Montag, 24. April 2017, 12:52 Uhr

Ist Deutschland bereit für Macron?

Wenn Emmanuel Macron am 7. Mai französischer Präsident werden sollte, dann kommt es auch für die deutsche Politik zur Nagelprobe: Ist sie bereit für mehr Europa, wie es Macron will? Oder bleibt sie im Bundestagswahlkampf zaghaft angesichts der europafeindlichen AfD und lässt den Impuls aus Frankreich verpuffen?

Macron ist ein glühender Europäer – unkonventionell und reformbereit. Er will für die Eurozone einen eigenen Haushalt, ein eigenes Parlament und einen eigenen Finanzminister. Das wäre ein radikaler Schritt zum Europa der zwei Geschwindigkeiten. Er will, dass die EU mehr investiert, um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, eine gemeinsame Verteidigung und Grenzsicherung.

Ist die deutsche Politik dazu bereit? Oder geben die Zaghaften, wie Angela Merkel, weiter den Kurs vor. Und: Wie mutig ist Martin Schulz wirklich? Beide müssen noch vor der Bundestagswahl konkret sagen, wohin sie mit Europa wollen und wie weit sie gehen wollen.

Auch für sie gelten die Kernsätze von Macron: „Wenn Sie ein zaghafter Europäer sind, dann sind Sie bereits ein besiegter Europäer. Europa verträgt keinen Stillstand“.

Die Wahl Macrons könnte für Europa eine riesige Chance sein. Er könnte zum Leuchtturm eines neuen europäischen Aufbruchs werden. Auf ihn hofft die Jugend in Europa, der in der großen Mehrzahl nationale Egoismen völlig fremd sind. Die Bewegung „Pulse of Europe“ hat mit ihren Demonstrationen schon gezeigt, was sie von den europäischen Politikern erwartet.

Hoffentlich werden sie von den Zaghaften in Berlin und anderswo nicht enttäuscht. Dann würde eine große Chance verspielt.

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Sonntag, 23. April 2017, 13:33 Uhr

Warum die AfD Björn Höcke braucht

Der AfD-Parteitag war für Menschen außerhalb der Partei nur mäßig interessant. Die AfD ist nach dem Parteitag dieselbe wie vor dem Treffen – nur ohne Frauke Petry. Mehr ist nicht passiert. Nur die Noch-Vorsitzende hat sich mit ihrer machttaktischen Fehlkalkulation zum Auslaufmodell gemacht.

Es gibt keine erneute Spaltung. Sie wurde auf die Zeit nach der Bundestagswahl vertagt.

Das Programm ist rechts, natürlich, aber nicht rechtsradikal. Die AfD will Abschiebequoten, keinen Familiennachzug für Flüchtlinge, den Rundfunkbeitrag abschaffen, Geistliche der christlichen Kirchen sollen nicht mehr vom Staat finanziert werden.

Nur in der Familienpolitik schimmert der alte rechte Ungeist durch, wenn die „Volksabschaffung“ durch die Förderung von mehr Geburten verhindert werden soll. Die von Deutschen natürlich. Die Kinder der Syrer sollen in Aleppo bleiben.

Für die dezidierte Ansprache rechtsradikaler Wähler bleibt Björn Höcke zuständig, geschützt vom gütigen Schirmherrn der Rechtsextremisten in der Partei, Alexander Gauland, der einen Hälfte des neuen Spitzenduos.

Die AfD will bei der Bundestagswahl alles einsammeln – von den Resten der NPD bis zu den Wutbürgern und Merkel-Gegnern der Mitte. Deshalb ist Höcke bis zur Wahl unverzichtbar. Bis dahin wird das Parteiausschlussverfahren im Sande verlaufen.

Für die Mitte ist im Spitzenduo die Ökonomin Alice Weidel zuständig, bürgerlich, aber wetterfahnig. Vor dem Parteitag forderte sie schnell noch, Deutschtürken, die für Erdogans Referendum gestimmt haben, die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen. Sie weiß, was sie ihrer neuen Position schuldig ist.

So bleibt bei der AfD alles beim Alten. Fremdenfeindliche Wutbürger im englischen Tweed, enttäuschte Konservative, rechtsradikale Hetzer. Diese Mischung wird die AfD mit etwa acht Prozent in den Bundestag befördern – inklusive Frauke Petry.

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Dienstag, 11. April 2017, 16:38 Uhr

Sekretär, kein General

Den Wählern ist herzlich egal, wer das Wahlprogramm einer Partei schreibt. Sie interessiert nur das Ergebnis – wenn überhaupt.

Für den Zustand einer Partei ist es aber schon interessant, wer das Sagen und das Schreiben hat. Bei der CDU hat Angela Merkel das Sagen und Peter Altmaier jetzt das Schreiben. Er soll das Wahlprogramm entwickeln und formulieren.

Normalerweise wäre das die Aufgabe des Generalsekretärs. Dass bei der CDU Peter Tauber diese Rolle von Merkel nicht zugewiesen bekam, bestätigt die Vermutung, dass er Sekretär, aber kein General ist.

Tauber gehört nicht zum innersten Zirkel der Kanzlerin, sie vertraut ihm nur im Rahmen ihrer Weisungsbefugnis, traut ihm aber kein selbstständiges politisches Arbeiten zu. Also Altmaier. Noch eine Funktion für den Multifunktionsträger.

Kanzleramtschef, Geheimdienstkoordinator, Flüchtlingskoordinator und Koalitionskoordinator – das wichtigstes Scharnier, damit die Große Koalition ihre Arbeit einigermaßen unfallfrei zu Ende bringt. Und genau da wird die Sache problematisch: die Vermischung dieser Aufgaben verwischt die Grenzen zwischen Regierungs- und Parteiarbeit.

Verfassungswidrig wie die FDP tönt, ist es wahrscheinlich nicht, aber es hat Geschmäckle. Dass die Kanzlerin diesen Hautgout in Kauf nimmt, zeigt, wie wichtig es ihr ist, beim Wahlprogramm auf einen ihrer wenigen wirklichen Vertrauten zu setzen. Es soll keine neuen Konflikte mit der CSU geben, das Wahlprogramm soll unionsintern geschmeidig sein.

Merkel will alles unter Kontrolle haben. Kontrollverlust soll es zumindest im CDU-Wahlkampf nicht geben.

Peter Tauber kann sich damit trösten, dass seine Kollegen von CSU und SPD, Andreas Scheuer und Katarina Barley, auch nur Sekretäre und keine Generäle sind.