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Samstag, 29. August 2009, 15:08 Uhr

Die Entmachtung der öffentlichen Meinung

Der Tod von Ex-General Günter Kießling hat mich sehr berührt. Er war ein Herr, ein anständiger Mann und das Opfer einer der unanständigsten Affären der Nachkriegszeit. Und sein Fall zeigt exemplarisch, welche Folgen mangelnde Kontrolle der Politik und die Entmachtung der öffentlichen Meinung haben können.

Kießling wurde Ende 1983 auf unwürdigste Weise vom damaligen Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU) aus dem aktiven Dienst der Bundeswehr entlassen, weil er angeblich homosexuell sei, in einschlägigen Kölner Lokalen verkehrt habe und damit erpressbar geworden sei. Zu dieser Zeit war ich Chefredakteur des “Express” in Köln und so kreuzten sich Kießlings und meine Wege. Intensive Recherchen der “Express”-Reporter zertrümmerten erst die Behauptung des Verteidigungsministeriums, Kießling habe in Kölner Schwulenclubs verkehrt (er wurde offenbar mit einem Doppelgänger verwechselt) und entlarvten dann Wörners Kronzeugen gegen Kießling als zwielichtig, kriminell und völlig unglaubwürdig. Zeugen, die Wörner sogar selbst empfangen hatte.

Das Ergebnis dieser Recherchen: Kießling, der in seiner Verzweiflung sogar an Selbstmord gedacht hatte, wurde völlig rehabilitiert, mit einem Zapfenstreich ehrenvoll verabschiedet und bedankte sich anschließend bei einem Besuch in der “Express”-Redaktion. Mein damaliger Stellvertreter Udo Röbel erhielt für die journalistische Rettung der Ehre des Generals – stellvertretend für die Redaktion – den “Wächterpresse der Tagespresse”.

So weit zur Zeitgeschichte. Die politische Bewältigung der Beinahe-Vernichtung eines untadeligen Menschen war ein genauso großer Skandal – und wirkte noch viele Jahre fort. Denn Wörner, der nach den Regeln des Anstandes und einer funktionierenden politischen Kontrolle am Tage von Kießlings Rehabilitierung hätte zurücktreten müssen, blieb im Amt. Der damalige Kanzler Helmut Kohl lehnte seinen Rücktritt ab, und schlug damit aus seiner Sicht zwei Fliegen mit einer Klappe: er hatte künftig einen gebrochenen, zombiehaften Minister im Kabinett, der ihm nie mehr gefährlich werden konnte, und er entmachtete die öffentliche Meinung, die unisono Wörners Entlassung gefordert hatte. Die Presse wurde von Kohl aus dem Stand der “Vierten Gewalt” in die einflußlose Beobachter- und Kommentatoren-Rolle zurückbefördert.

Am Ende wurde Wörner sogar noch NATO-Generalsekretär. Der Täter wurde befördert, General Kießling aber blieb sein Leben lang ein gezeichneter Mann.

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10 Kommentare

1) Thomas Maier, Samstag, 29. August 2009, 17:26 Uhr

war mir bisher völlig unbekannt. war auch vor meiner zeit.

(PS: Wächterpresse der Tagespresse” )

2) Marc, Samstag, 29. August 2009, 22:41 Uhr

Aber auch Wächterpreisträger sind nicht perfekt:
“Udo Röbel steht für die Licht- und Schattenseiten des Boulevards”
http://www.medienskandale.de/html/html/roebel_udo.html

3) riccardo, Sonntag, 30. August 2009, 11:01 Uhr

Ihr Kommentar *

In einem muss ich Ihnen widersprechen. Der Alleinschuldige war Wörner, wenn er hätte zurücktreten wollen, hätte Kohl ihn nicht daran hindern können.

4) m.spreng, Sonntag, 30. August 2009, 11:58 Uhr

@ricardo

Das stimmt. Wörner hatte seinen Rücktritt nur pro forma angeboten, in der Hoffnung, Kohl werde ihn ablehnen. Er hatte Kohls Kalkül richtig eingeschätzt. Wie viele Politiker konnte sich Wörner ein Leben ohne Amt nicht vorstellen. Es ändert aber m.E. nichts an der Mitschuld von Kohl.

5) Henning, Sonntag, 30. August 2009, 13:37 Uhr

“Die politische Bewältigung der Beinahe-Vernichtung eines untadeligen Menschen war ein genauso großer Skandal …”

Wäre er tatsächlich schwul gewesen und hätte in den einschlägigen Nachtclubs verkehrt, wäre er nicht untadelig gewesen?

6) marcpool, Sonntag, 30. August 2009, 14:02 Uhr

“Die verlorene Ehre des Generals Kiessling ” in Abwandlung eines bekannten Film/Buchtitels, wurde in diesem Fall auf besonders unwürdige Weise durch die “menschlichen” Politiker Wörner / Kohl kommandiert.. Es zeigte auch den Ekel und Abscheu der CDU Oberen ( dies es tlw. auch heute noch gibt ) gegenüber Minderheiten, nämlich den Schwulen. Eine voellig abstruse Situation, den versagenden Wörner dann auch noch zum Nato Generalsekretär zu befördern. Er war wie Sie richtig darstellen , eine Person die in allem devot geworden war, ob seines Fehlers. Geradezu ein Claqueur der besonderen Weise. Widerwärtig ist mir die Ausspielung der Macht von Kohl in diesem Fall, den er ja auch bei anderen Personen unterbrachte/aufoktroiert hat. Gegenversuche wie Biedenkopf oder insbesondere H. Geissler , die Kohl ja durchschaut hatten, hat er dann rücksichtslos weggetreten. Ich verstehe eigentlich überhaupt nicht, das sich diese Partei das alles gefallen lässt. Und noch weniger verstehe ich wie Bürger die dieser “Christlichen” Partei immer wieder alles vergeben.Das was Wörner tat , ist nicht nur politisch, sondern in besonderem Masse menschlich- unchristlich . Es hat Herrn Kiessling nichts mehr genutzt, für den Rest seines Lebens. Auch die zaghafte Wiederherstellung seiner Ehre, wurde eher nebensächlich behandelt, denn seiner spektakulären Ablösung damals. Was eben immer haften bleibt und blieb ist der Nachsatz – war der nicht schwul ? Diese Schuld haben sich Wörner aber auch Kohl auf sich geladen – und ich hoffe sehr das dem verehrten Herrn Ex Kanzler dies manchmal eine bedrückende Nacht einbringt. Er kann dies ja mit den nichtgenannten Spendern seiner Glorifizierung ausdiskutieren.

7) tsetse, Sonntag, 30. August 2009, 15:04 Uhr

“Intensive Recherchen der “Express”-Reporter zertrümmerten erst die Behauptung des Verteidigungsministeriums, Kießling habe in Kölner Schwulenclubs verkehrt (er wurde offenbar mit einem Doppelgänger verwechselt) und entlarvten dann Wörners Kronzeugen gegen Kießling als zwielichtig, kriminell und völlig unglaubwürdig.”

Und wenn Herr Kießling tatsächlich schwul gewesen wäre, wäre die entwürdigende Behandlung aus Ihrer Sicht in Ordnung gewesen?

8) m.spreng, Sonntag, 30. August 2009, 15:26 Uhr

@tsetse

Natürlich nicht. Die Frage ist ein bißchen ehrenrührig. Aber damals war das öffentliche Klima noch nicht so aufgeklärt wie heute.

9) eike, Mittwoch, 02. September 2009, 00:21 Uhr

Ihr Kommentar *Und heuzutage ist alles noch besser:Da hält einer den Kopf hin für die ” jüdischen Vermächtnisse” von Roland Kochs Hessen CDU und wird wenig später zu unserem Super-Verteidigungsminister gemacht. Und keiner regt sich darüber auf.Ich glaube ,die Medien haben sich selbst entmachtet zur Angela Merkel Jubelpresse.Siehe auch die peinlichen Jubelarien auf Frau Merkel vieler Erstkommentatoren unmittelbar nach dem Schröder Merkel Fernsehgipfel vor 4 Jahren

10) suki11, Dienstag, 23. Februar 2010, 11:49 Uhr

Unglaublich, wie das früher alles war.

Diese “einschlägigen kölner Lokale” kenne ich aus eigener Erfahrung … ^^
Sooo einschlägig sind die halt auch wieder nicht, sonder eher, äh, nett und gemütlich.
Jedenfalls nicht so, wie man sich das vielleicht gemeinhin vorstellt.

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