Donnerstag, 31. Januar 2013, 17:28 Uhr

Duell ums Duell

Jetzt geht das Spielchen wieder los: Peer Steinbrück fordert zwei Fernsehduelle mit Angela Merkel. Sie lehnt wie 2005 und 2009 ab. Die SPD wirft ihr vor, sie kneife. Same procedure as every four years.

Natürlich würde sich Steinbrück gerne zweimal mit der Merkel duellieren. Denn die TV-Duelle mit Einschaltquoten wie WM-Spiele werten den Herausforderer auf. Er ist wenigstens für zwei Stunden auf Augenhöhe mit der Kanzlerin. Und genau deshalb lehnt Merkel ab.

Zwei Duelle gab es nur einmal: 2002, als sie erfunden wurden. Zur Verblüffung von Edmund Stoiber ging Gerhard Schröder auf zwei Termine ein. Und zum Schaden Stoibers: denn nach Stoibers respektablen Abschneiden im ersten Duell, für das sich der “Medien-Kanzler” kaum vorbereitet hatte, zog Schröder beim zweiten Duell bestens präpariert und gecoacht in die Schlacht und siegte.

Und das war fatal, denn TV-Duelle können den zum Zeitpunkt  der Auseinandersetzung herrschenden Trend verstärken oder abschwächen. In diesem Fall verstärken. Denn Stoiber war durch die Flut im Osten und die Irak-Kampagne Schröders schon ins Hintertreffen geraten, so dass das zweite Duell den Abwärtstrend verstärkte.

Also kann Steinbrück möglicherweise froh sein, dass es nur zu einem Duell kommt. Denn er sollte Merkel nicht unterschätzen: in ihrer unaufgeregten, sachlichen Art ist sie vom Herausforderer kaum aus der Reserve zu locken. Und Steinbrück wiederum, der jetzt schon Ironie-Verbot hat, ist immer in Gefahr, durch eine flapsige Äußerung alles zu verspielen.

Deshalb gehe ich davon aus, dass es ein sehr sachliches, diszipliniertes, möglicherweise übercoachtes Duell wird, bei dem es am Ende nur noch um die Deutungshoheit darüber geht, wer mehr Arbeitsplätze und sozialen Ausgleich geschaffen hat, beziehungsweise mehr verspricht. Wenn es bis zu diesem Zeitpunkt keine Abwahl- und Wechselstimmung gibt, wird sie auch ein gut aufgelegter Steinbrück nicht herbeizwingen können.

P.S. Und bitte nicht wieder Zwangsfernsehen auf vier Kanälen mit vier Duell-Moderatoren. ARD und ZDF reichen völlig.

Kommentare
55
Mittwoch, 30. Januar 2013, 11:02 Uhr

Danke, Grimme-Institut!

Kack die Wand an, da kriegst du Karneval im Kopf: das altehrwürdige Grimme-Institut hat endlich Anschluss an das Fernsehen von heute bekommen. Eine überfällige Korrektur. Das Grimme-Institut verharrt nicht länger in den antiquierten Qualitätsmaßstäben des vergangenen Jahrhunderts, sondern stellt sich mutig an die Spitze des Zeitgeistes.

Was den Feuilletons recht ist, ist dem Grimme-Institut billig: “Ich bin ein Star – holt mich hier raus!” ist das Qualitätsfernsehen von heute. 8,64 Millionen Zuschauer können nicht irren. Danke für die  Nominierung des Dschungel-Camps für den Grimme-Preis. Das ist der Respekt vor dem Zuschauer, den wir so lange vermisst haben.

Menschenversuche im Fernsehen – diesen Trend hatte das Institut lange verschlafen. Wie konnte das nur passieren ? Es gibt doch nichts Anregenderes und Erhabeneres für den Kulturschaffenden von heute als eine Sendung, in der elf Vertreter des Showprekariats aufeinander gehetzt und mit Ekelprüfungen gequält werden. Warum wurde so lange nicht erkannt, wie preiswürdig eine Show ist, in der Menschen ihre Würde gegen eine große Hand voll Euro an RTL verkaufen?

Aber warum auf halbem Wege stehen bleiben? Was ist mit den “Geissens” für die beste Dokumentation, was ist mit all den wunderbaren Formaten wie “Bauer sucht Frau”, “Frauentausch” oder “Schwiegertochter gesucht”? Und wie konnte es passieren, dass “Berlin – Tag & Nacht” nicht auf Eurer Liste auftaucht? Noch ist vieles nicht ausgezeichnet. Warum habt Ihr Euch halbherzig nur für ein Format entschieden? Das wäre doch eine neue Kategorie wert.

Lasst Euch ja nicht auf Eurem Weg irre machen von zurückgebliebenen Kritikastern, die immer gedacht hatten, Marl sei das letzte gallische Dorf des deutschen Fernsehens. Ihr seid endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Preisträger der vergangenen Jahre werden es Euch danken.

Kommentare
49
Sonntag, 27. Januar 2013, 12:37 Uhr

Der Schrecken der Wahlforscher

Er ist der Schrecken der politischen Meinungsforschung, weil sie ihn vor einer Wahl nicht zu fassen bekommen: der Last-Minute-Wähler. Er entscheidet sich erst  in den letzten Tagen oder Stunden vor einer Wahl, manchmal sogar erst, wenn er den Wahlzettel in die Hand gedrückt bekommt. Er entscheidet taktisch, situativ oder nach Lust und Laune.

Der Last-Minute-Wähler ist nicht zu fassen. Erst bei der Nachwahlbefragung vor den Wahllokalen, die sonntags um 18 Uhr als Prognose veröffentlicht wird, gibt er sich zu erkennen.

Deshalb ist jetzt wieder Häme angesagt über die unfähigen Meinungsforscher, die bei der Niedersachsenwahl mal wieder voll daneben gelegen haben. Wenn man es genauer untersucht, dann stimmt das nur, was die FDP betrifft und bei ihr auch nur, was die Höhe ihres Ergebnisses betraf.

Denn zwei Tage vor der Wahl ermittelten die beiden großen Institute, die für die ARD und ZDF arbeiten, in ihren unveröffentlichten Umfragen für die FDP zwischen sechs und acht Prozent. Und sie sagten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Rot-Grün und Schwarz-Gelb voraus.

Wer am Wahltag dann die Nase mit ein paar tausend vorne haben wird, das kann auch der beste Wahlforscher nicht vorhersagen.

Das Problem also war die FDP. Da sie aber kaum noch Stammwähler hat, ist sie auch die unfassbarste Größe bei den Umfragen. Ihre Wähler kommen nur noch wie Flugsand oder verwehen wie dieser. Und, wenn die Nachwahlbefragungen stimmen, dann haben sich  25 Prozent aller Wähler erst am Samstag oder Sonntag entschieden, wem sie ihre Stimme geben.

Das heißt in der Konsequenz: die Wahlforscher müssten künftig ihre Vorhersagen mit noch mehr Warnhinweisen als bisher versehen, die allerdings von den Medien so gut wie nie veröffentlicht werden. Heute schon ist jede Prozentzahl mit dem Hinweis zu begleiten: es könnten auch 2,5 Prozent mehr oder weniger sein. Bei kleinen Parteien 1,5 Prozent. Künftig müsste es korrekterweise zusätzlich heißen: und wir wissen nicht, wie sich ein  relevanter Teil der Wähler noch in letzter Minute entscheiden wird.

Diese Schwankungsbreite öffnet Tür und Tor für Manipulationen. So können Meinungsforscher, die auf publizistische Show-Effekte aus sind, Nachrichten produzieren, indem sie – nach eigenem Gusto – die Schwankungen einseitig ausreizen und Parteien oder Kandidaten fallen und aufsteigen lassen.

Wählerbefragungen sind noch mehr als bisher reine Aussagen zu den Großtrends, Details erst nach der Wahl. Wenn es jetzt wieder Umfragen zur FDP in Höhe von nur vier Prozent gibt, heißt das in Wirklichkeit: ohne die taktischen Wähler, die vielleicht noch (in Niedersachsen ermuntert durch die CDU) hinzukommen. Das kann für die Bundestagswahl auch bedeuten, dass keine hinzukommen oder nur ein oder zwei Prozent, wenn die CDU eine klare Zweitstimmenkampagne in eigener Sache führt.

Die Meinungsforschung, auch die einigermaßen seriöse,  ist endgültig an ihre Grenzen gestoßen. Und das ist auch gut so. Es macht den Kopf frei für eigene, weniger von Vorhersagen beeinflusste Entscheidungen.

Völlig unseriös sind übrigens Umfragen, die bei gerade mal tausend Befragten noch angebliche Detail-Meinungen der FDP-Wähler veröffentlichen – bei einer Zahl von 40 Antworten, die für die FDP votierten.

Kommentare
9

Sexismus in der Politik

Der Fall Brüderle (“Herrenwitz” im “Stern”) ist sicher kein Skandal, wenn die Angaben der Journalistin aber stimmen, ist er ein wichtiger Erfahrungsbericht aus der Welt des alltäglichen Sexismus. Wie er sich bei Parteitagsabenden, an Hotelbars, im Büro und bei Betriebsfeiern täglich manifestiert.

Meist sind die Männer nur verbal übergriffig, aber da ist auch der Chef, der seine Sekretärin von hinten an den Kopierer presst, der angeblich freundschaftliche Klaps auf den Po, die unerbetene Nackenmassage, wie sie einst auch George W. Bush Angela Merkel verpassen wollte.

Als politischer Berichterstatter habe ich eine Reihe dieser Fälle erlebt. Viele Politiker, die Macht und Wichtigkeit genießen, halten sich – besonders unter Alkoholeinfluss – offenbar für unwiderstehlich. Ein paar Beispiele:

Da war der Minister, der seine Hüfte beim Tanz auf dem Presseball so heftig gegen die Partnerin (die Frau eines Journalisten) presste, dass diese sofort die Tanzfläche verließ.

Oder der Landesvorsitzende, der ebenfalls einen Engtanz versuchte und seine schweißnasse Hand im Rückendekolltee der Tanzpartnerin vergraben wollte.

Oder der mächtige Parteivorsitzende, der eine Journalistin öffentlich als “Hure” beschimpfte, weil er glaubte, sie habe etwas mit dem Chef einer anderen Partei.

Oder der bekannte Politiker, der in der “Paris-Bar” ungeniert seine Hand in das Höschen einer Fraktionsmitarbeiterin steckte.

Oder der Generalsekretär, dessen Sex-Attacken im Karneval gefürchtet waren.

Diese Fälle sind alle einige Zeit her, im Prinzip aber hat sich nicht viel geändert. Eines allerdings: die Reaktion der meisten Frauen und der Öffentlichkeit. Das muss jetzt Rainer Brüderle – zu Recht oder zu Unrecht – erfahren. Mögen auch Übergriffe oder Anzüglichkeiten immer noch nicht tabu sein, die Berichterstattung darüber ist es auch nicht mehr.

Aber es gab auch lustige Fälle: ein mächtiger Politiker nannte beim Parteitagsabend immer wieder aufdringlich und  lautstark seine Zimmernummer – in der Hoffnung, die junge, blonde Journalistin am Tisch verstehe schon, was er meine. Als es dann nach Mitternacht an seiner Zimmertür klopfte, öffnete er erwartungsvoll – und sah zu seiner Enttäuschung einen ihm bekannten männlichen Journalisten. Der hatte geglaubt, der Politiker habe so auffällig seine Zimmernummer genannt, weil er ihm noch ein paar politische Geheimnisse anvertrauen wollte.

Kommentare
21
Freitag, 25. Januar 2013, 11:45 Uhr

Bundesrat kein Wahlkampfinstrument

Ein Scheinthema bewegt seit der Niedersachsen-Wahl Politik und Medien: die Mehrheit der SPD-geführten Länder im Bundesrat. Die wildesten Spekulationen machen die Runde, was die SPD damit alles bewegen kann.

Die Antwort ist: nichts. Der Bundesrat hat keine eigenständige politische Gestaltungskompetenz. Er kann nur die Bundestagsmehrheit blockieren, wie es die SPD 1997/1998 getan hat, selbst aber keine Gesetze beschließen. Dafür braucht er den Bundestag und dort hat Schwarz-Gelb die Mehrheit.

Deshalb kann weder das Betreuungsgeld rückabgewickelt noch der Mindestlohn durchgesetzt werden. Und die Blockademehrheit spielt keine Rolle, weil Schwarz-Gelb ohnehin nichts mehr plant.

Die Bundesratsmehrheit könnte nur gegenüber einer neuen Bundesregierung in Stellung gebracht werden. Diese aber stellt entweder Rot-Grün oder die SPD oder die Grünen sind daran beteiligt. Nur im unwahrscheinlichsten Fall kommt es wieder zu Schwarz-Gelb. Also viel Lärm um nichts.

Im Gegenteil: die Bundesratsmehrheit hat eine für die SPD nicht ungefährliche Achillesferse. Sie gibt es nur, wenn man die rot-rote Koalition in Brandenburg dazuzählt. Die SPD könnte sich, wenn sie den Bundesrat für Wahlkampfmanöver und Schauanträge nutzt, sehr schnell eine neue Debatte über Rot-Rot-Grün einhandeln.

Deshalb ist es besser, sich ans Grundgesetz zu halten: “Durch den Bundesrat wirken die Länder an der Gesetzgebung des Bundes …mit”. Mehr nicht.

(Dieser Artikel ist heute in meiner Kolumne im “Berliner Kurier” erschienen)


apparent media - iPhone Apps aus Berlin