Montag, 01. März 2010, 14:25 Uhr

Desaster der „atmosphärischen PR“

1984 war der Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Hans Friderichs, in schwerer Bedrängnis. Gegen den ehemaligen FDP-Wirtschaftsminister wurde im Zusammenhang mit der Flick-Spendenaffäre wegen Bestechlichkeit ermittelt. In seiner Not wandte er sich an eine der bizarrsten Gestalten im Graubereich zwischen Wirtschaft, Politik und Journalismus, an den Münchner Medienmanager Josef von Ferenczy. „Der Spiegel“ hat ihn einmal als „Erfinder der atmosphärischen PR“ und als „Verknüpfungskünstler im Nebel zwischen Wirtschaft und Politik, Show und Medien“ bezeichnet.

Der Verknüpfungskünstler lud also ein Runde von Chefredakteuren zur Familie Friderichs nach Hause ein, in ein schönes, altes Anwesen mitten in Mainz, um „atmosphärische PR“ für den Top-Manager zu machen. Ich war damals Chefredakteur des „Express“ in Köln. Im Kellergewölbe trafen sich die Gäste, die mit ihren Frauen zu einem „privaten Abendessen“ mit dem Ehepaar Friderichs gebeten worden waren. 

Nach der Planung von Ferenczys sollte zuerst Frau Friederichs über das schlimme Schicksal der Familie klagen. Das machte sie auch mit Bravour, erzählte, wie sie und ihre Kinder wegen der „furchtbaren Anschuldigungen“ täglich einen Spießrutenlauf erleiden müssten. Nach dem Drehbuch sollte dann Friderichs die Vorwürfe in der Sache widerlegen und sich als unschuldig Verfolgter ausgeben. Friderichs aber war die Sache irgendwie peinlich, außerdem unterhielt er sich lieber mit meiner Frau, die neben ihm platziert worden war. Er beließ es deshalb bei ein paar Begrüßungsworten.

Dann sollte der vom Verknüpfungskünstler engagierte ehemalige Regierungssprecher Diether Stolze (früher Verleger der „Zeit“) als „unabhängiger Experte“ darlegen. wie ungerechtfertigt alle Vorwürfe gegen Friderichs seien. Dieser hatte allerdings zu diesem Zeitpunkt schon so sehr dem wirklich guten Wein zugesprochen, dass er, nachdem er mühsam zu seiner Rede aufgestanden war, unter den Tisch rutschte und für den Rest des Abends nicht mehr vernehmungsfähig war.

So endete der Abend zwar lustig, aber – was den eigentlich Zweck betraf – im Desaster. Josef von Ferenczy war zutiefst unzufrieden, als ich ihn nachts im Hotelaufzug traf.

Friederichs übrigens legte sein Amt als Vorstandsprecher der Dresdner Bank nieder, als er 1985 wegen Bestechlichkeit angeklagt wurde. 1987 wurde er von dieser Anklage freigesprochen, allerdings wegen Steuerhinterziehung verurteilt.

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7 Kommentare

1) Steuereintreiber, Montag, 01. März 2010, 16:21 Uhr

Das ist jetzt die dritte Säuferanekdote hintereinander. Wollen Sie uns damit etwas Bestimmtes sagen, oder fällt Ihnen einfach nichts Interessanteres mehr ein?

2) m.spreng, Montag, 01. März 2010, 17:28 Uhr

@Steuereintreiber

Alkohol spielt hier nur am Rande eine Rolle, mir ging es vielmehr um die PR-Strukturen hinter Politik und Wirtschaft. Das dabei auch getrunken wurde, kann ich heute nicht mehr ändern. Die nächste Anekdote ist garantiert auch etwas für Abstinenzler.

3) Kunar, Montag, 01. März 2010, 23:33 Uhr

Wieso? Solche Anekdoten zeigen doch, dass Alkohol auch keine Lösung ist, im Gegenteil.

4) CB, Dienstag, 02. März 2010, 13:53 Uhr

Absatz 3: …..ausserdem unterhielt er sich lieber mit meiner Frau……
Was für ein Kompliment für Ihre Gattin, Herr Spreng. Ein Photo Ihrer Frau auf dieser meisst lustigen Anekdotenseite würde ich sehr begrüssen. Das Auge liest mit !

5) rudow1, Mittwoch, 03. März 2010, 20:44 Uhr

Sehr geehrter Herr Spreng,
auch mich beschleicht beim Lesen Ihrer Anekdoten das, allerdings erheiternde Gefühl, dass in der Wirtschaft und Politik … sagen wir mal :“Wein,Weib und Gesang“ …. der Stoff ist, der über die Gesellschaftsgrenzen hinweg, die Akteure verbindet. 🙂

6) Marc B, Donnerstag, 04. März 2010, 20:16 Uhr

Sind Chefredakteure wirklich für einen netten Abend mit Gattin und kollegen, gutem Wein und gutem Essen bereit, ihre Objektivitaet aufzugeben, oder weshalb nimmt die Branche solch eine Veranstalung gerne an?

7) m.spreng, Freitag, 05. März 2010, 08:43 Uhr

@Marc B.

Treffen mit Spitzenvertretern aus Politik und Wirtschaft gehören zur normalen journalistischen Arbeit – gelegentlich auch im gesellschaften Rahmen mit Ehefrauen. Ob ein Journalist dabei seine Objektivität verliert, ist keine Frage der Einladung, sondern des Charakters und des Berufsethos.

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