Sonntag, 14. Februar 2010, 14:15 Uhr

Westerwelle zerbröselt

Es heißt, Geschichte wiederhole sich nicht, es sei denn als Farce. Guido Westerwelles Geschichte scheint sich zu wiederholen – der Absturz nach dem Triumph. Beim ersten Mal gab es eine Wiederauferstehung…

2001 war Guido Westerwelle auf dem ersten Höhepunkt seiner Karriere: er wurde Vorsitzender seiner traditionsreichen Partei, trat in die großen Fußstapfen von Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher. Ein unglaublicher Erfolg für einen  jungen Politiker, der immer mehr für das Marketing als für die Substanz der FDP stand. Schon wenige Monate später übermannte ihn die Hybris: zur Bundestagswahl 2002 trat er als Kanzlerkandidat an, rief das Projekt 18 aus, ging ins Big-Brother-Haus, fuhr im Guidomobil mit blaugelben FDP-Lämpchen durchs Land, klebte sich bei Sabine Christiansen die 18 auf die Schuhsohle. Marionettisiert von seinem unsteten Freund Jürgen Möllemann, der mit allen Mitteln versuchte, aus der FDP eine deutsche Haider-Partei zu machen – eine Mischung aus Frechheit und Populismus, gewürzt mit einer Prise dumpfen Ressentiments.

So kam es zum ersten Absturz des Guido Westerwelle. Alle Wahlziele verfehlt: nur 7,4 Prozent, keine schwarz-gelbe Wende, keine Regierungsbeteiligung. Als Ex-Kanzlerkandidat eine lächerliche Figur. Als Folge tauchte Westerwelle monatelang von Selbstzweifeln geplagt ab, rappelte sich dann wieder auf und erlebte 2004 am Küchentisch seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg die Wiederauferstehung: er entschied mit Angela Merkel gegen den mächtigen Edmund Stoiber, dass Horst Köhler Bundespräsident wird. Bei der Bundestagswahl 2005 wurde er dafür aber nicht belohnt. Die FDP erreichte zwar 9,8 Prozent, es kam aber zur großen Koalition.

Diesmal war Westerwelle klüger: er erfand sich neu. Seriös, staatspolitisch verantwortungsbewusst, klug die Schwäche der großen Koalition ausnutzend, die Sehnsucht der Wähler nach klaren Verhältnissen. Und er schnitt die Partei ganz auf sich zu. Der neue Westerwelle, ein Mann, dem man vieles, aber eben nicht mehr alles zutraute. Sein Lohn: 14,6 Prozent bei der Bundestagswahl, ein unglaublicher Erfolg. Und wieder übermannte ihn  die Hybris. Er verfiel der alten Politikerkrankheit, zu glauben, das seien alles seine Stimmen, das sei sein ganz persönlicher Sieg. Westerwelle merkte nicht, dass er von mindestens der Hälfte seiner Wähler nur aus Verdruss über die große Koalition gewählt worden war. Berauscht genoss er seinen Triumph über alle Zweifler und sich selbst so maßlos, dass der neue Absturz nicht ausbleiben konnte. Seine persönliche Geschichte scheint sich zu wiederholen. Nur noch acht Prozent in dem Umfragen, in NRW ist die Lage für die FDP schon lebensbedrohlich.

Jetzt aber geht Westerwelle nicht in sich, sucht nicht nach eigenen Fehlern. Noch einmal neu erfinden kann er sich auch nicht mehr. Deshalb schlägt er so wild und schrill um sich, genauso maßlos, wie er den Sieg genoss. Er fährt mit erhöhtem Tempo gegen die Einbahnstraße, verprellt seine politischen Freunde, bringt die Kanzlerin gegen sich auf, macht sich zur willfährigen Zielscheibe der Opposition. Schon rücken die ersten sogenannten Parteifreunde von ihm ab – mit dem verlogenen Hinweis, man wolle ihm nur helfen.

Es gibt Politiker, die werden unter Druck zu Diamanten, wie Helmut Schmidt, und es gibt Politiker, die unter Druck zerbröseln, wie Rudolf Scharping. Westerwelle ist sicher kein Helmut Schmidt.

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67 Kommentare

1) dissenter, Mittwoch, 17. Februar 2010, 12:09 Uhr

@Falk

Mit der von Westerwelle bemühten Kellnerin, die mit Ehepartner und zwei Kindern angeblich 109 € weniger hat als eine vergleichbare Familie mit Hartz IV, beschäftigt sich auch die Arbeitnehmerkammer Bremen:
http://www.arbeitnehmerkammer.de/sozialpolitik/dukumente/2010/2010-02-15%20Westerwelle.pdf

2) westernworld, Mittwoch, 17. Februar 2010, 14:52 Uhr

eine gute analyse der krise des liberalismus über die hier betriebene reine ”sportberichterstattung” hinaus bietet bernd ulrich in der zeit unter dem titel ”die geistig-politische leere”

3) Klaus Jarchow, Mittwoch, 17. Februar 2010, 18:28 Uhr

@ westernworld: Um die Krisenhaftigkeit und die Überalterung der eigenen selbstgewissen Ideologie zu erfassen, müsste die FDP zunächst einmal Köpfe haben, die für solche Vorstellungen noch das nötige intellektuelle Format haben. Ich sehe da aber nur Piepers, Brüderles und Niebels auf allen Ebenen … die FDP hat nicht nur ein ideologisches Problem, sondern auch eins der Rekrutierung des Nachwuchses mit dem nötigen Potenzial zur überfälligen Erneuerung. Man müsste also zunächst einmal schauen, wie wer in dieser Partei weshalb auf Posten gelangt – und die Aufstiegskriterien entsprechend korrigieren. Das wird aber nicht geschehen, weil dann die Mediokren sich selbst ins Abseits rangieren würden. So schlau sind die nämlich dann doch noch …

4) Tuttle, Mittwoch, 17. Februar 2010, 19:33 Uhr

Es gibt noch einen dritten Typ: Der ist wie amerikanisches Toastbrot.

5) Helmut, Donnerstag, 18. Februar 2010, 17:17 Uhr

Hallo Herr Westerwelle: Wie soll sich Arbeit lohnen z. B mit einem Stundensatz von 4,50 (gibt es!!)?
Wenn also ein arbeitender Mensch mehr haben soll als ein Sozialempfänger, dann muß nach Ihrer
Forderung Hartz-IV unter diesem Niveau leben. Und da Sie Hartz-IV-Empfänger im Bausch und Bogen
als Schmarotzer einordnen, ist das ja auch nicht mehr als recht und billig und Sie sehen sich in Übereinstimmung mit allen Menschen im Lande. Diese Annahme setzt voraus, daß diese Mneschen alle unter I h r e m geistigen Niveau liegen!.
Ihr ganzer Unmut konzentriert sich auf Hartz IV. Dagegen sind Steuerhinterzieher für Sie und die gesamte FDP heilige Kühe.
Und das Geheimnis,was sie mit spätrömischer Dekadenz meinen, werden Sie wohl mit ins Grab nehmen.

6) Gideon, Freitag, 19. Februar 2010, 01:05 Uhr

sehr schoen geschrieben!! Danke

ich bin aber fast froh, dass es so gekommen ist und dass ich hoffe die FDP fällt tief. Keine einzige Träne werden ich an denen verschwenden. Ich hoffe Deutschland muss an den nächsten ca 3 Jahren und 240 Tagen nicht noch viel mehr „leiden“. Vielleicht ist es mit der Koalition ja schon früher aus, wer weiß wer weiß.

7) Erika, Freitag, 19. Februar 2010, 09:48 Uhr

Die Strategie von Westerwelle geht vielleicht doch auf?

Beim ARD Deutschlandtrend ist die FDP wieder auf 10 % und die Union verliert 2 %. Die Klientel von Westerwelle findet die Aussagen in der Sache richtig und auch viele in der CDU. Wir werden sehen.

8) Fyyff, Freitag, 19. Februar 2010, 12:08 Uhr

„Marionettisiert von seinem unsteten Freund Jürgen Möllemann, der mit allen Mitteln versuchte, aus der FDP eine deutsche Haider-Partei zu machen – eine Mischung aus Frechheit und Populismus, gewürzt mit einer Prise dumpfen Ressentiments.“

Und das ist jetzt nicht mehr der Fall? Das man mit plumpen möllemannschen Antisemitismus in Deutschland keinen Blumentopf gewinnen kann ist eine der wenigen guten Dinge in diesem Land.
Aber der Rest? Ressentiments gegen Minderheiten, Populismus und bissel Hetze? Damit kommt man doch vorzüglich voran.

Überhaupt ist es doch nur eine Frage der Zeit bis Herr Westerwelle in einer epihaniegleichen Eingebung endlich den bösen Ausländer entdeckt. Die liegen dem selbsternannten Mittelstand von Anwälten, Ärzten, Apothekern und Anlageberatern ja auch auf den Taschen, nicht? Dann würde endlich zusammenwachsen was zusammengehört. Sozialrassismus gibts nicht ohne Xenophobie. So ist das eben wenn man sich ins Sarrazin-Gebiet wagt.

Herrn von Finck wirds freuen. Hätt er mal lieber gleich seine Mövenpickmillionen in die FDP gesteckt, statt jahrelang mit reaktionärem Unsinn wie Bürgerkonvent, Bund freier Bürger und Co. Zeit zu verschwenden, hätte er jetzt schon eine quietschfidele rechtspopulistische Partei haben können. 😛

9) Mehrheitsmeiner, Freitag, 19. Februar 2010, 12:29 Uhr

Stone-Bridge und Stone-Myer haben Hartz 4 mit zum Leben erweckt, Bile-Stone führt es auf eine ganz neue Ebene.
Mehr muss ich nicht sagen – @Klaus Jarchow spricht mir aus dem Herzen.
Das Niveau der FDP hat bereits das von Brutalstaufklärer Koch erreicht – seinerzeit bei der Hessenwahl: „Wo kann ich gegen Ausländer unterschreiben“.

NRW: „Wo kann ich gegen faule H4 Empfänger unterschreiben“.

Ich befürchte, Bilestone hat Erfolg damit.

10) Klaus Jarchow, Freitag, 19. Februar 2010, 14:21 Uhr

So lange die FDP auf Kosten der Union gewinnt, ist das ein Nullsummenspiel, das das allgemeine Gezeter und Gezerre in der Koalition nur verstärken wird. Es steht immer noch 44 : 51 gegen Schwarzgelb.

11) herr-x, Freitag, 19. Februar 2010, 15:25 Uhr

Juchu, ich eine neue Zielgruppe für Guido – hab ich heute morgen im Radio gehört.
Die HSH-Nordbank hat wieder Millionen versenkt … Komisch – da höre ich keinen Guido. Hat er sich versteckt?

Ich glaube, er bekommt das nicht hin, das mit dem Fizekanzler für alle Deustchen.

12) Oliver Neukum, Samstag, 20. Februar 2010, 10:18 Uhr

Genau. Die Überlastung der Mittelschicht ist real, aber er hat sich die falsche Zielgruppe ausgesucht.

Er hätte über den Strompreis reden können. Er hätte über bürokratische Schikanen reden können. Wenn es unbedingt etwas Soziales sein musste, dann vielleicht über gewisse Auswüchse des Rentensystems. Oder er nimmt sich Agrarsubventionen vor. Aber in einer Weltwirtschaftskrise prügelt man einfach nicht auf Arbeitslose ein. Wollte er Möllemann kopieren, könnte er nach Neukölln fahren und über Zuwanderung in die Sozialsysteme sprechen. Das wäre sehr schmutzig, aber es wirkte wohl. Aber einfach über den generellen Satz zu sprechen, ist schlicht dämlich. Das ist auch keine ideologische Frage mehr. Es ist Instinktlosigkeit.

13) Hanns Otto Binder, Samstag, 20. Februar 2010, 10:35 Uhr

Einen erfoilgreichen Politiker zeichnet sein Gespür für die „schweigende Mehrheit“ – man könnte sie auch „stimmlose Mehrheit“ (mit Ausnahme der Wahltermine) nennen- aus, und nicht political correctness. Die FDP braucht nur eines: Durchhaltevermögen für die Einführung eines gerechten, einfachen Steuersystems und ein nachvollziehbares, leistungsfähiges Gesundheitssystem. Dann ist ihr die Regierungs-Mitverantwortung für vermutlich gleich mehrere Legislaturperioden sicher. Einfach wird das nicht, schließlich sind das gleich zwei gordische Knoten, die durchschlagen werden wollen und an denen sich unterschiedliche Koalitionen schon vergeblich versucht haben. Mein Vertrauen haben sie, die FDP als Partei und Westerwelle als Politiker unverändert. Sie sollen weiter an der Lösung arbeiten und ruhig die Abgewählten und Nichtgewählten sich in den Medien austoben lassen. Wer denken kann, fällt auf dieses „Blätterrauschen“ nicht herein.

14) dissenter, Samstag, 20. Februar 2010, 10:53 Uhr

@Klaus Jarchow

„Es steht immer noch 44 : 51 gegen Schwarzgelb.“

Das Schöne ist: So steht es schon seit den 90er Jahren. Die Bundestagswahl war ein Ausreißer, weil Ihre Majestät die Kanzlerin mit ihrem Kuschelwahlkampf im Verbund mit der albernen, aber von allen Medien verbreiteten These von der sozialdemokratisierten Union und mit einer bis zur Unkenntlichkeit geschröderten SPD es geschafft haben, sozialdemokratische Wähler von der Urne fern zu halten.

Wenn Umfragewerte Realität abbilden, dann lässt sich jetzt die Rückkehr zur Normalität beobachten.

15) RoBin & Friends, Samstag, 20. Februar 2010, 20:15 Uhr

Jetzt ist nur noch eines wichtig ! Das Herr Westerwelle dabei bleibt…sich weder durch die Medienberichte noch durch die vermeintliche Mehrheit der Bürger zu einem Rückzug verleiten lässt…die wesentlich größere schweigende Mehrheit in diesem Lande ist genau seiner Meinung ! Zu dieser schweigenden Mehrheit gehöre ich auch. Weiter so, Guido….spalte die schreiende und lärmende Minderheit ruhig ab. Das Land braucht wieder den gesunden Menschenverstand.

16) Fackelstein, Samstag, 27. Februar 2010, 04:34 Uhr

Seien wir ehlrich.
Die FDP wurde nicht von 18 Prozent gewählt.
Von drei Prozent.
Und 15 Prozent Nicht-SPD-Wähler.

17) Mehrheitsmeiner, Samstag, 27. Februar 2010, 19:36 Uhr

@RoBin & Friends

war das jetzt politisches Kabarett?
Wenn denn die schweigende Mehrheit tatsächlich auf der Seite von Bilestone stehen sollte, verstehe ich die Umfragen nicht.

18) Johnes, Sonntag, 28. Februar 2010, 11:28 Uhr

Seit dem ich die Meinung des FDP-Vorsitzenen Westerwelle gehört und die darauffolgende Debatte über die Erhöhung des Mandaten fragte ich mich, ob den Westerwelle nicht die Lösung aller seiner Probleme schon gesehen habe. Nungut.. vielleicht schläft er ja wieder.. nach einem Tag ohne Aufruf Westerwelles muss ich nun anscheinend selbst ans Werk gehen!

Da sich Westerwelle wie allseits bekannt für Schneeschieben von Hartz4 Empfänger geworben hat, bin ich bei der letzten Bundestagsdebatte über die Mandaterhöhung unser Bundeswehr in Afghanistan auf folgende Idee gekommen.

Lieber Westerwelle,
verschliessen Sie die Augen nicht sondern gucken sie nach vorne, Schneeschieben kann jeder selber, dafür werden die Hartz4 Empfänger nicht gebraucht. Aber Soldaten, warum schicken wir nicht alle Hartz4 Empfänger, die länger als 24 Monate erfolglos sich um ein Job bemüht haben in einen 2 Monatigen Grundkurs, und schicken sie als Aufbauhilfe nach Afghanistan. Da könnte sie endlich mal was für Vaterland und Volk tuen, es SIND JA NUR HARTZ4 EMPFÄNGER!!

Zum Abschluss damit keine Falschinterpretationen entstehen, dies ist nicht meine persönliche Meinung, sondern meine in FDP Vorsitzenden Guido Westerwelle reininterpretierte Vorstellung. Ich persönlich bin für eine strikte Ablehnung des Bundeswehrmandates in Afghanistan und unterstütze die Meinung Westerwelles in keinem Punkt.

Mit freundlichen Grüßen Johnes

19) Specht10, Sonntag, 02. Mai 2010, 14:03 Uhr

Der Artikel stellt die Situation zwar scharf, aber durchaus zutreffend klar. Was mir aber fehlt, sind Begründungen und vor allem Aussagen, wo denn eigentlich die gemeinsame Sachbasis liegt, auf der sich diese Koalition zusammenfinden konnte.

20) Hanna, Montag, 03. Januar 2011, 00:39 Uhr

Westerwelle hat keine eigenen deutschen Kinder erzeugt und das Elterngeld für arme alleinerziehende deutsche Mütter abgeschafft… super

21) www.sprengsatz.de, Sonntag, 17. April 2011, 15:55 Uhr

Www sprengsatz.. Neat 🙂

22) Frank, Freitag, 09. Dezember 2011, 21:01 Uhr

Interessanter Artikel :D!

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