Politiker-Mikado
In Nordrhein-Westfalen wird jetzt ein Spiel gespielt, das Parteien in schwierigen Situationen lieben, aber die Wähler hassen: Politiker-Mikado. Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. So verhalten sich sich alle Landtagsparteien nach der sensationellen einstweiligen Anordnung des NRW-Verfassungsgerichts, die zusätzliche Neuverschuldung für den Nachtragshaushalt 2010 zu stoppen. Keiner will sich bewegen – aus Furcht, bei möglichen Neuwahlen zu verlieren.
Dabei ist die Lage klar: das Verfassungsgericht hat der rot-grünen Minderheits-Regierung die Geschäftsgrundlage entzogen, denn es ist nicht zu erwarten, dass der endgültige Richterspruch wesentlich hinter der einstweiligen Anordnung zurückbleibt. Und eine Regierung ohne Geschäftsgrundlage hat ihre Chance verwirkt. Neuwahlen sind nach einem gescheiterten Nachtragshaushalt eigentlich unausweichlich, wären polithygienisch die sauberste Lösung. Insbesondere bei einer Regierung, die ohnehin keine Mehrheit hat.
Aber keiner will Neuwahlen. Die SPD nicht, weil sie mit einer angeschlagenen Hannelore Kraft mit Verlusten rechnen muss. Die FDP und die Linkspartei nicht, weil sie bei Neuwahlen aus dem Landtag ganz verschwinden könnten. Und die CDU auch nicht, weil sie kaum mit einem besseren als dem schlechten Ergebnis von Mai 2010 rechnen kann. Nur die Grünen könnten sich verbessern, sind aber auch merkwürdig still. Auch Spitzenfrau Sylvia Löhrmann will ihre Forderung aus einem “Spiegel”-Interview nicht wiederholen.
Die SPD und die Grünen hat die einstweilige Anordnung offenbar kalt erwischt. Nur so lässt sich die ausweichende und wenig selbstsichere Reaktion von Hannelore Kraft erklären. Die trauigste Rolle spielen CDU und FDP. Die CDU verlangt nicht einmal Neuwahlen, sondern ihr Landeschef erklärt lediglich “Wir stehen bereit”. Defensiver geht es für eine Oppositionspartei kaum. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass Norbert Röttgen nach Neuwahlen für fünf Jahre aus den Berliner Höhen in der Düsseldorfer Versenkung verschwinden würde.
Und die FDP bestätigt wieder einmal den alten Satz von Franz-Josef Strauß: “Das einzige Zuverlässige an der FDP ist ihre Unzuverlässigkeit”: Ihr Fraktionschef, der Grünen-Fresser Gerhard Papke, liebäugelt plötztlich mit einer Ampelkoalition. Prinzipienverrat aus Angst vor dem politischen Tod.
Alle NRW-Parteien bieten ein trostloses Bild. Dabei wären Neuwahlen die einmalige Chance, die Staatsverschuldung zum zentralen Wahlkampfthema zu machen, zur Volksabstimmung darüber, wie weit künftige Generationen durch die hemmungslose Ausgabenpolitik belastet werden dürfen. Aber genau diese Volksabstimmung scheuen alle Parteien, denn alle sitzen im Glashaus und trauen sich deshalb nicht, den ersten Stein zu werfen. Das Politiker-Mikado in NRW wird weitergehen – und die Parteienverdrossenheit weiter steigen.








