Sonntag, 14. Juni 2009, 09:57 Uhr

Zu Guttenberg – Merkels neues Rückgrat

Neue Nieren kann man sich transplantieren lassen, Herzverpflanzungen sind inzwischen auch Routine, aber eines hat es bisher noch nicht gegeben: Rückgratverpflanzungen. Angela Merkel könnte die erste sein, bei der die medizinisch-politische Sensation gelingt: die Implantation eines neuen Rückgrats. Ihr neuer Halt heisst Karl-Theodor zu Guttenberg. Der Wirtschaftsminister könnte Merkels stabiles Rückgrat werden – wenn sie es nicht abstößt.

Seit Jahren verzweifeln Kritiker, aber auch viele in der eigenen Partei an der Kanzlerin: wofür steht sie eigentlich, was ist ihr Kompass, hat sie überhaupt Prinzipien? Ihr Rückgrat schien verbogen unter der Last der großen Koalition. Unvergessen ihr Auftritt bei Anne Will, wo sie fröhlich verkündete, mal liberal, mal konservativ, mal christlich-sozial zu sein. Und so ging sie auch durch die Krise: ihre Standpunkte wurden häufig nur von der taktischen Überlegung bestimmt, der SPD keinen Raum zur Profilierung zu geben, lieber gleich alles Sozialdemokratische mitzumachen, auch wenn in der CDU nicht nur der Wirtschaftsflügel daran verzweifelte. Wie verwirrt die CDU-Führung in Fragen der sozialen Marktwirtschaft war, zeigte auch das Plakat zur Europa-Wahl: „Für eine soziale Marktwirtschaft, die menschlich ist“.

Das hat sich geändert, seitdem ein – zumindest für die Politik – junger Mann Wirtschaftsminister wurde, der, ganz erstaunlich für die heutige Jungpolitiker-Generation, Prinzipien hat und diese auch deutlich formuliert. Dass zu Guttenbergs Karriere nur durch mehrere Betriebsunfälle möglich war (CSU-Wahldesaster in Bayern, das Scheitern der alten CSU-Garde, das Versagen von Michael Glos als Wirtschaftsminister) spricht nicht gegen ihn, sondern nur gegen die nicht funktionierende Elitenbildung der Parteien.

Angela Merkel hat sich zu Guttenberg nicht selbst ausgesucht, ihr neues Rückgrat wurde ihr von CSU-Chefarzt Seehofer implantiert. Und es tut seinen Dienst erstaunlich gut. Mit zu Guttenberg hat die Wirtschaftskompetenz der CDU/CSU wieder ein Gesicht. 61 Prozent der Wähler finden ihn und seine Politik prima, er ist inzwischen auf Platz 2 der Beliebtheitsskala, in Bayern war er am 7. Juni, obwohl er gar nicht zur Wahl stand, einer der Väter des Sieges.

Bei Opel musste zu Guttenberg zwar noch zurückstecken, weil Angela Merkel vor dem Ergebnis der Euiropa-Wahl noch nicht wusste, ob sie ihr neues Rückgrat behalten oder abstoßen soll. Jetzt scheint sie sich zum neuen marktwirtschaftlichen Rückgrat zu bekennen: sie folgte zu Guttenberg und ließ Arcandor in die selbstverschuldete Insolvenz gehen und machte keine taktischen Konzessionen mehr an die SPD. Die immer schärferen Angriffe von Frank-Walter Steinmeier auf den Wirtschaftsminister beweisen nur die Hilf- und Ratlosigkeit der SPD gegenüber dem Phänomen Guttenberg.

Wenn Angela Merkel klug ist, dann überlässt sie zu Guttenberg nicht nur der CSU, sondern macht ihn im Wahlkampf offiziell zu ihrer Nr. 2 – zum neuen Hoffnungsträger auch derjenigen CDU-Wähler, die schon zu Hause bleiben wollten. Dann wäre die Operation gelungen.

Angela und der schwarze Baron – das könnte das Dreamteam der CDU/CSU werden.

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9 Kommentare

1) ralf schwartz, mediaclinique, Sonntag, 14. Juni 2009, 10:31 Uhr

Das Problem des Ängelchen Merkel ist, daß sie sich so schnell mit dem Winde dreht, daß der Name der Rose eine neue Bedeutung bekommt.

Und dreht sie sich mit dem neuen Rückgrat wiedermal um 180 Grad, verkommt dieses zur bloßen Knopfleiste ihres pfirsichfarbenen Blazers.

Vielleicht hat sie Angst, daß dann nur baron-schwarze (Schweiß-)Flecken auf ihrer Weste bleiben und die Menschen über die Wahl hinaus an ihre vielen Wenden erinnern.

Eine spannende Überlegung bleibt es allemal.

2) Martina, Sonntag, 14. Juni 2009, 11:58 Uhr

Meine Vermutung ist, dass Horst Seehofer oder aber Angela Merkel (vielleicht gar beide zusammen?) irgendwann in Karl-Theodor eine Gefahr ihrer eigenen Position sehen.

3) Schadbär, Sonntag, 14. Juni 2009, 12:11 Uhr

Dem Guttenberg könnte es ähnlich ergehen wie Herrn Merz, der ja auch als große Hoffnung in der Union galt. Merz war für Merkel zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten geworden, den sie, ganz „iron lady“, abgesägt hat, bevor es für sie brenzlig werden konnte.

Auch Guttenbergs Strahlkraft könnte für sie mittelfristig gefährlich werden. In den nächsten vier Jahren könnte er sich eine eigene Hausmacht aufbauen und den Putsch gegen Merkel wagen, um dann jüngster Kanzler in der Geschichte der Bundesrepublik zu werden (und dazu noch einer aus der CSU!).
Ich kann mir kaum vorstellen, dass Merkel es soweit kommen lassen wird.

4) Carsten Blöcker, Sonntag, 14. Juni 2009, 18:20 Uhr

Endlich wieder ein Lichtblick in der Politik für die „unter Vierzigjährigen“. Und einen zweiten Fall Merz wird es nicht geben, denn zu Guttenberg „is scho a Hundling“, mit eigenem Rückgrat. Mit ihm an Bord können/dürfen/müssen wir uns auf schwarz-gelb einstellen.

5) Duke Bosvelt, Montag, 15. Juni 2009, 01:53 Uhr

Interessant ist auch, dass die CDU Kraft ihres marktwirtschaftlich prinzipientreuen schwarzen Barons aus Bayern wieder verstärkt den Mut findet, scharfe Abgrenzungsrituale gegenüber den Kernprogrammpunkten des Wunschpartners FDP zu üben. Immerhin hat die CDU selbst wieder eine wirtschaftsliberale Symbolfigur vorzuzeigen.
http://www.sueddeutsche.de/,ra1m1/politik/527/472055/text

6) Thom, Montag, 15. Juni 2009, 20:02 Uhr

Vor wenigen Tagen noch „ein bißchen zu clever“, der Hund aus Bayern, heute schon der Held für kommende (erträumte) Wahlsiege. So schnell geht’s im konservativen Lager, wo der Sieg alles zählt und der Inhalt immer hinten an steht.

7) Johann Roth, Freitag, 19. Juni 2009, 09:17 Uhr

Mit zu Guttenberg als Ordnungsmacht wäre der CSU ihre Krise erspart geblieben. Sie hätte nicht versucht, fehlende Sperrminoritäten durch die Polizei zu ersetzen. Das geht nicht.

8) Gockeline, Sonntag, 21. Juni 2009, 17:28 Uhr

Da kommt ein junger Mann der fast alles hat und gute Chancen für die Zukunft.
Er könnte wirklich alle zusammenbringen.
dass Merkel vor ihm Angst hat weil er gefährlich werden könnte,ist nur in den wirren
Köpfen einzelner Journalisten.
Ich hoffe noch mehr auf solche guter Männer.

9) Franz, Dienstag, 01. September 2009, 16:20 Uhr

Ihr Kommentar * alles Ruinatoren !!
das Land wird kaputt regiert, egal wer dran kommt ! Wir sind längst pleite bis zum Anschlag ! Das Volk wird dumm gehalten, schuld an der Finazkrise sind nun die Steuerflüchtigen ! An lächerlichkeit kaum noch zu überbieten !

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