Samstag, 05. März 2011, 12:58 Uhr
Karl Theodor zu Guttenberg bleibt auch nach seinem Rücktritt eine politische Ausnahmeerscheinung. Es gab noch nie einen Minister, dessen Comeback sofort nach der Rücktrittserklärung diskutiert wurde, so als sei seine Demission nur eine Schaffenspause, eine kurze Unterbrechung seiner glanzvollen Karriere. Wertkonservative in der CDU/CSU, die glauben, Anstand und Ehrlichkeit gehörten zum unveräußerlichen Wertefundament ihrer Partei, reiben sich verwundert die Augen: Was ist mit meiner Partei passiert?
Die CDU/CSU hat ihre Grundwerte vorübergehend außer Kraft gesetzt, eines für Parteien höheren Zieles wegen: sie treibt eine größere Angst um als der Ansehensverlust bei Wertkonservativen und Wissenschaftlern, die Angst vor dem 27. März. Sie fürchtet, der 27. März, der Tag der Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, könnte zum Tag des Zorns werden, an dem die Guttenberg-Fans ihre Wut über den Sturz ihres Idols an der CDU auslassen.
Diese Wähler werden deswegen zwar nicht zu einer anderen Partei überlaufen, aber sie könnten massenhaft zuhause bleiben und damit die Stimmanteile der Konkurrenzparteien nach oben treiben. Bei der CSU wiederum ist es die Angst, dass ihr Umfragenhöhenflug in Bayern, den sie nicht Horst Seehofer, sondern zu Guttenberg zu verdanken hat, wieder vorbei sein könnte. Schon meldet Emnid zwei Prozent weniger für die CDU in Baden-Württemberg. Und die Umfrage war am Tag des Rücktritts schon abgeschlossen.
Deshalb vergeht fast kaum eine Minute, in der nicht irgendein CDU- oder CSU-Politiker zu Guttenberg lobt. Täglich werden aus CDU und CSU seine Leistungen als Verteidigungsminister gepriesen und zu Guttenbergs Rückkehr in die Politik prophezeit oder gefordert. Er wird weiter verklärt, der Starkult weiter gepflegt. Horst Seehofer sieht den Politiker (“Er gehört zu den genialsten Köpfen, die wir je hatten und haben”) schon wieder für jedes Amt geeignet.
Dahinter steckt die flehentliche Bitte an die Guttenberg-Fans: Straft uns nicht ab! Wir können nichts dafür!
Die Unionsparteien wollen den Wählern einreden: Es war nicht die Kanzlerin, die mit ihrer Erklärung, sie habe keinen “wissenschaftlichen Assistenten” eingestellt, aus dem Proteststurm der Wissenschaft erst einen Orkan machte. Es war nicht Bundestagspräsident Norbert Lammert, der im Plagiatsskandal einen “Sargnagel für das Vertrauen in die Demokratie” sah. Es war nicht die enge Merkel-Vertraute Annette Schavan (früher Baden-Württemberg), die sich öffentlich für zu Guttenberg schämte.
Es war die böse Medienmeute, die den Superstar ins Aus gehetzt hat, die böse Opposition. Der “Karl-Theodor” ist immer noch einer von uns. Wenn ihr ihn wiederhaben wollt, müsst ihr uns treu bleiben!
Wie leider häufig in der Politik, geht es vor Wahlen nicht um Fakten, oder gar um Moral und Anstand, sondern um taktisches Kalkül. Angesichts der Angst vor dem Tag des Zorns scheinen die Meinungen einer kleinen Minderheit aus Wissenschaftlern und Wertkonservativen vernachlässigbar. Die Mehrheit der Guttenberg-Anhänger ist wichtiger – zumindest bis zum 27. März. An diesem Tag finden neben den Landtagswahlen Phantomwahlen statt, bei dem die Wähler mit der Stimmabgabe für die CDU einen Politiker wählen sollen, den es gar nicht mehr gibt und der gar nicht zur Wahl steht.
Verrückte Welt, aber so ist Politik in Zeiten der Starkults.