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Das Steinbrück/Guttenberg/Merz-Gen

Peer Steinbrück hat den “Heulsusen” in der SPD, wie er seine Genossen nannte, wieder einmal das Wasser in die Augen getrieben. Und nicht nur ihnen: diesmal distanzierte sich auch Kanzlerkandidat Steinmeier von ihm. Dabei hat der Finanzminister nur die Wahrheit gesagt: dass die Rentengarantie falsch ist und den Jungen einseitig die Lasten aufbürdet. Aber Steinbrück hat diesmal etwas Unverzeihliches getan: er hat die Wahrheit im Wahlkampf gesagt. Und das ist verboten und gilt als grobe Illoyalität, besonders dann, wenn gerade die Parteifreunde das Blaue vom Himmel versprechen.

Die deutsche Politik glaubt, ihre Lektion aus dem Merkel-Wahlkampf von 2005 gelernt zu haben: keine schlechten Nachrichten vor der Wahl. Der Wähler ist ein schizophrenes Wesen. Er will vor Wahlen betrogen werden, damit er nach der Wahl wieder auf die “Betrüger von Berlin” schimpfen kann. Und die Wahrheit, zum Beispiel die Ankündigung von Steuererhöhungen statt des wahlüblichen Versprechens von Steuersenkungen, wird vom Wähler bestraft. So die gängigen Lehrsätze der Wahlkämpfer.

Peer Steinbrück, der immer wieder Partei und Wähler mit unangenehmen Wahrheiten schockt, ist erstaunlicherweise dennoch in der Beliebtheitsskala deutscher Politiker auf Platz 3 – vor seinem Kanzlerkandidaten, der den Wählern doch nur Freundliches verspricht. Vielleicht sind die gängigen Lehrsätze der Wahlkämpfer doch falsch und die Bereitschaft der Wähler, sich auch unbequeme Wahrheiten anzuhören, ist gerade in der Krise gewachsen.  

Dafür spricht auch, dass Wirtschaftsminister Karl Theodor zu Guttenberg auf Platz 2 liegt – der Mann, der Opel in die Insolvenz schicken wollte, der Arcandor pleite gehen ließ und der auch die sinnlosen Millionen für den Katolog von Quelle nicht herausrücken wollte, denn warum soll Quelle noch einen Katalog drucken, wenn ohnehin niemand mehr bei dem Versandhaus bestellen will.

Und Friedrich Merz, der leider die Politik verlässt, würde sicher immer noch unter den zehn populärsten Politikern auftauchen, wenn sein Name abgefragt würde. Und das, obwohl auch er – wie Steinbrück – ein arroganter Hund ist, der die Gewerkschaften entmachten und ausgerechnet in der Krise “mehr Kapitalismus wagen” will. Die drei müssen also etwas Besonderes an sich haben, etwas, das die Wähler fasziniert.

Auf der Suche nach dem Steinbrück/Guttenberg/Merz-Gen stößt man auf ein in der Politik immer selteneres Wort: Haltung. Steinbrück, zu Guttenberg und Merz haben eine Haltung, haben Grundüberzeugungen, die sie offen zu erkennen geben und offen formulieren. In Zeiten der Mißfelderisierung der deutschen Politik, in Zeiten von meinungs- und inhaltslosen Parlamentariern, sind Politiker mit Haltung und Überzeugung Solitäre. Und das honorieren die Wähler, auch wenn sie nicht mit allem einverstanden sind, was die drei sagen. Und deswegen mögen auch Rentner Steinbrück und Arbeitnehmer zu Guttenberg.