Mitfühlender Liberalismus
Die FDP ist wieder dort angekommen, wo sie 2009 gestartet ist: als Klientelpartei wirtschaftlicher Interessengruppen. Anders ist Philipp Röslers Einlassung nicht zu verstehen, seine Partei werde einer Finanztransaktionssteuer, “wenn überhaupt”, nur dann zustimmen, wenn alle 27 EU-Staaten mitmachen. Das heißt im Klartext, die FDP lehnt die Steuer ab. Denn die Bedingung ist ein K.O.-Kriterium. Dann kommt die Steuer nie – zumindest nicht, solange es Schwarz-Gelb in Berlin gibt.
Die FDP hat mit Röslers Diktum eine Kehrtwende zugunsten der Finanzindustrie vollzogen, denn im Koalitionsvertrag hatte sie die Finanztransaktionssteuer noch mitbeschlossen. Und mit Zustimmung der FDP waren mögliche Einnahmen aus dieser Steuer schon in die Haushaltsplanung aufgenommen worden.
Der “mitfühlende Liberalismus” fühlt mit der Finanzindustrie, die von Rösler angekündigte ”soziale Sensibilität” bezieht sich offenbar auf die Banker-Boni. “Wie werden liefern” hatte Rösler versprochen, jetzt wird langsam klar, wer beliefert wird. Pünktlich zu Röslers 100-Tage-Jubiläum.
Die (Wirtschafts-)Liberalen begründen ihre Einlassung damit, dass andernfalls dem Finanzplatz Deutschland Schaden zugefügt würde und die Geschäfte nach London oder New York verlagert würden. Erstens ist das nur begrenzt möglich und zweitens gibt es in London im Gegensatz zu Frankfurt eine Börsenumsatzsteuer, die Stempelsteuer. Und drittens passiert nie etwas, wenn nicht einer oder mehrere anfangen.
Es ist also eine Repositionierung der FDP. Back to roots. Dazu gehört auch, dass Rösler eine von seinem Vorgänger Rainer Brüderle geplante maßvolle Verschärfung der Kartellgesetzgebung wieder zurückdrehen will.
Die FDP hat aus ihrem beispiellosen Wählerabsturz nichts gelernt. Back to the roots heißt: zurück zu Westerwelle und seinem schneidigen Wirtschaftsliberalismus, der nach zwei Jahren Schwarz-Gelb unter fünf Prozent landete. Mit einem Unterschied: Rösler trägt ihn sanfter vor, wahrscheinlich so sanft, dass es am Ende nicht einmal die bevorzugte Klientel bemerkt.
Die Geschichte lehrt, dass die Geschichte nichts lehrt. Das gilt auch für die FDP. Die zwischenzeitlichen Hoffnungen, die FDP könne wenigstens ein bisschen wieder von Karl Hermann Flach lernen, haben sich nicht erfüllt. Oder sich wenigstens daran erinnern, dass zur sozialen Markwirtschaft auch gehört, sie gegen ihre kapitalistischen Feinde zu verteidigen. Auch das Signal “Wir haben verstanden”, das kurzzeitig mit der von Genereralsekretär Lindner angekündigten Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung für Hotels aufflackerte, hat sich als Trugbild erwiesen.
Wieder Klientelpartei – damit will die FDP ihre Krise überwinden. Dafür gibt es keine Wählerstimmen, höchstens Geldspenden.
Dazu gehört auch ihr Widerstand gegen gemeinsame europäische Anleihen, die Euro-Bonds. Denn sie sind – trotz einiger nachvollziehbarer Einwände – wahrscheinlich das letzte und einzige Mittel, die internationale Spekulation gegen die Länder der Eurozone scheitern zu lassen. Die Pläne dafür liegen in jeder europäischen Hauptstadt schon in der Schublade für den Fall, dass alle bisherigen Maßnahmen nicht helfen.
Wenn es am Ende nur noch die Alternative Zerfall der Eurozone oder Euro-Bonds gibt, dann wird Angela Merkel auch diese Kehrtwende mitmachen Die FDP wird von der Geschichte überrollt werden.
Das Berliner Szenario für den Fall, dass die FDP die Koalition deshalb platzen lässt, sieht so aus, dass die SPD im Bundestag den Euro-Bonds zustimmen wird - unter der Bedingung anschließender Neuwahlen. Wenn das passiert, dann kann sich die FDP vielleicht mit ihrem Kurs noch einmal auf die Oppositionsbänke retten. Aber sie wird einen hohen Preis dafür bezahlen.








