Montag, 01. Juni 2009, 19:21 Uhr

Merkel kann Arcandor nicht retten

Kaum hat die SPD die Kanzlerin und die CDU in Sachen Opel erfolgreich vor sich her getrieben, planen die Sozialdemokraten den nächsten Wahlkampf-Coup: Die Rettung von Arcandor mit staatlichen Bürgschaften. Ihr Argument, bei Arcandor stehen doppelt so viele Arbeitsplätze auf dem Spiel wie bei Opel, ist nicht von der Hand zu weisen. Und bei Karstadt geht es in erster Linie um Arbeitsplätze von Verkäuferinnen, die kaum eine Chance haben, einen neuen Job zu finden. Deshalb wird die SPD jetzt auch zusätzlich die Frauenkarte ziehen, um Merkel unter Druck zu setzen – nach dem Motto: Wer die Männer bei Opel rettet, darf die Frauen bei Karstadt nicht hängen lassen.

Aber kann Angela Merkel Arcandor überhaupt retten und könnte sie das verantworten? Bei Arcandor geht es um ein Unternehmen, das – im Gegensatz zu Opel – von seinen deutschen Managern ruiniert wurde. Und ein Unternehmen, das den Wechsel der Einkaufsgewohnheiten der Deutschen verschlafen hat. Der oberste Ruinator war der ehemalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff, der alle Kaufhäuser versilberte und sie dann für überhöhte Mieten zurückmietete. Und an einem dieser neuen Kaufhaus-Eigentümer, einem der in Köln berüchtigten Oppenheim-Esch-Fonds, sind er und seine Frau beteiligt. Wieso gibt es dafür eigentlich keinen Strafrechtsparagraphen?

Bei Arcandor besteht zudem der Verdacht, dass der werthaltige Teil (Thomas Cook) geschont werden soll. Für den weniger werthaltigen Teil (Karstadt/Quelle) soll der Staat einspringen. Vor dem Staat aber gibt es eine Reihe von tatsächlichen Haftungsträgern, die zur Kasse gebeten werden müssen: die ehemalige Haupteigentümerin Madeleine Schickedanz und die Oppenheim-Bank in Köln, die mit knapp 30 Prozent an Arcandor beteiligt und wiederum Haupt-Kreditgeberin von Frau Schickedanz ist. Es wäre deshalb sinnvoller, wenn die Karstadt-Angestellten vor der Oppenheim-Bank statt vor dem Kanzleramt demonstrieren würden.

Und noch aus einem anderen Grund kann Merkel den Arcandor-Konzern nicht retten – zumindest nicht in seiner bisherigen Form und Größe: Ihr würde dann die CDU/CSU endgültig um die Ohren fliegen. Viele in der CDU/CSU haben aus ordnungspolitischen Gründen dem Opel-Deal nur zähneknirschend zugestimmt, andere sind – wie Wirtschaftsminister zu Guttenberg – im offenen Protest. Würde Merkel bei Arcandor nachgeben, würde ihr nicht nur der Wirtschaftsflügel der CDU die Wahlkampf-Solidarität verweigern. Und vor zu Guttenberg muss sich Merkel in acht nehmen: er ist gerade dabei, zum neuen Star auch der CDU zu werden und Schatten auf die Sonne der Kanzlerin zu werfen.

Bei der Wahl, sich von der SPD weiter vorführen zu lassen, oder den offenen Aufstand in der CDU mit schwerwiegenden Folgen für die Wahlaussichten am 27. September zu riskieren, kann sich Merkel nur für die eigene Partei entscheiden.

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10 Kommentare

1) Thom, Montag, 01. Juni 2009, 19:45 Uhr

Wow, das liest sich ja wie eine Kopie von Bergers Text im Freitag. Daß die SPD den Konzern „retten“ will, zeigt nur einmal mehr, wen diese Partei rettet: die Milliardäre im Land.

2) Willi Winzig, Dienstag, 02. Juni 2009, 09:36 Uhr

Einen Strafrechtsparagraphen für Typen wie Middelhoff gibt es schon: § 266 StGB, Untreue. Nur ermitteln unsere Freunde, die Staatsanwälte, nicht gegen diese Art von Menschen. Sie scheinen doch etwas Besonderes zu sein, da sie sogar den strengen Juristen Angst machen.

3) klara, Dienstag, 02. Juni 2009, 18:15 Uhr

„Bei Arcandor geht es um ein Unternehmen, das – im Gegensatz zu Opel – von seinen deutschen Managern ruiniert wurde.“
Nunja, das wäre bei der Finanzmarktkrise ähnlich – nur im weltweiten Stil. Dennoch werden Banken, deren – deutsche oder welcherNationalitätauchimmer angehörige Manager – sich selbst mit in den Mist geritten haben, „gerettet“.

4) hnswrst, Mittwoch, 03. Juni 2009, 13:11 Uhr

opel wurde natürlich auch durch managementfehler ruiniert (qualitätsprobleme, grausige modellpalette, schlechtes marketing).

5) Kand.in.Sky, Mittwoch, 03. Juni 2009, 15:51 Uhr

hohoho! Langsam mit den jungen Pferden!

Opel ist gerettet? Seit wann das denn? Ist der 27.9. schon vorbei?

#k.

6) Michael Schäfer, Mittwoch, 03. Juni 2009, 17:27 Uhr

Wenn die Forumsteilnehmer meinen, Opel ist gerettet, meinen sie sicherlich die Marke und ihre Technologien.
Arbeitnehmer und Standorte sind es mitnichten.

7) manuel woltmann, Donnerstag, 04. Juni 2009, 12:43 Uhr

…mehr war einfach nicht möglich.

Mag sein, dass in der Geschichte des Hauses Karstadt die Episode Middelhoff als düsteres Kapitel eingeht. Wir erinnern uns jedoch nur zu gut daran, wie Middelhoff die Geschäfte oder besser gesagt den Scherbenhaufen des damals schon sehr angeschlagenen Konzerns von einem gewissen Herrn Urban und einem glücklosen Quickie mit einem farblosen Herrn Achenbach (nur 1 Jahr im Amt) übernommen hat und sich mit einem Sammelsurium aus Unternehmen und so spannenden Konzepten wie Runners Point, Starbucks, Sinn Leffers, Quelle und Wehmeyer beschäftigen durfte. Schon die Übernahme von Hertie im Jahre 94 und die Fusion mit Quelle waren keine strategischen Neuausrichtungen und haben in der Rückschau betrachtet den Karstadtkonzern nur zusätzlich geschwächt.

Dies alles Middelhof zuzuschreiben ist falsch, lieber Herr Spreng und gibt den dramatischen Wandel der letzten 4 Jahre bei Karstadt und der letzten 20 Jahre bei den Einkaufsgewohnheiten der Kunden nicht korrekt wieder. Die Süddeutsche schreibt in Ihrer Unwissenheit und Ignoranz davon, dass Middelhoff ja das ganze Tafelsilber verkauft hat und jetzt alles noch schlechter ist. Hätte man nicht den Mut gehabt diese Schritte zu gehen, wäre Karstadt noch vor der Finanzkrise pleite gewesen, denn die Finanznot besteht mind. seit 5 Jahren.

Das Unternehmen Karstadt wurde auch nur zum Teil von seinen Managern und hier insbesondere von Urban/Achenbach und nicht von Middelhoff ruiniert. Und nicht zuletzt haben wir Konsumenten einen großen Anteil daran, das Karstadt heute nur als Bettwäsche-, Kurzwaren-, Geschirr- Töpfe und Pfannenhandel von uns aufgesucht wird. Im übrigen genau die Produkte, bei denen heute kein Schwein mehr einen Euro verdient, weil diese Dinge von den Ikeas dieser Welt billiger, schöner und vielfältiger angeboten werden und die Marge gegen Null tendiert.

Liebe Frau Schickedanz, die Lösung ist der Verkauf der Warenhaussparte an die Metro und nicht die Bürgschaft aus dem Sonderfond Finanzmarktstabilisierung, denn warum sollen heute noch einmal 650 Mio. Euro ausreichen, wenn in den letzten 2 Jahren nicht einmal 5 Mrd. Euro genug waren um den Konzern werthaltig aufzustellen.

8) Jens, Samstag, 06. Juni 2009, 10:15 Uhr

Schade, dass man den Generationenwechsel in Deutschland seit Menschengedenken schon nicht mehr mit der Keule vollzieht. Ich würde Wirtschaftsminister von Guttenberg beim Schnitzen helfen!

9) Martin, Samstag, 06. Juni 2009, 12:22 Uhr

Vielleicht wird Ihr Wunsch doch noch wahr, Herr Spreng:
SPON: „Immobiliendeals bringen Ex-Arcandor-Chef in Defensive“
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,628917,00.html

10) Alexander, Mittwoch, 10. Juni 2009, 09:52 Uhr

Beim Schnitzen der Keulen wäre ich wohl auch dabei. Allerdings müsste dafür wohl sehr viel Wald gerodet werden, denn ich glaube, da hilft nur noch ein radikaler Rundumschlag. Oder wo sollte man anfangen und wo aufhören. Mir scheint, hier wurde schon jahrzehntelang alles verschlafen und hauptsächlich in die eigene Tasche gewirtschaftet. Von einer vernünftigen und werthaltigen Aufstellung kann ja wirklich für kaum einen Bereich von Arcandor die Rede sein und so muss man dann eben nun auch mit den Folgen leben. Einzig Spekulanten haben an diesen Ergebnissen (http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-aktien/arcandor-ag.asp) vielleicht noch ihre Freude…

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