Montag, 18. Januar 2010, 11:41 Uhr

Die Nacht, als Willy Brandt zurücktrat

Am 6. Mai 1974 schwirrte das politische Bonn vor Gerüchten. Es war knapp zwei Wochen nach der Verhaftung des Kanzlerspions Günther Guillaume, es hieß, Bundeskanzler Willy Brandt sei wegen seines Privatlebens erpressbar geworden, sein Rücktritt stehe bevor. Ich war damals Korrespondent der WELT in Bonn und erfuhr, dass Günter Gaus, zu dieser Zeit Staatssekretär im Kanzleramt, in einem kleinen Kreis gesagt habe: “Heute abend fällt eine weitreichende Entscheidung, die auch die Landtagswahlen in Niedersachsen beinflussen wird”.

Elektrisiert beschloss ich, abends im Büro zu bleiben und überredete einen Kollegen, sich auch die Nacht um die Ohren zu schlagen. Und ich informierte die Chefredaktion in Hamburg, die daraufhin beschloss, alle Druck- und Vertriebspläne umzuwerfen, um gewappnet zu sein. Nur unser damaliger Büroleiter hielt mich für einen Narren und erklärte, nachdem er von einem abendlichen Empfang des CDU/CSU-Fraktionschefs Karl Carstens zurückkam: “Ihr könnt nach Hause gehen. Heute abend passiert nichts, ich schreibe morgen ein Feature über die Nacht, in der nichts passiert ist”.

Mein Kollege und ich blieben dennoch im Büro und riefen alle halbe Stunde unsere Informanten an. Auch der amtierende Chefredakteur vertraute mir und verzögerte den Druck immer weiter. Kurz vor Mitternacht erhielten wir die Bestätigung: Brandt tritt zurück, der Rücktrittsbrief ist unterzeichnet.

So konnte die WELT noch 150.000 Exemplare mit mit der Schlagzeile “Brandt hat seinen Rücktritt eingereicht” drucken und war am Morgen als einzige überregionale Zeitung in Bonn mit dem Rücktritt am Kiosk.

Der Büroleiter wurde einige Zeit spät abgelöst und “diplomatischer Korrespondent”. Günter Gaus beschimpfte mich am nächsten Morgen als “Lump” am Telefon, weil seine Äußerungen vertraulich gewesen seien. Ich entgegnete ihm, dass ich in dem Kreis nicht dabei und deshalb an keinerlei Vetraulichkeit gebunden war.

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5 Kommentare

1) Stefan, Montag, 18. Januar 2010, 15:00 Uhr

“Ich entgegnete ihm, dass ich in dem Kreis nicht dabei und deshalb an keinerlei Vetraulichkeit gebunden war.”

Eben, so muss es sein. Politiker, die so naiv sind und der Presse “vertrauliche Details” mitteilen, haben es nicht besser verdient. Herr Gaus muss sich den Geheimnisverrat vorwerfen, nicht er ihnen.

2) C, Clocke, Montag, 18. Januar 2010, 17:41 Uhr

Manchmal geht mir Ihre Selbstbeweihräucherung ein wenig auf den Wecker. “Ich… erfuhr…” heißt doch nichts anderes, als dass einer Ihrer Informamten, die Sie regelmäßig für ihre Informationen entlohnten, Ihnen die Nachricht zutrug. Ich glaube, auch das fällt in den Bereich des Checkbuchjournalismus. Da muss man nicht stolz drauf sein.

3) m.spreng, Montag, 18. Januar 2010, 19:32 Uhr

@Stefan

Es ist ein Märchen, dass der Scheckbuchjournalismus regiert. Es war damals in Bonn weder üblich noch habe ich das nötig gehabt.

4) SG, Montag, 18. Januar 2010, 21:52 Uhr

Da war Günter Gaus aber entweder sehr naiv, oder damals waren die Gepflogenheiten im Umgang zwischen Politikern und Journalisten noch anders als heute.

@Stefan: Geheimnisverrat war es natürlich nicht, schließlich handelte es sich ja “nur” um eine politische Information und nicht um ein Staatsgeheimnis.

5) Smou, Montag, 18. Januar 2010, 21:52 Uhr

Ich denke, dass sie C. Clocke meinen – aber bitte bitte lassen sie sich von derartigen Äußerungen nicht irritieren (was ich eh nicht denke), denn ich finde diese Einblicke hinter die Kulissen der Politik und Medien nicht nur extrem spannend, sondern auch politikwissenschaftlich völlig unterbelichtet. Ich sollte meine Diplomarbeit da drüber schreiben…

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