Sonntag, 16. August 2009, 19:20 Uhr

Warum zieht zu Guttenberg nicht?

Karl Theodor zu Guttenberg ist Deutschlands beliebtester Minister, ihm schlägt eine Woge der Sympathie entgegen, seine Veranstaltungen sind überfüllt, die Bundestagskandidaten der CDU/CSU prügeln sich fast um einen Auftritt zu Guttenbergs in ihrem Wahlkreis. Er steht für die Wiederentdeckung von Prinzipien in der Politik, für geistige Unabhängigkeit, für die Rückkehr marktwirtschaftlichen Denkens in der CDU/CSU. Eigentlich ist alles ganz prima. Jede Partei ist zu beneiden, die einen solchen Shooting-Star in ihren Reihen hat.

Das ist die eine Seite der Medaille, die andere aber ist deutlich glanzloser: Bis heute hat zu Guttenberg offenbar noch keinen einzigen Wähler, der wegen der angeblichen “Sozialdemokratisierung” von der CDU/CSU zur FDP abgewandert ist, zurückholen können. Dabei müssten sie in Scharen zurückkommen. Diese Wähler könnten sich jetzt doch sagen: Wegen zu Guttenberg können wir wieder CDU wählen. Zu Guttenberg müsste die FDP doch entzaubern, teilweise überflüssig machen, sie wieder auf Normalmaß stutzen – ohne millionenfache Stimmspenden von der Union.

Aber nichts dergleichen passiert. Die FDP sonnt sich in den Umfragen unverändert in Werten zwischen 13 und 15 Prozent, die CDU/CSU dümpelt um die 35 Prozent herum. Halten die Wechselwähler, die statt CDU die FDP wählen wollen, den Wirtschaftsminister nur für eine schöne Marketing-Idee, für eine zwar bewunderte Medienfigur, aber nur für die Sahne auf einem für sie ungenießbaren Kuchen?

Warum ist zu Guttenberg zwar beliebt, zieht aber nicht bei den Wählern, für die er erfunden worden ist? Warum werden aus seiner Beliebtheit keine Wählerstimmen? Dafür gibt es nur eine Erklärung: Die Wähler wollen auf Nummer Sicher gehen. Sie glauben offenbar nicht, dass zu Guttenberg relevant für den Kurs der CDU/CSU ist, dass er ihn bestimmen oder auch nur mitbestimmen kann. Sie finden ihn zwar gut, erwarten aber nicht, dass er sich bei Angela Merkel politisch durchsetzen kann. Die Kanzlerin mache doch ohnehin, was sie wolle. Sie steuere heute schon die nächste große Koalition an. Und daran könne zu Guttenberg genauso wenig ändern wie an Merkels Opel-Entscheidung.

Beliebtheit ohne Durchsetzungsmacht – das wäre ein zu dünnes Eis, auf dem zu Guttenberg seine Pirouetten dreht. Da kann einer leicht einbrechen.

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18 Kommentare

1) Martin, Sonntag, 16. August 2009, 19:35 Uhr

Die Nummer Sicher heisst für viele ganz einfach: Bitte nicht nochmal große Koalition, egal ob da Guttenberg in führender Position dabei wäre.

2) Thomas Maier, Sonntag, 16. August 2009, 20:41 Uhr

Geht jemand, dem die “Sozialdemokratisierung der CDU” zu viel wird nicht zu den Republikanern?

3) thomas, Sonntag, 16. August 2009, 20:50 Uhr

Es gab schon eine deutliche Rückbewegung zur Union, als zu Guttenberg Wirtschaftsminister wurde stand die FDP teilweise bei bis zu 18 % in den Umfragen (bei Forsa am 11.02., 18.02. und 25.02., 17 % bei Emnid am 25.02. und bei Infratest am 05.03.) während es aktuell zwischen 13% bei Forsa und 15 % bei Infratest sind.
Meiner Meinung nach ist die Wählerwanderung von der Union zur FDP nicht nur auf die Wirtschaftspolitik zurückzuführen, die letztendlich trotz aller FDP-Legenden von der Sozialdemokratisierung der Union gar nicht so unterschiedlich ist. Sicherlich hat die Tatsache, dass Michael Glos damals in der Wirtschaftskrise keine gute Figur gemacht hat, zum damaligen Höhenflug der FDP beigetragen, was sich ja auch jetzt in der von mir angeführten Rückwärtsbewegung niederschlägt.
Ein weiterer wichtiger Punkt für die Wählerwanderung zur FDP ist jedoch meiner Meinung auch die Innenpolitik, wo sich FDP und Union doch sehr stark unterscheiden, so dass hier ein zu Guttenberg die Wähler, die wegen der von der Union vertretenen sehr scharfen Innenpolitik zur FDP gegangen sind, auch nicht zurückholen kann. Themen wie Vorratsdatenspeicherung, Online-Durchsuchung, Verbot von Actioncomputerspielen und Websperren polarisieren nun mal stark und haben gerade bei den jüngeren Wählern im sogenannten bürgerlichen Lager einige zur FDP getrieben, die sich von den dortigen liberaleren Vorstellungen eher vertreten fühlen. Besonders deutlich wurde dies bei den Wahlen in Hessen und Bayern, wo die Union jeweils für eine sehr scharfe Innenpolitik stand (Koch hat das sogar zum Hauptthema des ersten Wahlkampfs gemacht) und die beide mit deutlichen Verlusten für die Union endeten

4) Oliver Neukum, Sonntag, 16. August 2009, 22:04 Uhr

Woher will man wissen, dass die Umfragen der FDP sonst nicht noch besser wären?

5) Duke Bosvelt, Montag, 17. August 2009, 08:50 Uhr

Ich sehe es ganz ähnlich wie Thomas, die Rückwanderung der Wähler von der FDP zur Union hat bereits stattgefunden, vielleicht nicht in Gänze aber doch zu einem großen Teil. Die FDP lag nach der Hessenwahl im Januar zwischen 16-18%, heute liegt sie bei 13-15%. Das sind ca. 3%-Punkte weniger.

Die Linkspartei hingegen – als wirtschaftspolitischer Gegenpol – lag vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise bei ca. 12-14%, heute liegt sie bei 9-11%, hat also im vergleichbarem Umfang an Zustimmung verloren. Was mich dabei in der Medienberichterstattung wundert: ständig wird transportiert, die Linkspartei habe keine realistischen Antworten auf die Wirtschaftskrise, sei ohnehin eine Protestpartei, von der man kein Krisenmanagement zu erwarten habe usw… dass die FDP im gleichen Umfang verloren hat, weil sie in vergleichbarer Weise unrealistische Wahlversprechen abgab und etwa im HRE-Krisenmanagement ihre Regierungsunfähigkeit unter Beweis stellt, davon wird wenig gesprochen. Noch immer wird im Fall der FDP von einem Hype und dem Gewinner-Guido geredet, obwohl deren Zenit längst überschritten ist.

Herr Guttenberg spielt dabei schon eine gewisse Rolle: Auch die meisten Unionswähler dürften verstehen, dass einige wirtschaftspolitische Entscheidungen wie die Teilverstaatlichung von Banken, das Auflegen konjunkturstimulierender Maßnahmen und die damit verbundene Schuldenlast in der gegenwärtigen Krise alternativlos sind. Sie wissen auch, dass sich die Union mit diesen Maßnahmen schwer tut und jemand wie Herr Guttenberg unter anderen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anders entscheiden würde, wie er es bei Opel und Arcandor letztlich getan hat. Ich halte es z.Z. mit Herrn Ullrich von der ZEIT: Der Wähler kann im Grunde nur darauf gehen, welchen Personen er zur Zeit am ehesten vertraut. Die Politik fährt selbst nur “auf Sicht” und kann sich politisch nicht profilgetreu festlegen, weil die Wirtschaftskrise nunmal pragmatisches Management verlangt, das fast täglich neu durchdacht und auf seine Aktualität hin überprüft werden muss.

6) Henrik, Montag, 17. August 2009, 15:23 Uhr

genau. denn eine große Koalition hat immer ven Vorteil das am Ende keiner Schuld ist, weil ja alle an der Macht und am machen beteiligt waren.

7) Oliver Neukum, Montag, 17. August 2009, 16:00 Uhr

Die meisten FDP-Wähler wählen die FDP nicht, weil sie hoffen, dass die FDP bestimmte Sachen macht, sondern weil sie bestimmte Sachen nicht mitmacht oder Fehlentwicklungen der jüngeren Vergangenheit korrigiert.

8) JG, Montag, 17. August 2009, 18:49 Uhr

Duke Bosvelt schrieb:

“Was mich dabei in der Medienberichterstattung wundert: ständig wird transportiert, die Linkspartei habe keine realistischen Antworten auf die Wirtschaftskrise, sei ohnehin eine Protestpartei, von der man kein Krisenmanagement zu erwarten habe usw… dass die FDP im gleichen Umfang verloren hat, weil sie in vergleichbarer Weise unrealistische Wahlversprechen abgab und etwa im HRE-Krisenmanagement ihre Regierungsunfähigkeit unter Beweis stellt, davon wird wenig gesprochen. Noch immer wird im Fall der FDP von einem Hype und dem Gewinner-Guido geredet, obwohl deren Zenit längst überschritten ist.”

Das wundert Sie? Wenn die “Linke” mit fundierter Kritik und einem tragfähigen Konzept bei den Medien vorstellig wird und die FDP gleichzeitig irgendeinen hanebüchenen Quatsch von sich gibt à la “nach den Wahlen schaffen wir sämtliche Steuern ab und finanzieren alles über Schulden” – was denken Sie, wer die Aufmerksamket, wenn nicht gar den Applaus der meisten Medien bekommt? Und in wessen Interesse das liegt?

9) Duke Bosvelt, Montag, 17. August 2009, 21:46 Uhr

@ JG

“wundern” ist natürlich eine euphemistische Umschreibung dafür, was man anhand der von Ihnen beschriebenen Interessenslage als Medienbarriere bezeichnen muss. Ich bemühe mich lediglich um eine gemäßigte Sprache, um nicht sofort von gewissen Kommentarschreibern als linksideologischer Verschwörungstheoretiker bezeichnet zu werden, was meist zuungunsten der Sachdiskussion geht.

Ganz interessante Links in diesem Zusammenhang:
http://lwi2009.wordpress.com
http://www.nachdenkseiten.de/?p=4121#more-4121

Am Beispiel Guttenberg lässt sich mit Erschrecken feststellen, wie erfolgreich sich Medienmeinung in der Bevölkerung durchsetzt. Der Mann hat in seinem Amt (bislang) kaum etwas geleistet, wird in seiner Kompetenz von namhaften Experten angezweifelt, aber die Medien schreiben ihn hoch – und sei es nur durch Lobhuddelei um seine private Person.

Gerhard Schröder hat nach der Aufholjagd der Bundestagswahl seinen Stolz zum Ausdruck gebracht, dass sich der Wähler nicht von Medienmeinung und Medienmanipulation habe beirren lassen. Ich hoffe inständig, dass der Wähler 2009 ähnlich vernünftig entscheidet und sich nicht von interessengeleiteten Medienhypes vereinnahmen lässt.

10) Janissary, Dienstag, 18. August 2009, 07:20 Uhr

Ich stimme der Meinung von Duke Bosvelt und JG völlig überein. Man fragt warum Zu Guttenberg nicht zieht. Ganz einfach: Weil die einige Menschen sich von den Medien nicht vor den Karren ziehen lassen. Wenn es nach den Medien gegangen wäre mmüsste es nach der Wahl 2005 eine schwarz-gelbe Koalition geben. Diese Konstellation wurde von den Medien “hochgeschrieben” bzw eine äußerst üble Medienkampagne gegen die SPD und den Gerhard Schröder durchgeführt. Doch die Bevölkerung machte den Medienmachern und dem Establishment einen Strich durch die Rechnung. Nun das gleiche mit Zu Guttenberg. Ohne das Herr Zu Guttenberg was geleistet hat wird er zum Messias stilisiert. Ich hatte es schon einmal geschrieben: Um Liebling der Medien zu werden muss man gut aussehen, zum Adel gehören (ist hilfreich), die Haare mit Gel zurückkämmen, eine bildhübsche Frau zur Seite haben und mit einem Zahnpasta-Lächeln auftreten.

11) kuechenkabinett, Dienstag, 18. August 2009, 15:00 Uhr

Ich bin mir auch gar nicht so sicher, dass Guttenberg “erfunden wurde”, um bei der FDP auf Stimmenfang zu gehen. Sein marktwirtschaftliches Profil verblasst doch geradezu hinter dem Image des “aufrechten Adeligen”, der schlicht autoritäre Sehnsüchte in der Bevölkerung ansprechen soll. Quasi als geborene Führungsfigur. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Damen dieses Jahr aufgrund tiefsitzender “Plötzlich-Prinzessin”-Phantasien CDU wählen werden.

12) Pony, Dienstag, 18. August 2009, 15:52 Uhr

mal eine Frage: Wer sagt eigentlich, das Herr Guttenberg beliebt ist? Alle schreiben es, aber woher nehmen sie das? Forsa? Ach kommt schon. Guttenberg ist bei den Deutschen genau so beliebt wie die Merkel. Alle schreiben es, aber keinen scheint es zu interessieren (Bsp.: Zuschauerquote im Sommerinterview). Mir dünkt es eher, das die Politiker heutzutage “beliebt” geschrieben werden, von den Medien, aber auch von den Bloggern. Ein paar wenige sind eben doch nicht “alle”.

13) Lesefuchs, Dienstag, 18. August 2009, 15:55 Uhr

Es ist sowieso extrem traurig das die Poltik nur noch auf Einzelpersonen beschränkt wird.
Sowas nannte man, glaube ich, mal Diktatur die ja angeblich keiner mehr will.
Besonders treffend die Umfrage das 76% der Wähler Frau Merkel ganz toll finden und 72% der Wähler mit der Politik der Regierung nicht einverstanden sind (Quelle: Volker Pispers).
Weil viele keine Sonne mehr sehen und keine Lust haben Poltik zu hinterfragen konzentrieren sie sich auf “hübsche” Menschen!
Das wissen die Medien und schlachten diese Option erfolgreich aus!
Der Pöbel dankts dann am 27.09.

14) marcpool, Dienstag, 18. August 2009, 19:29 Uhr

Das Herr zu Guttenberg in “schwerer See” den angeschlagenen Gloss ablösen konnte , und sympatisch , fröhlich sein Amt übernahm – lässt leider trotzdem den Schatten des CSU Ministeriums Wirtschaft schlecht aussehen ! denn sowohl Gloss ( er war ja wirklich amtmüde ) als auch Guttenberg haben in diesem Ministerium nichts Wirkliches bewegt. Ihn jetzt zu bejubeln – hat wohl eher den Befreiungsseufzer als Hintergrund das Gloss endlich aufgab.
@ Janissary
Um Liebling der Medien zu werden … ist natuerlich auch noch ganz wichtig – er kann fliessend englisch
( sie hätten mal miterleben muessen wie der auf englisch parliert hat – O-Ton H. Seehofer ) – alles was man von einer deutschen Führungsperson erwartet . Überall! Auch in Bayern Herr Seehofer .

15) ludwig, Dienstag, 18. August 2009, 22:47 Uhr

“Die Wähler wollen auf Nummer Sicher gehen. Sie glauben offenbar nicht, dass zu Guttenberg relevant für den Kurs der CDU/CSU ist, dass er ihn bestimmen oder auch nur mitbestimmen kann. Sie finden ihn zwar gut, erwarten aber nicht, dass er sich bei Angela Merkel politisch durchsetzen kann.”

Ich kann mir vorstellen, dass diese Aussage auf einen nicht geringen Teil der Wähler zutrifft, die am 27.9. statt der CDU die FDP wählen werden. Unabhängig davon, ob und welche Leistungen zu Guttenberg bringt, ob er für das Wirtschaftsministerium qualifiziert ist oder doch besser für das Auswärtige Amt oder für welche Aufgabe auch immer, ob er von den Medien gepusht wird – es gibt immer noch Menschen, die von einer Partei eine klare Linie erwarten, die sie erkennbar von anderen Parteien unterscheidet. Bei der paternalistischen Politik, die auch und gerade von Frauen und quer durch fast alle Parteien den Mainstream beherrscht, liegt die Hoffnung bei den Liberalen: mehr Freiheit, mehr Eigenverantwortung, mehr Zutrauen in den Einzelnen, weniger Einmischung des Staates in inzwischen tiefste Privatsphäre. EIN zu Guttenberg reicht nicht aus, um liberale CDU-Wähler zu binden – zumal, wenn das Schicksal anderer dieser Kategorie (Stichwort Friedrich Merz) noch in Erinnerung ist.

16) Wack, Mittwoch, 19. August 2009, 12:31 Uhr

Ihr Kommentar *
Weil er vielleicht schon auf dem Absprung zu Linklaters ist?

17) Franz-Peter Kayser, Dienstag, 25. August 2009, 22:31 Uhr

Ich kann Ludwig nur zustimmen. Nicht nur Herrn zu Guttenberg selbst sondern auch vielen Wählern – gerade aus dieser Klientel – wird klar sein, wie schnell die Bundeskanzlerin Ihn entfernen würde, würde er ernsthaft opponieren bzw. die Merkel Linie angreifen.

18) DBarth, Freitag, 04. März 2011, 12:24 Uhr

Im Grunde ist die FDP eine überflüssige Partei, eine kleine Privatverbindung zum Schütze der eignen Interessen kleiner Gesellschaftsgruppe und selbstverständlich am Anfang ein Helfer der CDU/CSU zum Regieren und zum Schluss ein Mitläufer der CDU/CSU, ob die FDP von der politischen Fläche verschwindet oder bleibt trägt dies keineswegs zur politischen Besserung bei, aber wenn sie sich auflöst dann trägt dies zu einer bessern politischen Überblick bei.

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