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Sonntag, 03. Mai 2009, 23:02 Uhr

Europa-Wahl: Haie und weiße Schimmel

Wenn ich nachts in Berlin mit dem Hund Gassi gehe, lauert mir ein finsterer, bärtiger Mann auf. Joachim Zeller heißt diese dunkle Gestalt, die mir von einem Plakat droht, “Berlins Stimme in Europa” zu sein, wenn ich CDU wähle. Vielleicht muss man denen in Brüssel tatsächlich ein bißchen Angst einjagen, aber gleich so viel und was habe ich damit zu tun? Und braucht Berlin überhaupt eine Stimme in Europa? Bräuchte nicht eher Europa eine Stimme in Berlin? Meine etwa?

Morgens lächelt mich eine Straßenecke weiter eine nicht unattraktive blonde Dame an und verspricht mir, “Für Deutschland in Europa” zu sein. Für Deutschland in Europa, das klingt immerhin nicht ganz so provinziell wie “Berlins Stimme in Europa”. Aber warum soll ich deswegen FDP wählen? Sind nicht alle deutschen Europa-Abgeordneten für Deutschland in Europa – und nicht für den Iran oder Nordkorea?

Noch eine Ecke weiter ruft mir ein Plakat zu, “Finanzhaie würden FDP wählen”. Das wundert mich jetzt nicht besonders und irgendwie finde ich es auch beruhigend, dass die armen Finanzhaie nicht mehr ruhelos um die Welt ziehen müssen, sondern eine Heimat gefunden haben. Das Plakat ist übrigens von der SPD, die auch noch glaubt, dass heiße Luft die Linkspartei und Dumpinglöhne die CDU wählen würden. Aber warum soll ich SPD wählen, wenn die Finanzhaie endlich ein Zuhause haben?

Und dann, als “Krümel” an einem Baum eine längere Pause macht, entdecke ich ein kleines, bescheidenenes Plakat, ganz in grün gehalten, mit dem offenbar ein gewisser Herr WUMS ins Europa-Parlament gewählt werden will. Ich kannte bisher nur WamS und BamS und Bums, also trete ganz nah heran, weil die Schrift so klein ist.  Diesen Herrn WUMS gibt es offenbar gar nicht, sondern das ist eine Abkürzung für “Wirtschaft&Umwelt, Menschlich&Sozial”. Das ist wirklich ein Hammer, denke ich, während “Krümel” endlich sein großes Geschäft erledigt, da haben die Top-Werber der Grünen den “goldenen Nagel” wieder voll auf den Kopf getroffen.

Und schließlich sehe ich ein noch farbenfrohes Plakat, auf dem freundliche Menschen auf einen Laptop schauen, auf dem vor schwarz-rot-goldenem Hintergrund (offenbar der Bildschirmschoner) “Wir” steht und daneben “In Euopa”. Aha, wir sind in Europa, das stimmt, ist allerdings keine taufrische Information. Und dann steht da noch “CDU: für eine soziale Marktwirtschaft, die menschlich ist”. Ach, lehnt die CDU die “unmenschliche” soziale Marktwirtschaft endlich ab? Oder ist es nicht gerade ein Kennzeichen der sozialen Marktwirtschaft, dass sie menschlich ist? Galoppiert da etwa ein  “weißer Schimmel” durchs Bild? Oder weiß die Merkel-CDU 32 Jahre nach Ludwig Erhards Tod selbst nicht mehr so genau, was die soziale Marktwirtschaft ist?

Und jetzt wird`s doch noch ein bißchen ernst: Nach dieser ersten Blütenlese der Plakate zur Europa-Wahl liegt die gefühlte Wahlbeteiligung am 7. Juni bei etwa 35 Prozent.

P.S. “Krümel” ist am 4. Oktober gestorben – überfahren von einem Auto auf der Straße des 17. Juni in Berlin. Der kleine Findling aus Mallorca wurde nur 10 Monate alt. Sein (zu) großer Freiheitsdrang und seine Autophobie waren sein Verhängnis. “Krümel” hatte ein kurzes, aber glückliches Leben. Wir haben in sehr geliebt.

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10 Kommentare

1) Peter, Montag, 04. Mai 2009, 09:29 Uhr

Es könnte besser nicht beschrieben werden! Die Banalität der Wahlplakate spiegelt die Banalität der Parteiprogramme in Bezug auf Europe wieder.

Wichtig wäre es doch, dem Wähler endlich klarzumachen, wie wichtig eine Beteiligung an europäischen Wahlen ist und wie sehr auch Europäische Gesetze uns täglich in unserem Alltag beinflussen. Denn das ist es, was die meisten Menschen in Deutschland noch nicht begriffen haben.

Aber wiedermal haben die Parteien und Ihre Wahlkampfberater das Thema verfehlt. 6. Setzen!

2) asdrubael, Montag, 04. Mai 2009, 09:42 Uhr

Dem kann ich mich nur anschließen, wie man es besser macht zeigt meiner Meinung nach die Linke, da ist die Sprechblasen und Slogan Dichte deutlich niedriger:
http://die-linke.de/nc/wahlen/kampagne/download/europawahl/plakate_grossflaechen/

Statt “Faire Löhne” oder “Klare Regeln” für “Finanzhaie” zu fordern werden hier konkret Mindestlöhne, Börsenumsatzsteuer und Co. genannt. Davon mag man politisch halten was man will, aber mir ist das hundertmal lieber als ewiggleiche Allgemeinplätze.

3) soziolot.de, Montag, 04. Mai 2009, 12:27 Uhr

Wie schön man NICHTS in viele blumige Worte verpacken kann….Diese Tendenz zur Aussagelosigkeit in Verbidnung mit einem vorherigen Artikel zur aktuellen politischen Kultur in Deutschland, bei der nur noch linientreue Parteisoldaten Chance zur Karriere haben, spiegelt 100 Prozent die Realität wider: Ich äußere mich NIE eindeutig und verstecke mich im Notfall hinter anderen.

4) Max, Montag, 04. Mai 2009, 15:16 Uhr

Witzig eigentlich auch, dass die Grünen für den griffigen Kampfbegriff WUMS die Wirtschaft vor die Umwelt stellen. Wie war das eigentlich früher bei denen mit den Prioritäten?

5) Ortwin, Montag, 04. Mai 2009, 23:13 Uhr

Ich hab mich auch etwas gewundert, dass ausgerechnet die Linke als einzige Partei Plakate mit Inhalt hat. Außer unseren natürlich, aber die Piratenpartei-Plakate sind leider noch sehr selten…

6) Kai, Montag, 04. Mai 2009, 23:53 Uhr

Anbei 2 interessante Links zur Europawahl:

Der erste dient dazu seine Positionen mit denen der Parteien zu vergleichen. Interessant dabei ist, dass auch die Parteien aus anderen europäischen Ländern dabei berücksichtigt werden. Meistens stellt man fest, dass die Partei, die einem am meisten entspricht nicht aus Deutschland kommt.

http://www.euprofiler.eu/

Hinter dem zweiten Link versteckt sich ein Aufruf von jungen Europäern an der Europawahl teilzunehmen. Der sollte weitergereicht werden.

http://www.dailymotion.com/video/x96l3e_%205-friends-4-europe_news

7) Gregor Keuschnig, Mittwoch, 06. Mai 2009, 08:48 Uhr

Die Linke mit Plakaten mit Inhalt? “Raus aus Afghanistan” und “Millionäre zur Kasse” heisst es da beispielsweise. Was haben diese Allgemeinplätze mit europäischer Politik und Gesetzgebung zu tun? Rein gar nichts.

8) ckwon, Mittwoch, 06. Mai 2009, 09:31 Uhr

Ich hoffe mal, dass die großen Parteien sich ihre ordentlichen Slogans nur zur Bundestagswahl aufheben. Die SPD macht einen Versuchsballon mit Negativwerbung. Schade nur, dass die großen Parteien eigentlich dadurch dem Wähler zeigen, dass sie selbst die Europawahl für unwichtig halten.

@Max: Umweltpolitik ist auch wirtschaftlich (meist) sinnvoll, insofern sehe ich da keinen Widerspruch.
Bzw. anders formuliert: Für die Grünen ist eine gute Wirtschaftspolitik auch nachhaltig, was insbesondere heißt, dass sie die Umwelt schon von sich aus schont.

9) Gerald Sandeck, Donnerstag, 07. Mai 2009, 14:49 Uhr

“Für Deutschland in Europa” – das finde ich gut. Ich hatte schon Angst, dass mein Heimatland vielleicht auf einen anderen Kontinent verlegt wird.

10) peeka, Samstag, 23. Mai 2009, 08:23 Uhr

Joachim Zeller sah auf den früheren Wahlplakaten aus wie Jürgen von der Lippe. Da die SPD schon einmal Ärger bekommen hat, weil ein Fotomodel wie ein Jürgen-Klinsmann-Double erschien, war es von der CDU doch nur folgerichtig, Herrn Zeller finsterer zu gestalten.
Und wer denkt bei der CDU schon an eine Spaßpartei…?

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