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Mittwoch, 28. Oktober 2009, 08:16 Uhr

Kein politisches Zwangsfernsehen

Bundestagspräsident Norbert Lammert hat ARD und ZDF heftig kritisiert, weil sie seine Wiederwahl nicht live übertragen haben. Das ist sein gutes Recht, hat er aber auch recht? Auch der Bundestag unterliegt den Gesetzen der Mediengesellschaft. Das heißt, auch seine Veranstaltungen müssen spannend und kontrovers, zumindest aber interessant sein und einen Erkenntnisgewinn vermitteln. Das kann man von den langwierigen Prozeduren bei der Wahl des Bundestagspräsidenten und seiner Stellvertreter wirklich nicht behaupten. Wer nicht “Bianca – Wege zum Glück” im ZDF sehen wollte, weil er seit Wochen voller Spannung auf die Wahl des Bundestagspräsidenten gewartet hatte, wurde bei Phoenix bestens bedient – ein Sender, der übrigens überall zu empfangen ist.

Politisches Zwangsfernsehen bei ARD und ZDF wäre sicher kein Ausweg aus dem sinkenden Interesse an Politik – im Gegenteil, es wäre kontraproduktiv und könnte den Verdruss noch steigern. Der Bundestag konkurriert mit allen anderen Medieninteressen und Medienangeboten. Das heisst, wenn er tatsächlich drängende zentrale und existenzielle Fragen kontrovers diskutiert, wenn es im Bundestag endlich wieder große Debatten gibt, dann bahnt er sich automatisch seinen Weg ins Erste. Er muss wieder das Forum der Nation werden, dann verdient er jede mediale Unterstützung.

Bezeichnend ist, dass Lammert in seiner Rede die dramatisch sinkende Wahlbeteiligung nur am Rande streifte und gleichzeitig eine Verlängerung der Legislaturperioden auf fünf Jahre vorschlug. Weil immer weniger Bürger an Wahlen teilnehmen, sollen sie auch weniger wählen dürfen? So wird das nichts mit der Politik als Hauptprogramm.

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34 Kommentare

1) Dierk, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 08:50 Uhr

So wenig ich die Programmgestaltung und die Geldverwendung der ÖRs schätze, müssen die hier doch einmal in Schutz genommen werden. Herr Lammert hat offensichtlich den Hintergrund unseres Sendesystems nicht ganz verstanden – in guter Tradition der CDU natürlich, schon Adenauer hatte Schwierigkeiten damit.

Der ÖR ist so angelegt, eben weil weder Regierung noch Parlament ins Programm reinpfuschen sollen. Dabei ist es erst einmal unerheblich, ob Partikularinteressen verfolgt werden oder ob es um eine weitgehend neutrale Veranstaltung wie die konstituierende Sitzung des Bundestages geht. Weder Her Abgeordneter A noch Frau Regierungsmitglied B oder irgendein [überparteilicher] Funktionsträger bestimmt das Programm der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Dies ist der einzig gute Grund für die Erhaltung des dualen Systems Rundfunk.

Herr Lammert beweist sich somit als von Wissen unbeleckt, von Ideologie getrieben und vor allem ganz wörtlich anmaßend.

Eine gänzlich davon unberührte Frage ist, wie das Gesamtprogramm der beiden Hauptsender aussieht, ob überhaupt mehr als ein ÖR notwendig ist, inwieweit Auslager-Programme wie Phoenix, arte, KIKA etc. geschaffen werden sollten, um den eigentlichen Programmauftrag wegzusenden.

2) Altern8, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 09:52 Uhr

Wenn Herr Lammert wirklich an einer transparenten Informationsmöglichkeit über die Arbeit des Bundestags interessiert wäre, hätte er in der letzten Legislaturperiode sich dafür einsetzen sollen, dass der bislang nur im Berliner Kabelnetz und via Satellit Astra 23,5° Ost (verschlüsselt) ausgestrahlte Parlamentskanal in ganz Deutschland empfangen werden kann. Doch dann hätte der Bürger natürlich auch die Möglichkeit zu sehen, wieviel (oder wenig) im Bundestag los ist, wenn nicht öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen übertragen werden, bei denen natürlich jeder Abgeordnete anwesend ist. Und Gesetze werden auch nicht in Debatten sondern bereits zuvor in den Ausschüssen gestaltet. Die finden zwar auch oft öffentlich statt, ohne dass aber der Bürger wirklich einen Einblick in diese Arbeit bekommt.

3) Maschinist, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 10:56 Uhr

Zu Biancas Ehrenrettung: Sie läuft im 2DF und ihr Weg zum Glück war auch gestern sicher ereignisreicher als eine Formalie im Parlament. Genau kann ich es nicht sagen, ich habe mich bei Phoenix gelangweilt…

4) jemand, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 12:00 Uhr

Vielleicht würden das ja die Privaten machen. Die wären bestimmt bereit, würde man Werbebanner anbringen.

Wie stehen sie eigentlich zur Wahlpflicht?

5) marcpool, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 13:15 Uhr

Norbert Lammert´s Reden kann man gerne hören, denn er ist einer der anstösst, der sachlich und auch zuweilen emotional richtige Gedanken rhetorisch einwandfrei verpacken kann. Hätte man nicht auch sagen koennen Angela – Wege zum Glück ? Die Medienschelte, durch Lammert , ist überzogen weil phönix alles berichtete. Die Wahlen der Mandatsträger sind ja auch nicht wirklich spannend. Es sollte wohl der Politikmüdigkeit geschuldet sein – aber m.E. zu Unrecht. Die Politikverdrossenheit kommt auch daher wenn das TV überträgt und Debatten die wirklich spannend sein koennten – dann sehr häufig vor allzu leeren Bänken der Politiker gehalten werden. Wie wertet Herr Lammert denn diese Politikermüdigkeit des Bundestages ? Dann noch obendrauf der Vorschlag die Periode auf fünf Jahre zu erweitern ? Soll der Bürger dadurch weniger Rechte erhalten um sich wieder einmischen zu dürfen ? Dies waren Ansätze zum Nachdenken -aber ich find eben keine akzeptablen. Vielmehr hätte auch Herr Lammert die Wertigkeitserfüllung der Politiker anmahnen koennen, und auch der Bundeskanzlerin ins Buch schreiben koennen , das zunächst dem Volke geschuldet auch eine vernünftige,umfassende Regierungserklärung anzubieten, bevor man mit ” Mann und Maus ” erst mal ins Ausland reisen zu müssen. Respekt ist eines der Werte die ja auch die Bundeskanzlerin für sich einfordert- warum nicht umgekehrt.

6) Spandauer, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 13:42 Uhr

Nobert Lammert hat Recht!
Wenigsten ein Sender, ARD oder ZDF, hätte die Wahl des Bundestagspräsidenten (immerhin zweiter Mann/Frau) im Staat übertragen sollen.
Was dies mit “Zwangsfernsehen” zu tun hat, werter Herr Spreng, erschliesst sich mir nicht. Ich kann den Fernseher ganz auslassen, oder umschalten. Im anderen öffentlich-rechtlichen Kanal hätten ja die so spannenden und tollen Serien übertragen werden können.
Eine Übertragung aus dem Bundestag, sei diese auch nicht immer interessant, gehört zum Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Auch dafür zahle ich meine Gebühren.
Ob die Debatten spannend sind oder nicht beurteilt jeder anders.

7) neukommentierer!, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 14:10 Uhr

Ihr Kommentar *
Hallo Spandauer,
der Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wurde doch erfüllt, da Wahl und Debatte doch vollständig auf Phoenix übertragen wurden. Auch ich würde mehr Politik auf ARD und ZDF begrüßen, aber dafür müssten eben wieder wirkliche Debatten stattfinden. Dann stellt sich das Interesse der Bürger von alleine ein. Dem Beitrag von Michael Spreng ist daher völlig zuzustimmen.
mfg

8) Guido, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 14:25 Uhr

“Eine Übertragung aus dem Bundestag, sei diese auch nicht immer interessant, gehört zum Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks”

Oha, wo steht denn so etwas geschrieben?

Eine solche Aussage ist in meinen Ohren ja fast so anmassend wie Herrn Lammerts Forderungen ;-)

9) Klaus Klausen, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 16:37 Uhr

Statt 5 Jahren wären feste Wahltermine im Gesamten Bundesgebiet sinnvoller. Von mir aus Bundestagswahlen und 2 Jahre Versetzt alle Landtagswahlen. Denn das ist doch das lächerliche. Ganz Deutschland war zur Wahl des Bundestages gerufen, aber bevor dann was passiert wird erstmal die Wahl in NRW abgewartet.

10) Bredenberg, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 16:57 Uhr

Eine 5jährige Legislaturperiode ist m.E. ein brauchbarer Lammert-Vorschlag. Seine ARD/ZDF-Schelte war überflüssig und falsch. Er wird bald froh sein, wenn ihn kein Phoenix-Journalist mehr daran erinnert, falls wieder einmal eine Bundestagssitzung mit ca. 20 bis 30 besetzten Abgeordnetenstühlen über Stunden von Phoenix übertragen wird.

11) Nrwbasti, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 18:12 Uhr

Sehr geehrter Herr Spreng,
vielen Dank für Ihre E-Mail.

Ich teile Ihre Einschätzungen.

Man erreicht nicht eine höhere Wahlbeteiligung dadurch, dass man die Legislaturperioden erhöht, sondern im Gegenteil, man muss für mehr Demokratie sorgen.

Jede Partei tritt für Volksentscheide ein, sogar die CSU, nur die CDU (zu der auch Herr Lammert gehört), ist strikt dagegen.

Wenn man ehrlich ist, war die gestrige Bundestagssitzung auch nicht wirklich wichtig. Im Grunde ging es nur um die feststehende Wahl des Bundestagspräsidenten und dessen Stellvertreter/innen und dies zog sich über mehrere Stunden hin. Da müssen ARD und ZDF nicht wirklich live von berichten.

Bei der heutigen Wahl waren sie ja präsent.

Beste Grüße

12) Jack, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 18:17 Uhr

Ich muss Klaus Klausen absolut zustimmen. Ich denke, die Politikverdrossenheit kommt großteils auch daher, dass die Wahrnehmung gesamtparteipolitischee Interessen über die jeweilig eigentliche Wahl hinaus, aus taktischen Gründen, dazu führt, dass wichtige Themen im Wahlkampf ausgespart werden und der Bürger so um seine Entscheidungsmöglichkeit gebracht wird.

13) amx, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 19:27 Uhr

@ spandauer

Zweiter Mann (Frau) im Staat ist der Bundesratspräsident, denn der ist Stellvertreter des Bundespräsidenten.

Der Bundestagspräsident ist nur protokollarisch die Nummer zwei hinter dem Bundespräsidenten und vor der Bundeskanzlerin. Danach folgen dann Bundsratspräsident und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts.

Nur mal so geklugscheißert :-)

14) Gregor Keuschnig, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 20:46 Uhr

Wenn Herrn Lammert an einer grösseren Verbreitung der Plenarsitzungen gelegen ist, sollte man diese gegen 19 Uhr beginnen lassen. Mittags können diese Sendungen nur Arbeitslose, Rentner, Kranke, Profis oder Urlauber anschauen.

Im übrigen trägt die Politik direkt und indirekt zur Trivialisierung der öffentlich-rechtlichen Medien bei. Einerseits sitzt man in den entscheidenden Gremien und implementiert immer weitere Nischensender, damit in den Hauptprogrammen der Wettbewerb mit dem Privatfernsehen aufgenommen werden kann. Und andererseits holt man je nach Bedarf die Legitimationskeule hervor und richtet sich nach Einschaltquoten, um angebliche Massenkompatibilität zu erreichen. Lammert beklagt etwas, was insbesondere seine Freunde seit Jahrzehnten nach Lust und Laune befördert haben.

15) Spandauer, Mittwoch, 28. Oktober 2009, 21:11 Uhr

@neukommentierer!
Auch wenn Phoenix allles übertragen hat, finde ich doch, dass wenigsten einer von beiden, also ARD oder ZDF, Debatte und Wahl hätten übertragen sollen. Es würde einem aus Rundfunkgebühren und mit einem Auftrag/Anspruch ausgestattetem Medium gut zu Gesicht stehen.

@Guido
Danke für die Unterstellung. Wenn die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht mehr aus dem Bundestag berichten, wer dann? Daher ganz klar Bildungsauftrag!

@amx
Laut Wikipedia nícht da findet sich: “Der Bundestagspräsident[1][2], auch Präsident des Bundestages[3] oder Präsident des Deutschen Bundestages genannt, ist der Präsident des Parlaments der Bundesrepublik Deutschland. Er hat nach dem Bundespräsidenten das zweithöchste Staatsamt inne.[2] Er steht somit im Staatsprotokoll vor dem Bundeskanzler, dem Präsidenten des Bundesrats und dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes. Derzeitiger Amtsinhaber ist der CDU-Politiker Norbert Lammert.[2]” Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bundestagspr%C3%A4sident

16) Chat Atkins, Donnerstag, 29. Oktober 2009, 08:35 Uhr

Ihr Kommentar *In ‘Clockwork Orange’ gibt es einen tollen Fernsehstuhl, der vielleicht auch für TV-Zuschauer geeignet wäre: Der Delinquent wird festgeschnallt, sein Kopf fixiert und die Augenlider mit Eisenklammern aufgerissen. So ließe sich mit wenig Aufwand eine Menge staatsbürgerliches Interesse für Deutschlands Bundestagsdebatten generieren …

17) llamaz, Donnerstag, 29. Oktober 2009, 09:23 Uhr

Wieso sollten die Bürger und die Medien etwas interessant und berichtenswert finden, wenn die Parlamentarier selbst kein Interesse dran haben – denn immerhin wurde erst in der letzten Legislaturperiode beschlossen, daß Reden im Bundestag nicht mehr gehalten werden müssen sondern einfach zu Protokoll gegeben werden können.

18) amx, Donnerstag, 29. Oktober 2009, 09:25 Uhr

@ spandauer:

Da widerspricht sich wikipedia selbst. http://de.wikipedia.org/wiki/Präsident_des_Bundesrates_(Deutschland)

Aber vielleicht einfach mal im Grundgesetz nachschauen?

Artikel 57
Die Befugnisse des Bundespräsidenten werden im Falle seiner Verhinderung oder bei vorzeitiger Erledigung des Amtes durch den Präsidenten des Bundesrates wahrgenommen.

Oder hier ein Zitat von der Bundesratsseite:
http://www.bundesrat.de/nn_8396/DE/service/thema-aktuell/08/20081007-praesidentschaft.html

“Zweiter Mann im Staat”

Als Bundesratspräsident wird Peter Müller künftig die Plenarsitzungen einberufen und leiten. Außerdem ist es seine Aufgabe, den Bundesrat bei Auslandsreisen und dem Empfang hochrangiger Delegationen zu vertreten. Aber auch außerhalb des Bundesrates hat er eine verantwortungsvolle Position. So bestimmt das Grundgesetz, dass der Bundesratspräsident den Bundespräsidenten zu vertreten hat, wenn dieser verhindert ist. Insbesondere bei Auslandsreisen des Bundespräsidenten und Urlaubsabwesenheit ist es dann Sache des Bundesratspräsidenten, Gesetze auszufertigen oder Beamten zu ernennen und zu entlassen. Ohne dass es in Deutschland eine offizielle Rangliste gibt, wird der Bundesratspräsident deshalb auch oft als “Zweiter Mann im Staat” bezeichnet.

19) P.G., Donnerstag, 29. Oktober 2009, 09:28 Uhr

Hauptsache wir zahlen weiter brav unsere Abgaben, damit wir unabhängige Medien haben.

Wie schlimm würde es unsere Gesellschaft treffen, wenn es ““Bianca – Wege zum Glück” nicht mehr gäbe.

20) skepy, Donnerstag, 29. Oktober 2009, 11:27 Uhr

Ihr Kommentar
*Herr Spreng,
ihre Argumentation geht ins Leere.

Die öffentlich-rechtlichen haben einen Verfassungsauftrag wofür sie ein Zwangsgeld kassieren. Diesen Auftrag werden sie in keiner Weise mehr gerecht.
Somit unterliegen die öffentlich-rechtlichen nicht den Gesetzen der Mediengesellschaft.
Ihrer Kritik an die lauen Debatten ist nichts hinzuzufügen.

21) Fabian Bieberkopf (Köln), Donnerstag, 29. Oktober 2009, 12:42 Uhr

Warum immer diese Fixierung aufs Fernsehen?

Die erste Parlamentssendung, die ich über Stunden hinweg am Radiogerät verfolgte, war die zum konstruktiven Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt, September 1982.
Dass diese Sitzung geeignet war, einen 11-Jährigen stundenlang am Radio zu halten, kann zwar – je nach Standpunkt: leider – kein Argument dafür sein, häufiger mal konstruktiv das Kanzlerpersonal zu stürzen, doch als Probierstein der geschliffenen Rhetorik scheint mir das Medium “Radio” fast noch geeigneter als die Kiste mit den langweiligen Bildern aus dem Reichstag.

Dafür ließen sich dann ja womöglich auch ganz “unklassische” Kanäle öffnen: Dauerübertragungen aus dem Bundestag – mit vielen wachsamen Zuhörern, die es ins Netz herausbloggen, wenn sich jemand mal zitierfähig im Hohen Haus äußert, wären als Livestream ja schon ein netter erster Schritt. Auch aus den kommunalen Volksvertretungen und den Landtagen wäre derlei zu wünschen. (Zum Beispiel haben die Sitzungen des Rats der Stadt Köln in aller Regel höheren Unterhaltungswert als 90 Prozent der von den Kölner Sendern produzierten U-Programme. Davon kann man sich aber derzeit leider – sofern man nicht selbst ins Rathaus geht – nur über die Wortprotokolle der Sitzungen ein Bild machen.)

22) Louis, Donnerstag, 29. Oktober 2009, 14:15 Uhr

Ihr Kommentar *
Sehr geehrter Herr Spreng,

ich hatte mir schon kurz nach der Rede die Frage gestellt, wie wohl Sie speziell diese Medienschelte bewerten würden. Leider war ich mir ziemlich sicher, daß Sie für die gescholtenen öffentlich-rechtlichen Anstalten Partei ergreifen würden …

Warum ist es nur so, daß das wirklich letzte Tabuthema in den öffentlich-rechtlichen Anstalten eine Medienkritik ist, die sich auch mal kritisch mit den ö.-r. Sendern beschäftigt? Mit dem Thema GEZ (wahrlich Unglaubliches, was sich da in unserem Rechtsstaat tut: der Bürger wird in einer obrigkeitsstaatlich-illibralen Weise behandelt, wie es wohl in Deutschland einzigartig ist !), mit dem ständigen Aufblähen dieser Institutionen oder mit dem Qualitätsverfall des programmlichen Angebots in den Hauptsendern (die die Programmverantwortlichen ja wohl zurecht als ihre Aushängeschilder betrachten).

Wenn es um Zwänge in diesem Zusammenhang geht, dann doch gewiß nicht um das Thema “Zwangsfernsehen”, sondern de facto um das Thema “Zwangsgebühren”.

Kritische Fragen an das “üppig dotierte” (wie wahr!) quasi beamtenhaft-halbstaatliche System des ÖR-Rundfunks zu stellen, traut sich doch niemand mehr … (Allerdings war das jemals anders?) Man würde wahrscheinlich von ebendiesen Anstalten umgehend abgestraft, beispielsweise durch Nichteinladungen in Talkrunden – anspruchsvollere Sendeformate gibt es ja ohnehin in ARD & ZDF kaum noch zu finden.

Stattdessen muß man sogar in Printmedien Vorfälle von peinlicher Kameraderie wie z.B. von jenem WELT-Online-Autor, der vom “Fauxpas des Oberseminaristen Lammert” zu sprechen glauben meinte. Zum Glück widersprachen ihm binnen weniger Stunden fast 200 Leser nahezu einhellig …

Wie schön, Herr Spreng, wenn Sie meinen oben geschilderen Befürchtungen nicht entsprochen hätten – aber das Thema böte vielleicht dann doch zuviel “Sprengstoff” …

23) irritiert, Donnerstag, 29. Oktober 2009, 15:04 Uhr

es ist faszinierend mit welcher böswilligkeit lammerts einlassungen misinterpretiert werden.
lammert hat, und das me durchaus zu recht, lediglich moniert, dass die üppigst und jenseits aller plausibilität subventionierten grossen ö/r-sender es nicht für nötig hierlten, ihr quotengeiles verblödungsprogramm für ein thema zu ändern, das genuin die begründung für das gebührenunwesen liefert.
lammert hat _nicht_ gefordert, das volk möge zwangsweise mit berichtengefüttert werden.

die ö/r sender werden gerade deswegen mittels gez mit geld zugesch*** damit sie sich _nicht_ den quotenzwängen beugen müssen.

über die zutiefst demokratieverachtende und von abstossender ignoranz zeugende forderung, der bundestag möge sich gefälligst den gesetzten der mediengesellschaft beugen und “spannend” sein, lohnt es sich kaum, zu reden.
was “spannend” ist, zeigt das bild-niveau des ö/r-rundfunks zb in seinen vorabend-formaten zu deutlich — und der bildungs- und informations-auftrag der ör besteht gerade deswegen, um solch hanbüchenen forderungen nicht nachkommen zu müssen.
im zweifel ist aufgabe der öffentlich subventionierten sender, die thematik “spannend” aufzubereiten. wie die dazu stehen, hat das erbärmliche moderatoiden-schauspiel bei dem “kandidatenduell” nur zu deutlich gemacht.

und was das zwangsfernsehen betrifft: die degetoisierung ist weitaus mehr zwang als alles, was in lammerts äusserrungen hineininterpretiert wurde — wieso kann man als denkender mensch tagsüber die ö/r sender nicht mehr ertragen? von fussball und karnevall auf allen kanälen nicht zu reden. das ist wirklich zwang mit zweifelhafter berechtigung, wie das proportional zu den zuschauerzahlen sinkende niveau schmerzhaft belegt.

24) Peter Potter, Donnerstag, 29. Oktober 2009, 15:23 Uhr

Inhaltlich gehe ich voll konform. Phoenix ist auch Fernsehen, und da ist diese Wahl sicher besser aufgehoben.

Aber die Rechtschreibung dieses Artikels gefällt mir nicht. Das Wörtchen “heisst” (Zeile 3, zweites Wort von hinten) sollte bitte mit ß geschrieben werden. Langer Vokal -> ß. Diese Regel ist nicht allzu schwer…

25) Irreversibel, Donnerstag, 29. Oktober 2009, 18:49 Uhr

@Altern8:

Auf welchem Sendeplatz befindet sich im Berliner Kabelnetz denn dieser Parlamentskanal? Ich empfange ihn jedenfalls nicht….

26) m.g.t., Donnerstag, 29. Oktober 2009, 22:18 Uhr

Ein Parlament, das sich selbst erst durch das Bundesverfassungsgericht wieder seiner Bedeutung klar werden muss (bzw. das klargemacht werden muss, denn es ist ja nicht von selbst darauf gekommen), Parteien, die sich als Kanzlerwahlverein fühlen, Fraktionen, die aus Politikschauspielern bestehen und Gesetzesentwürfe der Regierung durchwinken oder pauschal ablehnen, Abgeordnete, deren Wahl dank Landeslisten schon Monate vor der Wahl feststehen, ein Parlament, das mit sechs anwesenden Abgeordneten (Präsident plus je einer pro Fraktion) beschlussfähig ist – - nun, ich sehe auch keine Relevanz in einer Live-Übertragung. Es reicht doch völlig aus, wenn man am übernächsten Tag Fisch kauft und der ist in die Zeitung von gestern eingewickelt.

27) Leser, Freitag, 30. Oktober 2009, 00:00 Uhr

In Hotels und Krankenhäusern wird Phoenix oft gar nicht eingespeist. Das gleiche Problem verstärkt sich bei Reisen im Ausland. Ist Ihnen das nicht bekannt?

28) Kris, Freitag, 30. Oktober 2009, 00:40 Uhr

Natürlich, auch Phönix gehört zu den öffentlich rechtlichen und somit ist rein theoretisch der Bildungsauftrag gewehrleistet. Theoretisch. Denn nicht jeder kennt den Sender (auch wenn er oftmals die einzige positive Ausnahme im Verblödungsprogramm ist). Vom regional teilweise eher schlechten Empfang möchte ich gar nicht anfangen. Ist also der Bildungsauftrag auch gewehrleistet, wenn die Sitzung auf einen eher unbekannten, bei manchen Personen gar nicht einprogrammierten Sender gelegt wird, den manche sogar nur in schlechter Qualität empfangen? Ich denke nicht. Hinzu kommt, dass ich auf den anderen öffentlich rechtlichen Sendern kaum einen Programmhinweis bekommen habe (wohingegen in mindestens 3 Nachrichtensendungen von Privaten ein mehr als deutlicher Hinweis auf die Ausstrahlung erfolgte).

Aber gut, das wäre alles gar nicht so schlimm gewesen, wenn ARD und ZDF in der Zeit, wo sie nicht die Sitzung übertragen haben, in einer anderen Weise ihrem Bildungsauftrag nachgekommen wären. Sind sie aber nicht. Stattdessen gab es 2. klassige Sendungen mit 3. klassigem Konzept und 4. klassigen Schauspielern. Die Entscheidung, was wichtiger ist sollte eigentlich klar sein….

Wie oben bereits jemand erwähnte. Die öffentlich rechtlichen haben den besonderen Staatsauftrag und werden deswegen mit Gebühren finanziert (die teilweise in verbrecherischer Art und Weise eingetrieben werden, aber das ist eine andere Geschichte). Deshalb erwarte ich auch, das diesem Staatsauftrag in vollem Umfang nachgekommen wird anstatt das mit billigen Sendungen versucht wird Publikum von RTL, Prosieben und co abzuziehen.

Und bevor es unerwähnt bleibt: Jemand sagte, dass die öffentlich rechtlichen unabhängig von der Politik sind. Das stimmt nicht, den in den Vorständen etc. der Landesanstalten sitzen Politiker. Schade das diese ihren Einfluss nicht gelten gemacht haben, den wenn jemand seinem Auftrag nicht nachkommt sollte vielleicht besser Zwang ausgeübt werden

29) JG, Freitag, 30. Oktober 2009, 09:21 Uhr

Es reicht Herrn Lammert nicht der gebührenfinanzierte Kanal “Phoenix”, welchen ARD und ZDF einzig einrichteten, um die Eitelkeit von Politikern und ähnlichen Herrschaften zu bedienen, die gern ihre Reden, Pressekonferenzen usw. in voller Länge übertragen sehen wollen. Doch ach, noch hat ein erklecklicher Teil der Untertanen Arbeit oder sonst etwas Besseres zu tun am Vor- und Nachmittag eines stinknormalen Dienstags, als sich die Reden der hohen Herrschaften anzuhören. Deren Geltungsbedürfnis – um so verständlicher, wenn man bedenkt, daß viele von ihnen in ihren Fraktionen ganz kleine Lichter sind – dürfte vermutlich erst vollauf befriedigt werden, wenn zur Übertragung der konstituierenden Sitzung des Hohen Hauses alle Sender des Rei-, äh Bundes zusammengeschlossen werden und unsere Menschen den Verwaltungsakt auf den Straßen und Bahnhöfen, in Büros und Betrieben von der ersten bis zur letzten Minute verfolgen müssen. Selbstverständlich in andächtigem Schweigen (das Nähere regelt mal wieder ein Sondergesetz).

Herrn Lammerts Logik folgend, plädiere ich übrigens entschieden für eine Verlängerung der Legislaturperiode auf zehn Jahre! Denn wenn die Politik immer besser wird, je seltener deren sich für ein Butterbrot aufopfernde Akteure durch den Pöbel gestört werden, darf man nicht zaghaft sein. Um des Vaterlandes willen! (Man schaue nur in die Schweiz: Nationale Wahlen alle vier Jahre, ein Zwei-Kammern-Parlament, 26 recht eigenständige Kantone und Halbkantone, der Bundespräsident lediglich ein Primus inter pares [ausgewählt nach, schluck, Rotationsprinzip], und dauernd gibt es Volksabstimmungen – kein Wunder, daß dieses Land ein permanenter Unruheherd ist, von Chaos zerrüttet, ständig vom Sturz in eine Terrordiktatur bedroht, das Elendsloch Europas, und dies schon das gesamte zwanzigste Jahrhundert hindurch. Ein Glück, daß uns dies alles erspart blieb. Und dank der CDU weiterhin bleibt.)

30) JG, Freitag, 30. Oktober 2009, 10:07 Uhr

@ Peter Potter
Das hat nichts mit langem Vokal zu tun, sondern mit Diphthong: Nach Diphthong in Neuschreib immer “ß”, nicht “ss”. Wie schön, daß die neuen, von einigen Ideologen und Bürokraten verfügten Regeln so einfach, nachvollziehbar und leicht erlernbar sind (gemeint ist: die jeweils aktuellste Reform der Reform). Und wie schön, daß wir darüber nicht mehr reden wollen, weil ja die Diskussion einmal beendet sein muß, basta.

@ Irreversibel
Bei mir ist es Kanal (NICHT Sonderkanal) 7. Mag aber sein, daß in dem Stadtteil, in dem Sie wohnen, etwas anderes gilt. Meines Wissens ist Phoenix aber im gesamten Berliner Kabelnetz zu empfangen.

@ Leser
Ich sehe sie lebhaft vor mir, die vielen, vielen Menschen, die vormittags in deutschen Hotels auf ihren Zimmern hocken und sich die konstituierende Sitzung des Bundestages anschauen.

31) Guido, Freitag, 30. Oktober 2009, 14:38 Uhr

Spandauer schrieb: “@Guido
Danke für die Unterstellung. Wenn die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht mehr aus dem Bundestag berichten, wer dann? Daher ganz klar Bildungsauftrag!”

Lieber Spandauer, Ich bin nicht grundsätzlich gegen die Übertragung von politischen Veranstaltungen, wenn es denn zur Bildung oder zumindest zum Politikverständnis beiträgt.
Aber diese trockene Vereidigung hat doch keinen bildungsspezifischen Mehrwert. Wir wussten doch vorher schon , dass Frau M. uns weiterhin als Kanzlerin erhalten bleibt.
Ergo ist auch eine Liveübertragung nicht unbedingt notwendig, eine Zusammenfassung in den abendlichen Nachrichtenformaten wäre vollkommen ausreichend.

32) DonDio, Freitag, 30. Oktober 2009, 18:07 Uhr

Also, wenn ARD und ZDF live Obama an der Siegessäule zeigen, den Geburtstag der englischen Königin und die verschiedenen adligen Hochzeiten aus aller Herren Länder, dann sollte wenigstens auf einem Sender auch die Wahl und Vereidigung der Bundeskanzlerin zu sehen sein. Eine live-Schalte hätte ja genügt, und zwischendurch etwas politische Hintergrundinformation.

33) JG, Freitag, 30. Oktober 2009, 21:48 Uhr

@ DonDio

Die Wahl der Bundeskanzlerin wurde am Mittwoch ab 9.50 Uhr live im ZDF übertragen.

34) Theodor, Freitag, 30. Oktober 2009, 22:25 Uhr

Mein lieber Herr Spreng,

Sie haben eines übersehen: ARD und ZDF werden aus Gebühren finanziert. Schmonzetten à la „Bianca – Wege zum Glück“ sendet auch die kommerzielle Konkurrenz, dafür muss man der fernseherbesitzenden Bevölkerung nicht jeden Monat fast 20 € aus der Tasche ziehen. Fernsehen (und Radio) ohne Anspruch jenseits der Quoten- und Umsatzvorgaben rechtfertigt keine Zwangsfinanzierung, auf Anstalten, die lediglich banale Kopien der Kommerzfunker sind, können wir gut verzichten – wir haben ja das Original, die Kommerzfunker.

Wenn es eine Rechtfertigung für die Gebührenerhebung gibt, dann doch, dass diese Gebühren in überwiegendem Maße für Inhalte ausgegeben werden, die beim Kommerzfunk nicht zu finden sind.

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