Das Märchen vom Politiker im Glück
Nehmen wir einmal an, Sie sind Politiker und haben kein Geld. Sie verdienen zwar gut (etwa 8.000 Euro netto im Monat), aber Sie haben Familie und eine anspruchsvolle Freundin, später müssen Sie davon zwei Familien ernähren.
Da bleibt nichts für Urlaube in Florida, Italien, Mallorca und nicht einmal auf Norderney, kein Geld für Designerkleider ihrer jungen Frau, kein Geld für teure Filmbälle, kein Geld für die Business-Class. Und wohnen müssen Sie zur Miete.
Sie können Ihrer jungen Frau nicht viel mehr bieten als sich selbst.
Und nehmen wir einmal an, sie haben Minderwertigkeitskomplexe, ihr Selbstwertgefühl war jahrelang großen Belastungsproben ausgesetzt, weil Sie als der ewige Verlierer galten. Und die Menschen, denen Sie die Hand gaben, wischten ihre Hand anschließend an der Hose ab. Sie sind wer (nehmen wir einmal an, Sie sind Ministerpräsident), aber irgendwie sind Sie doch keiner.
Sie lechzen nach Anerkennung, Sie wollen endlich einer sein, der von den oberen Zehntausend respektiert und gemocht wird. Sie wollen dazugehören, auf dem großen Partykarussell mitfahren, und nicht nur auf den hinteren Politikseiten, sondern auch in den bunten Hochglanzblättern auftauchen.
Sie sind unzufrieden. Sie wollen strahlen wie eine 100-Watt-Birne, obwohl Sie doch nur ein relativ kleines Licht sind. Soll das schon alles gewesen sein, was Ihnen das Leben zu bieten hat? Sie fühlen sich immer noch zurückgesetzt, ihre Chefin (bezeichnenderweise “Mutti” genannt) nimmt sie nicht so richtig ernst, traut Ihnen aber nicht über den Weg. Sie weiß: Unzufriedene sind auf Dauer gefährlich. Auch harmlose Schafe können zum “Wilden Schaf” werden.
Aber Sie sagen in gespielter Bescheidenheit, Sie seien kein “Alphatier”, obwohl Sie genau das gerne wären und sich heimlich sogar dafür halten.
Wenn Sie andere treffen (nehmen wir einmal an, Journalisten), dann reden Sie sich den Frust von der Seele, lästern über und hetzen gegen jedermann (vornehmlich Parteifreunde) und mokieren sich (natürlich ganz vertraulich) über Kollegen, die getrennt von ihrer Frau leben, aber sich öffentlich mit ihrer Freundin zeigen.
Sie schieben Frust. Deshalb reden Sie auch immer häufiger öffentlich von Moral, verfolgen gnadenlos jeden, der in eine Affäre verstrickt ist, und verlangen von allen Kollegen, sich nicht einmal den Anschein der Korrumpierbarkeit (genannt Vorteilsnahme) zu geben.
Plötzlich aber wächst die Zahl ihrer bis dahin raren Freunde. Denn Sie sind ja endlich Ministerpräsident, davon gibt es nur 16 in Deutschland. Die Freunde ihres großen Angstgegners, der Sie jahrelang zum Verlierer gestempelt hat, sind plötzlich auch Ihre Freunde, laden Sie in ihre Sterne-Restaurants ein, umschmeicheln Sie. Reiche, mächtige Männer, Rock- und Filmstars suchen plötzlich Ihre Nähe, wischen sich nicht mehr die Hände an der Hose oder am Kleid ab.
Neue Freunde tauchen auf, ein alter Freund bietet seine finanzielle Hilfe an. Und plötzlich finden Sie wie Hans im Glück den Goldklumpen. Nicht nur einen, sondern viele. Plötzlich können Sie ein Haus kaufen, obwohl Sie kein Geld haben, den Kredit jemals zurückzuzahlen, denn Ihre Bonität ist immer noch CC. Das politische Amt könnte ja schon in wenigen Jahren wieder futsch sein.
Der eine Freund zahlt das Haus und stellt seine Traumwohnung für die Zweithochzeit zur Verfügung, der andere seine italienische Villa für die Hochzeitsreise. Der nächste seine Villa auf Mallorca, der alte Freund sein Haus in Florida.
Der eine Freund von der Fluggesellschaft besorgt das Uprade, der zweite lädt zum Filmball, der dritte zum Oktoberfest. Der eine gibt einem Autor, der ein unverkäufliches Buch über Sie schreibt, 10.000 Euro und zahlt 20.000 Euro für eine Anzeige für einem Freak-Film ausgerechnet in Ihrem biederen Parteiblättchen. Und Modefirmen stellen Ihrer schönen Frau die Abendkleider.
Und schon kommt das nächste Buch, das Sie “Besser die Wahrheit” nennen. weil Sie zeigen wollen, dass Sie besser, anständiger sind als die anderen. Weil das aber auch keiner kaufen will, nimmt ein Freund 2.500 Exemplare ab (der, der Sie auch bei den Großen der Industrie einführt), die Partei kauft 5.000 und ein anderer Freund bezahlt die 20.000 Euro für die Buch-Werbung, lässt sich aber eine Rechnung über “Beratungsleistungen” ausstellen.
Und der Freund mit Freak-Film lässt Sie in Nobelhotels upgraden, finanziert ihre Sylt-Urlaube. Er gibt Ihnen zu Zeiten, als Sie noch zwischen zwei Frauen pendelten, ein unauffälliges Zweithandy auf den Namen seiner Firma. Natürlich haben Sie das immer sofort bezahlt (spätestens beim Auschecken), denn, obwohl Sie ein armer Schlucker sind, tragen Sie für solche Fälle immer bündelweise Bargeld mit sich herum.
Jetzt sind Sie endlich einer, einer, der oben angekommen ist. Reiche Freunde, Glamour, Macht. Partys ohne Ende, schließlich ist auch Deutschlands Party-König Ihr Freund. Kann das Leben schön sein. Und “Mutti” macht sich langsam so große Sorgen, dass sie Sie in ein richtiges Schloss befördert, wo man zwar keine Macht hat, aber noch mehr Freunde und die Aussicht auf lebenslang 200.000 Euro im Jahr. Endlich ist auch ihre soziale Frage gelöst. Sie sind jetzt Triple-A, nicht nur für die Banken.
Aber dann kommen die bösen Neider, jagdtrunkene Journalisten, die Ihnen alles wieder wegnehmen wollen. Die Ihnen vorwerfen, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Die keinen Respekt vor wahrer Freundschaft haben, die Ihnen Korruption unterstellen, weil Sie einen Freund mit auf offizielle Reisen nahmen, einem anderen die Mitreise anboten.
Und die Neider verfolgen ihre Freunde, weil Sie den einen Freund (der mit der Villa auf Mallorca) bei der erkauften Honorar-Professur gepriesen haben, und weil ein anderer Freund Sie dafür lobt, dass Ihr armes Land ihm eine Bürgschaft für eine Briefkastenfirma angeboten hat, die nie einen Film produzierte. Und für den Party-König sollen Sie Geld bei Ihren reichen Freunden eingeworben haben.
Und plötzlich bricht Ihr ganzes schönes Leben zusammen. Sie stehen vor dem Abgrund, den Sie lange hinter sich glaubten. Sie verheddern sich in Widersprüche, täuschen und tricksen, erzählen Sachen, die den gesunden Menschenverstand beleidigen. Das alte Ego pocht wieder an: der Verlierer mit den Minderwertigkeitskomplexen. Keiner glaubt Ihnen mehr, keiner liebt Sie, die Freunde werden wieder rarer, viele wenden sich ganz ab. Die Angst wird Ihr täglicher Begleiter.
Der Goldklumpen war nur Talmi. Ein trauriges Märchen. Ich glaube nicht, dass Sie es erleben wollen.








