Mittwoch, 15. Juli 2009, 10:03 Uhr

Du rettest den Freund nicht mehr

Thomas Steg, der sich heute als stellvertretender Regierunssprecher verabschiedet, ist um seinen neuen Job nicht zu beneiden: Kommunikationschef des SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier. Das ist etwa so attraktiv wie Pressesprecher bei Vattenfall. Auch die SPD hat so viele Störfälle hinter sich, dass ihr am 27. September die Abschaltung droht. Das kann selbst ein so hervorragender Mann wie Steg kaum noch verhindern. 

Kommunikationsexperten können nicht erfolgreicher sein als das Produkt, das sie verkaufen. Und Stegs Produkt heißt Steinmeier, das laut Umfragen seit Monaten wie Blei in den Regalen liegt. Und die Firma, die dahinter steht, die SPD, hat im Wahlkampf bisher fast alles falsch gemacht, was man falsch machen kann: zu früh gestartet, die falschen Botschaften, öffentlich zerstritten, strahlt sie eine tiefsitzende Unsicherheit aus, die sich auf die Wähler überträgt. Sie hat den Europa-Wahlkampf nur mit Negativ-Campaigning gegen Finanz-Haie, Dumpinglöhne und heiße Luft bestritten und erfolglos versucht, Angela Merkel schlecht zu reden. Was bleibt jetzt noch? Steinmeier (“Prickel”) noch einmal neu erfinden? Dafür ist es zu spät. Es sind nur noch 74 Tage bis zur Wahl. Die SPD kann nur noch auf Fehler der CDU/CSU und FDP hoffen.

Für Thomas Steg gilt, was Friedrich Schiller schon in der “Bürgschaft” schrieb.”Du rettest den Freund nicht mehr”. Ich wünsche Steg das, was mir einer der genialsten SPD-Wahlstrategen, Bodo Hombach, 2002 wünschte, als ich für Edmund Stoiber arbeitete: Persönlich viel Erfolg, aber nicht für die Aufgabe. Und er muss aufpassen, dass ihn seine Genossen nicht hinterher zum Sündenbock machen.

Bei der SPD gibt es übrigens auch immer noch Franz Müntefering, dessen Realtitätsverlust schon Bunkermentalität angenommen hat. Er sagte in einem grotesken “Spiegel”-Interview, Frau Merkel könne schon mal die Koffer packen. Dabei wäre es schon ein Riesenerfolg für die SPD, wenn sie der Kanzlerin auch in der nächsten Legislaturperiode die Koffer tragen dürfte.

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19 Kommentare

1) Spandauer, Mittwoch, 15. Juli 2009, 10:31 Uhr

Guten Tag Herr Spreng,

steigen da in Ihnen Erinnerungen an Ihre eigene Zeit mit Herrn Stoiber auf? Das Produkt war damals auch schwer jenseits des Weißwurst-Äquators vermittelbar.
Aber damals war natürlich der SPD-Stratege der genialste aller Zeiten, da darf man auch verlieren 🙂

2) Jander, Mittwoch, 15. Juli 2009, 10:43 Uhr

Das ist leider so wahr! Der Realitätsverlust innerhalb der SPD ist irgendwie beängstigend.

3) bunki, Mittwoch, 15. Juli 2009, 11:54 Uhr

Ihr Kommentar *Aber vielleicht kommt ja im Bunde der Dritte, sprich eine Dreierkombi an die Regierungsmacht. Wäre, wenn man CSU/CDU jetzt mal etwas unzulässigerweise als Einheit betrachtet, eine Neuheit. Und dann der Steg, über den die SPD gehen könnte.

4) Wolf-Dieter, Mittwoch, 15. Juli 2009, 12:31 Uhr

Realitätsverlust? Klar. Fehler im Wahlkampf? Ebenfalls klar und vermutlich zusammenhängend mit Realitätsverlust. Bunkermentalität bei Münte? Yep was sonst.

Aber — bitte — der Grund für den Niedergang der SPD liegt in ja wohl in deren Sachpolitik der letzten elf Jahre.

5) Jost Kremmler, Mittwoch, 15. Juli 2009, 15:11 Uhr

Man sollte die SPD und Steinmeier nicht schlechtreden. Sollte Merkel in der nächsten Legislatur mit der FDP regieren, könnte man genauso kritisch sagen: es wird ähnlich wie 16 Jahre Kohl: Sozialabbau, demütige Anpassung an die USA und ansonsten viel Stillstand.
Die SPD hat, was die CDU/CSU nie geschafft hätte, ohne Volksaufstand (wenn auch gegen gewaltige Proteste) mit der Agenda 2010 den Sozialstaat reformiert (es gab auch viele, die durch HarzIV besser gestellt wurden), und sie hat – im Gegensatz zum erklärten Willen von Merkel – nicht deutsche Soldaten in den Irak geschickt, was außenpolitisch sehr viel Mut und Standfestigkeit erfordert hat.

Sehr geehrter Herr Spreng, noch ein Hinweis, was die Form Ihres Blogs betrifft: meine Augen sind nicht mehr so gut. Ich kann aber den Schriftgrad nicht vergrößern. Wenn ich tatsächlich nicht die Möglichkeit dazu habe, wäre mein dringender Wunsch an Sie, die Schriftgröße zu erhöhen.

6) Wack, Mittwoch, 15. Juli 2009, 16:18 Uhr

Ihr Kommentar *
Zitat: “Aber — bitte — der Grund für den Niedergang der SPD liegt in ja wohl in deren Sachpolitik der letzten elf Jahre.”

@Wolf-Dieter: Klar, aber wenn man die eigenen Fehler (zum Beispiel Dumpinglöhne durch Einführung des Niedriglohnsektors) auch noch zum Wahlkampfthema macht, wohl in der Hoffnung, die Wähler hätten ein kurzes Gedächtnis, dann ist einer Partei wie den Seeheimern auch nicht mehr zu helfen.

7) Artur, Mittwoch, 15. Juli 2009, 17:51 Uhr

SPD seid froh, wenn ihr der Angie die Koffer tragen dürft.

8) Martin, Mittwoch, 15. Juli 2009, 19:23 Uhr

Den Schriftgrad (und restliches Erscheinungsbild) vergrößert man bei Firefox mit Strg und + (Plus-Taste). Verkleinern dann mit Strg und -. Zurück zum Normalzustand mit Strg und 0.

9) SK, Mittwoch, 15. Juli 2009, 19:38 Uhr

@ Jost Kremmler

Drücken Sie (mehrfach) STRG und die +-Taste. Dann vergrößert sich die Schrift, funktioniert mit Firefox und Internet Explorer.

10) Kurt, Mittwoch, 15. Juli 2009, 20:25 Uhr

Die Bürgschaft ist in diesem Zusammenhang etwas unpassend. Der Freund dessen Leben verloren scheint ist nämlich der Bürge für die Hauptfigur der Ballade. In diesem Sinne täte die SPD etwas Selbstloses um dem Herrn Steg etwas Gutes zu tun und
so schlecht kann es um diesen Herrn doch wohl nicht bestellt, als das er sich von den Sozis helfen lassen müsste 🙂

11) schlecht, Mittwoch, 15. Juli 2009, 20:41 Uhr

Für alle anderen gibt es Readability:
http://lab.arc90.com/experiments/readability/

12) Lars, Donnerstag, 16. Juli 2009, 09:36 Uhr

Das mit “Frau Merkel kann die Koffer packen” war doch ganz anders gemeint. Generation Internet lässt sich nicht mehr verarschen und geht (brief)wählen und die CDU stürzt ab (die SPD gleich hinterher).

“Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen.”

13) Andreas, Freitag, 17. Juli 2009, 09:20 Uhr

“Dabei wäre es schon ein Riesenerfolg für die SPD, wenn sie der Kanzlerin auch in der nächsten Legislaturperiode die Koffer tragen dürfte.”
Schön gesagt. Traurig aber wahr.

14) Philip2007, Freitag, 17. Juli 2009, 11:19 Uhr

Sie, Herr Spreng, haben hoffentlich Recht, doch ich erinnere mich an die Wahlkämpfe 2002 und 2005, in denen die SPD eine grandiose Aufholjagd hinlegte. Die Unberechenbarkeit der Wähler mag der letzte Strohhalm dieser Partei sein, der das Wasser bis zum Hals steht. Aber immerhin bekommt sie noch Luft.

15) Tobias, Freitag, 17. Juli 2009, 11:41 Uhr

Ich erlaube mir einfach mal eine Nachfrage: Was war/ist denn das Geniale an Herrn Hombach?

16) m.spreng, Freitag, 17. Juli 2009, 12:32 Uhr

@ Tobias
Hombach hat die erfolgreichen Rau-Wahlkämpfe konzipiert und organisiert und war einer der Architekten des Schröder-Wahlkampfes 1998.

17) Philip2007, Freitag, 17. Juli 2009, 19:41 Uhr

Lieber Herr Spreng, was halten Sie denn von Klaus Vater, Stegs Nachfolger? Der soll ja Journalisten schon schriftlich die Zusammenarbeit gekündigt haben. Als ich ihn in Berlin für eine Studie über die politisch-medialen Beziehungen interviewte, erwähnte er dies natürlich mit keiner Silbe.

18) Querine, Freitag, 17. Juli 2009, 20:30 Uhr

@ schlecht

Readability ist unglaublich – sehr schön, vielen Dank auf diesem Wege!

19) Tobias, Freitag, 24. Juli 2009, 15:18 Uhr

Danke für die Antwort!

Bei den Stichworten “Rau” und “Schröder 1998” wird wahrscheinlichen vielen SPD Mitgliedern und Wählern das Wasser im Munde zerlaufen … und mächtig viel Speichel produziert.

(Aber ob das “nur” oder zu einem Großteil am Wahlkampf bzw. -konzept lag oder an der grds. Stimmung im Lande – sei mal dahin gestellt. Ich denke nämlich, dass die Wirkung des Wahlkampfes ansich überschätzt wird. Aber dazu fehlt mir der grundätzliche Ein- und vielleicht auch Überblick. Vielleicht können Sie hierzu in naher Zukunft mal einen Artikel schreiben – Wahlkampf und die Wirkung auf das Wählerverhalten. Ich denke, die Wirkung ist eher negativ reziprok* zu den getätigten Steuerausgaben.)

An diese erfolgreichen Zeiten wird sich aus meiner Sicht sobald kein junger SPD Wähler – falls es die noch gibt – mehr erinnern können.

Selbst schuld! Das ich kein potentieller SPD Wähler bin, brauche ich wohl nicht extra erwähnen.

* das Wort gefiel mir gerade sehr gut, auch wenn es nur ansatzweise passt – aber ich denke, es ist klar, was ich aussagen will (große Ausgaben = wenig Wirkung)

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