Sonntag, 12. Juli 2009, 23:35 Uhr

Marxist – gut durchgebraten

1976 oder 1977 suchte ich für ein Abendessen mit dem damaligen Forschungsminister Hans Matthöfer (SPD) Bonns einziges Feinschmeckerlokal, das “Chez Loup”, aus. Das sollte sich als Fehler herausstellen, denn der erdnahe Ex-Gewerkschafter hatte mit Nouvelle Cuisine wenig am Hut. Nachdem der deutsche Patron weitgehend auf französisch seine Karte heruntergebetet hatte (viele Gerichte “an”), meinte Matthöfer trocken: “Ich kaum etwas verstanden von dem, was Sie mir erzählt haben. Ich nehme ein Steak, gut durchgebraten”. Der Besitzer brach fast zusammen, aber Matthöfer amüsierte sich königlich. Matthöfer, der auch in Paris gearbeitet hatte, war einfach das vornehme Getue auf die Nerven gegangen.

Bei dem Essen dann ein verblüffendes Geständnis. “Ich bin Marxist”, sagte der spätere Minister und wiederholte auf Nachfrage sein zu Zeiten des Radikalen-Erlasses gewagtes Bekenntnis. Wenn er seine marxistische Grundhaltung bei seiner Berufung zum Minister öffentlich erklärt hätte, wäre es in der damaligen aufgeheizten Atmosphäre sicher eng geworden. Das mit dem Marxisten dürfte sich aber spätestens gelegt haben, als Matthöfer Finanzminister wurde und nach seinem Abschied aus der Politik Vorstandsvorsitzender der umstrittenen Gewerkschafts-Holding “Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft”.

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3 Kommentare

1) Martin, Montag, 13. Juli 2009, 09:40 Uhr

Ein marxistischer Forschungsminister… nunja, 77 war ich gerade erst in Planung, aber man hört ja öfter mal, dass es damals auch unter Linken durchaus noch Fortschrittsfreunde gab und nicht nur Technikfolgenabschätzer ((c) <a href=FAZ) wie heute. Insofern funktionierte es vielleicht auch mit einem marxistischen Bundesminister für Forschung und Technologie. ;-))

2) Martin, Montag, 13. Juli 2009, 09:42 Uhr

Da ist was mit der TECHNIK ;-))) schief gelaufen, sorry, der FAZ-Link war:
http://www.faz.net/s/Rub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C/Doc~EAA13172016014FFFA9B30D65C90D55C0~ATpl~Ecommon~Scontent.html

3) Martin, Donnerstag, 16. Juli 2009, 10:26 Uhr

Hallo Herr Spreng,
Sie schreiben, es sei ein Riesenerfolg für die SPD, wenn sie Merkel weiterhin die Koffer tragen dürfe. Aus welchem Grunde glauben Sie, dass die Fortsetzung von Schwarz-Rot für die SPD erstrebenswert wäre? Sprachen Sie nicht einmal selbst davon, die SPD habe sich 2002 und dann 2005 endgültig zu Tode gesiegt?

Beste Grüße

Martin

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