Sonntag, 02. August 2009, 13:01 Uhr

Mutti macht´s

Ist es eigentlich zu viel verlangt, dass Politik auch Spaß machen soll? Ist es vermessen, sich Leidenschaft in der Politik zu wünschen? Ist es zu anspruchsvoll, von Politikern zu erwarten, dass sie für Politik begeistern können? Offenbar – wenn man den deutschen Wahlkampf bisher beobachtet. Wir haben ja gewusst, dass es in Deutschland keinen Obama gibt, aber müssen es nur noch Anti-Obamas sein, die versuchen, die Wähler am 27. September an die Wahlurne zu zerren? Mutti Merkel, den kleinen Schreihals Guido an der Hand, gegen Onkel Steinmeier, der auf die Frage, was seine zentrale Botschaft sei, drei Minuten orientierungslos vor sich hinredet? Wahrscheinlich hat der Außenminister überlegt, ob es Washington oder Brüssel ist.

Langsam wird der Wahlkampf wirklich ärgerlich. Sind wir deutsche Wähler so anspruchslos wie der Wahlkampf 2009? Wenn der Satz stimmt, dass das Volk die Politiker hat, die es verdient, dann ist es schlecht um uns bestellt. Was waren das für Wahlschlachten – Adenauer gegen Schumacher, Schmidt gegen Strauß, Schröder gegen Kohl. Und selbst 2002 und 2005 hatten die Wahlkämpfe noch zehn mal mehr Feuer als in diesem Jahr. Offensichtlich wollen die Parteien das Gehirn der Wähler örtlich betäuben, um ihnen ihr Kreuz am Wahltag zu entringen. Selbst das alte Schlachtross Lafontaine wirkt sediert, sein Kompagnon Gysi sprüht nur noch auf Sparflamme.

Jetzt sagen die Strategen, der Wahlkampf habe ja noch gar nicht richtig angefangen. Fängt er denn überhaupt noch an? Angela Merkel will gar nicht kämpfen, Frank Walter Steinmeier kann es nicht. Für das TV-Duell Merkel gegen Steinmeier am 13. September sollte die Bundeszentrale für politische Bildung kostenlose Hallo-Wach-Pillen verteilen. Die Welt steckt in der schwersten Krise der Nachkriegszeit und Deutschland erlaubt sich einen Wahlkampf, als ginge es um die Umgehungsstraße für Kleinkleckersdorf.

Wo bleibt der leidenschaftliche Streit um die Kontrolle der Banken, die ihre Casinos wieder eröffnet haben und den ultimativen K.O.-Schlag gegen die Weltwirtschaft vorbereiten? Warum wird, bis auf die Linkspartei, der deutschen Afghanistan-Einsatz im Wahlkampf tabuisiert? Warum wird eigentlich das zentrale Thema ausgeklammert, wie Deutschland jemals wieder von seinem gigantischen Schuldenberg herunterkommen will? Deutschland steht in der nächsten Legislaturperiode vor eine der härtesten Sparphasen der letzten Jahrzehnte und keiner redet darüber. Wann kommen Steuererhöhungen? Wird der Sozialsstaat überleben können? Ist der Generationenvertrag nicht schon längst zerbrochen? Wer zahlt am Ende wirklich die Zeche?

Fragen über Fragen und keine Antworten – zumindest keine ehrlichen. Angela Merkel fährt stattdessen mit dem Sonderzug und schwarz-rot-goldenen Fähnchen auf Konrad Adenauers Spuren durch Deutschland. Und gibt die neue Mutter Beimer der Nation. Mutti macht`s (wieder) – das wird am Ende das Ergebnis sein. Entweder mit ihrem kleinen Schreihals oder dem geschrumpften Onkel Steinmeier. Das mag wahltaktisch erklärbar sein, aber Spaß macht`s nicht.

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9 Kommentare

1) Philip Kiessling, Sonntag, 02. August 2009, 14:39 Uhr

Als noch ärgerlicher als einen Nicht-Wahlkampf, empfinde ich den Versuch, mich mit Floskeln zu langweilen: Steuersenkung, Arbeitsplätze, sichere Renten, blühende Landschaften in Afghanistan. Der Wahlkampf ist gelaufen. Alle Parteien sollten entspannt in den Urlaub fahren, ohne Dienstwagen. Spart das Geld für den Wahlkampf und spendet es einer wohltätigen Organisation. Geht mir nicht mit euren Null-Aussage-Plakaten und albernen Ständen auf die Nerven, an denen ihr Luftballons und Aufkleber an Kinder verteilt. Lasst gemeinsam von jemanden mit Internet-Kompetenz einen Wahl-O-Meter programmieren, damit Unentschlossene ohne grossen Zeitverlust und ohne sich durch Bla-Bla-Programme quälen zu müssen, innerhalb von Minuten wissen, welche Partei wenigstens theoretisch ihre Meinung repräsentiert. Politik die begeistert? Die Hoffnung stirbt zuletzt! Aber Mutti wird es schon richten…

2) Dierk, Sonntag, 02. August 2009, 17:03 Uhr

Tja, die Parteien haben da ein echtes Problem, ein wesentlich tiefgreifenderes als nur fehlendes Personal. Es fehlen ihnen selbst die Alternativen. Was soll Steinmeier, die fleischgewordene Apotheose der ruhig werkelnden Zählmaschine namens Buchhalter, denn machen, die Politik der großen Koalition scharf angreifen und verurteilen? Gleiches gilt für Frau Merkel sowie SPD und CDU im Allgemeinen.

Aber auch Grüne und FDP leiden darunter, es sich mit niemandem verscherzen zu wollen. Die Politik der vergangenen 3 Legislaturperioden zerpflücken? Die Grünen können das auf keinen Fall, waren sie es doch, die mit den Sozialdemokraten gemeinsam die Gesetze beschlossen haben, deren Fürchte wir jetzt ernten müssen. Und als nächstes möchten die Bratlinge doch gern wieder an der Regierung mit rumpfuschen, weil sie vier Jahre lang beweisen konnten, wie wenig sie von Opposition verstehen.

Die FDP hat es da naturgemäß – seit 1982 – einfacher, denen ist ohnehin alles scheißegal, was ihren Ministerposten im Wege steht. Im besten Fall kümmert man sich dort darum, dass die eigenen Klientel [z.B. Apotheker] ihre Pfründe behält, keine echte Konkurrenz fürchten muss und den Steuerzahler über Subventionen ausnehmen kann. Das geht gut egal mit welcher anderen Partei im Bunde, denn SPD und CDU machen es ja genauso.

Und da die Marketing- und Werbeprofis das Volk auch im Bereich der Politik weit genug verseift haben, fängt wohl auch die SED/PDS/LINKE an, nach der Devise zu handeln: Bloß keinen vor den Kopf stoßen!

3) JG, Sonntag, 02. August 2009, 18:55 Uhr

Regieren nach dem 27. September die Parteien A und B, gibt es Steuererhöhungen, eine Ausweitung der desaströsen Staatsverschuldung, Steuergeschenke an das Großkapital, dem man weiter freie Hand läßt, deutsche Kriegseinsätze in aller Welt, eine Fortsetzung der Demontage der deutschen Souveränität zugunsten des bürokratischen EU-Monsters, einen weiteren Abbau des Sozialstaates und weiteren Aufbau des Überwachungsstaates. Regieren nach dem 27. September aber die Parteien C und D, gibt es deutsche Kriegseinsätze in aller Welt, eine Fortsetzung der Demontage der deutschen Souveränität zugunsten des bürokratischen EU-Monsters, einen weiteren Abbau des Sozialstaates und weiteren Aufbau des Überwachungsstaates sowie Steuererhöhungen, eine Ausweitung der desaströsen Staatsverschuldung und Steuergeschenke an das Großkapital, dem man weiter freie Hand läßt. Sollten jedoch die Parteien A und C oder B und D regieren, dürfte es zu einer Ausweitung der desaströsen Staatsverschuldung, einem weiteren Aufbau des Überwachungs- und Abbau des Sozialstaates, zu Steuererhöhungen, einer Fortsetzung der Demontage der deutschen Souveränität zugunsten des bürokratischen EU-Monsters und zu Steuergeschenken an das Großkapital, dem man weiter freie Hand läßt, kommen. Sowie zu deutschen Kriegseinsätzen in aller Welt. Also, liebe Bürgerinnen und Bürger: Gehen Sie wählen! Ihre Stimme zählt! Und entscheidet!

(Sollten Sie übrigens in Ihrer Verzweiflung erwägen, die “Linke” zu wählen, schauen Sie sich die Berliner Landespolitik an: Sobald diese Partei an der Macht ist, verhält sie sich genauso wie der Demokratische Block der BRD aus CDUCSUSPDFDPGrüne. Und Parteien, die in diesem Zirkus ernsthaft stänkern wollen, werden neuerdings erst gar nicht mehr zur Wahl zugelassen, nicht etwa weil sie objektive Kriterien nicht erfüllten, sondern weil von einem – nicht zufällig von CDUCSUSPDFDPGrünenLinken besetzten? – Gremium nach Gutsherrenart befunden wird, sie wären “nicht ernsthaft” genug.)

4) kairos, Sonntag, 02. August 2009, 22:13 Uhr

Der Analyse kann ich (leider) nur zustimmen – vor allem fehlt es der deutschen Politik an Typen mit Charisma, an Persönlichkeiten, die für ihre Meinung einstehen und die wirklich polarisieren. Ganz unschuldig ist der deutsche Durchschnittswähler aber auch nicht – Ehrlichkeit, besonders im Wahlkampf, wurde in letzter Zeit selten belohnt.

Ein Lichtblick besteht darin, dass sich viele Wähler resistent gegenüber den absolut haltlosen Versprechungen von den Gauklern der Linkspartei zeigen. Es scheint sich wenigstens etwas die Erkenntnis durchzusetzen, dass nur verteilt werden kann, was irgend jemand anderes über Steuern Abgaben erwirtschaftet hat. Dies gilt allerdings nur für den westdeutschen Teil – bei fast 25% Zustimmung zur Linkspartei im Osten fragt man sich ernsthaft, ob die Menschen aus 40 Jahren sozialistischem Kasperltheater hinter Stacheldraht überhaupt nichts gelernt haben….

5) Alex, Sonntag, 02. August 2009, 23:27 Uhr

Keinen vor den Kopf stoßen?

Da sollten sich die Wahlkampfmanager aber nochmal mit ihren PR-Strategen zusammensetzen. Mein Kopf zumindest ist schon ganz blau und beulig. Und die allgemeine “Politikverdrossenheit” beim Stimmvieh ist doch wohl auch eher ein genervtes Sich-abwenden als tatschliches “in Ruhe auf der Weide stehen”. Diese schleichende Ent-Demokratisierung ist eine weit größere Gefahr, als auch nur ein einziger Politiker der “so-called” etablierten Parteien wahrnimmt.

Und, @Philip, sich in Ironie sühlen und augenzwinkernd auf Mutti hoffen machts kein Stück besser. Um mal Ms. Lovejoy zu zitieren: “Kann nicht mal IRGENDJEMAND an die Kinder denken?” Wenn ich mir ausmale, in welcher politischen Landschaft mein Sohn aufwächst, bekomm ich das kalte Grausen. Alternativen, anyone? WASG? Ach, gibts ja gar nicht mehr…

Falls Interesse, mein Beitrag zur Gesamtsituation!^^

6) armer Moldavier, Montag, 03. August 2009, 07:27 Uhr

Die Zeche zahlen (wieder) die sozial Schwachen.

Während Angela (M.) mit Friede (S.) und Liz (M.) Kaffee trinkt wird in Deutschland “Politik” gemacht. Politiker zahlen die Zeche ebensowenig, wie die wirtschaftliche “Elite.”

7) marcpool, Mittwoch, 05. August 2009, 14:01 Uhr

Mutti wird sich den Müntefering Satz an die Brust nehmen : ” Ihr müsst an den Ständen nicht so viel mit den Leuten diskutieren – die sollen ihr Kreuz machen und gut is . Den Rest erledigt Mutti dann schon – ob mit Söhnchen Schreihals – oder mit Onkel “Fahrig” – Mutti wirds schon richten – Nein sorry – richten und führen kann sie ja nicht ; sie moderiert das denn schon ! Und das Volk ist dann schon fröhlich – so solls sein . Mutti hat doch auch nichts versprochen , nur wenn es geht hat sie gesagt – und da kann Söhnchen noch so viel heulen, – wenn er nicht ruhig ist dann mach ich das mit dem Onkel. Basta !

8) Bakunin, Mittwoch, 05. August 2009, 16:49 Uhr

Sehr geehrter Herr Spreng,
Ihre Diagnose (noch besser wär’ eine Dialyse) unserer real existierenden Wahlkämpfer, die an Walt Disneys Fähnlein Fieselschweif erinnern, stimmt bis zum letzten Komma — mit der Ausnahme, dass die Pfadfindertruppe der Donald-Neffen sich meist zu einem erfolgreichen Ergebnis durchwuselt.
Verwirrung und Sorge bereitet mir allerdings Ihr Satz:
“Wo bleibt der leidenschaftliche Streit um die Kontrolle der Banken, die ihre Casinos wieder eröffnet haben und den ultimativen K.O.-Schlag gegen die Weltwirtschaft vorbereiten?”
Klar, dass die weltweit agierenden Geldjongleure über hanebüchene, für die heimische Wählergalerie veranstaltete Kontrollversuche unbetamter, praxisfern und betulich agierender Apparatschiks nur haltlos lachen können. Aber worin erblicken Sie den ultimativen K.O.-Schlag gegen die Weltwirtschaft oder dessen Vorbereitung?
Und mal naiv gefragt, was ich darf, weil neu hier: Falls dieser Schlag gelingt — würden diese Glücksritter (deren ausschließlich negative Beurteilung durch vox populi ich nicht teile) damit nicht das Parkett zerstören, auf dem sie seit vielen Jahren gewinnbringend tanzen?
Mit herzlichen Grüßen, und danke für eine kurze Antwort.

9) m.spreng, Mittwoch, 05. August 2009, 20:12 Uhr

Es ist nicht die Absicht der Banken, den ultimativen K.O.-Schlag zu landen, wenn sie aber nicht endlich durch eine überzeugende internationale, europäische und nationale Regulierung gestoppt werden, wird dies die zwangsläufige Folge sein.

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