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Trauriger Besuch bei Ludwig Erhard

Ludwig Erhard war eine Nachkriegslegende, ihn zu interviewen für einen jungen Journalisten ein besondere Ehre. Aber mein Treffen mit Erhard im Jahr 1975, etwa 18 Monate vor seinem Tod, war ein trauriger Besuch. Es war später Vormittag, Erhards langjähriger Vertrauter Karl Hohmann wartete mit mir im Erdgeschoss auf den Altkanzler. Und dann kam Erhard schweren Schrittes die Treppe seines Hauses im Bonner Regierungsviertel herunter, die Krawatte mit Ei bekleckert, eine starke Whiskyfahne umwehte ihn.

Das Interview war bizarr: teilweise antwortete Erhard völlig klar, dann antwortete Hohmann für ihn und schließlich gab Erhard Antworten auf nichtgestellte Fragen und wiederholte immer wieder unmotiviert, dass seine größte Leistung die Währungsreform gewesen sei. Hohmann, der schon als Büroleiter im Kanzleramt Erhard gesteuert hatte, aber tat so, als sei das alles völlig normal. Es war eines der letzten Interviews mit Ludwig Erhard. Später äußerte er sich zwar noch schriftlich, aber ich gehe davon aus, dass er davon nicht mehr viel mitbekam, sondern von Hohmann im innerparteilichen Machtkampf der CDU instrumentalisiert wurde.

Kurz bevor ich ging, klaute ich Erhard noch eine Zigarrenspitze mit seiner Unterschrift. Heute ist das ja verjährt. Außerdem hatte er dutzende davon. Und sie war aus Pappe.