Aufnahmen vor, die die Kandidaten von hinten zeigen, auch nicht im Anschnitt. Die Regie verfährt grundsätzlich nach der Regel: Wer redet, ist im Bild. Zwischenschnitte sind selbstverständlich möglich, müssen aber gleich verteilt sein.”

Außerdem wurde vereinbart: “Es gibt keine Eingangsstatements, wohl aber ein Schlussstatement der Kandidaten in einer Länge von je 90 sec.” Und es wurde festgelegt, dass nach dem Duell nicht sofort darüber diskutiert werden darf, sondern ARD und ZDF einen Nachrichtenblock und RTL und SAT1 Werbung dazwischenschalten. Vereinbart wurde mit SAT1 und RTL auch der Themenkatalog: “Folgen der Flut, Steuern und Abgaben, Arbeitsmarkt/Konjunktur, Familie, Zuwanderung, Irak/USA, Persönliches”.

Lesen Sie dazu auch die Anekdote “Das Krawattenwunder


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