Kommentare
13
Tagcloud
BILD Bild am Sonntag CDU CDU/CSU Christian Wulff CSU Der Spiegel Die Linke FDP Grüne große Koalition Hartz IV Helmut Schmidt Kohl Linkspartei Merkel Philipp Rösler Schäuble Schröder Schwarz-Gelb Seehofer Sigmar Gabriel SPD Steinbrück Steinmeier Steuersenkungen Stoiber Wahlkampf Westerwelle zu Guttenberg
Sonntag, 24. Mai 2009, 21:51 Uhr

Die Droge Demoskopie

Die wahre Sucht der Politiker, die Droge Wichtigkeit, hat schon Jürgen Leinemann in seinem empfehlenswerten Buch “Höhenrausch” eindrucksvoll beschrieben. Es ist im Bundestagswahlkampf 2009 von unveränderter Aktualität. Denn Aufmerksamkeit und Wichtigkeit sind immer noch die eigentliche Währung, in der Politiker bezahlt werden. Aufmerksamkeit und Wichtigkeit entscheiden über die Wiederwahl, über die Sicherung der Karriere, über die Frage, ob der Beruf als Politiker überhaupt weiter ausgeübt werden kann..

Die kleine Schwester der Wichtigkeit ist die Droge Demoskopie: Umfragen als Bestätigung der Wichtigkeit. Nie war die Demoskopiehörigkeit so groß wie heute. Je näher der Wahltag rückt, um so häufiger fragen Spitzenpolitiker ihre Mitarbeiter und Berater: “Was sagen die Umfragen? Gibt´s neue Werte?”. Sind sie im Ranking wieder ein Stück nach oben geklettert und liegt ihre Partei vorne, dann steigt die Endorphin-Ausschüttung, sind die Ergebnisse schlechter, macht sich Depression breit.

Umfragen steigern oder verschlechtern nicht nur das Wohlbefinden, sie machen auch Politik. Kurt Becks Ende als SPD-Chef war zwar in erster Linie wegen seiner Unterstützung für Andrea Ypsilantis Wortbruch-Kurs selbst verschuldet, aber Manfred Güllners vernichtendes Forsa-Trommelfeuer hat seinen Teil dazu beigetragen. Ein so katastrophal unbeliebter Mann konnte einfach nicht Parteivorsitzender bleiben oder gar Kanzlerkandidat werden, folgerte die Partei aus den Umfragen.

Dabei werden Meinungsumfragen nicht nur überschätzt, sie sind im Zustandekommen ihrer Ergebnisse auch höchst fragwürdig. Die fragwürdigste ist die sogenannte Sonntagsfrage. Denn sie entsteht aus den Rohdaten der Umfrage nach der Parteienpräferenz und dem subjektiven Handeln der Meinungsforscher. Die Rohdaten werden, wie es so schön heißt, gewichtet, mit Recalls nach früherem Wahlverhalten angeblich hinterfragt, und am Ende mit der persönlichen Einschätzung der Meinungsforscher aufpoliert. Deshalb differieren sie von Institut zu Institut auch so stark, weil halt jeder ein anderes Zauberpülverchen hat, das er über die Rohdaten streut. Im Grunde bedeutet die Sonntagsfrage nur, dass der Meinungsforscher X seine Rohdaten mit einem unbekannten Faktor Y interpretiert.

Obwohl Umfragen nur Momentaufnahmen  sind, die schon morgen wieder anders sein können, weil gerade in der Krise sich Stimmungen und Meinungen schnell ändern, machen die Ergebnisse Politik. Aus der amerikanischen Wahlforschung kennt man den Begriff Band-Wagon-Effekt (aus der Zeit, als noch von Plattformen der Wahlkampfsonderzüge die Reden gehalten wurden). Er bedeutet, dass viele Wähler am Ende bei den Siegern sein wollen. Insofern beeinflussen selbst fragwürdigste Umfragen den tatsächlichen Wahlausgang. Richtig seriös, also wissenschaftlich haltbar, sind nur die Tiefenbohrungen bei Umfragen, wenn es um tiefergehende und längerfristige Veränderungen im Wählerverhalten geht.

Wenn dann ein Umfrageinstitut kurz vor einer Wahl merkt, dass es völlig falsch liegt, dann kann es besonderen Schaden anrichten. So 2002, als Allensbach die Union immer noch in der Sicherheit eines Wahlsieges wiegte, während alle andere Institute das Scheitern der CDU/CSU und Edmund Stoibers prognostizierten. Allensbach reagierte darauf mit einem Schnellabsturz der Werte für die Union, was wegen der aufsehenerregenden Medienwirkung den Schaden noch vergrößerte. Auch soll es Meinungsforscher geben, die Zahlen für ihren Auftraggeber schon einmal ein bißchen schönen. Da werden dann schnell aus 39 auch mal 40 Prozent.

Dass die Fragwürdigkeit von Umfragen in den Medien kaum thematisiert wird, hängt mit zwei Gründen zusammen: Erstens sind Umfragen die viel griffigeren Meldungen als Berichte über politische Inhalte, und zweitens sind die großen Medien alle mit einem der großen Institute im Boot: RTL und “Stern” mit Forsa, die ARD mit Infratest dimap, das ZDF mit der Forschungsgruppe Wahlen und die FAZ mit Allensbach. Da schaut man nicht denjenigen kritisch auf die Finger, die teuer bezahlt werden und die für aufsehenerregende Exklusivmeldungen sorgen. Allensbach ist übrigens das einzige Institut, dass die Wähler noch im persönlichen Gespräch befragt, alle anderen machen das nur noch telefonisch – bei dramatisch steigenden Zahlen von Umfrageverweigerern.

Eine weitere Unart ist, dass immer häufiger auch Umfragen mit weniger als 1.000 Befragten publiziert werden. Sie sind ohne jeden Aussagewert, werden aber von vielen Medien verbreitet. Bei der Deutschen Presseagentur gab es früher deshalb die Regel, dass Umfragen unter 1.000 Befragten nicht weiterverbreitet werden.

Die Konsquenz kann nur heißen, seine eigene Wahlentscheidung unbeeinflusst von Umfragen zu treffen – und Umfragen zu mißtrauen. Sie können sich noch drei Tage vor einer Wahl dramatisch ändern. Und selbst dann müssen sie nicht stimmen.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

13 Kommentare

1) Cem Basman, Sonntag, 24. Mai 2009, 23:32 Uhr

Irgendwie erinnert mich das fatal an die “Snake Oil & Elixir Medicine Shows” des Wilden Westens…

2) Duke Bosvelt, Sonntag, 24. Mai 2009, 23:49 Uhr

Das Stern-Forsa-Gespann ist tatsächlich ein abschreckendes Beispiel für den Einfluss der Demoskopie auf die politische Kultur. Man staunt nicht schlecht, welche tiefschürfenden Erkenntnisse Herr Güllner aus einer +/-1% Entwickung herauszulesen vermag und darin Trends zu erkennen glaubt, die sich bereits eine Woche später numerisch relativieren – und eine völlig andere, z.T. diametral entgegengesetze Begründung finden.

Überhaupt zeichnet sich das Forsa-Institut durch schlagzeilentaugliche Extremwerte aus, etwa die 20% der Beck-SPD, die 18% der FDP und der unverhältnismäßig hohe Zuspruch der Linken im Saarland (vor der SPD). Dass Herr Güllner selbst SPD-Mitglied ist und neben seinen Umfragen gleich noch einen Hauch von Politikberatung mitliefert, lässt seine Ergebnisse nicht seriöser erscheinen. Geradezu unerträglich sind die penetranten Lobhuddeleien, die die Herren Jörges, Schütz und Kinkel ihrem Umfrageguru angedeihen lassen – zumal ich die genannten Stern-Journalisten ansonsten durchaus als reflektiert und kritisch erlebe, so dass diese Umfragehörigkeit überhaupt nicht in’s Gesamtbild passt. Naja, sie tun wohl auch nur ihrem Job.

3) Statistiker, Montag, 25. Mai 2009, 09:02 Uhr

Als Fragwürdig würde ich die Umfragen nicht bezeichnen (auch wenn es unter 1000 Befragten sind). Fragwürdig ist aber die Ergebnispräsentation! Es gehört sich die Angabe eines Vertrauensintervalls, welches mit sinkender Befragtenzahl größer wird. Dies dürfte bei Wahlumfragen bei +- 5 Prozent liegen. Nur ist das natürlich kein schönes Ergebnis für Medien wie politische Auftraggeber, wenn es heißt: Die CDU steht bei 37 Prozent, genau so wahrscheinlich(!!!) ist aber auch ein Ergebnis von 32 oder 42 Prozent. Noch unübersichtlichr wird das bei den “kleineren” Parteien: Wenn die PDS bei 7 Prozent steht und man sagen muss, genaus so wahrscheinlich sind auch 2 bzw. 12 Prozent….
Dies ist der Grund warum (wissenschaftlich völlig unseriös) mit “Gewichtungen” versehen werden, so werden die Ergebnisse angeblich stabilisiert. Wer sich selbst ernst, für einen guten Journalisten oder ein seriöses Medium hält, der sollte die Umfrageergbnisse der Meinungsforschungsinstitute nicht zu ernst, sondern ziemlich locker sehen.

4) Fritz Brett, Montag, 25. Mai 2009, 10:09 Uhr

Die Magie der spezifischen Zahl grassiert überall. Ganz schlimm in der Psychologie. Im Fernsehen, wo alles inzwischen “quotengeregelt” ist. Auch im Internet mit den vielen Direkt-Befragungen. Dabei wirkt kaum etwas anderes derartig verdummend, weil die Zahl gleichzeitig ein Faktum und ein positives Wissen dieses Faktums vortäuscht. Und die Leute nehmen manchmal die Zahlen auch noch als Erklärung. Dann machen Zahlen neue Zahlen. Keine Frage, “Meinungsumfragen” tragen enorm viel bei zum medialen Gesamt-Schwachsinn. Stimmt schon. Bleiben Sie dran an dem Thema. Auch wenn es aussichtslos sein dürfte.

5) Hanno Zulla, Montag, 25. Mai 2009, 10:26 Uhr

Hallo Herr Spreng,

haben Sie die aktuelle Kontroverse um die Umfragen zu Internetsperren verfolgt?

http://www.welt.de/webwelt/article3783844/Kinderporno-Sperre-wird-zum-Lobby-Lehrstueck.html?page=all

Wie sehen Sie den Fall? Die Kinderhilfe hat sich zuletzt öffentlich leider nicht besonders sachlich geäußert…

6) Hanno Zulla, Montag, 25. Mai 2009, 10:27 Uhr

Nachtrag:

http://www.zeit.de/online/2009/22/netzsperren-infratest-interview

Infratest äußert sich auch zum Fall.

7) m.spreng, Montag, 25. Mai 2009, 11:18 Uhr

Die unterschiedlichen Ergebnisse sind ein Beweis dafür, dass die Fragestellung entscheidend das Ergebnis beeinflusst. Das ist bei poltischen Umfragen genauso. Die Fragestellung ist ein eine klare Manipulationsmöglichkeit. Deshalb sollte neben dem Grad der möglichen Abweichung der Ergebnisse nach oben und unten von den Medien immer auch die genaue Fragestellung veröffentlicht werden.

Im Fall von Kinderpornographie im Internet ist aber meine Position klar: Sperren! Der Schutz der Kinder ist wichtiger als die Freiheit des Netzes.

8) Michael Schäfer, Montag, 25. Mai 2009, 11:43 Uhr

Demoskopie ist Wahlkampf mit anderen Mitteln.

Ob Forsa oder Bild, ich sehe da keinen Unterschied.

Ihren Satz:
Die Konsquenz kann nur heißen, seine eigene Wahlentscheidung unbeeinflusst von Umfragen zu treffen – und Umfragen zu mißtrauen.

würde ich umbauen in:
Die Konsquenz kann nur heißen, seine eigene Wahlentscheidung unbeeinflusst von Medien aller Art zu treffen – quasi allen zu mißtrauen.

da hilft der Wahlomat weit mehr – da sind die jeweiligen Wahlprogramme Grundlage.

9) Philipp Hessel, Montag, 25. Mai 2009, 12:10 Uhr

Ich teile ihre Kritik an Meinungsumfragen in den meisten Punkten. In der Tat sollte man für einen verantwortlichen Umgang mit Umfrageergebnissen stets genau auf die Frageformulierung, die Methodik sowie die Ergebnispräsentation achten. Fallzahlen von unter 1000 Personen sind m.E. nicht das Problem, solange es sich um eine echte Wahrscheinlichkeitsauswahl handelt und – wie bereits angemerkt wurde – man die sog. Konfidenzintervalle berichtet.

Um zu verhindern, dass Personen ihre Wahlentscheidung nicht zu sehr an (z.T. fragwürdigen) Meiunungsumfragen orientieren, würde ich persönlich eine Regelung begrüßen, so wie sie etwa in Italien gibt. Dort dürfen meines Wissens nach zwei Wochen vor der Wahl keine Umfrageergebnisse mehr veröffentlicht werden. In Frankreich sind es lediglich 2 Tage.

10) Hanno Zulla, Montag, 25. Mai 2009, 13:25 Uhr

Hallo Herr Spreng,

verzeihen Sie den kleinen Einwurf abseits des eigentlichen Themas Demoskopie.

“Im Fall von Kinderpornographie im Internet ist aber meine Position klar: Sperren! Der Schutz der Kinder ist wichtiger als die Freiheit des Netzes.”

Tja, damit sind Sie leider schon in die Falle dieser Diskussion getappt. Es ist ein Missverständnis, dass die Gegner der Internetsperren ein “freies Internet” fordern oder Kinderschutz verhindern wollen.

Aus Sicht eines IT-Experten muss ich Ihnen entgegnen, dass Sperren nicht weiterhelfen und auch keine Kinder schützen. “Löschen” wäre die bessere Lösung.

Die diskutierten Sperren sind Wahlkampf-Tamtam der Familienministerin. Würde sie sinnvolle Maßnahmen fördern – z.B. bessere IT-Ausbildung von Polizei und Justiz, um die _vorhandenen_ Gesetze auf Internetkriminalität einzusetzen – wäre das nicht so schön knallig und auch keine Schlagzeile im Wahlkampf wert.

Es gibt schon heute kein “freies Netz”, insbesondere kein “rechtsfreies Netz”, und niemand fordert dieses, insbesondere nicht in Bezug auf Kinderpornographie.

Erlauben Sie mir, hierzu auf diesen Einwurf an die Politik zu verweisen – http://www.hanno.de/blog/?p=805 – den mehrere hundert Eltern mit IT-Berufen unterzeichnet haben. Sie werden diesen Eltern (und mir) sicherlich nicht unterstellen wollen, dass sie Kinderschutz nicht ernstnähmen.

11) Nashwin, Dienstag, 26. Mai 2009, 13:27 Uhr

Hallo Herr Spreng,

Ich kann meinem Vorkommentator nur zustimmen. Durch die Internetsperren wird kein einziges Kind geschützt, da die Seiten ja weiterhin existieren. Nur das Aufrufen der Seiten von deutschen Providern aus wird etwas erschwert.

Und es besteht die Gefahr, dass die Internet-Sperren auf andere (politisch nicht gewünschte) Inhalte ausgedehnt werden. Nach den Kinderpornoseiten kommen die Seiten der Rechtsradikalen, danach Seiten von Linksradikalen, Anarchisten, dann von Globalisierungskritikern, usw.

Das muss gar nicht groß öffentlich passieren, es werden einfach nicht genehme Seiten ohne großes Verfahren auf die Sperrlisten gesetzt. Das ist in anderen, westeuropäischen, Staaten, die solche Sperrlisten haben schon vorgekommen.
Und wer solche Seiten aufruft, wird selbstverständlich protokolliert.

Wehret den Anfängen! Auch wenn sie im Declkmantel einer an sich guten Sache daherkommen.

12) manuel woltmann, Mittwoch, 27. Mai 2009, 07:13 Uhr

Warum fragen die eigentlich immer mich ?

Jeder kennt die Situation. Zu den unmöglichsten Zeiten klingelt das Telefon und eine freundliche Stimme hat nur mal ein paar ganz kurze Fragen zu Politik oder Wirtschaft oder was auch immer.

Ich kam vor 3 Wochen in den Genuss einer telefonischen Befragung von Vattenfall und nach etwas 15 Minuten ! Befragung stellte ich die meines Erachtens berechtigte Gegenfrage, wie viele Fragen denn noch kommen würden. Wohlweislich bekam ich keine Antwort und nach weiteren 10 Fragen, die sich im übrigen für mein Gefühl nur unwesentlich veränderten, habe ich dann dem Anrufer noch 15 Fragen gestattet und mit jeder Frage rückwärts gezählt. Der etwas verzweifelte Anrufer meinte, dass die Befragung nicht zu gebrauchen sei wenn man Diese nicht mit jeder noch folgenden Frage zu Ende führen würde.

Er konnte diese Befragung dann auch nicht verwenden….tut tut tut.

13) Holger Kötzle, Mittwoch, 01. Juli 2009, 09:43 Uhr

Eine Alternative zu all den 1000-Befragte-Umfragen stellt die Webseite http://www.volkschecker.de dar. Warum das Mitmachweb nicht zu einer Leistungsbeurteilung unserer Volksvertreter nutzen? Die Auswertung auf dieser Seite bietet eine interessante andere Perspektive zu den gängigen Meinungsumfragen in den Medien.

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder


apparent media - iPhone Apps aus Berlin