Der Protestwähler
Der Protestwähler ist ein scheues Wild. Er kann nicht gejagt und erlegt werden. Er kommt und geht wie und wann er will. Mal wählt er grün, mal Linkspartei, jetzt die Piraten. Er hat immer nur ein Ziel: maximale Aufmerksamkeit, größtmögliche Wirkung.
Er ist der Pofalla unter den Wählern. Seine Leitschnur: “Ich kann Eure Fressen nicht mehr sehen. Ich will Euren Scheiß nicht mehr hören”. Er wählt immer das Andere, das Nichtetablierte. Er ist fertig mit den Parteien und wählt paradoxerweise immer wieder neue, bis auch diese etabliert oder verschwunden sind.
Der Protestwähler kann alles sein: nicht links und nicht rechts oder er ist eines von beiden oder beides. Er kann heute NPD wählen, morgen Linkspartei, übermorgen Piraten. Hauptsache Protest. Deshalb verwundert es nicht, dass auch Ex-NPD-Leute die Piraten für sich entdeckt haben oder hatten. Oder dass Oskar Lafontaine fremdenfeindliche Töne anschlug, um diese Wähler bei der Stange zu halten.
Und wenn dann das Objekt seiner Wahl in den Umfragen nach oben schnellt und virtuell oder sogar bei Wahlen das Parteiensystem durcheinanderwirbelt, dann lehnt sich der Protestwähler zufrieden zurück und ist stolz darauf, dass er etwas bewirkt hat. Oder es zumindest glaubt. Das Destruktive ist ihm näher als das Konstruktive. Hauptsache Rabbatz. Oder positiv gesagt: der größtmögliche Hallo-Wach-Effekt.
Deshalb bauen Protestparteien auf Flugsand. Der Wählersockel kann schnell wieder verwehen. Das muss derzeit die Linkspartei erleben, die in den Umfragen bis auf sechs Prozent heruntergeschmolzen ist und fast nur noch von ihrem Ostalgiepotential lebt. Angesichts der Piratenpartei ist “Die Linke” selbst für Protestwähler zu piefig geworden. Sie müffelt nach alten Männern und dem Schweiß der Erfolgslosen.
Ende der 70er Jahre gab es in Deutschland die Partei des Chefs der Steuergewerkschaft, Hermann Fredersdorf, die in den Umfragen bis zu zehn Prozent gehandelt wurde. Und mit dem sich sogar Franz Josef Strauß traf, weil er einen strategischen Verbündeten witterte. Ergebnis: die Partei gab es bis zur Bundestagswahl schon nicht mehr. Oder Ronald Schill in Hamburg. 19,4 Prozent, Regierungsbeteiligung für den Rechtschaoten. Vier Jahre später war die Partei verschwunden – genauso wie zuvor die bürgerliche-gesittete Hamburger Protestbewegung Stattpartei.
Protestparteien haben kein langes Leben. Ausnahme die Grünen. Die hatten aber auch ein zukunftsträchtiges Megathema: Natur, Klimaschutz, Anti-Atom. Visionen, Ideale – da sieht es bei den Piraten noch ein bisschen dünne aus. Freiheit im Netz – das reicht vielleicht bis drei Prozent. Ohne Protestwähler aus allen politischen Himmelsrichtungen tut sich da nichts.
Die Piraten haben nur als Protestpartei eine Chance, in den nächsten Bundestag zu kommen. Sollte vor 2013 eine Anti-Europa-Partei mit einigermaßen bekannten Köpfen entstehen, dann würde ihr Schiff schnell wieder sinken. Die Protestwähler hätten eine neue, flüchtige Heimat gefunden.








