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Freitag, 26. Februar 2010, 17:10 Uhr

Die Katzen und das ZDF

Es ist so, als würden zwei Katzen damit beauftragt, eine Konvention zum Schutz der Mäuse auszuarbeiten: Roland Koch und Kurt Beck sollen jetzt federführend für die Bundesländer einen Vorschlag zur Reform des ZDF vorlegen. Die beiden unterscheiden sich in ihrer Verachtung der Rundfunkfreiheit nur graduell: der eine frisst die Mäuse ohne Betäubung, der andere will sie vorher narkotisieren. Beide wollen den Anspruch der Politik, personelle Entscheidungen beim ZDF zu dominieren, nicht aufgeben.

Ministerpräsidenten (oder ihre Agenten) haben grundsätzlich im ZDF-Verwaltungsrat nichts verloren, in dem sie mit ihrem Vetorecht Personalvorschläge des Intendanten ablehnen können. Koch und Beck beharren auf der absurden Situation, dass die von ZDF-Journalisten zu kontrollierenden Politiker sich ihre Kontrolleure selbst auswählen. Daran ändert auch der Vorschlag aus Rheinland-Pfalz nichts, wonach künftig ein Chefredakteur nur mit einer Dreifünftelmehrheit im Verwaltungsrat abgelehnt werden könnte. Der einzige Unterschied wäre, dass künftig zwischen den politischen Lagern mehr gedealt werden müsste. Systemfehler bleibt Systemfehler. Nicht die Quoren, sondern die Zusammensetzung der ZDF-Aufsichtsgremien sind der Skandal.

Wenn Koch und Beck es mit einer Reform des ZDF wirklich ernst meinen würden, dann würden sie die Verfassungsklage der Grünen gegen den ZDF-Staatsvertrag unterstützen. Beide sind auf jeden Fall völlig ungeeignet, beim ZDF jenen Mindeststandard an Staatsferne und innerer Pressefreiheit herzustellen, dessen Fehlen spätestens seit dem Fall Nikolaus Brender unübersehbar geworden ist. Denn die Katze lässt bekanntermaßen das Mausen nicht.

Lesen Sie dazu auch meinen Beitrag “Systemstörfall Brender” vom 22.11.2009

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

12 Kommentare

1) Mehrheitsmeiner, Freitag, 26. Februar 2010, 17:27 Uhr

ZDF – ist das nicht der Sender für die UHUs unter den Zuschauern?

(UHU = unter Hundert)

ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal ZDF geschaut habe.
Ich glaube, es lief gerade Bonanza.

2) Gregor Keuschnig, Freitag, 26. Februar 2010, 18:18 Uhr

@Mehrheitsmeiner
Dann sind Sie entweder bald in der von Ihnen proklamierten Zielgruppe – oder haben die Vormittagswiederholungen bei Kabel Eins gesehen.

3) Doktor Hong, Freitag, 26. Februar 2010, 23:38 Uhr

Sed quis custodiet ipsos custodes?

Es war ein wenig vor meiner Zeit, aber trug das ZDF nicht den Spitznamen “Adenauer-Fernsehen”? Sah sich Adenauer durch den “Rotfunk” des WDR und NDR in seiner Machtausübung behindert und wollte daher ein mediales “Gegengewicht” schaffen?

Gut – vielleicht war Adenauer über jeden Zweifel völlig erhaben und wollte nur ein wenig die Fernsehwelt bereichern. Legt man jedoch o.g. Intentionen zugrunde, dann nimmt es doch nicht allzusehr Wunder, dass es zu den im Blog-Artikel beschriebenen “Konstruktionsfehlern” gekommen ist.

Nun ist es in der politischen Struktur der Bundesrepublik mit der Gewaltenteilung insgesamt nicht so weit her: politisch weisungsgebundene Staatsanwaltschaft, Fraktionszwang im Bundestag etc.

Wir haben doch erlebt, wie ein gewisser Herr Schäubele sich über das Bundesverfassungsgericht echauffiert hatte, nachdem selbiges ihm bescheinigte, dass einige der von seiner Partei entworfenen Gesetze schlichtweg verfassungswidrig waren.

Apropos Verfassung: Stand nicht in der Präambel zum Grundgesetz, dass dieses nur so lange gelten sollte, bis das wiedervereinigte deutsche Volk in freier Abstimmung über eine Verfassung entschieden hat?

Naja. Land der Dichter und Denker. Viele Akademiker sind historisch ungebildet und kokettieren sogar damit!

Und dann wundern sich die Leute, dass politisch so etwas dabei herauskommt…

Nur eine Minderheit begreift überhaupt, dass eine unabhängige und vielgestaltige Medienlandschaft für das Funktionieren einer Demokratie absolut unerlässlich ist.

Die im Blog zitierten Herren gehören vermutlich eher nicht dazu.

So brauchen wir uns also nicht zu wundern, wenn eine römische Warnung aus dem 1. Jahrhundert ungehört verhallt… hat doch keiner wissen können!

4) vera, Samstag, 27. Februar 2010, 00:25 Uhr

mal wieder einwandfrei versenkt, herr spreng. habe mir kichernd die passende karikatur vorgestellt ,)

@doktor hong
dann bitte ich als angehörige der mehrheit aber auch um übersetzung des juvenal-zitats.der kultur und der höflichkeit halber.

5) PeterM., Samstag, 27. Februar 2010, 08:11 Uhr

Schade Herr Spreng, ich hatte gehofft Sie würden auch mal über die Causa Rent-a-Rüttgers schreiben. Das hätte zumindest mich mehr interessiert.

6) Klaus Jarchow, Samstag, 27. Februar 2010, 12:48 Uhr

Wo Parteien drin sind, ist niemals Unabhängigkeit dran …

7) Doktor Hong, Samstag, 27. Februar 2010, 15:15 Uhr

@vera

Es überrascht mich, dass Sie sich selbst jener Mehrheit zugehörig fühlen. Bei eigentlich jedem Kommentar hier hatte ich bisher den Eindruck, dass es sich bei den Verfassern um kritische, reflektierte und eloquente Menschen handelt. Daher macht mir das Lesen der anderen Kommentare auch soviel Spaß.

Sed quis custodiet ipsos custodes? – Aber wer bewacht die Wächter selbst?

Das war spontan meine Assoziation zu Sprengs letztem Satz: “Denn die Katze lässt bekanntermaßen das Mausen nicht.”

Diese können Sie gerne als unpassend erachten; ich fand sie adäquat. :)

8) Dominik, Samstag, 27. Februar 2010, 16:47 Uhr

der Vergleich mit den 2 Katzen und den Mäusen ist genial – eine brilliante Metapher

Das Problem gut beschrieben.

Ich kann nur sagen, wer den ORF in Österreich hat, den hats noch schlimmer
erwischt. Da sitzen die Grünen auch schon fest mit im Boot drin.

lg DL

——————————–
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9) Dierk, Samstag, 27. Februar 2010, 17:23 Uhr

Eigentlich schlimm finde ich die Verhaltensweise des Schächters, der vorne herum so tut, als ob er unabhängig wäre, sich nicht von Parteipolitikern hinein schwatzen lässt, fest an der Seite Brenders steht. Er stellt sich nicht vor ihn, um die Pfeile wütenden Geschicks abzufangen, er stellt sich nicht hinter ihn, um ihn zu stützen. Er stellt sich daneben, sieht zu, gibt ein paar große Worte von sich; dann lässt er zu Gunsten seiner eigenen Karriere Brender fallen.

Das Verhalten von SPD- und CDU-Bonzen ist verständlich, weshalb auch sollten sie zurückstecken, sie kommen damit doch durch. Ein parteipolitischer Einfluss auf den deutschen Rundfunk ist ein Vorteil – für die Partei, die ihn gerade hat. Würde wohl auch meinen Vorteil nicht aufgeben, solange ich nicht gezwungen wäre. Ich meine, es ist auch gar nicht das Verfassungsgericht notwendig hier einzuschreiten – die Parlamente dürfen wir hier getrost vergessen -, sondern mutige Journalisten, die spätestens, wenn sie einen hohen Posten erreicht haben, sich einen Dreck um die Einflussnahme der Becks, Kochs, Adenauers scheren.

Natürlich müssten zumindest die Journalisten der ÖRs sich dann auch einig darüber sein, die Auskunftspflicht gewählter Politiker der Öffentlichkeit gegenüber auch vehement einzufordern und kalr zu machen, dass man keine Schönwetter-Journaille betreibt. Dann erarbeiteten sich die Medien endlich zu Recht den Spitznamen ‘Vierte Gewalt’.

Ich harre immer noch des Rücktritts Schächters.

@PeterM. Recht haben Sie, ich erwarte eigentlich auch, dass Herr Spreng endlich mal etwas über Nacktmulle schreibt! Das interessiert mich nämlich.

Meine Güte, Leute, ich lese die Texte Herr Sprengs sehr gerne, seine Ansichten zu spezifischen Fragen und so, aber doch nicht, um meine Meinung vorgekaut zu erhalten. Falls Michael Spreng zu all den Ministerpräsidenten und Regierungsmitgliedern, die als Werbebotschafter und Geldbringer ihrer Parteien eingesetzt werden, etwas sagen möchte, wird er das sicher tun. Wenn er genug Fakten hat, wenn er darüber nachgedacht hat …

Ich verstehe solche Einlassungen einfach nicht, PeterM., warum schreiben Sie nicht dazu [in Ihrem Blog selbstverfreilich]?

10) Mehrheitsmeiner, Samstag, 27. Februar 2010, 19:14 Uhr

@Gregor Keuschnig

Kabel wer?
Vormittags gibt es Fernsehen?
Sie kenne sich aus, Sie müssen ein Generell-Glotz-Profi sein. Was man nicht alles trifft im Internet.

Ansonsten gehöre ich der Gruppe der Pilcher-Verweigerer und Tagesthemen-Vorzieher an.
Einzig und allein kommt mir da Phoenix entgegen – und somit muss ich Asche über mein Haupt streuen. :-(

Aber den UHU lasse ich stehen.

11) Marc, Sonntag, 28. Februar 2010, 09:46 Uhr

Wie wäre es, wenn die Rundfunkgremien durch Direktwahlen besetzt werden und nicht über Proporzregelungen aus den Länderparlamenten heraus? Vermutlich wäre es ganz schlecht aus Sicht der Parteien, denn ich vermute, die Wähler würden ihre Kandiaten ignorieren, weil ja auch andere “gesellschaftlich relevante Gruppen” antreten können.

12) mac4ever, Donnerstag, 04. März 2010, 23:09 Uhr

Bei meinen gelegentlichen Ausflügen ins Fernsehen kenne ich eigentlich außer n-tv und Dmax keinen privaten Sender, den ich länger als eine Minute lang ertragen kann. Auch bitte ich um Benachrichtigung, wenn irgendwo im Privatfernsehen doch noch soetwas wie politische Berichterstattung aufkommen sollte, die den Namen verdient.

Insofern kann ich “ZDF-Verächter” nicht verstehen: ziehen die sich im Ernst diesen unglaublich öden Serien-Quassel-Yellow-Dokufiction-Privatmüll, diese programmgewordene Lebenszeitverschwendung rein, trotz IQ>70?

Da ist mir dann doch das UHU-TV um Größenordnungen lieber – immerhin haben trotz parteiparitätisch besetzten Ausfsichtsgremien die Journalisten noch einiges an Qualität beizutragen, so daß es sich lohnt, im Internet “nachzusehen”. Ansonsten beziehe ich meine Infos und Anregungen aus dem Internet.

Und das Blog des Herrn Spreng hier gehört zu meinen Lieblingsquellen: immer auf den Punkt, immer interessant, und, auch wenn es die eigene Meinung mal nicht trifft, immer bedenkenswert.

Ach ja: einmal im Urlaub bin ich bei “Familien im Brennpunkt” hängengeblieben. Ich hielt dies (trotz einigen Zweifels) zunächst für eine echte Reportage. Nach kurzer Recherche im Internet wurde mir klar, das das nur geskriptete Pseudo-Doku war – ich war enttäuscht und wütend. Dann las ich bei Youtube (das auch Folgen vorhält) einen erhellenden Kommentar der Art “Ist doch egal, ob echt oder nicht – ist doch sowieso alles nur Unterhaltung”. Da wurde mir klar, wie solche Programme und ihre Zuschauerschaft funktionieren: Die wollen nichts wissen. Die wollen betäubt werden.

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