Nur noch raus – aber wie?
Erst wurde der internationale Terrorismus bekämpft und Deutschlands Freiheit am Hindukusch verteidigt. Dann wurde der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan als eine Art Entwicklungshilfe mit bewaffnetem Begleitschutz dargestellt.
Dann ging es um das Recht islamischer Mädchen, eine Schule besuchen zu dürfen, und ein selbstbestimmtes Leben der Frauen. Und schließlich sollten die afghanische Polizei und die Militärs befähigt werden, aus eigener Kraft dem Terror der Taliban zu widerstehen.
Die Begründungen für den Einsatz deutscher Soldaten wechselten häufig, der Krieg (den Verteidigungsminister zu Guttenberg als erster so nannte) wurde immer wieder verharmlost, beschönigt. Erst dann, als immer mehr deutsche Soldaten starben (inzwischen 52), bekannte sich die deutsche Politik geschlossen dazu, dass sich Deutschland in einem mörderischen Krieg befindet.
Ein Krieg, der nie zu gewinnen war und nicht mehr zu gewinnen ist. Inzwischen geht es nicht mehr um die tatsächlichen oder angeblichen Kriegsziele, sondern nur noch darum, einigermaßen geordnet aus Afghanistan herauszukommen.
Dem muss sich auch das Wann unterordnen. So ist auch zu verstehen, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Truppenbesuch erklärte, sie könne nicht sagen, ob “wir das bis 2013/14 schaffen”. Das ist kein Rückzieher vom Rückzug, sondern entspringt der Erkenntnis, dass ein Rückzug schwieriger ist als der Beginn des Einsatzes.
Reingehen ist einfacher als Rausgehen. Das hat schon Vietnam gelehrt. Truppen auf dem Rückzug sind leichter verwundbar. Sie müssen die sicheren Lager verlassen, sich mit ihren Konvois den Angriffen der Taliban aussetzen.
Das will organisiert sein. Der Eigenschutz ist bis zu dem Tag, an dem der letzte deutsche Soldat Afghanistan verlassen hat, jetzt das wichtigste Ziel der Bundeswehr. Und dabei kommt es auf ein paar Monate mehr oder weniger nicht mehr an, wenn das Abzugsziel unverändert bleibt. Das meinte wohl die Kanzlerin mit ihrer etwas verwirrenden Äußerung.
Der Rückzug darf für die deutschen Soldaten nicht die tödlichste Phase werden. Besser das Kriegsgerät zerstören als dafür Menschenleben zu opfern.
Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist die bittere Erkenntnis, dass dieser Krieg, dass dieser Bundeswehreinsatz sinnlos war. Das Land ist nicht sicherer geworden, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind gescheitert, Warlords und Drogenbarone machen ungeahnte Geschäfte, die politische Führung ist weitgehend korrupt. Der internationale Terrorismus ist nicht besiegt, er hat nur andere Quartiere bezogen. Die westliche Welt und ihre Werte sind diskreditiert.
Und der Fortschritt, der für Mädchen und Frauen erreicht wurde, wird gerade vom afghanischen Präsidenten Hamid Karsai mit einem Erlass wieder zurückgedreht: Frauen dürfen wieder geschlagen werden, “wenn es einen Grund dafür gibt, der auf islamischem Recht beruht”, sie dürfen künftig nicht arbeiten oder einkaufen, wenn sie dabei von Männern umgeben sind, und sie dürfen nur mit einer männlichen Begleitperson reisen. Sie müssen sich vollkommen der Scharia unterwerfen, die nach wie vor die Todesstrafe durch Steinigung bei Ehebruch vorsieht.
Karsai macht seinen Kotau vor den Fundamentalisten, weil er hofft, so an der Macht bleiben zu können. Er kommt auf Kosten der wenigen – auch von westlichen Truppen erkämpften – Menschenrechte den Taliban entgegen, um mit ihnen nach dem ausländischen Truppenabzug gemeinsam zu regieren. Es wird ihm nicht gelingen. Solche Koalitionen haben noch nie funktioniert. Denn seine verkommene Clique hat der (subjektiv) idealistischen Motivation der Taliban keine Werte entgegenzusetzen.
Karsai wird die Macht verlieren und, wenn er Pech hat, auch das Leben.








