Montag, 08. Februar 2010, 10:48 Uhr

Einer von uns?

Im Bonn der 70er Jahre war nicht nur die Politik sehr polarisiert, sondern auch der Journalismus. SPD-nahe Journalisten hatten sich im Club “Gelbe Karte” organisiert, die CDU-nahen waren im “Bergsdorf-Kreis”, genannt nach dem Büroleiter Helmut Kohls. Beide veranstalteten regelmäßig Hintergrundgespräche mit Politikern ihrer Couleur, die “Gelbe Karte” verstand sich zudem als Kampagnen-Instrument, sprach Themen und Geschichten ab.

Als ich Ende 1973 mit 25 Jahren für “Die Welt” nach Bonn kam, war für mich diese Gruppenbildung ein Problem. Ich wollte gar keiner Gruppe angehören. Vom Alter und Lebensgefühl fühlte ich mich eher zu den jungen, linken Journalisten hingezogen, die – aus meiner Sicht – “alten Knacker” im Bergsdorf-Kreis waren mir fremd.

Um prominente Politiker hautnah erleben zu können, ging ich dann doch zu den CDU-Journalisten. Als ich einmal einen Kollegen mitbringen wollte, fragte mich Kohls Sprecher Eduard Ackermann: “Ist der denn einer von uns?”. Ich antwortete: “Was heißt, einer von uns? Ich bin auch keiner von uns”. Bei den linken Journalisten freundete ich mich mit einem Kollegen an, der später beim “Spiegel” Karriere machte. Er teilte mir eines Tages mit, wir könnten nicht länger befreundet sein, er habe deswegen Schwierigkeiten mit der “Gelben Karte”. Die hätten kein Verständnis dafür, dass er sich mit einem “Welt”-Redakteur treffe. So saß ich dort, wo eigentlich ein Journalist hingehört – zwischen Baum und Borke.

Im Frühjahr 1976, nachdem ich Büroleiter von BILD geworden war, wurde ich Mitglied im “Adler-Kreis”, einem der wenigen unabhängigen, überparteilichen Kreise, genannt nach dem Treffpunkt, dem Hotel “Adler” in Bad Godesberg. Ihm gehörten die Büroleiter großer Zeitungen und Sender an. Er traf sich mit Spitzenpolitikern aller Parteien. Seitdem musste ich mich nicht länger zwischen Gruppen entscheiden.

Den “Spiegel”-Kollegen traf ich zwanzig Jahre später in Positano am Strand. Er tat so, als seien wir immer die engsten Freunde gewesen.

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder