Mittwoch, 31. Juli 2013, 13:58 Uhr

Merkel im Sommerhoch

Wer noch Zweifel hatte, dass Angela Merkel auch nach der Wahl Bundeskanzlerin bleibt, den überzeugen vielleicht drei Nachrichten von dieser Woche:

1. “Das Konsum-Klima ist so gut wie seit 2007 nicht mehr”, meldete die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). “Die Deutschen sind in einem Sommerhoch” – so die GfK. Die Botschaft: Den Deutschen geht es gut, sie sind in Kauflaune und blicken optimistisch in die Zukunft. Wer in Kauflaune ist, macht bei der Bundestagswahl keine Experimente.

2. Die SPD stellte ihre neue Plakatserie vor, von der 8000 Stück großflächig geklebt werden sollen. Die Hauptmotive: Negative-Campaigning gegen Merkel. Das ist schon ein Grundfehler, den erstens kommen Negativ-Kampagnen nie gut an – außer man macht es so clever wie die SPD 1998: “Danke Helmut, es reicht”.

Und zweitens sind die Motive für die große Mehrheit der Wähler völlig unverständlich. Wer kennt schon Merkels Bemerkung übers Internet (“Neuland”) und verknüpft diese dann gedanklich mit dem mangelnden Aufklärungswillen der Bundesregierung in Sachen “Prism”? Und wer weiß überhaupt, wie der von der SPD plakatierte Kanzleramtsminister Ronald Pofalla aussieht?

Ein klassischer Rohrkrepierer, der nur Gedankenarmut und die Fehleinschätzung der Wähler durch die SPD offenbart. Diese Plakate sind ähnlich wie der Slogan “Das Wir entscheidet” reine Kopfgeburten – ein Sieg der Werber über die Politik.

An dieser Kampagne können weder erfahrene Wahlkämpfer noch Instinktpolitiker beteiligt sein. Deshalb ist es nur konsequent, dass Peer Steinbrück diese armseligen Plakate persönlich vorstellte. Die Botschaft: die SPD kann`s nicht.

3. Das Foto von Merkel vor dem Abflug in den Urlaub. Es zeigt ihren Mann mit abgewetztem Pilotenkoffer und einer mit Obst bedruckten Supermarkttasche als Reisegepäck. Die Botschaft: die Merkels sind Leute wie du und ich, normal, bescheiden.

Fazit: die Deutschen konsumieren wie vor der Finanzkrise, Merkel ist eine von uns – und die SPD macht einen verkopften Wahlkampf. Warum sollen die Menschen Merkel abwählen? Schönen Urlaub.

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Springers Geschenke

Weil gerade so viel über Axel Springer geschrieben wird, hier noch eine Anekdote:

Axel Springer zahlte früher seine Redakteuren nicht nur gute Gehälter, sondern beschenkte sie auch zu Weihnachten: jeder Redakteur erhielt zusätzlich zum Weihnachtsgeld noch ein Geschenk (einen Fernseher oder ähnliches) und eine große Kiste voller Delikatessen des Hamburger Feinkostgeschäftes Michelsen. Und zum Jubiläum des jetzt verkauften Abendblattes gab es für alle Angestellten eine Goldmünze.

Ich kam als junger Redakteur noch in den Genuss der Goldmünze,  einer Rollei C 35 und der Delikatessen, bis der Betriebsrat verlangte: Geschenk für alle Verlagsangestellten oder keinen. Ergebnis: das Weihnachtsgeschenk für die Redakteure wurde abgeschafft, genauso wie Feinkostkiste ein paar Jahre später.

Ein altgedienter Chefredakteur berichtete mir von einem Treffen mit Springer auf Gut Schierensee: Schon von weitem wedelte Springer mit einem Autoschlüssel – ein Sportwagen als Geschenk für Auflagenerfolg.

Das kann man jetzt als patriarchalisch bezeichnen, aber gefreut hat´s die Redakteure dennoch.

Chefredakteure wurden übrigens früher vom Aufsichtsrat, nicht vom Vorstand bestellt, was ihre Stellung natürlich stärkte.

So, das war genug Nostalgie, heute geht´s für viele Printjournalisten ums reine Überleben.

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Freitag, 26. Juli 2013, 09:43 Uhr

Im Namen Axel Springers

Axel Springer war ein genialer, aber auch ein sonderbarer Mann. Aber eines war er gewiss – ein Journalist aus Leidenschaft. Und als Verleger liebte er seine Journalisten. Sie standen bei ihm immer an erster Stelle, erst dann kamen die “Flanellmännchen”, wie er die Verlagsleute nannte. Er liebte Journalisten, wie es ein Patriarch tut – besitzergreifend, bestimmend, aber voller verlegerischer Leidenschaft und großer sozialer Fürsorglichkeit.

Springers erste Zeitung war das “Hamburger Abendblatt”, seine erste Zeitschrift die “Hörzu”. Sie tragen seine DNA. Beide sind künftig keine Springer-Blätter mehr, sondern Teil eines textverarbeitenden Betriebes namens Funke-Gruppe. Sie ausgerechnet an dieses journalistenverachtende Unternehmen zu verkaufen, heißt, Goldfische im Piranhabecken auszusetzen. Springer-Vorstand Andreas Wiele sieht das zynisch so: “Wir haben für sie ein neues nettes Zuhause gefunden”.

“Abendblatt”, “Hörzu” und die anderen verkauften Blätter erwirtschafteten bei 512 Millionen Euro Umsatz eine Rendite von 95 Millionen. Eine Traumrendite. Die meisten deutschen Unternehmen hätten gerne solche Zahlen. Es gab also keine dringende unternehmerische Notwendigkeit für den Verkauf. Aber der frühere Verlag Axel Springers ist auf dem Weg zum Digitalunternehmen. Print stört dabei nur. Preisvergleichsportale statt gedrucktem Wort. Andere Verlage verkaufen schon Tierfutter. Das wird bei Springer auch noch kommen.

Das kann man alles machen. Man kann Print-Journalisten als Auslaufmodelle sehen, als Hindernisse auf dem Weg zum digitalen Unternehmen, als Verschubmasse bei der Umstrukturierung. Das kann man im Rahmen der Marktwirtschaft alles machen, aber warum immer noch im Namen des leidenschaftlichen Verlegers Axel Springer? Konsequent wäre es, auch den Namen abzulegen wie einen ausgelatschten Schuh. Die 920 Millionen Verkaufserlös müssten doch für eine Beteiligung an Zalando reichen.

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Freitag, 19. Juli 2013, 12:20 Uhr

Crazy Germans

Kühl und emotionslos hat der Chef des US-Geheimdienstes NSA das Ergebnis der Pressekonferenz der Bundeskanzlerin vorweggenommen. Während Angela Merkel noch weitere Aufklärung über das Internet-Spionageprogramm Prism verlangte, verbreiteten die Nachrichtenagenturen den entscheidenden Satz von Keith Alexander an die Adresse der Deutschen: “Wir sagen ihnen nicht alles, was wir machen und wie wir es machen, aber jetzt wissen sie Bescheid”.

Im Klartext: für die NSA ist die Aufklärung abgeschlossen. Mehr gibt`s nicht. Noch nie ist die Kanzlerin von US-Behörden so brüskiert worden. Ihre Pressekonferenz hatte sich damit eigentlich erledigt.

Während die USA die Aufklärung für abgeschlossen erklärten, bat sie noch die deutsche Öffentlichkeit um Geduld, weil die entscheidende Aufklärung noch nicht geleistet worden sei.

Während Merkel sagte, auf deutschen Boden müsse deutsches Recht gelten, bauen die USA auf deutschem Boden eine neue Abhörzentrale.

Während Merkel den Schutz der Privatsphäre anmahnte, enthüllte der stellvertretende NSA-Chef, dass sie Kontakte eines Verdächtigen bis in den dritten Ring seiner Freunde überwachen – also dessen Freunde, die Freunde der Freunde und wiederum deren Freunde. Da kommen schnell Millionen Verdächtige zusammen.

Merkel ist und bleibt gegenüber den USA eine Kanzlerin der Ohnmacht. Da helfen keine starken Worte. Sie hatte ihre Teil-Kapitulationserklärung zur Pressekonferenz schon mitgebracht: “Der deutsche Rechtsrahmen ist nicht mehr gültig, wenn Daten deutschen Boden verlassen”. Das gilt aber für fast alle deutschen Internet-Daten. Außerdem scheren sich die USA nicht um nationale Grenzen.

Selbst dann, wenn man Merkel ehrlichen Willen zur Aufklärung und zur Änderung des US-Geheimdienstpraxis unterstellt, haben ihr die Amerikaner die Grenzen ihrer Macht aufgezeigt. Entgegenkommen ist nicht zu erwarten. Die US-Regierung wird ihre Sicherheitsphilosophie nicht ändern, nur weil diese Crazy Germans ihre Grundrechte gewahrt haben wollen.

Merkel schönster Satz war: “Der Verfassungsschutz hat eine Arbeitseinheit NSA-Überwachung eingesetzt”. Leider war er nicht so gemeint, wie er hätte gemeint sein müssen: Der Verfassungsschutz und der BND hätten eigentlich die Aufgabe, die NSA als verfassungsfeindliche Organisation zu überwachen. Denn das anlasslose Ausspähen und Speichern deutscher Internetdaten ist ein völkerrechtwidriger Angriff auf das deutsche Grundgesetz und die Grundrechte deutscher Bürger.

Ein Fall für den nächsten Verfassungsschutzbericht – wichtiger als ein paar Abgeordnete der Linkspartei.

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“Das will ich gar nicht wissen”

Kann es wirklich sein, dass die Kanzlerin und die zuständigen Minister nichts vom US-Spähprogramm Prism gewusst haben?

Es könnte sein, wenn sie sich so verhalten haben wie ich es mehrfach bei einem Ministerpräsidenten beobachtet habe. Immer dann, wenn ihn seine Mitarbeiter über Vorgänge aus der Grauzone der Politik informieren wollten, sagte er: “Das will ich gar nicht wissen”.

Der Politiker glaubte, sich so schützen zu können und sich für dann Fall, dass zweifelhafte Handlungen öffentlich bekannt werden, hinter Nichtwissen verschanzen zu können. Am Ende hat ihm das aber auch nichts genützt.

Vielleicht lässt sich so aber das Nichtwissen einiger deutschen Spitzenpolitiker über Prism erklären.

P.S. Es gibt auch noch eine zweite Verhaltensweise, diesmal der Untergebenen, häufig auch in Unternehmen zu beobachten: “Damit wollen wir den Chef gar nicht belasten”.


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