Dienstag, 22. September 2009, 14:08 Uhr

Fernsehpreis – wo bleibt die Dreierrunde?

Die Jury des deutsches Fernsehpreises hat drei Wahlsendungen nachnominiert – für “Beste Information/Moderation”. Die nominierte “Wahlarena” hat beim Fernsehpreis, so nett sie gemeint war, nichts zu suchen: Sie war eine liebevolle Selbstdarstellungsarena für Merkel und Steinmeier. Der Erkenntnisgewinn war gering bis Null. Über das “ZDF-Wahlforum” kann man sicher reden. Es war auch deshalb so lebendig, weil die zwei Hauptverdächtigen fehlten. Der “RTL-Wahlbus” ist wohl in erster Linie wegen des Proporzes nachnominiert worden.

Die beiden besten Sendungen wurde leider nicht nachnominiert: die Dreierrunde der ARD mit Guido Westerwelle, Jürgen Trittin und Oskar Lafontaine und die Talkshow von Anne Will am vergangenen Sonntag. Sie waren eindeutig die informativsten Sendungen. Die Dreierrunde war deshalb so gut, weil am Tag nach dem TV-Duell endlich einmal die Unterscheidbarkeit von Parteien deutlich wurde, weil die drei Politiker ungewöhnlich gut aufgelegt waren. Und auch deshalb, weil sich die Moderatoren Sigfried Gottlieb und Jörg Schönenborn zurücknahmen und die Diskussion mit den richtigen Fragen klug laufen ließen. Sie hätte auf jeden Fall nominiert gehört.

Die zweite Sendung, die sich im TV-Wahlkampf gelohnt hat, war tatsächlich eine von Anne Will (mancher wird überrascht sein).  Das lag aber weniger an Frau Will, als vielmehr an Peer Steinbrück und Karl-Theodor zu Guttenberg. Deren sachliche, faire, dennoch aber ungewöhnlich spannende Auseindersetzung lieferte bisher den einzigen – wenn auch kleinen – Blick auf die ziemlich schreckliche Wahrheit nach der Wahl. Es fielen immerhin die Worte “Stürme drohen”, “hartes Jahr” und “Verzicht”. Der Finanzminister gab zu, dass es nach der Wahl “garantiert Veränderungen auf der Einnahmen- und Ausgabenseite” geben werde. Und der Wirtschaftsminister räumte ein, dass sich die Deutschen von “liebgewonnenen Gewohnheiten” verabschieden müssen. Auch hier zeigte sich: die besten TV-Diskussionen sind diejenigen, bei denen der Moderator möglichst wenig sagt.

Falls Angela Merkel die Sendung gesehen hat, wird ihr das Blut gestockt haben. Bei Peer Steinbrück ist die SPD ja Kummer und der Wähler Wahrheit gewohnt. Die beiden scheuten zwar die ganze Wahrheit, es war im Wahlkampf aber das einzige Mal, dass Vertreter von CDU/CSU und SPD bereit waren, die Zumutungen wenigstens ansatzweise zu thematisieren, die nach der Wahl auf die die Bürger zukommen. Das war in diesem Wahlkampf mehr, als alle anderen Sendungen boten. Das war preiswürdig.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

14 Kommentare

1) Simon Kirschstein, Dienstag, 22. September 2009, 17:55 Uhr

So, so ist das also, Herr Spreng, preiswürdig das Ganze, weil nur der Brei, um den gut sechzig Minuten herum geredet wird, jene Konsistenz erahnen lässt, zu deren treffenden Analyse und Beschreibung die beiden wichtigsten Protagonisten vor einem entscheidenden demokratischen Wahlgang a) nicht willens, und b) nicht in der Lage sind. Zugegeben, dieses Land erträgt die Politiker, die es verdient, und unterhaltsamer als Heil vs. Profalla ist es allemal, mehr aber auch nicht. Nun stehen auch beide Minister nicht gerade im Verdacht, bei Gelegenheit Champagner aus den Pantoffeln der Moderatorin zu löffeln, was mindestens Frau Will zu verhindern wüsste. Doch ob diese Form der politischen Inszenierung ein TV-preiswürdiger Beitrag ist, die fortschreitende und tiefer greifende Vertrauenskrise in die politische Klasse aufzuhalten, ist mehr als zweifelhaft.

2) m.spreng, Dienstag, 22. September 2009, 18:11 Uhr

@simon Kirschstein

Es ist halt alles im Leben, auch TV-Sendungen, relativ. Man ist ja schon für Teilwahrheiten dankbar, wenn sie von allen anderen geleugnet werden.

3) Herrman, Dienstag, 22. September 2009, 22:06 Uhr

An welchem Tag lief die zweite Sendung von Anne Will? Gibt es einen Link?

4) Herrman, Dienstag, 22. September 2009, 22:09 Uhr

http://daserste.ndr.de/annewill/videos/annewill1326.html

5) M.M., Dienstag, 22. September 2009, 23:53 Uhr

Ihr Kommentar *
Wenn der Erkenntnisgewinn gering bis Null war, dann wird mit der nominierten “Wahlarena” sicher
der Sieger bereits feststehen. In welchem Land wir leben… Man fast es nicht.
PS:
Wer allerdings meint, sich einen Wahl-Tipp beim Wahlaufruf der katholischen Bischöfe aus Deutschland holen zu können, wird ebenfalls enttäuscht. Das Wort Gott oder Christus kommt dort nicht mal vor!

6) aleks, Mittwoch, 23. September 2009, 01:44 Uhr

zur ‘wahlarena’ ist ja im artikel bereits alles gesagt. selbstdarstellung pur und die ausgewählten publikumsfragen behandelten meiner meinung nach hauptsächlich sehr spezielle fälle, die zumindest an meinen interessen meist völlig vorbeigingen.

am besten waren die ‘erst fragen, dann wählen’ sendungen auf ZDF info. ausreichend lang, unaufgeregt, gehaltvoll und durch die einbindung von zuschauern und web-community auch spannend.

die konversation von steinbrück und zu guttenberg war ein guter moment, aber bei ‘efdw’ lohnten sich die kompletten sendungen und boten einen guten rahmen für die eingeladenen gäste, sich sowohl darzustellen als auch kritisch hinterfragt zu werden.

erschreckend, dass jene jury diese sendung offensichtlich nicht gesehen hat. ich dachte, ‘die’ kennen sich mit fernsehen aus.

7) Seantie Moenes, Mittwoch, 23. September 2009, 02:39 Uhr

Angesichts der Veröffentlichung dieses Beitrages bei DWDL.de:

Hätte “Anne Will” überhaupt bei der aktuellen Jurykonstellation nominiert werden sollen?
Immerhin ist Miriam Meckel stellvertretende Vorsitzende der Jury des Deutschen Fernsehpreis. Um die Unabhängigkeit der Jury, im Falle einer Nominierung der Sendung “Anne Will” zu gewährleisten, hätte Meckel gleichzeitig von ihrem Posten zurücktreten müssen. Und ob das angesichts ihrer diesjährigen Stellung in der Jury so einfach möglich gewesen wäre – zumal 4/5 Tage vor der Verleihung – das bezweifle ich. (MM?) Deshalb, vermute ich, stand “Anne Will” gar nicht zu Auswahl. Die Sendung allerdings war wirklich stark besetzt und für mich “das wahre Duell.”

8) CB, Mittwoch, 23. September 2009, 08:00 Uhr

Richtig, Herr Spreng, ich gehöre zu den positiv erstaunten Zuschauern, total unerwartet nach den vielen Valium-Wahlsendungen vorher. Und was mich besonders erfreut ist, dass die Auftritte von den Herren zu Guttenberg ( vor allem ) und Steinbrück bei den U-40 / U30-Wählern überwiegend gut beurteilt wurden.

9) M.M., Mittwoch, 23. September 2009, 08:47 Uhr

Ihr Kommentar *
@CB
Im Kern ist es so, dass mehr Deutsche auswandern als einwandern. Und auswandern tun die
Leistungsträger. Diese simple Tatsache soll wie immer umschifft werden durch Blumiges und Wolkiges.
Egal von welcher Richtung. Denn die CDU wollte ja auch mal die Ökosteuer wieder abschaffen oder senken. Bis heute nichts passiert! Mancher U30/U40 Zuschauer hoert vielleicht gerne bei den Alphatieren zu und fühlt sich deshalb gut aufgehoben bei so einer Diskussion. Mir scheint es jedoch so, als stehen die Herren mit dem Rücken zur Wand und haben die Taschen leer. Und Steinbrück die Schnauze voll vom Steuersenkungsgequatsche.

10) Thom, Mittwoch, 23. September 2009, 10:05 Uhr

Die Dreierrunde war tatsächlich gut. Westerwelle ist rhetorisch besser geworden und hat Kreide gefressen. Das macht ihn aber noch lange nicht zum Schaf. Und klärt die Frage nicht, wer nach der Wahl die Zeche bezahlen soll: Was Guttenberg mit “liebgewonnenen Gewohnheiten” meint, sind mit Sicherheit nicht die fünft oder sechst Wagen, Villen und Millionen auf den Konten derer, die so privilegiert sind wie er. Das heißt, clair et simple, daß der Sozialstaat weiter geschröpft werden soll. Daß staatliche Vorsorge, wie bei der Rente oder Krankenversicherung, weiter privatisiert werden soll (weil man ja gesehen hat, wie super das funktioniert).

Es ist ja okay, so eine Politik zu vertreten: aber man muß es denen, die darüber entscheiden, auch sagen. Und zwar klipp und klar: um die Reichen nicht weiter zu belasten, müssen alle verzichten, außer denen, die viel haben. Weil die sonst abhauen (wohin eigentlich? und wer braucht sie hier?). Ist ja auch klar, wohin soll eine Krankenschwester mit 50 Stunden Schicht auch abhauen, die hat ja gar keine Zeit. Die Milliardärssöhnchen hingegen können Papas Milliarden bequem über die Grenzen bringen. Ich mag Polemik nicht. Und Neid verachte ich, aber irgendwie ist das System so zynisch, das es wie eine Karikatur klingt, wenn man die realen Zustände beschreibt.

11) Bogi, Mittwoch, 23. September 2009, 10:21 Uhr

@M.M

Was meinen sie damit?
“Wer allerdings meint, sich einen Wahl-Tipp beim Wahlaufruf der katholischen Bischöfe aus Deutschland holen zu können, wird ebenfalls enttäuscht. Das Wort Gott oder Christus kommt dort nicht mal vor!”

Sicher – weder Gott, noch Christus haben etwas mit dieser Wahl zu tun (ich glaube auch, beide stehen nicht auf Wahlzetttel).

Religion und Staat sind, bitteschön, strikt zu trennen! Wohin es führt, versäumt man es diese wichtige Grenze zu ziehen, führen einige Staaten auf erschreckend eindrucksvolle Weise vor (speziell im Nahen Osten).

12) Johnny, Mittwoch, 23. September 2009, 15:04 Uhr

Ich sehe das ähnlich: Insbesondere die Dreierrunde war tausendmal besser als das Duell. Es wurden viel stärker die Unterschiede deutlich. Ich habe mich u.a. darüber gewundert, warum die SZ trotzdem kein positives Urteil fällte – aber der Grund liegt dann doch wieder schnell auf der Hand: Westerwelle kam ins schwitzen.

Was mich bei Ihnen allerdings gewundert hat: Wieso schließen Sie mit erwarteten Zumutungen? (Ist dieser Subtext vielleicht auch der ganze Sinn dieses Postings?) Ich sehe nicht ein, wieso ich als Steuerzahler den Banken auf die Sprünge helfen muss. Ich hatte keine Aktien, keine Lehmann-Zertifikate. Klar musste das System soweit stabilisiert werden, dass es zu keinem Total-Kollaps kommt. Allerdings: Wer hat uns denn die Suppe eingebrockt? Wieso darf man diese Frage nicht stellen?

Je höher eine Finanzmarktsteuer (insbesondere bei Derivaten mit kurzer Laufzeit), desto weniger muss der gemeine Bürger zahlen. Das will ich in den Wahlprogrammen sehen! Das muss auf den Tisch.

13) M.M., Donnerstag, 24. September 2009, 00:38 Uhr

Ihr Kommentar *
@Bogi
selbstverständlich steht Christus auf dem Wahlzettel.
Zwei Parteien nennen sich sogar danach: Christlich Demokratische Union und in Bayern
Christlich Soziale Union. Man muss die Namen nur ausschreiben, dann kann man es klar erkennen!
Ob von dem biblischen Inhalt etwas allerdings in den Parteien gelebt wird, lasse ich mal dahingestellt.

14) Bogi, Donnerstag, 24. September 2009, 15:54 Uhr

@M.M

Ich verstehe, was Sie meinen. Aber Christus steht da nicht wirklich drauf – nur Leute, die seinen Namen “missbrauchen” (okay, das war zugegeben hart).

Wenn wir allerdings nicht Christus selbst auf dem Wahlzettel suchen, sondern nur die Verwendung seines Namens, haben Sie sogar eine Partei vergessen: die PBC.

Auch hier muss man ausschreiben: Partei bibeltreuer Christen.

Was den Inhalt angeht: Ich fände es sehr schön, würde christliche Nächstenliebe in diesem Land auch von der Politik praktiziert. Bei dem, was uns diese christlichen Parteien allerdings bisher zugemutet haben (und vermutlich noch werden), befürchte ich aber eine Schieflage: Dort scheint sich die Solidarität mit den Armen auf perverse Art reversiert zu haben. Nun müssen wir Armen – und ich zähle mich als normalen Angestellten da gerne mit ein – Solidarität mit den Reichen haben. Damit die ja keine Steuern auf ihr leistungsloses Einkommen bezahlen müssen und sich ihre gute medizinische Versorgung in der privaten Krankenkasse leisten können, darf ich wieder mehr von meinem Lohn abdrücken und muss meinen Sohn später mal in halb zerfallene Schulen schicken, um die sich die Reichen einen Dreck scheren. (Motto: “Wir haben Privatschulen – das Leben ist schön!”)

Irgendwie befürchte ich ja, dass das C bei CDU/CSU nicht für eine Komponente der Politik, sondern mehr für Blasphemie steht.

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder