Freitag, 30. Juni 2017, 10:31 Uhr

Die heimliche Freude der Kanzlerin

Das hätte Angela Merkel selbst weder gedacht noch gehofft: dass ihr der schwierigste Modernisierungsschritt der CDU, die Ehe für alle, in nur fünf Tagen gelingen könnte. Und das mit Hilfe der SPD.

Unter normalen Umständen wäre die völlige Gleichstellung der Ehe für Homosexuelle eine schwere Belastungsprobe für ihre Partei gewesen. Denn bei der Ehe für alle geht es nicht um ein Sachthema wie Atomkraft, Wehrpflicht oder Mindestlohn, sondern um eine für die Unionsparteien hochemotionale Entscheidung, die traditionelle Werte der CDU und Glaubensfragen berührt.

Ein Thema, das geeignet gewesen wäre, die CDU/CSU in grundsätzliche Auseinandersetzungen zu stürzen, die sich Monate hingezogen, den Wahlkampf und künftige Koalitionsverhandlungen belastet hätten. Es wäre eine Zerreißprobe geworden.

So aber, weil die SPD sofort Nägel mit Köpfen machen wollte, wurde das Thema heute endgültig abgehakt. Der Weg für die nächste Koalition ist frei. Die Machtpolitikerin Merkel, die selbst gegen die Ehe für alle stimmte und damit formal im Einklang mit der Mehrheit ihrer Partei blieb, hat sich durchgesetzt.

Bei allem vordergründig geäußerten Ärger über das Verhalten der SPD, die mit Grünen und Linken, die Ehe für alle auf die Tagesordnung des Bundestages setzte, dürfte sich Merkel insgeheim freuen.

Und die SPD bekommt nicht einmal von den Wählern etwas dafür. Dadurch, dass Merkel mit dem Hinweis auf die Gewissenentscheidung die Gesetzesänderung überhaupt erst möglich machte, wird sie auch die Früchte der Entscheidung ernten.

Und den Ärger in den eigen Reihen kann sie verschmerzen. Im Wahlkampf wird es keinen Aufstand gegen die Kanzlerin geben. Für konservative CDU-Wähler gibt es kaum eine politische Alternative, weil die AfD mit einer lesbischen Spitzenkandidatin antritt, die mit ihrer Partnerin und Kindern eheähnlich zusammenlebt.

Die Kanzlerin kann mit dieser Woche zufrieden sein. Sie ist mit der Mehrheit des Volkes im Einklang.

Kommentare
0
Sonntag, 25. Juni 2017, 14:01 Uhr

In der Flaute segelt Merkel am liebsten

Es ist nicht so, dass die Deutschen keine sozialdemokratische Politik mögen. Im Gegenteil: viele genießen die von der SPD erkämpften sozialen Errungenschaften, freuen sich über den Mindestlohn oder gehen gern wieder mit 63 in Rente.

Sozialdemokratische Politik ist durchaus beliebt –  aber nur dann, wenn sie unter Aufsicht und Schirmherrschaft von Angela Merkel stattfindet. Oder wenn sie von einem Mann wie Helmut Schmidt gemacht wurde, von dem es hieß, er sei ein guter Kanzler, leider aber in der falschen Partei.

Es ist auch nicht so, dass sozialdemokratische Kanzler nicht beliebt sind – zumindest eine Zeit lang. Bei der CDU sind sie – nachträglich – dann aber am beliebtesten, wenn sie wie Gerhard Schröder die Arbeit erledigen, die unter ihrer Führung liegen geblieben war.

Eigentlich hätten die Deutschen gern eine immerwährende Große Koalition, die die Stärken beider Parteien und ihre besten Köpfe miteinander verbindet, auch wenn sie über erdrückende Mehrheiten und eine schwache Opposition schimpfen.

Vor diesem Hintergrund muss Martin Schulz, nachdem der erste Hype wie ein Soufflé zusammengefallen ist, versuchen, wieder in die Nähe einer sozialdemokratischen Regierungsoption zu kommen. Ein aussichtsloses Unterfangen, nicht nur wegen der tiefen Abneigung der Wähler gegen Rot-Rot-Grün.

Es gibt keinen zweiten Hype mit ein und der selben Person. Jetzt gibt es für einen entzauberten Kanzlerkandidaten nur noch die mühselige Arbeit auf der 25-Prozent-Ebene. Er versucht es mit einer, wie es so schön heißt, kämpferischen Rede, mit einem 72-seitigen Programm, das nicht nur Gerhard Schröder kaum gelesen hat. Und mit Angriffen auf Merkel und die CDU.

Schulz beschwert sich, dass sich Merkel nicht der Auseinandersetzung über Deutschlands Zukunft stelle. Dass sie wieder asymmetrisch demobilisiere, also versuche, die SPD-Wähler einzuschläfern, damit sie am Wahltag zuhause bleiben. So wie 2009 und 2013. Schulz nennt das in seiner Verzweiflung einen „Anschlag auf die Demokratie“.

Merkel wird das nicht beunruhigen. Was soll sie sich aufregen, wenn, böse gesagt, die Maus von unten gegen den Regierungstisch klopft. Sie wird genauso wie bisher weiter machen, so, wie es sich in ihren Augen bewährt hat. Denn: Sie kennen mich.

Unaufgeregt, geradezu stoisch, freundlich, inhaltsarm, ihr internationales Ansehen ausspielend. Für ein Land, in dem alle „gut und gerne leben“ – wie ihr inhaltlich bescheidener Wahlslogan heißt.

Schulz wird sich daran abarbeiten, unermüdlich, äußerlich unverzagt – und am Ende wie vor ihm Steinmeier und Steinbrück verlieren. Die Zeit der SPD kommt, wenn überhaupt, erst wieder nach Merkel.

Der kleine Hauch von Wechselstimmung, der im Frühjahr ein paar Wochen wehte, ist wieder der sommerlichen Flaute gewichen.

Und in der Flaute segelt Merkel am liebsten. Wenn sich nichts bewegt, kann sie keiner überholen.

Kommentare
0
Freitag, 09. Juni 2017, 08:39 Uhr

Taktische Dummheit

Die britischen Konservativen suchen ihre Premierminister offenbar nach zwei Kriterien aus: totaler Mangel an strategischer Weitsicht und taktischer Dummheit.

David Cameron war derjenige, dem jede strategische Weitsicht fehlte. Weil er die Unterhauswahl gewinnen wollte, versprach der bekennende Europäer seinen EU-kritischen Landleuten ein Referendum über die Mitgliedschaft in der EU. Mit dem bekanntes Ergebnis: Großbritannien verlässt die EU und Cameron verlor seinen Job.

Cameron hatte sich ebenso völlig verspekuliert wie jetzt Theresa May. Sie ist für die taktische Dummheit zuständig.

May setzte ohne Not Neuwahlen an, um ihre Mehrheit auszubauen. Ergebnis: sie verlor ihre Mehrheit, die sie von Cameron geerbt hatte. Sie hatte sich selbst über- und ihren Labour-Gegenspieler unterschätzt. Zudem erwies sie sich als lausige Wahlkämpferin, die mit Kehrtwenden die Wähler verwirrte und die von ihrer Vergangenheit als Innenministerin eingeholt wurde.

Der Schlimmere von beiden ist allerdings Cameron: Der Brexit ist für Großbritannien eine tiefgreifende Zäsur, die nur in einem politischen und ökonomischen Desaster enden kann. Mays Niederlage dagegen ist nur eine Episode.