Sonntag, 01. November 2009, 12:01 Uhr

Zu Guttenberg oder Management by Champignons

Management by Champignons – so bald einer den Kopf herausstreckt, sofort abschneiden. Auf diese Führungsmethode verstehen sich Angela Merkel und Horst Seehofer. Der Champignon ist Karl-Theodor zu Guttenberg. Er war der strahlende Star der CDU/CSU in der Großen Koalition, warf seinen Schatten auf die Kanzlerin und verdunkelte die Sonne für den CSU-Vorsitzenden. Also musste er einen Kopf kürzer gemacht werden.

So wurde zu Guttenberg Verteidigungsminister, ein Amt, das seit dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr nur Ärger und keinen Glanz verheißt. Derselbe Seehofer, der intern noch vor wenigen Monaten zu Guttenberg als möglichen Kanzlerkandidaten und seinen potenziellen Nachfolger ausrief, lässt sich jetzt nicht einmal mehr durch zu Guttenberg im Koalitionsausschuss von Schwarz-Gelb vertreten und schickt stattdessen den harmlosen und ungefährlichen Peter Ramsauer in die Runde.  Der schwer angeschlagene CSU-Chef hatte wohl Angst, dass das mit der Nachfolge zu schnell geht. Und Angela Merkel, die “Männer-Mörderin” der CDU/CSU, die Köpfe von Männern wie Friedrich Merz und Edmund Stoiber in ihrem Trophäenschrank hat, zog nur zu gerne mit.

Zu Guttenberg ist nach seinem Höhenflug jetzt wieder unsanft auf dem Boden der Realitäten gelandet. Auf dem Foto des neuen Kabinetts mit Bundespräsident Köhler stand er – wahrscheinlich nicht zufällig – ganz am Rand. Das konnte ja auch nicht mehr lange gut gehen: Liebling der Medien, Superstar der Wähler, die zu Scharen wie bei keinem anderen seine Auftritte stürmten. Bei seinem Nachfolger Rainer Brüderle wird kein Fotograf den Wunsch äußern, ihn mit ausgebreiteten Armen auf dem New Yorker Times Square zu fotografieren. Höchstens mit Julia Klöckner, der neuen parlamentarischen Staatsekretärin im Landwirtschaftsministerium, ehemals Weinkönigin in Rheinland-Pfalz.

Wer glaubt, zu Guttenberg würde im neuen Amt der Schatten-Außenminister, täuscht sich. Denn Guido Westerwelle ist selbst nur der Schatten-Außenminister der Kanzlerin. Außenpolitik ist längst Chefsache, das macht “Mutti” selbst. Da bleibt für zu Guttenberg, obwohl er in den USA super vernetzt ist, schon gar kein Raum. Er muss sich wohl oder übel auf die Verteidigungspolitik konzentrieren. Und das bedeutet nach jeden neuen Anschlag am Hindukusch Selbstverteidigungspolitik. Wer in immer schnelleren Abständen an den Särgen toter deutscher Soldaten stehen muss, hat keinen Glamour-Faktor mehr. Und er muss künftig so intransparente und widersprüchliche Berichte wie den über das Bombardement der Tankwagen in Kundus verteidigen, bei dem wahrscheinlich mehrere Dutzend afghanischer Zivilisten starben.

Auch zu Guttenbergs Privatleben und das Leben seiner Familie wird sich dramatisch ändern. Er gehört jetzt zu den meistgefährdeten Menschen in Deutschland. Besuche bei AC/DC-Konzerten sind jetzt nicht mehr drin, oder höchstens noch mit einem halben Dutzend Leibwächter. Die schönen Tage sind vorbei. Das muss aber für den jungen CSU-Minister kein Schaden sein. Er kann jetzt zeigen, wie er mit schwierigen Herausforderungen fertig wird, ob er wirklich aus dem Holz geschnitzt ist, zu dem ihn Seehofer voreilig erklärte.

Als Verteidigungsminister kann zu Guttenberg schnell seine bisher erworbene Beliebtheit verlieren. Er hat  nur eine Chance, ein populärer Verteidigungsminister zu werden, allerdings nur eine einzige: er muss die deutschen Soldaten aus Afghanistan zurückholen oder zumindest einen realistischen, zeitlich überschaubaren Plan für ihre Rückkehr entwickeln. Dann hätte er seine Meisterprüfung bestanden.

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15 Kommentare

1) Gregor Keuschnig, Sonntag, 01. November 2009, 12:40 Uhr

Außer Helmut Schmidt (und vielleicht noch auf seine Weise Strauß) sind alle ehemaligen Verteidigungsminister nicht unbeschadet aus dem Amt geschieden. Es ist einer der undankbarsten Posten, die es im Kabinett gibt; jetzt noch mehr als zu Zeiten der deutschen Scheckbuchaußenpolitik. Zu Guttenberg wird auch entzaubert werden und danach in die bayerische Innenpolitik zurückkehren.

2) Sebastian, Sonntag, 01. November 2009, 12:53 Uhr

Ich verstehe überhaupt nicht, warum Herr Guttnberg “der Star der Großen Koalition” gewesen sein soll. Wenn überhaupt, dann haben die Medien ihn dazu gemacht. Bei mir hat er keinen besonderen Eindruck hinterlassen. Im Grunde hat er das getan, was man von einem Minister erwarten kann: ab und zu im Kabinett auch mal andere Thesen zu vertreten als der Mainstream. Ansonten mag er vielleicht telegen sein und einer adeligen Familie entstammen. Aber das macht ihn nicht zum Star.
Diese Beliebtheitsranking-Geschichte führe ich allein darauf zurück, dass die Medien in ihm einen Star sehen wollten.
Und im Grunde kann sich ein kompetenter Kinister im Verteidigungsministerium auch nicht unbeliebter machen, als er es im WIrtschaftsministerum könnte.

3) Felix Neumann, Sonntag, 01. November 2009, 14:21 Uhr

Merkel agiert in der Tat sehr machtbewußt – auch Ursula von der Leyen (unter den aktuellen Unionsministern momentan wohl das einzige echte Schwergewicht) wurde nicht mit dem Gesundheitsministerium belohnt (Auch wenn das ein potentieller Schleudersitz ist – die Nichtbeförderung ist ein deutliches Zeichen.)

Aber was bleibt ihr auch anderes üblich? Es ist in der Bundesrepublik für Kanzler eben nicht üblich, per Wahlen aus dem Amt zu scheiden, effektiver sind Intrigen der eigenen Partei. Merkel muß potentielle Konkurrenten wegbeißen, um langfristig im Amt bleiben zu können.

(Und Seehofer muß jetzt anfangen, Guttenberg zu demontieren – drei Jahre hat er noch, dann ist Guttenberg alt genug, um bayerischer Ministerpräsident zu werden.)

4) Andi, Sonntag, 01. November 2009, 14:35 Uhr

Ich glaube, Sie übersehen einen Punkt: Guttenberg hat seinen Traumjob bekommen. Er bearbeitet jetzt als Minister den Bereich, den er sich vorher als Abgeordneter bereits recht ausführlich und dem Vernehmen nach auch ziemlich erfolgreich erschlossen hatte. Aus seiner Sicht hätte es also inhaltlich womöglich kaum besser laufen können. Ich halte ihn auch für unabhängig genug, sich nicht dem Berliner Politikbetrieb auf ewig verschrieben zu haben, wie es bei den meisten anderen Kabinettsmitgliedern der Fall ist. Entsprechend wäre ich nicht überrascht, wenn die Frage der Popularität in diesem Amt für ihn selbst nur nachrangig ist.

5) Stefan, Sonntag, 01. November 2009, 16:10 Uhr

Entsprechend wäre ich nicht überrascht, wenn die Frage der Popularität in diesem Amt für ihn selbst nur nachrangig ist.

Guttenberg ja hat auch ganz offensichtlich nicht die Sozialisierung von Merkel und Westerwelle hinter sich, die beide sowohl in ihrer Kindheit als auch in ihrer frühen politischen Phase immer zu den Unbeliebten gehörten und sich jetzt endlich in der Beliebheit sonnen möchten. Wenn es Westerwelle um Politik gegangen wären, ware er Finanzminister geworden, aber er wollte halt auch endlich mal geliebt werden.

Ich hoffe sehr, dass Guttenberg sich für die richtige Politik einsetzt und nicht nur nach Umfragen und Popularitätswerten schielt. Er hat ja gezeigt, dass man gerade mit einem ehrlichen und geraden Kurs (Opel) populärer wird, als wenn man seine Politik nach Umfragen ausrichtet.

Vielleicht ist er genau der richtige Mann an der richtigen Stelle.

6) Stefan, Sonntag, 01. November 2009, 16:11 Uhr

Nachtrag: Der erste Satz von vorherigen Posting sollte als ZITAT gekennzeichnet werden.

7) Ferdinand, Sonntag, 01. November 2009, 17:25 Uhr

Herr zu Guttenberg kommt ja bei Ihnen wirklich auf keinen grünen Zweig, lieber Herr Spreng. Aber danke für diese im delirisch-unkritischen Einheitsjubel der bürgerlichen Publizisten bei diesem Thema erfrischend unangepasste Stimme!

8) Tilo, Sonntag, 01. November 2009, 17:44 Uhr

Guttenberg wird erst ab dann ein guter, vielversprechender Verteidigungsminister und damit eine internationale Figur werden, sobald er den Bundeswehreinsatz in Afghanistan als Kriegseinsatz betitelt.

Er kann das.

9) Hanoi, Sonntag, 01. November 2009, 18:18 Uhr

@Sebastian: Ist es nicht irrelevant, ob zG der wirkliche Star des alten Kabinetts war oder nicht so perzipiert / hochgeschrieben? Und ist ein Star nicht immer erst in dem massiven Ansehen des POPulus ein Star? Nach Thomas-Theorem wird der der Star, dem das zugeschrieben wird. Wunsch macht Wirklichkeit.

10) marcpool, Sonntag, 01. November 2009, 21:28 Uhr

Wenn alles so ist, wie Sie schreiben , Herr Spreng, dann sehe ich aber noch einige ” Sternstunden ” in diesem Kabinett. Merkel ist Kanzlerin und Aussenministerin in Einem. Guido hat es sowieso schwer, da von ihm nicht gerade erwartet werden kann , dass er eine persönlich hohe Rolle im Bereich des Nahen Ostens inkl. Israel spielen wird. Also eher der ” Sohn ” von Angela, sonst nix ? Aber z.Guttenberg hat eine Aufgabe , die der Kanzlerin nicht liegt. So hat er entscheidene Vorteile-er kann sich selbstbewusst und klug , mit diversen Fremdsprachen ausgestattet bewegen. Und die Aufgaben entsprechen seinen Kenntnissen , ob er auch die Fähigkeiten besitzt das wird sich zeigen. Das er besser ist wie Jung, das ist wohl schnell ausgemacht. Wenn er mit Rühe kann, dann hätte er einen entscheidenen Vorteil- es könnte ganz schnell gehen bis er auch die Seehofers wie Merkels unter Druck bringt. Das er dabei nicht die Führungsrolle im Ausschuss erhält – schert ihn nicht . Ramsauer führt doch die CSU in Berlin , das wird Seehofer schon so wollen . Schwieriges Amt – aber mit ganz grossen Chancen für z.G. ! Er wird sie nutzen – die Zeit ist auf seiner Seite . Die Medien muessen sich eben einen anderen Superstar suchen .

11) vera, Montag, 02. November 2009, 01:41 Uhr

Zu Guttenberg als Verteidigungsminister steckt mit seinem Auftreten und seinen Verbindungen den ’smarten’ Aussenminister locker in die Tasche. Die Akzeptanz seiner Person bei den wichtigen internationalen Partnern, auch in der NATO, ist hoch. Es wäre ihm sogar zuzutrauen, dass er mit erprobter Eloquenz die Deutschen doch noch zur Billigung des Afghanistaneinsatzes bewegt, womit zumindest den Soldaten geholfen wäre. Zum Thema schweigen wird er sicher nicht.

Das habe ich am 25. auf meinem Blog geschrieben, und dabei bleibe ich. Ich setze vielmehr noch einen drauf und behaupte, dass er Seehofers Abgang – äusserst diskret – beschleunigen wird. Die o.g. Verbindungen sind in alle Richtungen vorhanden und bewährt. Er wird sie zu nutzen wissen.

12) JG, Montag, 02. November 2009, 17:07 Uhr

Bei vielen Kommentatoren ist immer wieder bemerkenswert, wie die Wahrnehmung vom (Wunsch-) Denken vernebelt wird. Einem Guttenberg wird sogar zugetraut, die Deutschen für den Afghanistankrieg zu begeistern – und das zu einer Zeit, da dieser “Einsatz” selbst in den USA, wo man historisch bedingt ein völlig anderes Verhältnis zu Kriegen hat, allen Umfragen zufolge inzwischen von den meisten Menschen abgelehnt wird.

Ich mag weder Frau Merkel noch ihre Politik, aber zweifellos hat sie von ihrem Vorvorgänger gelernt, wie man Macht bewahrt und jeden wegbeißt und -lobt, der einem gefährlich werden könnte. Sie ist – für ihre Zwecke – zu einer beachtlichen Strategin geworden. Der Analyse von Herrn Spreng kann ich daher nur beipflichten. Es würde mich nicht wundern, wenn Guttenberg in wenigen Jahren entnervt das Handtuch wirft und lieber in die Wirtschaft geht (womöglich einfach “Berater” und sonstiger Lobbyist wird), wo sich mit viel weniger Anstrengung (und Gefährdung) viel mehr Geld verdienen läßt.

13) Wolf-Dieter, Montag, 02. November 2009, 20:02 Uhr

Ich beziehe mich auf den letzen Absatz Ihres Beitrags.

Falls mein Verdacht zutrifft, dass dessen Zielgruppe Herr Guttenberg ist, und falls weiterhin Ihre offensichtliche Zielsetzung (Afghanistan-Abzug) eintrifft, dann, Herr Spreng, dann meine Hochachtung (kommt von Herzen).

14) Thom, Montag, 02. November 2009, 23:26 Uhr

Von Herzen. Daß ich nicht lache. Na ja. Warum Guttenberg zum Verteidigungsminister machen? Na ja, wenn schon der Job unbeliebt ist, muß ihn wenigstens jemand machen, den die Republik liebt. Einer am dem nichts hängen bleibt. Auch nicht das Blut afghanischer Zivilisten. Oder deutscher Soldaten. Die mir als Opfer weit lieber sind als Unschuldige in ihrem eigenen Land, die nichts getan haben und von kriegswütenden Natotruppen über den Haufen geschossen werden. Aber an Guttenberg wird da nichts hängenbleiben. Fein raus. Und der Krieg steht auch gleich in einem besseren Licht da.

15) Duke Bosvelt, Dienstag, 03. November 2009, 15:26 Uhr

So unsinnig ich die Berufung Guttenbergs zum fachkenntnisfernen Wirtschaftsminister bewertete, was ohnehin nur dem uneingeplanten Rücktritt Glos’ und dem CSU-Verbandsproporz geschuldet war, so sinnvoll empfinde ich die Ernennung Guttenbergs zum Verteidigungsminister. Dafür gibt es mehrere Gründe.

– Guttenberg ist ein profilierter Abgeordneter für Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. In diesem Politikbereich kann er sachliche Kompetenzen vorweisen.
– Guttenberg pflegt internationale Kontakte (insbesondere transatlantische) und ist gut vernetzt.
– Guttenberg war einer der ersten konservativen Sicherheitspolitiker in Deutschland, der im internationalen Bündnis für einen Strategiewechsel geworben hat.
– Guttenberg weiss, dass nur ein ebensolcher Strategiewechsel bzw. ein Exit-Plan seine hohe Popularität aufrecht erhalten und ihn zu einem politisch gefährlichen Konkurrenten Merkels und Seehofers machen könnte. Seine Akzeptanz und Vernetzung auf amerikanischer Seite könnten einen Verhandlungsvorteil ausmachen.

Ich bin nicht der Auffassung, dass Guttenberg weitere deutsche Truppen in nennenswertem Ausmaß nach Afghanistan schicken bzw. bereits vorhandene Soldaten in die Krisenregionen schicken wird. Obama hat bereits erkannt, dass dieses Thema in Deutschland hochsensibel diskutiert und innenpolitisch schwer durchzuhalten ist. Ausserdem ist Deutschland bereits einer der größten Truppensteller und geniesst weiterhin ein positives Image in Afghanistan, welches weder die USA noch die Deutschen auf’s Spiel setzen werden.

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