Zwei sind einer zu viel

Immer wieder gibt es die merkwürdige Konstruktion, dass Zeitungen oder Zeitschriften von zwei Chefredakteuren geführt werden. So ging es auch mir, als ich 1983 Chefredakteur des Kölner “Express” wurde. Der Verleger Alfred Neven DuMont traute einem “jungen Mann” von 35 Jahren nicht zu, die Zeitung allein zu führen und machte deshalb einen altgedienten Journalisten zum Co-Chefredakteur. Aber schon bald zeigte sich, dass diese Konstruktion nicht funktioniert.

Ich verbrachte die Hälfte meiner Zeit damit (obwohl ich den 1-A-Vertrag hatte), mit dem Co-Chefredakteur meine Entscheidungen abzustimmen oder seine Entscheidungen zu korrigieren. Deshalb bat ich den Verleger, die Doppelspitze aufzulösen und sich für einen zu entscheiden – was dann auch zu meinen Gunsten geschah.

Ein Unternehmen und auch Zeitungen oder Zeitschriften brauchen einen Chef, der entscheidet und dafür auch das volle Risiko trägt. Dennoch werden Doppellösungen immer wieder installiert – häufig auch nach dem alten Grundsatz “Divide et impera”. So können Verleger oder Vorstandschefs die Chefredakteure gegeneinander ausspielen und die aus ihrer Sicht zu große Macht eines alleinigen Chefredakteurs verhindern.

Das führt aber in der Regel zu einer Verflachung des Blattes auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner – oder zur Blockade.

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Sonntag, 30. Januar 2011, 13:29 Uhr

Das Ende der Methode Guttenberg

Ein paar Schrammen, aber immer noch der beliebteste deutsche Minister. So die neuesten Umfragen. Der Pakt des Karl Theodor zu Guttenberg mit dem Volk scheint zu halten. Scheint, denn es wäre fatal, wenn sich der Verteidigungsminster jetzt selbstzufrieden zurücklehnen würde nach dem Motto: Alles halb so schlimm.

Denn in den vergangenen zehn Tagen ist die Methode Guttenberg gescheitert, seine Art Politik zu machen und zu zelebrieren, seine Methode, mithilfe der Medien über die Köpfe des Parlaments und seines Apparats hinweg mit den Wählern direkt zu kommunizieren.

Diese Methode hat Tradition: immer wieder versuchen Politiker, aber auch Unternehmensführer, direkt mit dem Volk (oder der Belegschaft)  zu kommunizieren, so zu führen und ihre Position abzusichern. Der Politiker benutzt dafür die Medien, der Unternehmensführer Belegschaftsversammlungen, Intranet und einen guten Draht zum Betriebsrat.

Alles, was dazwischen ist, also Parlament, Parteigremien und der Beamtenapparat (beim Politiker) oder das obere und mittlere Management (beim Unternehmenschef) wird von solchen Führungsfiguren als Lähmschicht angesehen, als Menschen, die sie nur bei der Arbeit behindern und der Durchsetzung ihrer höheren Weisheit im Wege stehen.

So hat auch zu Guttenberg lange Zeit erfolgreich Politik gemacht und dabei Parteiprogramme und Positionen selbst höchstrangiger Politiker (Horst Seehofer) ausgehebelt. Im Ministerium war deshalb alles, was Medienunfrieden und Medienkampagnen bedeuten könnte, Chefsache. Da wurden dann auch mal Entscheidungen ohne Konsultation der Bundeswehrspitze und auch im Gegensatz zu den noch wenige Stunden zuvor geäußerten eigenen Meinungen überfallartig getroffen.

Hauptsache, der Chef erscheint entscheidungsfreudig, erweckt den Eindruck, alles im Griff zu haben, gibt sich den Anschein, er kümmere sich um die  Sorgen der kleinen Leute, lässt sich nicht von der Lähmschicht beinflussen. “Erscheint”, “erweckt den Eindruck”, “gibt sich den Anschein” – genau das ist das Problem von und mit zu Guttenberg. Es geht meist um den Schein. Er ist ohne Zweifel eine der talentiertesten und beindruckendesten politischen Neu-Erscheinungen seit vielen Jahren – aber eben nach wie vor eine ”Erscheinung”.

Diese Methode Guttenberg ist jetzt zusammengebrochen. Der direkte Draht zum Volk scheint zwar, wenn auch beschädigt, noch zu funktionieren, aber die Lähmschicht schlägt jetzt zurück. Die Bundestagsabgeordneten wollen sich nicht länger wie Lakaien abbürsten lassen. Die Kritik reichen bis tief in die Reihen der CDU/CSU hinein. Die Abgeordneten sind es leid, von ihm hochnäsig als von “bemerkenswerter Ahnungslosigkeit” bezeichnet zu werden, wegen der “Qualität ihrer Fragen” vom Minister gerügt zu werden, oder die Empfehlung zu bekommen, “die Zeitung zu lesen”.

Genau das ist das Problem: das Parlament will nicht aus der Zeitung erfahren, was in der Bundeswehr und im Verteidigungsminsterium schief  läuft und was der Minister entschieden hat, sondern vom Minister und seinen Leuten direkt. Der Souverän ist zwar das Volk, aber die Parlamentarier sind seine obersten Repräsentanten, nicht die Administration.

Und der Minister hat seinen eigenen Apparat gegen sich aufgebracht: die Inspekteure, die Offiziere, die Beamten. Sie wollen auch nicht länger als Lähmschicht  betrachtet und von den Spontanentscheidungen des Ministers ausgeschlossen werden. Der Minister hat seinen Nimbus bei der Bundeswehr verloren, da kann er noch so oft den Afghanistan-Krieg korrekterweise ”Krieg” nennen. Das reicht nicht. Nicht nur die Offiziere, sondern auch die einfachen Mannschaften werden zunehmend merken, dass sie entweder als Staffage (zu Guttenbergs Afghanistan-Besuch mit Ehefrau Stefanie) oder als Kanonenfutter (Gorch Fock) missbraucht werden.

Genau diese aber, Parlament und Bundeswehroffziere, braucht zu Guttenberg, um auch künftig erfolgreich zu sein. Das Parlament muss seinen Sparwillen (oder Sparunwillen) mittragen, die Offiziere den gewaltigsten Umbau der Bundeswehr seit ihrer Gründung. Zu Guttenberg braucht also künftig die verachtete Lähmschicht, um politisch überhaupt noch etwas bewegen zu können: den Umbau der Bundeswehr von der Wehrpflicht- zur Freiwilligenarmee, die Strukturreform, den weiteren Teilumzug von Bonn nach Berlin, die Verkleinerung des Ministeriums.

Zu Guttenberg steht vor einer gewaltigen Herausforderung und hat genau diejenigen, die er zur Bewältigung dieser Herausforderung braucht, systematisch gegen sich aufgebracht. Ein taktisches Desaster.  

Und auch die Sache mit den Medien läuft nicht mehr rund. Die “strategische Partnerschaft” (FAZ) zwischen BILD und dem Minister ist identifiziert, die restliche (Mehrheits-)Presse will dieses  Spezial-Bündnis nicht länger akzeptieren und schießt sich darauf ein. Ein kommunikatives Desaster.

Toll gemacht, Herr Minister!

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Montag, 24. Januar 2011, 12:55 Uhr

Der BILD-Minister

Von Heinz-Oskar Vetter, dem früheren DGB-Vorsitzenden, stammt der Satz: “Wer sich in BILD begibt, kommt darin um”. So weit ist es zwar bei Verteidigungsminister zu Guttenberg noch nicht, aber seine Nähe zu BILD könnte für ihn verhängnisvoll werden. BILD war maßgeblich daran beteiligt, ihn zum beliebtesten Politiker hochzuschreiben. Welche Rolle spielt die Zeitung bei seinem möglichen Abstieg? 

Zu Guttenberg posierte in Top-Gun-Pose auf Seite 1 für die 3D-Ausgabe von BILD, seine Frau ist Botschafterin der BILD-Aktion “Ein Herz für Kinder”. Kaum ein Zeitungstag ohne zu Guttenberg. Er verkaufte sich selbst gut und verkaufte sich auch gut. Immer wieder feierte ihn BILD seitenweise und verteidigte ihn und seine Frau, wenn Kritik aufkam – zum Beispiel an der Reise seiner Ehefrau mit ihm nach Afghanistan: “Wir finden sie gutt”. Und eine mit zu Guttenbergs befreundete BamS-Redakteurin schrieb seine liebevolle Biographie. 

Jetzt könnte zu Guttenbergs Nähe zu BILD zumindest zum Karriereknick führen. Am vergangenen Freitag warnte zu Guttenberg in der “Gorch-Fock”-Affäre noch vor Vorverurteilung, um dann am selben Tag kurz vor Mitternacht nach dem Anruf eines BILD-Redakteurs den Kommandanten zu suspendieren. Die Zeitung mit dem Bericht über weitere Missstände auf dem Segelschulschiff war noch gar nicht erschienen, als der bis dahin angesehene Offizier schon abberufen war.

So viel zum Thema Vorverurteilung und darüber, wie bei der Bundeswehr eine objektive Untersuchung aussieht. Eine Zeitung aber kann nie der Ratgeber eines Ministers sein, denn sie hat ihre eigene Logik, die nur in Schönwetterzeiten mit der des Politikers übereinstimmt.

Und in der Affäre um den Tod eines Soldaten in Afghanistan, der angeblich beim Waffenreinigen starb, informierte zu Guttenbergs  parlamentarischer Staatssekretär Kossendey zu einem Zeitpunkt das Parlament falsch, als schon längst klar war, dass der Soldat Opfer eines Kameraden wurde, der offenbar “in spielerischer Weise” mit seiner Waffe umging.

Zu Guttenberg hat zumindest sein Ministerium nicht im Griff. Information ist aber in einem solch skandalträchtigen Ministeriums nicht nur eine Bring-, sondern auch eine Holschuld. Zu Guttenberg, der während einer Reise mit der Kanzlerin vom Tod des Soldaten erfuhr, hätte sich selbst erkundigen müssen, was es Neues in dem Fall gibt. Denn offenbar wusste er schon sehr früh, dass ein zweiter Soldat beteiligt war.

Der Verteidigungs- und Medienminister in eigener Sache, der immer darauf aus war, “bella Figura” zu machen, macht keine gute Figur. Er darf sich auch nicht wundern, dass jetzt alle über ihn herfallen und auch diejenigen ihn runterzuschreiben versuchen, die ihn vorher hochgeschrieben haben. So sind halt die Gesetze der Medien, so ist der berühmte Paternoster-Effekt. Und die politischen Neider, die eine sichere Zweidrittel-Mehrheit im Bundestag haben, fallen jetzt nur zu gern über zu Guttenberg her. Es gibt keinen funktionierenden Firewall für zu Guttenberg mehr – weder gegenüber den Medien noch im Verhältnis zu Parlament und Regierungsparteien.

Wenn er daraus lernt, kann zu Guttenberg die Skandale und Affären überstehen. Lernen heißt: Arbeiten, arbeiten, arbeiten. Sich selbst kümmern, im Ministerium und in der Truppe aufräumen, ein Frühwarnsystem installieren, die Informationswege neu organisieren. Mehr Ministerium, weniger Medien. Mehr harte Arbeit, kein Medien-Posing und keine Homestories mehr, weniger gesellschaftliche Auftritte. Wenn zu Guttenberg das macht, kann er die Affären überstehen und dann vielleicht sogar gestärkt daraus hervorgehen.

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Sonntag, 23. Januar 2011, 14:05 Uhr

Die Lebenskrise der starken Männer

Im Laufe des Lebens eines jeden Menschen, der beruflich Karriere gemacht hat, kommt der Punkt, an dem er sich, ermüdet vom beruflichen Kampf, fragt: War das jetzt alles? Die einen schlucken dann Psychopharmaka, andere suchen sich eine neue Frau, wiederum andere steigen aus. Die einen werden Bio-Bauer in Bayern, andere umsegeln die Welt oder pressen Olivenöl in der Toskana.

Auch Politiker, die Karriere gemacht haben und dann auf hohem Niveau auf ihren Posten festsitzen, kommen in eine solche Krise. Nach oben geht’s nicht weiter, nach unten wollen sie verständlicherweise nicht wieder zurück.

Was tun? Politiker haben dann allerdings andere Möglichkeiten als normal Sterbliche: der eine geht für viel Geld zu Bilfinger-Berger (Roland Koch), der andere zu Roland Berger (Ole von Beust oder zur EU (Günther Oettinger), wiederum andere lassen sich von der Chefin, die sie eigentlich ablösen wollten, nach oben zum Bundespräsidenten wegbefördern (Christian Wulff). Das Problem von Koch und Wulff war: bis 2013 versperrt Angela Merkel denn Weg nach ganz oben, dann ist möglicherweise bis 2017 Opposition angesagt.  

Jetzt hat wieder einer von der aufreibenden politischen Arbeit und der Karriere genug: Peter Müller aus dem Saarland. Er will Verfassungsrichter werden, ein ruhiger, gut dotierter Job (12.500 Euro monatlich) ohne Neider, die am Stuhl sägen, angesehen und wichtig. Dass er damit einer unguten Tradition folgt, nämlich hochrangige Parteipolitiker, zu “unabhängigen” obersten Richtern zu befördern, dürfte ihm ziemlich egal sein.

Er ist kein Opfer der angeblich männermordenden Angela Merkel, er hat schlicht und einfach keine Lust mehr, sich bis zur nächsten Landtagswahl dahinzulangweilen und auf seine Abwahl zu warten. Interessant aber ist, dass Müller das letzte prominente Mitglied des Karriere-Netzwerks Anden-Pakt ist, eines Vereins, der es nicht geschafft hat, eines seiner Mitglieder bis ins Kanzleramt zu befördern. Die Männerbünde in der CDU haben ausgespielt. Nachfolgerin im Saarland ist eine Frau.

Es gibt in der CDU keine starken Männer mehr. Die neuen Ministerpräsidenten können sich mit Müh und Not in ihren Jobs behaupten (Stefan Mappus vielleicht nicht einmal das), aber für höhere Aufgaben empfehlen sich weder Volker Bouffier (Hessen) noch David McAllister (Niedersachsen).

Und der letzte CDU-Mann, dem man noch Höheres zugetraut hat, Norbert Röttgen, verspielt gerade in NRW seine Chancen. Wankelmütig, übertaktierend aus Angst vor einem Abstieg in die Provinz, vergibt der Umweltminister die Chance, die angeschlagene Hannelore Kraft vor sich herzutreiben. Und er schmeißt sich prophylaktisch schon mal an die Grünen ran, die seine Partei gerade zum offiziellen Hauptgegner (“Dagegen-Partei”) erkoren hat. Und auch er hat schon früher mit dem Ausstieg gespielt.

Wenn auch Röttgen seine Chance verspielt, dann gibt es in der CDU nur noch eine Frau, die vielleicht einmal Angela Merkel beerben könnte: Ursula von der Leyen.  Dann kommt das personelle Nichts – zumindest das männliche . Sie wird 2017 59 Jahre alt. Das ginge noch. Allerdings gibt es noch den Freiherrn aus Bayern. Der wird 2017 erst 47. Aber der ist erst einmal damit beschäftigt, seine Karriere zu retten.

Lesen Sie dazu auch “Die Lebensabschnittspolitiker

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Donnerstag, 20. Januar 2011, 12:37 Uhr

Der Anti-Menschenwürde-Sender

“Die Würde des Menschen ist unantastbar” (Artikel 1 des Grundgesetzes)

RTL ist ein toller TV-Sender. Immer neue Reichweitenrekorde, großartige Geschäftsergebnisse. Geschäftsführerin Anke Schäferkordt kann stolz auf ihre Arbeit sein.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite der Medaille ist, dass diese Ergebnisse immer häufiger mit einer gezielten Verletzung der Menschenwürde erkauft werden. RTL, der Anti-Menschenwürde-Sender. Der planmäßig organisierte Verstoß gegen Artikel 1 des Grundgesetzes ist RTL-Geschäftsmodell. Ob bei “Bauer sucht Frau”, “DSDS” oder im “Dschungelcamp” – fast täglich sorgen Bloßstellung und Erniedrigung von Menschen für Quotenrekorde.

Der Sender appelliert an die niedrigen Instinkte der Zuschauer: Voyeurismus, Schadenfreude. Und das nicht nur bei den sogenannten Unterschichten. Auch gebildete Menschen verfolgen solche Sendungen mit einer Mischung aus Faszination, Selbstekel und Fremdschämen.

Besonders schlimm ist die neueste Staffel des (professionell perfekt gemachten) “Dschungelcamps”. Eine mittellose Schauspielerin, eine psychisch labile junge Frau und andere werden täglich bloßgestellt, psychisch fertiggemacht und Millionen Menschen zum Gespött preisgegeben. Höhepunkt der Perfidie: die Schauspielerin, deren letztes und einziges Engagement offenbar diese Show ist, wird mit Stromstößen gefoltert auf einer Art elektrischem Stuhl. Es fehlt nur noch Waterboarding.

RTL wird einwenden, alle Teilnehmer bekämen hohe Gagen (zwischen 30.000 und 60.000 Euro) und wüssten, auf was sie sich einlassen. Das stimmt nicht, denn erstens wussten die Teilnehmer nicht, dass jetzt auch Stromstöße zum Quälrepertoire gehören und zweitens, und das ist das wichtigere Argument: die Menschenwürde ist nicht veräußerbar. Auch nicht vom einzelnen Besitzer der Menschenwürde.

Und damit kommt die gesellschaftliche Verantwortung des größten deutschen Privatsenders ins Spiel. Nicht alles, was Menschen scheinbar freiwillig mit sich geschehen lassen, ist auch verantwortbar. Wenn Landesmedienanstalten überhaupt einen Sinn haben, dann den,  über den Schutz der Menschenwürde zu wachen. Die Grenzen haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr verschoben. Es wird Zeit, sie wieder klar zu ziehen.


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