Sonntag, 13. September 2015, 13:08 Uhr

Merkels historische Mission

Was bleibt? Diese Frage stellen sich viele Politiker und deren Beobachter, wenn sie über die Zeit nach dem Amt nachdenken. Was bleibt? Nur eine Fußnote in den Geschichtsbüchern, eine Seite oder mehr?

Auch Angela Merkel wird sich diese Frage schon gestellt haben. Denn von ihrer Amtszeit ist, selbst dann, wenn man sie bis 2021 rechnet, der größere Teil schon abgelaufen.

Bisher steht in den Geschichtsbüchern, dass sie ihre Arbeit ganz ordentlich gemacht hat. Das ist nicht viel. Und der schnelle und überraschende Atomausstieg.

Aber sonst? Ein paar Griechenland-Rettungen, aber ohne Nachhaltigkeit. Nichts für die Geschichte.

Jetzt aber scheint Angela Merkel ihre historische Mission gefunden zu haben: die Rettung der Flüchtlinge, der demographische Umbau Deutschlands.

Mit einer ihrer eigentlich fremden Leidenschaft hat sie sich auf dieses Thema gestürzt. Nicht ganz freiwillig, aber dafür umso nachdrücklicher. „Wir schaffen das“ und „Beim Asyl gibt es keine Obergrenze“  sind ihre mutigen Kernaussagen.

Für die Geschichte geht die Risikoscheue ins Risiko. Sie übergeht Widerstände, sachliche wie politische. Unbeirrt von immer mehr Flüchtlingen und dem populistischen Widerstand der Schwesterpartei CSU. „Wir schaffen das“ setzt sie immer wieder gegen Zweifel und Widerspruch. Und „Flexibilität“ statt „deutscher Gründlichkeit“.

Wir erleben zurzeit eine Merkel, die sich neu erfunden hat. „Mama Merkel“, rufen und schreiben die Flüchtlinge. „Mutti“ ist angekommen. Zumindest in Syrien, im Irak, in Afghanistan und Eritrea. In Deutschland nicht bei allen. Die merkelsche Tugend Skepsis ist bei ihren Anhängern und Gegnern weiter verbreitet als früher bei ihr selbst.

Sollte es Merkel (und der ganzen deutschen Politik und Gesellschaft) tatsächlich gelingen, mehr als eine Million Flüchtlinge in Deutschland erst zu versorgen, dann zu bilden, auszubilden und zu integrieren, dann hätte Merkel ihre historische Mission erfüllt. Deutschland wäre anschließend stärker als heute. Das wäre ihre Wiedervereinigung oder ihre Westbindung. Die Geschichtsbücher wären voll von Merkels Mission. Scheitert sie, dann auch.

Nachtrag: So schnell kann unter dem Druck der dramatischen Ereignisse auch ein Kommentar – zumindest teilweise – überholt sein. Stand heute abend muss es heißen: „Wir schaffen das – zumindest vorübergehend – nicht“. Und: „Beim Asylrecht gibt es – zumindest vorübergehend – doch eine Obergrenze“. Hoffentlich gibt es morgen mehr Klarheit. Die Kanzlerin muss sich erklären.