Freitag, 17. Dezember 2010, 14:11 Uhr

The Guttenberg-Show must go on

Zum Ende der dieswöchentlichen Guttenberg-Festspiele ein kleines Resümee:

1. Die zu Guttenbergs verkaufen sich gut. Und das in jeder Hinsicht: sie verkaufen sich selbst gut und sie lassen sich gut verkaufen.

Zwischen den Medien und zu Guttenberg gibt es nach wie vor eine Win-Win-Situation, eine Komplizenschaft zu beider Nutzen. Magazintitel mit zu Guttenberg und Boulevard-Titelseiten mit seiner Frau bringen Auflage. Auf jeden Fall mehr als Prinz Harry oder Rainer Brüderle. Solange das so bleibt, ist von dem Teil der Medien, der vom Einzelverkauf und Einschaltquoten abhängig ist, kaum Kritik zu erwarten. Im Gegenteil: BILD, Focus, Bunte und viele andere werden zu Guttenberg und seine Frau Stefanie allein schon aus wirtschaftlichen Gründen immer wieder verteidigen und glorifizieren. Das wird sich erst ändern, wenn das Publikum der Guttenberg-Show müde wird und nach neuen Titelhelden ruft.

Praktisch: Focus-Chefredakteur Wolfram Weimer konnte für seine Guttenberg-Hagiographie im neuesten Heft (“Mann des Jahres 2010″) seine alte Laudatio wiederverwenden, die er vor einem Jahr gehalten hatte, als zu Guttenberg den Politikaward als “Politiker des Jahres 2009″ erhielt.

 2. Zu Guttenberg ist wieder einmal davongekommen.

Der Minister muss aber künftig vorsichtiger mit seinen Selbstinszenierungen sein. Zum ersten mal gab es Kritik vom Koalitionspartner FDP und sogar aus Reihen der CSU.

3. SPD-Chef Sigmar Gabriel hat sich mit seiner unterirdischen Einlassung (“Es fehlt nur Frau Katzenberger”) mal wieder selbst ins Knie geschossen und zu Guttenberg genutzt.

4. Verlierer sind die deutschen Soldaten in Afghanistan.

Von den Soldaten war in dieser Woche am wenigsten die Rede.Sie waren nur die Kulisse für das Ehepaar zu Guttenberg. In BILD hatten sie nur noch die Funktion, mit Kurzstellungnahmen Stefanie zu Guttenberg “gutt” zu finden. Bei “Kerner”, der ersten “embedded Talkshow”, kamen zwar die Soldaten mit ihren Kriegstraumatisierungen zu Wort, das wollten trotz aller Werbung aber nur eine Million Zuschauer sehen. Wahrscheinlich deshalb, weil Stefanie zu Guttenberg fehlte.

Vorerst gilt: The Guttenberg-Show must go on.

P.S. Meine Kritik ändert nichts daran, dass ich zu Guttenberg unverändert für einen respektablen Politiker halte, der mit der Bundeswehrreform gerade seine Meisterprüfung ablegt. Mich stört nur die penetrante Guttenberg-Show, die immer wieder die Sache überlagert. Guttenberg als Medienprofi hätte wissen müssen, dass die Mitreise seiner Frau ins Kriegsgebiet die Soldaten zur Staffage macht.

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Die Botschaftergespräche

Vorsicht, lautet jetzt die Parole in Berlin, wenn Du mit ausländischen Diplomaten sprichst. Das ist natürlich Unsinn, denn es kommt immer darauf an, was man sagt und nicht wem. Und dass man keine Geheimnisse ausplaudert.

Vor wenigen Wochen (also vor den Wikileaks-Enthüllungen) meldete sich bei mir ein amerikanischer Generalkonsul und bat um ein Treffen. Natürlich werde ich den Mann treffen und ihm genau das sagen, was ich immer sage oder schreibe. Das kann er dann gerne auch als Botschaftsbericht weitermelden.

So habe ich es immer gehalten: als Korrepondent in Bonn traf ich mich mit Diplomaten jeder Couleur, von Rumänen, Chinesen bis zu Amerikanern oder Holländern. Genauso habe ich mich auch verhalten, als ich Edmund Stoibers Wahlkampfmanager war. Da lud mich der britische Botschafter zum Essen in die Botschaft ein, der französische zum Tee (umgekehrt wäre besser gewesen). Das waren offene Gespräche und mit Sicherheit tauchte ich anschließend in der Wahlkampfeinschätzung der beiden Diplomaten auf, die sie an ihre Heimatministerien schickten. Aber warum auch nicht?

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Montag, 13. Dezember 2010, 16:12 Uhr

Der Minister, seine Frau, sein Talkmaster

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht das dasselbe. Als Bundespräsident Horst Köhler mit seiner Frau Eva Luise nach Afghanistan reiste, war das der Besuch eines zurückhaltenden, bescheidenen, unglamourösen Ehepaares bei den deutschen Soldaten. Der Star waren die Soldaten.

Wenn Karl Theodor zu Guttenberg mit seiner Frau ins afghanische Feldlager fliegt, dann ist das der Besuch eines extrovertierten, eher unbescheidenen, glamourösen Ehepaares vor der Kulisse der deutschen Soldaten. Das ist der Unterschied: bei den zu Guttenbergs besteht immer der Verdacht, dass Menschen und Orte medial instrumentalisiert werden. Der Star sind der Minister und seine Frau, nicht die Soldaten.

Vielleicht tut man ihm unrecht, aber der Eindruck verfestigt sicht, dass die Selbstinszenierung den guten Zweck überlagert. Darauf wäre bei Köhlers nie einer gekommen. Dazu trägt auch bei, dass Stefanie zu Guttenberg (“Ich wollte schon immer mal mitkommen”) inzwischen selbst eine Medienfigur geworden ist. Dabei ist sie – Pardon – erst einmal nur die Ehefrau des Verteidigungsministers. Sie hat kein politisches Mandat, sie hat nur eine von ihrem Mann geliehene Prominenz und Autorität.

Und wenn dann noch der” Talkmaster des Herzens”, Johannes B. Kerner, mit seiner aufwändigen TV-Technik dabei ist, dann wird der Eindruck der Medieninszenierung übermächtig. Der Minister, seine Frau, sein Talkmaster. Das globale Mediendorf ist überall, auch in Kundus.

Zu Guttenbergs Aufstieg gleicht dem des Artisten, der mit immer gewagteren Kunststücken seinen Zuschauern den Atem nimmt, gleichzeitig aber mit jedem neuen Kunststück seinen Absturz riskiert. Das ist überhaupt die interessanteste Frage: Wann ist die mediale Fallhöhe zu Guttenbergs so hoch, dass er nur noch abstürzen kann? Noch hat er sie nicht erreicht, aber der Minister kommt diesem Punkt von Mal zu Mal näher.

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Sonntag, 12. Dezember 2010, 13:16 Uhr

Kein Herz für Europa

Der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann wurde einmal gefragt, ob er Deutschland, ob er sein Vaterland liebe. Er antwortete: “Ich liebe meine Frau”. Würde Angela Merkel gefragt, ob sie Europa und die EU liebe, würde sie wahrscheinlich ähnlich antworten.

Die Bundeskanzlerin hat zu Europa keine emotionale, sondern eine kühle, sachlich-distanzierte Beziehung. Wie sollte es auch anders sein? Sie hat Europa geerbt, nicht entdeckt. Sie hat die europäische Einigung nicht miterlebt. Sie wurde in der DDR sozialisiert, da waren das westliche Europa und das Ideal der euopäischen Einigung Lichtjahre entfernt.

Wer von Freiheit träumen musste, träumte nicht von Europa. Und erlebte auch nicht die Jubelrufe, als die ersten europäischen Schlagbäume fielen, nicht die Fackelzüge, und konnte auch nicht das große politische Werk von Adenauer, de Gaulle, Schumann und vielen anderen mitverfolgen.

Angela Merkel ist schon von Natur aus eine pragmatische, emotionslose Politikerin. Wie sollte da jetzt ihr Herz für Europa entflammen? Ihr politisches Ideal ist die Freiheit, nicht die friedliche Grenzenlosigkeit Europas. Und so handelt sie auch. Nüchtern wägt sie Vor- und Nachteile im europäischen Prozess ab, immer geleitet von nationalen, von innenpolitischen Interessen: Nützt Europa Deutschland, nützt Europa der CDU, nützt Europa ihr und ihrer Kanzlerschaft?

Politiker wie Jean-Claude Juncker sind Merkel eher fremd. Ihr Pathos auch. Sie versteht möglicherweise gar nicht, was Juncker meint, wenn er sagt: “Wer zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen”.

Die beiden leben in zwei verschiedenen politischen Welten. Der eine will sein Europa, sein Friedensideal, dem er sein ganzes politisches Leben gewidmet hat, fast um jeden Preis verteidigen. Auch um den Preis, dass Deutschland, das reichste und erfolgreichste Land, am meisten dafür bezahlen muss. Er sagt es nicht so deutlich, aber er meint sicher auch, dass dieser Preis für das Land, das die Soldatenfriedhöfe zu verantworten hat, nicht zu hoch ist. Für Merkel ist das keine Kategorie. Zumindest hat sie das nie zu erkennen gegeben.

Deshalb sind die Konflikte im Europa des Jahres 2010 auch eine Folge dieser Sprach- und Verständnislosigkeit. Merkel fragt nüchtern: was bringt’s, was schadet’s?

Wenn Juncker den Euro mit gemeinsamen Euro-Anleihen stabilisieren will, dann tut er das mit der Befürchtung, dass Europa und die europäische Friedensordnung zerbrechen, wenn der Euro zerbricht. Wenn Merkel dies entschieden ablehnt, dann tut sie das aus Befürchtung, dass der immer höhere Preis für Europa irgendwann national bezahlt werden muss. Und zwar nicht nur mit Geld, sondern auch mit einer innenpolitischen Destabilisierung. Wenn sich die beiden Protestströme Islam- und Europafeindlichkeit vereinigen, dann steht in Deutschland die sechste Partei vor der Tür. Minarettverbot und Rückkehr zur D-Mark – das sind die Themen, aus dem die neue rechte Partei gemacht wird.

Zwei Welten, zwei Denkschulen, zwei unterschiedliche Interessen. Deshalb ist der Konflikt auch so schwer lösbar. Im Gegenteil: Merkels markige Haltung, frei von Sensibilität und Rücksichten, gibt den Europagegnern in Deutschland Auftrieb. Am Ende aber könnte sie vor beidem stehen: vor einem zerbrochenen Europa, vor einer zerbrochenen Kanzlerschaft und einer neuen Parteienlandschaft.

Merkel sollte mit ihren 56 Jahren noch einmal ein neues Ideal entdecken: Europa. Das heißt nicht, dass sie zu allem Ja und Amen sagt. Es heißt aber, sich endlich zu Europa emotional zu bekennen, auf die Sensibilitäten der anderen Staaten – auch aus historischen Gründen - Rücksicht zu nehmen, Europas Wirtschafts- und Finanzarchitekur weiterzuentwickeln, nicht abzuwickeln. Nur wer im Großen leidenschaftlich und überzeugend dafür ist, kann auch im Kleinen dagegen sein. Und die Europagegner überzeugen.

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Donnerstag, 09. Dezember 2010, 12:02 Uhr

Die Schwulenfeindlichkeit in der Politik

Der Fall Westerwelle/Metzner, die Affäre um Guido Westerwelles Ex-Büroleiter Helmut Metzner, offenbart, dass es in der Politik trotz aller Outings der vergangenen Jahre und trotz der liberalen Öffnung der Gesellschaft immer noch kein unverkrampftes Verhältnis zur Homosexualität gibt. Weil der FDP-Chef zögerte, sich von dem “jungen aufstrebenden Mitarbeiter” zu trennen, der die Koalitionsprotokolle zur US-Botschaft getragen hatte, wucherten in der FDP Gerüchte über “homosexuelle Seilschaften” in der FDP-Zentrale.

Zuerst berichtete darüber, gestützt auf natürlich anonyme Informanten, die FAS, dann die “Süddeutsche”. Metzner werde wegen seiner Homosexualität geschont, es gäbe eine “Solidarität unter Schwulen”, Generalsekretär Christian Lindner müsse sich von solchen Machenschaften lösen.

Das waren – aus der Anonymität heraus – nicht nur heftige Unterstellungen, sie zeigten aber auch, wie schnell aus einer nicht nur in der Politik unverändert latenten Schwulenfeindlichkeit  eine virulente werden kann. Und wie schnell sich sogenannte seriöse Zeitungen zu Weiterverbreitern und Verstärkern solcher Unterstellungen machen. Denn zur Beurteilung des Vorgangs ist es völlig gleichgültig, ob der durch Wikileaks enttarnte ”FDP-Veräter” und Zuträger der US-Botschaft hetero- oder homosexuell ist. Es ist ein rein arbeitsrechtliches Problem. Wären Westerwelle und Metzner heterosexuell orientiert, dann wären bei denselben Vorwürfen sicher keine vergleichbaren Verdächtigungen aufgekommen.

Nach wie vor ist die Toleranzdecke dünn, die in der Politik über eine homosexuelle Orientierung gebreitet wird.

Westerwelle ist allerdings der Vorwurf schlechten Krisenmanagements zu machen. Er hätte gleich die Konsequenzen ziehen müssen. Weil er zu lange zögerte, öffnete er die Tür für schwulenfeindliche Unterstellungen in seiner angeblich so liberalen Partei.


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