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Die Entmachtung der öffentlichen Meinung

Der Tod von Ex-General Günter Kießling hat mich sehr berührt. Er war ein Herr, ein anständiger Mann und das Opfer einer der unanständigsten Affären der Nachkriegszeit. Und sein Fall zeigt exemplarisch, welche Folgen mangelnde Kontrolle der Politik und die Entmachtung der öffentlichen Meinung haben können.

Kießling wurde Ende 1983 auf unwürdigste Weise vom damaligen Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU) aus dem aktiven Dienst der Bundeswehr entlassen, weil er angeblich homosexuell sei, in einschlägigen Kölner Lokalen verkehrt habe und damit erpressbar geworden sei. Zu dieser Zeit war ich Chefredakteur des „Express“ in Köln und so kreuzten sich Kießlings und meine Wege. Intensive Recherchen der „Express“-Reporter zertrümmerten erst die Behauptung des Verteidigungsministeriums, Kießling habe in Kölner Schwulenclubs verkehrt (er wurde offenbar mit einem Doppelgänger verwechselt) und entlarvten dann Wörners Kronzeugen gegen Kießling als zwielichtig, kriminell und völlig unglaubwürdig. Zeugen, die Wörner sogar selbst empfangen hatte.

Das Ergebnis dieser Recherchen: Kießling, der in seiner Verzweiflung sogar an Selbstmord gedacht hatte, wurde völlig rehabilitiert, mit einem Zapfenstreich ehrenvoll verabschiedet und bedankte sich anschließend bei einem Besuch in der „Express“-Redaktion. Mein damaliger Stellvertreter Udo Röbel erhielt für die journalistische Rettung der Ehre des Generals – stellvertretend für die Redaktion – den „Wächterpresse der Tagespresse“.

So weit zur Zeitgeschichte. Die politische Bewältigung der Beinahe-Vernichtung eines untadeligen Menschen war ein genauso großer Skandal – und wirkte noch viele Jahre fort. Denn Wörner, der nach den Regeln des Anstandes und einer funktionierenden politischen Kontrolle am Tage von Kießlings Rehabilitierung hätte zurücktreten müssen, blieb im Amt. Der damalige Kanzler Helmut Kohl lehnte seinen Rücktritt ab, und schlug damit aus seiner Sicht zwei Fliegen mit einer Klappe: er hatte künftig einen gebrochenen, zombiehaften Minister im Kabinett, der ihm nie mehr gefährlich werden konnte, und er entmachtete die öffentliche Meinung, die unisono Wörners Entlassung gefordert hatte. Die Presse wurde von Kohl aus dem Stand der „Vierten Gewalt“ in die einflußlose Beobachter- und Kommentatoren-Rolle zurückbefördert.

Am Ende wurde Wörner sogar noch NATO-Generalsekretär. Der Täter wurde befördert, General Kießling aber blieb sein Leben lang ein gezeichneter Mann.