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Die Droge Demoskopie

Die wahre Sucht der Politiker, die Droge Wichtigkeit, hat schon Jürgen Leinemann in seinem empfehlenswerten Buch „Höhenrausch“ eindrucksvoll beschrieben. Es ist im Bundestagswahlkampf 2009 von unveränderter Aktualität. Denn Aufmerksamkeit und Wichtigkeit sind immer noch die eigentliche Währung, in der Politiker bezahlt werden. Aufmerksamkeit und Wichtigkeit entscheiden über die Wiederwahl, über die Sicherung der Karriere, über die Frage, ob der Beruf als Politiker überhaupt weiter ausgeübt werden kann..

Die kleine Schwester der Wichtigkeit ist die Droge Demoskopie: Umfragen als Bestätigung der Wichtigkeit. Nie war die Demoskopiehörigkeit so groß wie heute. Je näher der Wahltag rückt, um so häufiger fragen Spitzenpolitiker ihre Mitarbeiter und Berater: „Was sagen die Umfragen? Gibt´s neue Werte?“. Sind sie im Ranking wieder ein Stück nach oben geklettert und liegt ihre Partei vorne, dann steigt die Endorphin-Ausschüttung, sind die Ergebnisse schlechter, macht sich Depression breit.

Umfragen steigern oder verschlechtern nicht nur das Wohlbefinden, sie machen auch Politik. Kurt Becks Ende als SPD-Chef war zwar in erster Linie wegen seiner Unterstützung für Andrea Ypsilantis Wortbruch-Kurs selbst verschuldet, aber Manfred Güllners vernichtendes Forsa-Trommelfeuer hat seinen Teil dazu beigetragen. Ein so katastrophal unbeliebter Mann konnte einfach nicht Parteivorsitzender bleiben oder gar Kanzlerkandidat werden, folgerte die Partei aus den Umfragen.

Dabei werden Meinungsumfragen nicht nur überschätzt, sie sind im Zustandekommen ihrer Ergebnisse auch höchst fragwürdig. Die fragwürdigste ist die sogenannte Sonntagsfrage. Denn sie entsteht aus den Rohdaten der Umfrage nach der Parteienpräferenz und dem subjektiven Handeln der Meinungsforscher. Die Rohdaten werden, wie es so schön heißt, gewichtet, mit Recalls nach früherem Wahlverhalten angeblich hinterfragt, und am Ende mit der persönlichen Einschätzung der Meinungsforscher aufpoliert. Deshalb differieren sie von Institut zu Institut auch so stark, weil halt jeder ein anderes Zauberpülverchen hat, das er über die Rohdaten streut. Im Grunde bedeutet die Sonntagsfrage nur, dass der Meinungsforscher X seine Rohdaten mit einem unbekannten Faktor Y interpretiert.

Obwohl Umfragen nur Momentaufnahmen  sind, die schon morgen wieder anders sein können, weil gerade in der Krise sich Stimmungen und Meinungen schnell ändern, machen die Ergebnisse Politik. Aus der amerikanischen Wahlforschung kennt man den Begriff Band-Wagon-Effekt (aus der Zeit, als noch von Plattformen der Wahlkampfsonderzüge die Reden gehalten wurden). Er bedeutet, dass viele Wähler am Ende bei den Siegern sein wollen. Insofern beeinflussen selbst fragwürdigste Umfragen den tatsächlichen Wahlausgang. Richtig seriös, also wissenschaftlich haltbar, sind nur die Tiefenbohrungen bei Umfragen, wenn es um tiefergehende und längerfristige Veränderungen im Wählerverhalten geht.

Wenn dann ein Umfrageinstitut kurz vor einer Wahl merkt, dass es völlig falsch liegt, dann kann es besonderen Schaden anrichten. So 2002, als Allensbach die Union immer noch in der Sicherheit eines Wahlsieges wiegte, während alle andere Institute das Scheitern der CDU/CSU und Edmund Stoibers prognostizierten. Allensbach reagierte darauf mit einem Schnellabsturz der Werte für die Union, was wegen der aufsehenerregenden Medienwirkung den Schaden noch vergrößerte. Auch soll es Meinungsforscher geben, die Zahlen für ihren Auftraggeber schon einmal ein bißchen schönen. Da werden dann schnell aus 39 auch mal 40 Prozent.

Dass die Fragwürdigkeit von Umfragen in den Medien kaum thematisiert wird, hängt mit zwei Gründen zusammen: Erstens sind Umfragen die viel griffigeren Meldungen als Berichte über politische Inhalte, und zweitens sind die großen Medien alle mit einem der großen Institute im Boot: RTL und „Stern“ mit Forsa, die ARD mit Infratest dimap, das ZDF mit der Forschungsgruppe Wahlen und die FAZ mit Allensbach. Da schaut man nicht denjenigen kritisch auf die Finger, die teuer bezahlt werden und die für aufsehenerregende Exklusivmeldungen sorgen. Allensbach ist übrigens das einzige Institut, dass die Wähler noch im persönlichen Gespräch befragt, alle anderen machen das nur noch telefonisch – bei dramatisch steigenden Zahlen von Umfrageverweigerern.

Eine weitere Unart ist, dass immer häufiger auch Umfragen mit weniger als 1.000 Befragten publiziert werden. Sie sind ohne jeden Aussagewert, werden aber von vielen Medien verbreitet. Bei der Deutschen Presseagentur gab es früher deshalb die Regel, dass Umfragen unter 1.000 Befragten nicht weiterverbreitet werden.

Die Konsquenz kann nur heißen, seine eigene Wahlentscheidung unbeeinflusst von Umfragen zu treffen – und Umfragen zu mißtrauen. Sie können sich noch drei Tage vor einer Wahl dramatisch ändern. Und selbst dann müssen sie nicht stimmen.