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Die Nacht, als Willy Brandt zurücktrat

Am 6. Mai 1974 schwirrte das politische Bonn vor Gerüchten. Es war knapp zwei Wochen nach der Verhaftung des Kanzlerspions Günther Guillaume, es hieß, Bundeskanzler Willy Brandt sei wegen seines Privatlebens erpressbar geworden, sein Rücktritt stehe bevor. Ich war damals Korrespondent der WELT in Bonn und erfuhr, dass Günter Gaus, zu dieser Zeit Staatssekretär im Kanzleramt, in einem kleinen Kreis gesagt habe: “Heute abend fällt eine weitreichende Entscheidung, die auch die Landtagswahlen in Niedersachsen beinflussen wird”.

Elektrisiert beschloss ich, abends im Büro zu bleiben und überredete einen Kollegen, sich auch die Nacht um die Ohren zu schlagen. Und ich informierte die Chefredaktion in Hamburg, die daraufhin beschloss, alle Druck- und Vertriebspläne umzuwerfen, um gewappnet zu sein. Nur unser damaliger Büroleiter hielt mich für einen Narren und erklärte, nachdem er von einem abendlichen Empfang des CDU/CSU-Fraktionschefs Karl Carstens zurückkam: “Ihr könnt nach Hause gehen. Heute abend passiert nichts, ich schreibe morgen ein Feature über die Nacht, in der nichts passiert ist”.

Mein Kollege und ich blieben dennoch im Büro und riefen alle halbe Stunde unsere Informanten an. Auch der amtierende Chefredakteur vertraute mir und verzögerte den Druck immer weiter. Kurz vor Mitternacht erhielten wir die Bestätigung: Brandt tritt zurück, der Rücktrittsbrief ist unterzeichnet.

So konnte die WELT noch 150.000 Exemplare mit mit der Schlagzeile “Brandt hat seinen Rücktritt eingereicht” drucken und war am Morgen als einzige überregionale Zeitung in Bonn mit dem Rücktritt am Kiosk.

Der Büroleiter wurde einige Zeit spät abgelöst und “diplomatischer Korrespondent”. Günter Gaus beschimpfte mich am nächsten Morgen als “Lump” am Telefon, weil seine Äußerungen vertraulich gewesen seien. Ich entgegnete ihm, dass ich in dem Kreis nicht dabei und deshalb an keinerlei Vetraulichkeit gebunden war.