Die schnelle Frau Merkel
Ist das noch die Angela Merkel, die viele so wenig schätzen und lieben? Die Merkel, die zaudert, aussitzt, wartet, bis der letzte Fußkranke sich gemeldet hat, um sich dann an die Spitze der Meinungsbildung zu setzen? Die Merkel, die ihre Standpunkte so schnell ändert wie ein Chamäleon die Farbe?
Die Merkel, die es jetzt zu besichtigen gibt, ist die schnelle Merkel. Eine Merkel, die in zehn Wochen das hinbekommen will, wofür andere Jahrzehnte gekämpft haben: den Ausstieg aus der Atomenergie. Aussteigen, umsteigen, einsteigen – so ihre Formel für den diesmal wohl endgültigen Atomausstieg und eine massive Förderung der erneuerbaren Energien, die im letzten Sommer versäumt worden war.
Der Mutter der Langsamkeit kann es plötzlich nicht schnell genug gehen. Sie drängt und drängelt, überrollt ihre eigene Fraktion, die der FDP und die Ministerpräsidenten, nimmt selbst den Grünen und der SPD den Atem.
Die Energiebosse, mit denen sie im letzten Sommer noch das Schnapsglas hob und mit denen sie Geheimverträge abschloss, reiben sich verwundert die Augen. Das kann doch nicht mehr die Merkel sein, der sie so viel zu verdanken haben, die das vollendete, was sie immer von CDU/CSU und FDP erwartet hatten – den Ausstieg aus dem Ausstieg. Das vermeintliche Wachs in ihren Händen entpuppt sich plötzlich als Stahl.
Ist das schon wieder eine neue Merkel, ist das eine neue Volte der politischen Dressurreiterin? Nein, es ist im Grunde dieselbe Merkel, die wir kennen. Das Tempo der Meinungswechsel bestimmt der Machterhaltungstrieb. Die Kanzlerin ist ganz kühl zum dem Schluss gekommen, dass die Kernergie gesellschaftlich nicht mehr durchsetzbar ist und dass jeder, der es dennoch versuchen sollte, im politischen Aus landet. Also weg damit! Nix wie raus, bevor die Grünen noch den Kanzler stellen.
Merkel war weder eine Verfechterin der Kernenergie noch eine erklärte Gegnerin. Das sind die falschen Kategorien für diese Kanzlerin. Es geht um Macht, Machtabsicherung, heutige Koalitionen, künftige Bündnisse. Das sind Merkel-Kategorien. Und die Kanzlerin hat gemerkt, dass Zaudern für ihre jetzigen Pläne das Falscheste wäre.
Denn mit jedem Tag, den sie verstreichen lassen würde, gewänne die Kernkraftlobby wieder an Boden. Ihre Botschaften sind täglich in den Zeitungen zu besichtigen – ob unter echtem oder falschem Absender: Der Ausstieg ist nicht bezahlbar, der Strompreis steigt ins Unermessliche, die Netze können zusammenbrechen, wir müssen Kernergie aus dem Ausland importieren. Eine Hiobsbotschaft jagt die andere, um die Wirkung der eigentlichen Hiobsbotschaft, nämlich die von Fukushima, durch neue Schrecken zu verdrängen.
Merkel weiss, wenn sie jetzt nicht schnell macht, dann gewinnen die verdeckt operierenden Kernkraftfreunde. Und dann gibt es höchstens einen Teilausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg. Und dann würden die Grünen weiter an Zuspruch gewinnen, die bürgerlich-ökologische Atomausstiegspartei. Dann könnte die CDU/CSU den Versuch endgültig aufgeben, Anschluss zu halten an den Mainstream der Bevölkerung. Und das wäre fatal für eine Volkspartei wie die CDU/CSU. Und für ihre Kanzlerschaft.
Angela Merkel übersieht allerdings eines: Der endgültige Ausstieg aus der Kernenergie bringt der CDU noch keine neuen Stimmen. Der Atomausstieg zahlt erst einmal nur auf das Konto der Grünen ein. Mit der Kernergie aber bräuchte die CDU/CSU gar nicht mehr versuchen, wieder Land zu gewinnen. Deshalb muss der Stolperstein weg.
So fallen Grundsatzentscheidungen.








