Sonntag, 12. Februar 2012, 18:06 Uhr

Das Märchen vom Politiker im Glück

Nehmen wir einmal an, Sie sind Politiker und haben kein Geld. Sie verdienen zwar gut (etwa 8.000 Euro netto im Monat), aber Sie haben Familie und eine anspruchsvolle Freundin, später müssen Sie davon zwei Familien ernähren.

Da bleibt nichts für Urlaube in Florida, Italien, Mallorca und nicht einmal auf Norderney, kein Geld für Designerkleider ihrer jungen Frau, kein Geld für teure Filmbälle, kein Geld für die Business-Class. Und wohnen müssen Sie zur Miete.

Sie können Ihrer jungen Frau nicht viel mehr bieten als sich selbst. 

Und nehmen wir einmal an, sie haben Minderwertigkeitskomplexe, ihr Selbstwertgefühl war jahrelang großen Belastungsproben ausgesetzt, weil Sie als der ewige Verlierer galten. Und die Menschen, denen Sie die Hand gaben, wischten ihre Hand anschließend an der Hose ab. Sie sind wer (nehmen wir einmal an, Sie sind Ministerpräsident), aber irgendwie sind Sie doch keiner.

Sie lechzen nach Anerkennung, Sie wollen endlich einer sein, der von den oberen Zehntausend respektiert und gemocht wird. Sie wollen dazugehören, auf dem großen Partykarussell mitfahren, und nicht nur auf den hinteren Politikseiten, sondern auch in den bunten Hochglanzblättern auftauchen.

Sie sind unzufrieden. Sie wollen strahlen wie eine 100-Watt-Birne, obwohl Sie doch nur ein relativ kleines Licht sind. Soll das schon alles gewesen sein, was Ihnen das Leben zu bieten hat? Sie fühlen sich immer noch zurückgesetzt, ihre Chefin (bezeichnenderweise “Mutti” genannt) nimmt sie nicht so richtig ernst, traut Ihnen aber nicht über den Weg. Sie weiß: Unzufriedene sind auf Dauer gefährlich. Auch harmlose Schafe können zum “Wilden Schaf” werden. 

Aber Sie sagen in gespielter Bescheidenheit, Sie seien kein “Alphatier”, obwohl Sie genau das gerne wären und sich heimlich sogar dafür halten.

Wenn Sie andere treffen (nehmen wir einmal an, Journalisten), dann reden Sie sich den Frust von der Seele, lästern über und hetzen gegen jedermann (vornehmlich Parteifreunde) und mokieren sich (natürlich ganz vertraulich) über Kollegen, die getrennt von ihrer Frau leben, aber sich öffentlich mit ihrer Freundin zeigen.

Sie schieben Frust. Deshalb reden Sie auch immer häufiger öffentlich von Moral, verfolgen gnadenlos jeden, der in eine Affäre verstrickt ist, und verlangen von allen Kollegen, sich nicht einmal den Anschein der Korrumpierbarkeit (genannt Vorteilsnahme) zu geben.

Plötzlich aber wächst die Zahl ihrer bis dahin raren Freunde. Denn Sie sind ja endlich Ministerpräsident, davon gibt es nur 16 in Deutschland. Die Freunde ihres großen Angstgegners, der Sie jahrelang zum Verlierer gestempelt hat, sind plötzlich auch Ihre Freunde, laden Sie in ihre Sterne-Restaurants ein, umschmeicheln Sie. Reiche, mächtige Männer, Rock- und Filmstars suchen plötzlich Ihre Nähe, wischen sich nicht mehr die Hände an der Hose oder am Kleid ab.

Neue Freunde tauchen auf, ein alter Freund bietet seine finanzielle Hilfe an. Und plötzlich finden Sie wie Hans im Glück den Goldklumpen. Nicht nur einen, sondern viele. Plötzlich können Sie ein Haus kaufen, obwohl Sie kein Geld haben, den Kredit jemals zurückzuzahlen, denn Ihre Bonität ist immer noch CC. Das politische Amt könnte ja schon in wenigen Jahren wieder futsch sein.

Der eine Freund zahlt das Haus und stellt seine Traumwohnung für die Zweithochzeit zur Verfügung, der andere seine italienische Villa für die Hochzeitsreise. Der nächste seine Villa auf Mallorca, der alte Freund sein Haus in Florida.

Der eine Freund von der Fluggesellschaft besorgt das Uprade, der zweite lädt zum Filmball, der dritte zum Oktoberfest. Der eine gibt einem Autor, der ein unverkäufliches Buch über Sie schreibt, 10.000 Euro und zahlt 20.000 Euro für eine Anzeige für einem Freak-Film ausgerechnet in Ihrem biederen Parteiblättchen. Und Modefirmen stellen Ihrer schönen Frau die Abendkleider.

Und schon kommt das nächste Buch, das Sie “Besser die Wahrheit” nennen. weil Sie zeigen wollen, dass Sie besser, anständiger sind als die anderen. Weil das aber auch keiner kaufen will, nimmt ein Freund 2.500 Exemplare ab (der, der Sie auch bei den Großen der Industrie einführt), die Partei kauft 5.000 und ein anderer Freund bezahlt die 20.000 Euro für die Buch-Werbung, lässt sich aber eine Rechnung über “Beratungsleistungen” ausstellen.

Und der Freund mit Freak-Film lässt Sie in Nobelhotels upgraden, finanziert ihre Sylt-Urlaube. Er gibt Ihnen zu Zeiten, als Sie noch zwischen zwei Frauen pendelten, ein unauffälliges Zweithandy auf den Namen seiner Firma. Natürlich haben Sie das immer sofort bezahlt (spätestens beim Auschecken), denn, obwohl Sie ein armer Schlucker sind, tragen Sie für solche Fälle  immer bündelweise Bargeld mit sich herum.

Jetzt sind Sie endlich einer, einer, der oben angekommen ist. Reiche Freunde, Glamour, Macht. Partys ohne Ende, schließlich ist auch Deutschlands Party-König Ihr Freund. Kann das Leben schön sein. Und “Mutti” macht sich langsam so große Sorgen, dass sie Sie in ein richtiges Schloss befördert, wo man zwar keine Macht hat, aber noch mehr Freunde und die Aussicht auf lebenslang 200.000 Euro im Jahr. Endlich ist auch ihre soziale Frage gelöst. Sie sind jetzt Triple-A, nicht nur für die Banken.

Aber dann kommen die bösen Neider, jagdtrunkene Journalisten, die Ihnen alles wieder wegnehmen wollen. Die Ihnen vorwerfen, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Die keinen Respekt vor wahrer Freundschaft haben, die Ihnen Korruption unterstellen, weil Sie einen Freund mit auf offizielle Reisen nahmen, einem anderen die Mitreise anboten.

Und die Neider verfolgen ihre Freunde, weil Sie den einen Freund (der mit der Villa auf Mallorca) bei der erkauften Honorar-Professur gepriesen haben, und weil ein anderer Freund Sie dafür lobt, dass Ihr armes Land ihm eine Bürgschaft für eine Briefkastenfirma angeboten hat, die nie einen Film produzierte. Und für den Party-König sollen Sie Geld bei Ihren reichen Freunden eingeworben haben.

Und plötzlich bricht Ihr ganzes schönes Leben zusammen. Sie stehen vor dem Abgrund, den Sie lange hinter sich glaubten. Sie verheddern sich in Widersprüche, täuschen und tricksen, erzählen Sachen, die den gesunden Menschenverstand beleidigen. Das alte Ego pocht wieder an: der Verlierer mit den Minderwertigkeitskomplexen. Keiner glaubt Ihnen mehr, keiner liebt Sie, die Freunde werden wieder rarer, viele wenden sich ganz ab. Die Angst wird Ihr täglicher Begleiter.

Der Goldklumpen war nur Talmi. Ein trauriges Märchen. Ich glaube nicht, dass Sie es erleben wollen.

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Dienstag, 07. Februar 2012, 12:35 Uhr

Weiter gegen die Einbahnstraße

Die SPD hat sich entschieden: sie fährt weiter gegen die Einbahnstraße – und das mit erhöhtem Tempo. Sie will die Bankenmacht und den Kampf gegen die Banken zum zentralen Thema des Bundestagswahlkampfes machen. Dafür hat sie jetzt schon die Internet-Seite “Wir sind viele” mit der Forderung “Demokratie statt Bankenmacht” freigeschaltet. Nichts dagegen, aber was hat das mit dem Wahlkampf zu tun? 

Weil die SPD die Kanzlerin nicht zu packen bekommt, weil sie an Angela Merkels Teflonschicht verzweifelt, sucht sie jetzt ihren Hauptgegner außerhalb des parteipolitischen Spielfeldes. “Unsere Gegner sind die Finanzmärkte”, hatte SPD-Chef Sigmar Gabriel schon nach der SPD-Klausur gesagt. Zur Verblüffung vieler Genossen hatte er auch angekündigt, die SPD wolle die Kanzlerin nicht angreifen. So demobilisiert man die eigenen Wähler.

Die SPD versucht auf einem Spielfeld zu siegen, auf dem es nichts zu gewinnen gibt. Denn nicht die Banken stehen 2013 zur Wahl, sondern Angela Merkel und ihre CDU.

Ein Spiel über die Bande (Banken prügeln, um Merkel zu treffen) könnte nur funktionieren, wenn die Kanzlerin eine typische Interessenvertreterin der Finanzindustrie wäre, eine Symbolfigur für finsterste Finanzspekulationen. Das ist sie aber nicht. Im Gegenteil: Seit ihrem verunglückten Geburtstagsessen für Josef Ackermann ist sie auf die Distanz zur Finanzwelt gegangen und propagiert zum Leidwesen der Banken bei jeder Gelegenheit eine Finanztransaktionssteuer, notfalls auch nur in der Eurozone.

Eine solche Kanzlerin lässt sich nicht als Banken-Lobbyistin dämonisieren. Die SPD-Kampagne läuft ins Leere. Darüber können auch noch so starke Sätze (“Gabriel: “Die Täter sitzen in Davos”) nicht hinwegtäuschen.

Die SPD muss die Kanzlerin und die CDU auf innenpolitischem Terrain stellen. Das ist mühsam, aber der einzige Weg. Stichworte dafür sind die unsinnigen Steuersenkungen, das gesellschafts- und finanzpolitisch widersinnige Betreuungsgeld, Mindestlohn, Leih- und Zeitarbeit, die Spaltung der Gesellschaft, die größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Das geht aber nur direkt, nicht über Bande.

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Samstag, 04. Februar 2012, 13:09 Uhr

Menschenrechte unter dem Hammer

Über die system- und demokratiezersetzende Wirkung der Weltfinanz-und schuldenkrise ist viel geschrieben worden. Über Märkte, die regieren, und Politik, die nur noch reagieren kann. Über die Verarmung ganzer Völker, über die Absenkung von Sozialstandards, über den Ersatz demokratischer Politiker durch Technokraten. Und über die systematische Aushöhlung der repräsentativen Demokratie in alten Demokratien. Inzwischen sollen ganze Staaten von außen durch Sparkommissare regiert werden.

Manch einer tröstet sich zynisch mit dem Argument, die Völker und ihre von ihnen gewählten Politiker sind wegen ihrer unverantwortlichen Schuldenpolitik, ihrem systematischen Über-die-Verhältnisse-Leben selbst daran schuld. Stimmt, aber es ändert nichts an dem Befund: es ist keine gute Zeit für Demokratie. Sie ist auf dem Rückzug. Die demokratische Welt wird auch nach der Krise eine andere sein.

Inzwischen geht es aber um noch mehr. Im Verlauf  der Krise kommen auch fundamentale Werte unter den Hammer, die universellen Menschenrechte werden Teil der finanzpolitischen Verfügungsmasse.

Das beste, genauer gesagt, schlimmste Beispiel dafür ist die Reise der deutschen Bundeskanzlerin nach China, immerhin die Repräsentantin eines (immer noch) demokratischen Musterstaates. Weil Deutschland auf Exporte nach China angewiesen ist, weil ganz Europa auf die Rettung seines Euro auch durch chinesische Anleihenkäufe hofft, ließ sich Merkel antidemokratische Unverschämtheiten gefallen, die zum Schämen sind.

Merkel ließ sich in China vorschreiben, wen sie trifft und wen sie besucht. Kritiker des Regimes, mit denen sie sprechen wollte, wurden von der Staatssicherheit drangsaliert und nicht vorgelassen. Sie protestierte nicht, sondern äußerte lediglich – in der diplomatisch schwächsten Form – zum Abschluss der Reise ihr Bedauern, dass die chinesische Führung nicht mehr Vertrauen in ihre Menschen habe.

Merkels Einfluss auf ihr Besuchsprogramm war der eines Bittstellers, der sich über Absagen nicht hörbar beklagt und stattdessen weiter, im wahrsten Sinn des Wortes, business-as-usual betreibt. Für Aufträge aus China, für die Rettung des Euros durch chinesisches Geld gibt es zu Hause mehr Wählerstimmen als für das öffentliche Eintreten für Menschenrechte. Die deutsche Wirtschaft lobte sie deshalb als “guten Türöffner”. Manche Türen bleiben dabei verschlossen. Es gibt halt Wichtigeres.

Wegbereiter dieser Haltung ist der von vielen so verehrte Helmut Schmidt. Er sagt in seinem Gesprächsbuch “Zug um Zug” über China: “Man soll die Bedeutung der Demokratie nicht überschätzen”. Und bei Günther Jauch unwidersprochen: “Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden”. Glücklich-lächelnde Chinesen? Noch Fragen?

Wir können von Glück sagen, dass Europa nur zu sechs Prozent von iranischem Öl abhängig ist.

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Mittwoch, 01. Februar 2012, 12:42 Uhr

Aufgewulfft

Die Affäre um den Bundespräsidenten hat nicht nur die Besucherzahlen der großen Online-Portale, sondern auch die meines kleinen sprengsatzes kräftig aufgewulfft. Im Januar lasen so viele Menschen den sprengsatz wie noch nie zuvor in einem Monat seiner bescheidenen dreijährigen Geschichte. 234.000 Besucher (davon 110.000 der Abonnenten) sind ein neuer Rekord – ausgelöst durch das starke Interesse am Fall Wulff.

Und obwohl immer häufiger ein Ende der Debatte gefordert wird, ist das Interesse ungebrochen. Mehr als 900 Kommentare zum Fall Wulff (auch ein neuer Rekord) beweisen das.

Der bisherige Rekordmonat war der März 2011 (202.000 Besucher), als das Ende der Affäre Guttenberg, Fukushima, S 21 und die baden-württembergische Landtagswahl zeitlich zusammentrafen. Und das Schöne ist: von den neuen sprengsatz-Lesern sind viele hängengeblieben. Die Zahl der Abonnenten dürfte 8.000 inzwischen überschritten haben.

Wenn ich schon in eigener Sache schreibe: In letzter Zeit kommen immer häufiger Kommentare, die sich in ihrem Hass auf und in ihrer Wut über den Staat, das Parteiensystem und die gesamte “korrupte”  Politik im sprengsatz regelrecht erbrechen. Auch persönliche Anfeindungen unter den Kommentatoren mehren sich.

Das ist nicht der Sinn des sprengsatzes, der sich den Kommentatoren als Diskussionsforum zur sachlichen Auseinandersetzung anbietet. Ich werde mir erlauben, die schlimmsten davon in das Speibsackerl zu tun – ein wunderbares österreichisches Wort für die entsprechende Tüte, in Blogs auch Papierkorb genannt.

Ich danke allen Lesern und Kommentatoren und hoffe, sie mit meinen Beiträgen auch künftig nicht zu langweilen. Und ich danke für alle Empfehlungen über Twitter, Facebook und durch andere Blogs.


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